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Ältere Interviews von April - September 2001 September 2001 - Juli 2002 August - Juli 2003 Juli - Dezember 2003 Januar - Juni 2004

Interview mit Thomas Schumacher (Elektrochemie LK)

Interview mit Thomas Schumacher (Elektrochemie LK)
- von Nils Lund -

Thomas Schumacher ist gerade mit seinem Elektrochemie LK auf goldenem Erfolgskurs in deutschen Landen unterwegs und jettet von Interviewterminen zu DJ-Gigs zu Promotion-Auftritten usw. Im Auftrag von Techno.de traf Nils Lund den erfolgreichen Bremer im Düsseldorfer Hotel Astron, um mit ihm über seinen Erfolg, seine Pläne, seiner Einschätzung der Technoszene und seinem Bezug zu seiner Heimatstadt zu sprechen.

Nils: Der Track "Schall" (Elektrochemie LK) ist ja bereits einige Jahre alt. Wie bist Du darauf gekommen, das Stück ein weiteres Mal zu releasen?

T.S.: Das war ja jetzt der Remix, der in die Charts eingestiegen ist. Den haben wir 1999 veröffentlicht. Das Original war 1995 rausgekommen und schon immer ein Kulthit in Technokreisen. Die neue Version habe ich für eine Liveperfomance gemacht und den Jungs von Confused vorgespielt (Oliver Huntemann und Jan Langer). 1999 kamen dann die Remixes raus. Aber erst nach einem halben Jahr, 2000, - ich war gerade in Japan - bekam ich ne E-Mail von Oliver Huntemann, der mir mitteilte, dass das Teil gerade tierisch abgehen würde und sogar in Großraumdiskotheken lief - auf Plattentellern von kommerzielleren DJs wie Mellow D und wie sie noch heißen mögen. Das fand ich schon sehr interessant, weil es ja eigentlich eine Techno-Nummer war. Als ich dann aus Japan wiederkam, hatten schon einige deutsche Major-Plattenfirmen angeklopft - mit dem Wunsch, den Track zu lizensieren. Wir waren dabei eher kritisch und wählerisch, weil schnell der Ruf im Arsch sein kann, wenn man mit einem Major zusammenarbeitet. Nachdem wir uns mit einigen getroffen hatten, haben wir uns schließlich für die Jungs von eastwest entschieden, weil wir das Gefühl hatten, dass die hinter unserer Auffassung von Musik standen. Allerdings rechneten wir zu keinem Zeitpunkt damit, dass "Schall" so fett in die Charts einsteigen würde. Wir wären schon froh gewesen, ein paar tausend Stück zu verkaufen. Und der Rest ist schon fast Geschichte...

Nils: Danach wurde "When I Rock" veröffentlicht, was seinerzeit schon erfolgreich gelaufen ist. War das die logische Konsequenz nach dem Erfolg von "Schall"?

T.S.: Schon so ein bisschen. Bei "When I Rock" kam noch hinzu, dass ich mich vor ungefähr zwei Jahren von Bush Records (England) getrennt hatte - leider nicht im Guten. Da stehen noch diverse Tantiemen offen. Dadurch bot sich für mich die Möglichkeit, einiges zurückzuholen, was mir noch zusteht. Wir haben das zwar nicht lizensiert, aber ich sage mir, dass mir die Rechte an den Sachen zustehen, die ich auf Bush veröffentlicht habe. Das mögen die dort anders sehen. Ich habe schon mehrere Male mit meinem Anwalt versucht, den Verantwortlichen vor Gericht zu kriegen, jedoch erfolglos, weil er in Australien wohnt und schon weiß, dass es für ihn nicht so gut ausgehen würde. Für mich ist das okay so und damit erledigt. Mittlerweile ist Bush schon bekannt dafür, ein Rip-Off-Label zu sein. Du kannst zwar Erfolg damit haben, wirst jedoch gar nicht oder nur teilweise bezahlt. Pech gehabt, sage ich da. Er würde heute sicherlich mehr Erfolg mit mir haben!

Nils: Um zu dem Elektrochemie-LK-Album zu kommen: War das schon länger in Planung oder wurde es wegen des Erfolgs noch schnell hinterhergeschmissen?

T.S.: Es ist schon so, dass wir auch früher gesagt haben, dass irgendwann auf Confused ein Elektrochemie-LK-Album her muss. Vom Timing her hatte eastwest gesagt, dass aufgrund der beiden Hits, die beide in den Top 20 sind, jetzt ein Album folgen musste. Schon als Schall so abging, wurde mir signalisiert: "Fang schon mal an, ein Album zu machen!" Da ich eh vorhatte, auf Confused eins rauszubringen, was das kein großes Problem. Trotzdem waren die drei Monate, die ich Zeit hatte, nicht viel. Für das Schumacher-Album "Electric Avenue" auf Spielzeug habe ich ein halbes Jahr benötigt.

Nils: Hast Du dann einfach Tracks verwendet, die nicht mehr auf "Electric Avenue" passten?

T.S.: Nein, das ist komplett alles neues Material, bis auf die beiden Hits, die quasi als Bonustracks raufgekommen sind. Und um die Leute zu beruhigen: die neue Single wird auch ein neuer Track sein. Es wird nicht "Ficken?" sein, wie es schon von einigen befürchtet wurde. Das wäre schon peinlich gewesen. Die beiden ersten Singles sind zu rechtfertigen, aber jetzt ist für mich als Künstler der Anspruch da, neue Sachen zu machen. Ich habe gerade gestern im Tor 3 - Düsseldorf die Anpressungen vom neuen Album gespielt - und die Reaktionen waren hervorragend. Ich habe einige Titel direkt zwei oder drei Mal gespielt, weil das so gut kam. Ich habe auch das ganze Album so produziert, als ob es die ganze Chart- und Major-Geschichte gar nicht gibt: Ein Elektrochemie LK-Album für meine Homies im Club, die darauf stehen und keine Kompromisse. Was der Pop-Käufer davon hält, ist mir im Endeffekt auch egal! Wenn ich einige "Zlatko und Jürgen"-Fans dazu bringen kann, sich mal mit Techno auseinanderzusetzen, ist es ja auch nicht schlecht - vielleicht gewinnt man ein paar...

Nils: Was ist der Unterschied zwischen Thomas Schumacher und Elektrochemie LK?

T.S.: Das ist eigentlich rein praktisches Denken. 1995 hatte ich keine Lust mehr, nur unter Thomas Schumacher zu veröffentlichen. Da ich viel lieber mehrere Singles im Jahr herausbringe, habe ich mir mit Elektrochemie LK ein zweites Standbein geschaffen, da man den Leuten schon für eine Single zwei oder drei Monate Zeit geben muss, um sich daran zu gewöhnen. Unterschiede gibt es soundtechnisch zwischen den beiden kaum. Unter Thomas Schumacher versuche ich mich künstlerisch noch weiter aus dem Fenster zu lehnen, wie man es am Electric-Avenue-Album sieht. Elektrochemie LK ist dagegen mehr clubbiger und 4 to the floor! Die Leute hören schon raus, dass es in beiden Fällen meine Handschrift ist.

Nils: Wie ist der Projekt-Name "Elektrochemie LK" entstanden?

T.S.: Eigentlich ist das nur ein Gaga-Name. Was mir in der Technoszene bisweilen fehlt, ist der Humor. Das ist manchmal so bierernst - puristen- und teachermäßig. Da gibt es dann die intellektuelle Studentenfraktion - ich finde, die haben alle ihre Berechtigung, aber man sollte das Ganze nicht zur Wissenschaft erklären. Deswegen wollte ich dieses "Wissenschaftliche" mit Elektrochemie LK ein wenig persiflieren. Damals dachte ich, dass es das gar nicht gäbe, inzwischen weiß ich jedoch, dass es Elektrochemie in der Physik gibt.

Nils: Was hat sich durch den plötzlichen Erfolg verändert? Warst Du inzwischen bei Daisy Dee (Club Rotation - Viva), obwohl Du letztes Jahr im Interview noch sagtest, da würdest Du niemals hingehen?

T.S.: Es ist dabei geblieben, ich bin nicht zu Daisy Dee gegangen. Die Leute, seien es meine Fans oder die Presse, beobachten schon sehr genau, was ich mache - nach dem Motto: "Bleibt er sich treu, oder wird er zur Kommerznutte?" Ich habe mir schon vorher einen Plan gemacht, was ich mache und was nicht. Und Daisy Dee gehörte nicht dazu! Ein Kompromiss war vielleicht Top Of The Pops (RTL). Da habe ich mich aber nicht selbst hingestellt, sondern mit der Plattenfirma Tänzer vom Tanztheater gecastet, die eine Choreographie ausgearbeitet haben. Das war die beiden Male sehr gut gemacht - sehr strange, so dass jedem klar war, dass das Ganze eher trashig gemeint war als ernst. Das war schon ein Kritikpunkt, den ich vor meinen Chart-Entries hatte: Was soll das, wenn ich mir die Trance-Allstars ansehe - da stehen acht Durchschnittstypen (,der ich auf der Bühne dann auch wäre,) die die Arme hochreißen, so tun, als ob sie Keyboard spielten - das ist lächerlich. Ich bin schon immer ein Fan von Popmusik gewesen. Und Popmusik zeichnet sich dadurch aus, dass da ein Frontmann ist, der weiß, wie man sich richtig präsentiert, sei er ein guter Tänzer oder ein guter Musiker. Jedenfalls braucht er was, das die Leute anzieht. Sowas habe ich jedoch nicht. Also muss ich auch nicht krampfhaft versuchen, dass so etwas aus mir gemacht wird. Lieber bleibe ich im Hintergrund und lasse andere Leute performen.

Was ich z.B. noch machen werde, ist folgendes: Die Plattenfirma hat angefragt, ob ich nicht Lust hätte, ein Fotoshooting mit dem Pornostarlet Gina Wild für das Loop-Magazin zu machen. Das finde ich okay, das ist trashig.

Nils: Das ist wohl auch die Idee hinter den beiden Videos!?

T.S.: Klar, wobei ich aber sagen muss, dass ich da nicht der absolute Mastermind bin. Das Video hat auch viel mit dem Regisseur Jörg Offer zu tun.

Nils: Was sich bei den German Dance Awards gut niedergeschlagen hat.

T.S.: Ich habe mich total darüber gefreut. Gerade diese Kombination: der Track "Schall" und das Video waren ein kompletter Hammer für die Industrie. Leider muss man sagen, dass das in der deutschen Presse nicht genügend gewürdigt wurde. Vorher dachte man, dass es unmöglich wäre, Tracks wie "Schall" und "When I Rock" in die Charts zu bekommen, ohne auf Viva und im Radio zu laufen. Viva hatte bei der ersten Präsentation des Videos noch gesagt, so was spielen wir nicht - so lange, bis dann der Charterfolg kam. Dieses Vorgehen war ja schon im Video vorhergesagt worden! Der Erfolg hat die Tür für solche Produktionen geöffnet. Mich persönlich würde es freuen, wenn diese ganze "Cheesy-Trance"-Sülze mal so ein wenig verdrängt würde, weil die Leute denken, dass der Kram das repräsentiert, was in den Clubs geschieht. Dabei werden diese Trance-Sachen fast ausschließlich für die Charts und für Großraumdiskotheken produziert. Leider werden die Charts weiterhin von diesem Käse und der Big-Brother-Kacke dominiert!

Nils: Ist das eine heimliche Kritik an Oliver Huntemann (der hinter dem chartkompatiblen Tranceprojekt "KayCee" steht und nebenbei Labelowner von Confused und guter Freund Schumachers ist)?

T.S.: Eigentlich nicht, er macht halt sein Ding. Wobei ich schon sagen muss, dass ich durch "Hunti" mitbekommen habe, dass es beim Trance schon Unterschiede gibt. Es gibt da auch Leute, die deepen Trance mit hohem Anspruch machen, aber eben auch die Superkommerziellen. Als DJ gehört Oliver Huntemann auf jeden Fall zu den credibilen Leuten, wobei KayCee schon sehr kommerziell angelegt ist.

Nils: Hast Du eine Bookinganfrage für die Mayday bekommen?

T.S.: Wir hatten das Thema vor zwei Jahren schon mal, konnten jedoch nicht auf einen Nenner kommen. Damals habe ich eine grundsätzliche Entscheidung getroffen, die die Mayday betrifft. Ich respektiere das, was die machen, kann mich als Künstler diesem Konzept jedoch nicht unterwerfen.

Nils: Wie sieht ein typischer Wochentag bei Dir aus?

T.S.: Ich stehe so zwischen 10 und 12 auf, je nachdem, wann ich ins Bett gekommen bin. Als erstes wird die Zeitung aus dem Briefkasten geholt, dann e-mails gecheckt. Das Frühstück besteht aus einem Tee, einer Banane und einem Apfel, wobei ich Zeitung lese. Entweder gehe ich dann einkaufen oder spazieren. Wenn ich genügend motiviert bin, geht's sofort ins Studio. Ich mache grundsätzlich tags Musik, niemals nachts. Abends spanne ich erst mal ab, treffe Freunde, gehe essen oder lese einfach nur. Freitags geht es zum Plattenkauf in Laszlos und Martins "Pentagon" im Bremer "Viertel".

Nils: Wie sieht dein Equipment im Studio aus?

T.S.: Nicht so viel, wie man wohl erwarten würde - ist ein recht kleines Studio. Auf meinem G3-Computer lasse ich Cubase laufen, Mischpult Yamaha 02R, was ich sehr geil finde. Dann Synthesizer Korg, 707, ein ganz altes Keyboard, Roland JD990, Nordlead 2 als Rackversion, als Sampler EPS +, einen Pulse von Waldorf, Yamaha-Effektgerät, ein paar kleine Gadgets, die ich ab und zu dazwischenklemme. Nicht so spektakulär, wie man es erwarten könnte. Für mich macht es nicht die Masse, sondern was du als kreativen Input reingibst. Ich will jetzt mit Hard-Disk-Recording anfangen, an sich viel zu spät. Ich habe solange gezögert, weil es so viele Fehlerquellen in einem Studio gibt, dass man tierisch lange braucht, um alles fehlerfrei zum Laufen zu bekommen, z.B. ist das Midi-Timing scheiße oder so. Ich bin nicht der Technikfreak, sondern immer froh, wenn alles läuft, wie ich es will. Tja, und jetzt habe ich bei einem Freund gesehen, dass Hard-Disk-Recording unerlässlich für Stimmenbearbeitung ist.

Nils: Wie entsteht ein Track bei Dir?

T.S.: Ich kaufe mir jede Woche so viele verschiedene Platten, sei es Raggae, Drum 'N' Bass, Hip Hop - das interessiert mich alles und ich bekomme viele Ideen daher. Wenn ich dann eine coole Baseline höre, setze ich das sofort in meinem Kopf um, wie ich das in den Club-Kontext transformieren kann. Manchmal setze ich mich einfach nur hinter meinen Synthesizer und probiere rum. Ich programmiere unheimlich gerne Sounds. Dabei entstehen dann oft gute Ideen, besonders mit viel Crossover-Potential. Oder ich hör ein gutes Sample oder Loop auf einer Platte, bearbeite das und gehe weiter. Durch meine jahrelange Erfahrung weiß ich schon bei bestimmten Sounds, in welche Richtung der Track gehen wird. Es gibt viele Produzenten, die tausend verschiedene Sounds zusammenpacken, die sich einzeln zwar gut anhören, aber überhaupt nicht zusammenpassen. Da habe ich einen ganz guten Überblick. Auf meinem neuen Elektrochemie-LK-Album habe ich einen Track mit zwei Hip Hoppern gemacht (Immo, Ex-FAB (mit Ferris MC) und MC MA von Lyrical Poetry aus Bremen). Wir waren im Studio von dem einen, ich habe mich jedoch immer schön im Hintergrund gehalten, was das Einspielen von Sounds betrifft. Während der Produktion kam dann einer der beiden zu mir und meinte, ich wäre der geborene Produzent. "Du sitzt hier, fasst zwar nicht vieles an, hast im Hintergrund aber die totale Kontrolle." Ich habe gesagt, was passt und was ich gerade dachte. Auf den Track bin ich besonders stolz, weil ich so einen Crossover noch nie zuvor gehört habe. Ich könnte mir gut vorstellen, bei einer Albumproduktion im Hintergrund zu sitzen und nicht als ausführender Produzent.

Nils: Auf Deinem ersten Schumacher-Album "Electric Ballroom" hattest Du Dich noch dagegen gesträubt, Drum'N'Bass-Tracks draufzumachen, die Du bereits im Petto hattest, weil es damals jeder gemacht hatte und Du keine Lust hattest, auf den Zug aufzuspringen. Auf "Electric Avenue" sind nun Drum'N'Bass-Tracks zu finden. Woher kommt der Sinneswandel?

T.S.: Das war damals meine Sicht der Dinge. Viele Artists hatten genug von reinen Technoproduktionen und haben sich im Drum'N'Bass-Sektor versucht, konnten jedoch dem Vergleich zu Produktionen von "richtigen" Drum'N'Bassern nicht standhalten. Für Electric Avenue habe ich es nun selbst gemacht, weil ich mich seit Jahren bereits damit beschäftigt habe, so dass ich voll hinter den Tracks stehen kann. Ich wollte es nicht nur deswegen machen, weil es trendy ist. Einige konnten dann mit diesen Stücken nicht sehr viel anfangen, weil sie nicht clubtauglich sind und nicht den Erwartungen entsprechen, die viele an mich stellen. Aber die Leute haben es schon verstanden und fanden die Sachen supergeil, obwohl es nicht unbedingt das war, was sie gewöhnt waren. Ich wollte damit ein wenig für Offenheit sorgen. Zum Beispiel hat "Good Life", besonders in Amerika, für viel Furore gesorgt, wo solche Nu-Jazz-House-Sachen sehr gut ankommen. Das Ding ist so gut abgegangen, dass wir "Good Life" an das Label von Deep Dish verlizensieren werden. Im Sommer werden die das dann rausbringen, mit Remixen von mir. Da wird noch einiges passieren, weil das Potential ungeheuerlich ist, nicht zuletzt durch die Sängerin. Es ist interessant, neue Märkte zu erschließen. Für Spielzeug als Techno-Label ist es unmöglich, solche House-Nummern zu vermarkten, weil sich Houser kaum in den Laden stellen und Spielzeug-Platten anhören werden. Und so wird jetzt das richtige Publikum erreicht.

Nils: Du hast Dich Anfang der Neunziger "Techhouser" genannt. Wie hat sich Deine Musik seitdem entwickelt?

T.S.: Mit Techhouse, also Technohouse, hat das Ganze so um 91 für mich angefangen. Das hat mich bis heute in meiner Art, Musik zu produzieren, begleitet. House steht dabei aber nicht für den traditionell klassischen House, sondern dafür, dass der Techno etwas Souliges hat, eine deepere Ebene. Dagegen steht der monotone Loop-"Knüppel-aus-dem-Sack"-Techno, der unter dem Begriff "Schranz" fällt, was ich persönlich schrecklich finde.

Nils: Obwohl viele Deine Musik unter Schranz ablegen...

T.S.: Naja, diese Schranz und Schredder-Compilations - das ist okay, da tut es mir leid, weil es vermarktungstechnisch so läuft. Aber diejenigen, die sich inhaltlich mit Musik beschäftigen, wissen schon zu schätzen, dass meine DJ-Sets und Produktionen für etwas anderes stehen. Schranz an sich gibt es ja gar nicht, es ist ein völlig blöder Begriff, der kreiert wurde, besonders für den harten monotonen Sound, der im Raum Hessen und in Frankfurt, vornehmlich von Leuten aus der Cocoon-Posse, gespielt wird. Ich persönlich definiere Musik doch nicht über Härte oder Weichheit. Wenn man Musik nur noch über Härte definiert - das sind Ansätze, die gehören in den Kindergarten. Da muss man schon regelrecht gegen ankämpfen, wenn man in Frankfurt auflegt. Wenn ich dann nicht sofort den Knüppel aus den Sack lasse, brauchen die Leute eine Stunde länger, um da reinzukommen und murren rum, wann es denn endlich härter wird. Auf der anderen Seite gibt es da auch schon eine Gegenbewegung, und das ist alles, was außerhalb des Raums Frankfurt und Hessen ist. In Berlin fassen sich die Leute an den Kopf, wenn sie den Begriff Schranz hören, weil sie nichts damit anfangen können. In einem Jahr wird es Schranz auch gar nicht mehr geben, davon gehe ich aus.

Nils: Was gibt es Neues von Deinem Label, Spielzeug?

T.S.: Ich habe gerade die Perlen 2 (DJ-Mix Serie auf Spielzeug) abgemischt, und das Artwork ist auch schon fertig. Eine "Sammlung" (die Labelcompilation) wird es Ende des Jahres auch wieder geben.

Nils: Was ist mit Nachwuchsförderung?

T.S.: Gerne, und das meine ich auch ernst. Ich bekomme auch Unmengen von Tapes und CDs. Leider war noch nichts dabei, was wir veröffentlichen könnten. Das Problem sind die Geräte, die auf Techno hin produziert werden: Heute werden Techno-Synthies ohne Ende auf den Markt geworfen mit unendlich vielen Technosound-Presets. Das entspricht einer Plug & Play-Mentalität, die kaum mehr Platz für Kreativität lässt. Man schaltet das Ding ein, fummelt in ein paar Monaten einige Sounds zusammen und schickt das Demo weg. Bei der Masse an Produkten und Produzenten, die auf dem Markt sind, reicht das nicht aus. Als Newcomer muss man da schon was reißen. Deshalb sage ich den Leuten auch immer: Setzt Euch hin und versucht, so eigenständig wie möglich zu sein. Lasst euch lieber ein Jahr mehr Zeit, bis ihr das Demo wegschickt, denn der erste Eindruck ist oft entscheidend. Wenn ich aber höre, dass jemand bereits gewisses Potential hat, dann rufe ich ihn schon an, weil es mir wichtig ist, Talente zu fördern.

Aber an sich ist es schwer, eine Chance zu bekommen. Das gilt auch fürs Auflegen. Da ist kaum ein erfolgreicher DJ oder Produzent bereit, ein Stückchen vom Kuchen abzugeben.
Was mir aber auffällt, ist der Altersspagat zwischen DJ und Publikum. Da sind bei erfahrenen DJs ein Altersunterschied von 10 bis 15 Jahren schon keine Seltenheit mehr. Bin ich dann als DJ noch authentisch, wenn der Altersunterschied größer wird? Jetzt ist es noch so, dass man, wenn man schon sehr lange dabei ist, einen Kultstatus erreicht. Das ist nicht ohne Grund so, denn diese DJs haben Erfahrung und genügend Knowhow, um souverän durch einen Abend zu leiten, ohne einen Hit nach dem anderen zu spielen.

Nils: Um auf Deine Homebase Bremen zu kommen: In der dortigen Szene bist Du überhaupt nicht präsent!

T.S.: Gibt es da überhaupt eine Szene in Bremen?

Nils: Naja, Stichwort Neue Welt, da läuft ja schon länger was!

T.S.: Naja, durchs Pentagon merke ich schon, dass da Bemühungen sind, was Neues aufzubauen. Aber ich habe früher als Veranstalter viel Herzblut in Bremen gelassen, z. B. in Clubs wie Mäxx, Crash, im Schlachthof, ich habe fast alle Locations in Bremen durch. Ich habe da sehr viel gemacht, und was ist davon geblieben? Irgendwann kam dann der Tunnel und hat viel in Bremen kaputtgemacht. Die ganze Szene ist irgendwie verschwunden mit Namen wie Stefan Brügesch (Steve Bug) und Jens Mahlstedt. Heute bin ich ein bisschen desillusioniert und gucke mir mit Vorsicht an, was da passiert! Mein Labelpartner, Jan Langer, der immer die Wonderland veranstaltet hatte, mit DJs wie Sven Väth, Carl Cox, Jeff Mills, Richie Hawtin und genialer Deko von Stellmacher und Janssen, hat jedes Mal gerade plus minus 0 herausbekommen. Das Risiko, dass du bankrott gehst, ist immer da. Wenn Dir da 200 Leute fehlen,... Ich weiß gar nicht, wenn ich in der Neuen Welt auflegen würde, ob das die Kids überhaupt kratzen würde. Ansonsten wenn ich in Deutschland unterwegs bin, kommen zwischen 1000 und 2000 Leute. Wenn du mich in Bremen hinstellst, kann ich mir vorstellen, dass da gerade mal 50 Leute kommen... Aber ehrlich gesagt, möchte ich das auch gar nicht so schnell ausprobieren. Es gibt keine Angebote aus Bremen, die mich reizen würden.

Nils: Was ist Deine Einschätzung der aktuellen Entwicklung in der Techno-Szene?

T.S.: Es gibt ja immer wieder Leute, die schreien: "Früher war alles besser!" Das sehe ich gar nicht so. Ich finde, das ist ein homogener und ein sehr lebendiger Prozess. Es entstehen dauernd neue Sachen, neue Clubs, neue Styles, und andere Sachen sterben wieder. Clubs machen zu, DJs verschwinden von der Bildfläche. Techno ist inzwischen Teil der Gesellschaft geworden, aus der Jugendkultur nicht mehr wegzudenken. Es ist zum Alltag, zum Establishment geworden, obwohl viele das noch nicht wahrhaben wollen. Guck dir mal nur unsere Gehälter an. Da willst du mir doch nicht mehr erzählen, dass das noch was mit Subkultur zu tun hat. Von deiner Einstellung her mag das noch so sein, von deinem Status gehörst du als DJ zum oberen Drittel, wenn Du es geschafft hast. Mir macht es zur Zeit noch total Spaß, sonst würde ich auch nicht mehr auflegen. Es ist schon Wahnsinn, dass es jetzt die fünfte oder sechste Generation ist, die sich nach 91 für Techno interessiert. Außerdem gibt es bei der Jugendkultur nicht mehr viele Alternativen, von Black Music mal abgesehen. Vielleicht noch einige Subkulturen, wie Heavy Metal oder Punk. Aber fern vom Mainstream gibt es doch nur noch Hip Hop und Techno. Wo es hingeht? Momentan ist in Deutschland das 80er-Jahre-Retro-Ding angesagt. Alles, was so Gigolo-style ist, ist ein sehr deutsches Phänomen. Finde ich persönlich sehr charmant, ist aber lokal zu sehen. Genauso ist Schranz ein sehr deutsches Thema. Ich fände es sehr schön, wenn noch mehr Cross-Over-Potential da wäre. In England gibt es zum Beispiel eine Gruppe, die nennen sich Plump DJ's auf Fingerlickin' Records. Die machen so eine Art Techno-Breakbeat, der gut abgeht. Die machen jetzt einen Remix für die erste Auskoppelung meines Albums. In der Richtung könnte noch was gehen. Da ist dann noch der Timo-Maas-Remix von Azzido Da Bass' Doom's Night. Da ist zwar jedes Element geklaut, sei es der Helikopter, oder der Bass von Mr. Oizo. Ein guter Freund von mir ist Patrick Lindsey und von dem hat Timo mindestens zwei Elemente frech geklaut. Aber ich muss sagen, es ist gut produziert und zeigt, wo es hingehen könnte. Timo steht für eine Generation von Produzenten, die sich zwischen die Stühle setzen, was ihn für mich sehr sympathisch macht. Er macht das non-chalant, indem er sagt, dass er für Progressive-Techno/Trance/House steht, alles sehr clean und druckvoll produziert. Vielleicht öffnet er Leuten damit auch die Ohren für deepere Sachen.

Nils: Wo siehst Du Dich nach Techno, wenn Dich die jüngere Generation aus der Szene gekickt hat?

T.S.: Ja, wenn die sagen: "Schumacher, Du alter Sack, hör auf!" Das ist ein Prozess, den ich jetzt schon einleite, indem ich in der Mitte des Jahres die ganze Szene für zwei Monate mal hinter mir lassen werde für ein Brainstorming. Ich werde deutlich weniger Gigs spielen, weniger als die Hälfte. Mein Traum ist es, eine Band zu gründen, Songs zu schreiben mit einer Sängerin. Dafür musst du aber erst mal die Birne freikriegen. Wenn du wie ich durch die Gegend fliegst und jettest, ist das eine Maximalbelastung, noch kreativ zu sein und Tracks und Remixes zu machen. Jetzt wird es mal Zeit, das Ganze ruhiger angehen zu lassen. Ich hätte auch mal wieder ein funktionierendes Privatleben.

Nils: Wirst Du noch Deinen Führerschein machen?

T.S.: Nee. Ich leb die ganze Zeit gut ohne Führerschein und habe so eine gesunde Abneigung gegen Autos, dass ich mir das nicht mehr geben muss.

Als wollte er dieses bestätigen, kommt während dieser letzten Worte von Thomas Schumacher auch schon sein Fahrer in die Hotellobby, um ihn nach Köln abzuholen. Mit seiner Plattenkiste und einem kleinen Köfferchen entschwindet der Jetsetter aus dem Düsseldorfer Hotel, um sich wieder dem Stress des Erfolges auszuliefern.

Das Interview führte Nils Lund unentgeltlich am 10. Februar 2001 im Hotel Astron in Düsseldorf.

(c) by Nils Lund, 2001


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