
Vor einigen Jahren, genauer gesagt im Jahr 1996, gelang Underworld mit "Born Slippy (NUXX)" der wohl größte Erfolg ihrer Musiklaufbahn. Der Soundtrack zum englischen Kinofilm "Trainspotting" aber auch Titel wie "Moaner", "King Of Snake" oder "Push Upstairs" waren nicht nur zur damaligen Zeit Hymnen der weltweiten Tanzbewegung, sondern erleben auch in der Gegenwart eine immer wiederkehrende Renaissance. Nach personellen Veränderungen in der Band und nach dreijähriger Schaffenspause, erscheint nun dieser Tage das neue und langersehnte Album, mit dem Namen "A Hundred Days Off".
Getreu nach dem Motto "Stillstand ist Rückschritt", erweist sich das Album als ein durchaus vielseitiges und von vielen Musikstilen geprägtes Werk, ohne aber gänzlich vom typischen "Underworld-Flair" verloren zu haben. Die neugewonnene und taktvolle Ausgeglichenheit des Duos, nach dem Weggang von Darren Emerson im Jahre 1999 und die überaus spürbare sympathische Weltoffenheit in ihrem Werk "A Hundred Days Off", waren Grund genug, für ein sehr interessant werdendes Gespräch. Eingeladen, in die Suite 1024 des Hotel Madison am Potsdamer Platz in Berlin, stand uns Karl Hyde, Sänger und Produzent von Underworld, zu ein paar Fragen Rede und Antwort.
TO (Techno Online): Seit eurem Album 1999 "Beaucoup Fish" sind 3 Jahre vergangen. Was ist in der Zeit passiert, was habt ihr so gemacht und wieso hat man 3 Jahre auf euer Album warten müssen?
Karl Hyde (Underworld): Wir haben eine Tour um die ganze Welt gemacht, nahmen unser Livealbum auf und Rick produzierte außerdem noch die "Everything, Everything"-DVD. Danach gingen Rick und ich wiederholt aber als "Zwei-Mann-Projekt" in verschiedenen Ländern der Welt auf Tour. Im Januar 2001 haben wir dann angefangen "A Hundred Days Off" zu produzieren, es ist also doch eher in einem relativ kurzen Zeitraum entstanden.
TO: Was war der Anlass für dieses Album und gibt es eine Botschaft die ihr vermitteln wollt?
Karl Hyde: Im Grunde genommen ist dieses Album die Antwort zu der Musik, die wir schon seit drei Jahren rund um den Globus spielen, eine Reaktion auf unsere Musik als Live Band. Es ist ein typisches Underworld-Album ohne Zweifel, aber im Gegensatz zu den anderen Alben ist es mehr von den äußeren Einflüssen unserer Welttournee geprägt wurden. Eben ein bisschen Kontrastprogramm zu dem typischen Tour-Alltag!
TO: "A Hundred Days Off" ist der Titel eures Albums. Was hat er für eine Bedeutung?
Karl Hyde: Der Name kam von Rick's Kindern, sie sagten, dass sie nicht zur Schule gehen wollen und 100 Tage frei haben möchten. Wir haben das dann nur noch übernommen.
Naja, wenn man den Titel mit den Songs verbindet erhält man vielleicht eine neue Bedeutung, aber mit Sicherheit wollten wir eher das Gefühl vermitteln, etwas mehr Abstand von einer neuen Welt haben zu wollen.
TO: Euer Album ist im Gegensatz zu den älteren etwas ruhiger und langsamer. Emotionale Tracks wechseln sich mit schnelleren härteren Tracks ab. Hat sich eure musikalische Ansicht im Laufe der Jahre geändert?
Karl Hyde: Ich denke tatsächlich, dass sich unser Musikgeschmack geändert hat. Er ist viel breiter geworden. Dance, Rock, Jazz, African, Blues, Techno, von all diesen verschiedenen Musikrichtungen wurden wir beeinflusst. Tja, und je mehr wir uns andere Musik angehört haben, desto größer war der Effekt auf unsere Musik die wir produziert haben. Wir haben nicht mehr nur Dance gespielt, sondern auch ganz verschiedene Grooves und Styles mit in unsere Musik einfließen lassen. Außerdem bindet man sich nicht strikt an ein Muster, sondern man bewegt sich frei und kann ganz gelassen und relaxt arbeiten.
TO: Wie lang habt ihr für euer Album gebraucht?
Karl Hyde: Wir haben ungefähr im Januar 2001 angefangen und es im Februar/März diesen Jahres abgeschlossen. Im Großen und Ganzen war es schneller fertig gestellt, als die älteren Alben. Wir arbeiteten konzentrierter und produzierten auch mehr Material als früher.
TO: Welche Musikinstrumente habt ihr benutzt?
Karl Hyde: Wir arbeiten sehr viel mit Harddisk Recording, benutzen außerdem Macintosh-Computer und sehr viel neue Synthesizer. Diese neuen Maschinen kombinieren wir dann mit alten Musikinstrumenten aus Afrika, Südamerika, dem mittleren Osten oder auch aus China. Wir benutzen einfach alles, denn somit verpackt man den typischen Charakter von "Weltmusik" in einen Track.
TO: Wie habt ihr euer Album produziert? Etwa in verschiedenen Studios, mit verschieden Leuten oder in verschiedenen Städten?
Karl Hyde: Es waren nur wir beide. Wir haben zwei Studios, in denen wir getrennt von einander, bestimmte Dinge aufnehmen, hin und wieder jamen wir aber auch gemeinsam in einem Studio, wie wir halt Lust haben. Auf jeden Fall produzierte Rick das Album, er arrangierte es, mischte es ab und erstellte die Grooves. Was mich betrifft, ich spiele zum Beispiel seit acht Jahren Gitarre und schreibe Texte. Diese nehme ich in meinem Studio auf und Rick wiederum, baut dann meine Produktionen mit seinen Sachen zu einem Song, ganz einfach eigentlich.
TO: Viele Leute die zu euren Gigs kommen, warten oftmals darauf, dass ihr eure alten Songs spielt.
Stört euch das nicht manchmal bzw. macht es euch Spaß immer wieder die alten Sachen zu spielen?
Karl Hyde: Stören? Nein, auf keinen Fall! Wir mögen das sehr gerne. Vor kurzem erst waren wir in Ostdeutschland und in Prag, wo wir auch alte Songs gespielt haben, wie "Born Slippy" oder "Push Upstairs". Ich habe damit kein Problem alte Songs auf der Tour zu spielen. Mein Lieblingslied zum Beispiel ist "Dark Train" auch ein älterer Track. Es sind halt die Songs, die dich immer wieder etwas ganz Besonderes fühlen lassen, wenn du sie im richtigen Moment spielst. Es ist jedes Mal etwas Neues, etwas was du neu entdeckst. Immer wenn wir live spielen improvisieren wir, da gibt es keine Tapes oder Proben, wir machen dann einfach das, was den Reaktionen und Emotionen der Leute gerecht werden könnte.
TO: Du hast gerade das "Sonne Mond Sterne"-Festival angesprochen. Wie fandest du es dort?
Karl Hyde: Oh ja, ich kann nur sagen, es war eine großartige Nacht.
TO: Was war dein/euer außergewöhnlichster Gig?
Karl Hyde: Ich denke ich spreche auch im Namen von Rick... Auf jeden Fall, war es der erste Auftritt von mir und Rick, in der neuen Zwei-Mann-Besetzung. Es war in London im Jahr 2000. Wir wußten nicht wie die Fans uns gegenüber reagieren würden, weil wir halt nur noch zu zweit waren. Naja, und am Ende unseres Auftrittes, war die Stimmung einfach überwältigend. Das gab uns viel Hoffnung für die Zukunft.
TO: Darren Emerson ist 1999 gegangen, habt ihr noch Kontakt zu ihm?
Karl Hyde: Nein, er verließ uns und sprach auch seitdem nicht mehr mit uns. Ich weis nicht warum aber er wird seine Gründe haben. Vielleicht sehen wir uns in ein paar Jahren wieder.
TO: Zu einem anderen Thema. Was haltet ihr von freien MP3-Files im Netz und dem massiven CD-Brennen?
Karl Hyde: Es ist schon ein großes Problem, finde ich. Ich weis, dass einige Alben zu teuer für manche Leute sind und sie das Geld lieber für andere Dinge ausgeben. Aber mit der Produktion von Alben und den Touren verdiene ich mein Geld und ernähre meine Familie Und wenn viele Leute die Songs downloaden und oder sich die CD's brennen, dann kann ich vielleicht nicht mehr meine Kinder ernähren. Auf unsere Fanseite haben wir auch einige Songs, doch die Leute die sich die Musik herunterladen, sagen, dass sie sich das Album im Laden kaufen, und das finde ich wirklich cool.
Auch wenn die Alben mehr kosten als uns lieb ist, sollte man das Geld dem Künstler geben, da es sein Job ist und er damit sein Leben finanziert.
TO: Welche Musik bzw. welchen Style magst du am liebsten?
Karl Hyde: Mein Musikgeschmack ist sehr breit, er reicht von Jazz über Rock und Blues bis hin zu Dance-Musik. Alles was gut ist. Ich liebe Musik von Leuten, die ihre ganze Leidenschaft zum Ausdruck bringen!
TO: Was hörst du zu Hause?
Karl Hyde: Es ist das selbe Spiel. Wenn mir irgend Jemand ein Album empfiehlt, dann gehe ich in den Laden, höre es an und kaufe es mir wenn es mir gefällt.
TO: Hast du einen Klassiker oder welche Sachen beeindrucken dich am meisten?
Karl Hyde: Wenn ich einen Sonnenaufgang sehe, gibt es bestimmte Musik die mich einfach diesen genießen lässt oder wenn ich einfach mal richtig entspannen will da brauche ich zum Beispiel ein Jeremy Mitchell Album.
TO: Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch! Alles Gute und weiterhin viel Erfolg!
Karl Hyde: Kein Problem, immer wieder gern geschehen. Best wishes for all!!
Das Interview führte P.Grosser.
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