
Sie waren zu zweit und waren doch allein. Als Charles Siegling und Amil Khan Ende 1996 das Duo Technasia gründeten, existierten in der Millionenmetropole Hong Kong gerade mal zwei Clubs, die versuchten, elektronische Musik zu etablieren. Erfolglos. Erst dem ambitionierten französisch-chinesischem Duo gelang es im Laufe der nächsten Jahre ein Netzwerk aufzubauen, welches den Einfluss und den Erfolg elektronischer Musik in Südostasien und seiner musikhungrigen Jugend vergrößerte.
Heute wird uns mit "Recreations", Technasias jüngster Veröffentlichung, eine musikalische Bilanz serviert, die ihre größten und erfolgreichsten Singles als Remixe beinhaltet. Zwar mag man aus Asien Kalorienarmes gewohnt sein, doch was Renato Cohen, John Tejada, Claude Young, Funk D'Void und Technasia selbst hier zusammenmixen ist alles andere als dünn. Mit elf fetten Tracks, die auf der Tanzfläche die Lipidtröpfchen kullern lassen, lassen Amil und Charles das Jahr der Ziege 2003 anbrechen. Das fängt ja gut an...
Techno-Online: Auf der neuen CD findet man Tracks wie "Force" oder "Evergreen", zwei eurer größten Hits, im neuen Gewand. Hatten die ursprünglichen Tracks keine Aussagekraft mehr?
Amil: Der Grund, warum wir Remixe unserer Tracks machen ließen war, dass wir das Gefühl hatten, das wir sie âmodernisieren' könnten. Wir wollten sie auf unseren momentanen Gefühlszustand upgraden. Wir versuchen, emotionale Qualität in die Tracks zu bringen, ebenso eine Qualität, wie sie elektronischen Musik heute haben kann.
Techno-Online: Es handelt sich ausschließlich um Clubtracks. Gibt es einen Grund dafür?
Amil: Ich bin überzeugt, dass es nicht wichtig ist, ob ein Track ein Clubtrack oder eher im Downtempo produziert ist. Ein guter Track sollte stets unsere Gefühle an den Wurzeln packen, ansonsten bleibt es nichts weiter als ein normaler Track.
Techno-Online: Was macht eure erfolgreiche Radiosendung "The Future Mix Radio Show"? Seid ihr eurem Ziel, die chinesische Jugend in elektronische Musik einzuführen, näher gekommen?
Amil: Wir haben die Sendung momentan auf Eis gelegt.
Charles: Das größte Problem war einfach die Distanz. Es gab riesige logistische Probleme, diese Sendung weiter zu produzieren.
Amil: Ich lebe in Hong Kong, Charles in Paris und der Moderator, Michael Knee, ist letzten Herbst nach Shanghai gezogen, was nun auch zwei Stunden von mir entfernt ist. Wir müssen den ganzen Prozess überdenken. Es ging so nicht weiter.
Techno-Online: Was meinst du mit "Prozess überdenken"? Das hört sich an, als ob ihr an dem Konzept der Sendung selber gezweifelt habt.
Amil: Weißt du, wir sind immer noch motiviert, aber das waren diese geographischen Hürden, die wir einfach nicht mehr überwinden konnten. Wir müssen sehen, wie wir Technasia und die Radioshow unter einen Hut kriegen.
Techno-Online: In früheren Interviews habt ihr aber stets die Wichtigkeit und hohe Priorität dieser Sendung betont. Ist das nicht mehr so?
Charles: Wenn wir die Radioshow in Paris produzieren würden, wäre alles kein Problem, aber in Hong Kong musst du dich doppelt anstrengen, um das gleiche zu erreichen.
Amil: China öffnet sich mehr und mehr den Einflüssen aus dem Westen. Es passiert zwar langsam, aber es passiert. Wir können die Menschen in China auch anders erreichen, nicht mehr nur über das Radio. Michael Knee hat z.B. Paul van Dyk und Mijk van Dijk nach Shanghai vermittelt. Wir bieten den Menschen mit Technorient, unserem Hauptlabel und unseren Sublabels auch eine Plattform und ein Forum, auf dem elektronische Musik passiert.
Techno-Online: Was ist aus dem Sublabel âPopsoda' geworden? Ich habe gehört, es sei speziell für die pophungrige, schwule Szene in Japan konzipiert worden.
Amil: (lacht erst mal eine Weile in sich hinein)...Wo hast du denn das her? Nein, weder Charles noch ich haben das gesagt oder wollten Popsoda dahintreiben. âPopsoda' ist zwar elektroid angehaucht und es gibt auch Popeinflüsse, aber ansonsten passiert da nicht viel momentan. Richtig ist aber, dass wir uns durch Japan sehr beeinflusst fühlen. Die Leute da sind in gewisser Weise verrückt, was mir sympathisch ist. Auch lebt dort ein Teil meiner Familie, weshalb die Beziehung zu Japan sowieso schon gegeben ist.
Techno-Online: Würdest Du gerne woanders wohnen?
Amil: (zögert etwas) ... Ich halte mich selber für eine weltmännische Person. Ich mag die Dynamik Asiens, aber ein Ort wie Hong Kong ist auch sehr geldorientiert. Es gibt nicht viel Menschlichkeit in diesem Stadtschungel. In einem Cafe zu sitzen und stundenlang den Menschen zuschauen gehört nicht zum Wunschdenken eines durchschnittlichen Hong Kong-Bewohners. Ihr in Europa habt da eher eine Balance zwischen Freizeit und Arbeit gefunden. Ich meine, Hong Kong ist dafür bekannt, so aktiv zu sein. In der Zukunft sehe ich mich aber eher in ruhigeren Gefilden. Dennoch gefällt mit der Gedanke, an mehreren Orten zu leben.
Charles: Ich lebe mehrere Monate im Jahr in Hong Kong. Meine Frau ist Chinesin und wir haben ein Haus in Shenzen, nahe bei Hong Kong. Charles lebt mehrere Monate im Jahr in Paris. Es ist sowieso ein Austausch der Kulturen gegeben, die Frage nach einem Wechsel des Wohnortes stellt sich dadurch nicht unbedingt.
Techno-Online: Es hieß mal, Technasia sei ein Kind, dessen Eltern Internet und Cubase seien. Stimmt das noch?
Amil: (lacht laut auf)...Es war vielleicht am Anfang von Technasia so, aber heute ist das doch menschlicher geworden. Wir haben einen intensiven Austausch auf mehreren Ebenen und beschränken uns da nicht auf das Netz oder ein Musikprogramm. Außerdem hat sich mit der Zeit eine Art Arbeitsteilung zwischen Charles und mir entwickelt. Ich manage mehr unsere Projekte und Charles kümmert sich viel um die musikalische Seite.
Techno-Online: Wie ergänzt ihr euch überhaupt? Wie sieht das Aufeinandertreffen der Kulturen in der Praxis aus?
Charles: In Europa sind wir ruhiger als in Asien. Das sind Hasen und wir sind Schildkröten. Man könnte meinen, ich wäre eher die softe Seite von Technasia und Charles der aktivere Teil. Aber es ist genau andersrum. Deshalb ist es ja so interessant, mit Menschen aus anderen Kulturen zusammenzuarbeiten. Du versuchst in dem anderen jene Seite zu finden, die du selber nicht hast. Ich mag es, Intensität und Energie in Tracks hineinzubringen, Amil mag Melodien und melancholische Parts in den Tracks.
Techno-Online: Auf "Recreations" gibt es ein Bonus-Video. Was hat es damit auf sich?
Charles: Es ist ein neues Video zu "Force" und wurde von Jay Pelmet produziert. Wir haben zu ihm gesagt: âWir wollen etwas Hong Kong und wir wollen etwas Organisches!' Herausgekommen ist dieses Video, welches unseren Ansprüchen vollkommen gerecht wurde.
Techno-Online: Es ist sehr schnell, die Kamera schneidet sich wie eine Machete durch den Asphaltdschungel.
Charles: Das ist hundertprozentig Hong Kong. Das Video hat die Geschwindigkeit der Stadt genau getroffen. Ebenso den Wechsel zwischen den Hochhäusern und den Seitengassen mit ihren berüchtigten Hinterhöfen. Es ist ein sehr schönes Video geworden.
Techno-Online: Wie bekommt ihr die gegenwärtige Krise in der Technoszene mit?
Charles: Ich habe gemerkt, dass es in Deutschland eine Art Identitätskrise gibt, aber wir bekommen davon nur wenig mit. Wir sind nicht wirklich betroffen von dieser Krise. Wir versuchen Qualität zu geben. Nicht nur mit der Musik. Wir müssen berücksichtigen, dass es im Plattenladen harte Konkurrenz und viel Auswahl gibt. Wie können wir den Käufern ein Gefühl für unsere Platten geben? Wir geben ihnen neben unserer Musik ein Image, ein Feeling an die Hand. Das fängt beim Cover an, geht über die Tracks bis hin zu deinem Namen und dem Zusammenhang in dem er steht.
Techno-Online: Glaubst du aber, dass die Szene bald kollabieren wird? Viele Labels und kleinere Vertriebe, die durchaus ihre Qualität haben, schwenken bereits die weiße Fahne.
Charles: Es ist doch bereits kollabiert. Wir haben mit der Techno-Bewegung einen Gipfel erreicht in den letzten zwei, drei Jahren. Das schrumpft sich nun gesund. Die Szene ist uns quantitativ, wie auch qualitativ aus den Händen geglitten. Es gab und gibt zuviel schlechte Platten, zu viele Parties und zu viele DJ's. Die Gier nach Ruhm und Geld haben eben Leute auf die Szene aufmerksam gemacht, die nicht mit ihrem Herzen dabei sind.
Techno-Online: Wie ist Technasias Antwort auf diese Entwicklung?
Charles: Das ist einfach. Wir werden weiterhin unser Herz in die Musik hineinbringen. Ob nun eine Platte Jahre dauert, um rauszukommen, ist dann erst mal egal. Wir hatten für "Force" mehrere fette Majorangebote. Wir haben alle abgelehnt, da wir den menschlichen Faktor stets im Auge hatten. Wir sind uns bewusst, dass wir nicht permanent gute Tracks machen können. Wir können nicht am laufenden Band Hits produzieren, das ist unmöglich. Die Majors gehen aber davon aus und erwarten das. Das ist aber unmenschlich. Die Krise, das darf man nicht vergessen, ist ein Zeichen der Konsumenten, das es Zeit für Veränderungen ist. Musikalisch wie geistig. Die Szene loopt sich selber und kommt kaum voran. Man will etwas neues. Aber es wird wiedergekommen. Man kann halt nicht immer ganz oben sein.
Techno-Online: Stichwort âOben': in Hong Kong gibt es an die 7000 Wolkenkratzer. Hast du Höhenangst, Amil?
Amil: Nun, eigentlich nicht, aber neulich war eine Party im 27. Stock eines Hochhauses in Hong Kong. Es war eines dieser neueren Gebäude, die vollkommen verglast sind. Mir wurde da ganz schön schwindlig. Es ist aber nur eine Gewöhnungssache.
Techno-Online: Charles, was ist dein schlimmster Alptraum?
Charles: (überlegt)...Das mir eines Tages mein Ohr abfällt. Das wäre der traurigste Tag in meinem Leben.
Vielen Dank für das Gespräch.
"Recreations" ist bereits auf Technorient / EFA erschienen. Das Gespräch führte Pharos Luz.
Kontakt:
www.technasia.com
www.efa-medien.de
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