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Ältere Interviews von April - September 2001 September 2001 - Juli 2002 August - Juli 2003 Juli - Dezember 2003 Januar - Juni 2004

pict Stalker - Interview

Das Interview führte Mirko Seifert im April 2005.

Techno.de: Wie bist Du zur Musik gekommen?

Stalker: Die Initialzündung war auf jeden Fall U96 mit "Das Boot". Als ich in der Grundschule war, waren wir mal mit einer älteren Schulklasse auf Klassenfahrt. Und da reichte mir einer der Älteren dieses Tape rüber. Von da an ging die Suche nach elektronischer Musik los: Angefangen bei Hakke über durchwachte Mayday-Nächte vor dem Radio bis hin zu den ersten Partyerlebnissen. Mit den Eindrücken von diesen war schnell klar: Ich will auch mal DJ werden.

Techno.de: Was hörst Du privat?

Stalker: Derzeit höre ich mir privat sehr viele Mixes von anderen DJs an. Einfach um zu wissen, welchen Style ungefähr dieser oder jener Künstler spielt und um auch zu checken, wer's raus hat und wer nicht so. Daneben habe ich schon immer Filmmusik, Klassik, Jazz und gutgemachten Pop oder was auch immer gehört. Früher viel Red Hot Chilli Peppers, R.E.M. oder Heinz Rudolf Kunze, später mehr so die elektronischen Sachen wie Lamb, Radiohead und Massive Attack, heute eigentlich nur noch Netlabel-Sachen. Und das aus zweierlei Gründen: Erstens gibt's das legal kostenlos und zweitens findet man im Netz inzwischen unheimlich viel gute Musik (leider aber auch sehr viel Müll - hier muss man inzwischen vielleicht stärker selektieren als beim Kauf von Musik). Ich war nie so der große CD-Käufer. Zumal ich auch durch meine Arbeit für einige Partymagazine jede Menge Platten zur Kritik bekomme. Parallel dazu höre ich momentan für mein Netlabel 1bit wonder (www.1bit-wonder.com) sehr viele Demos von verschiedensten Produzenten. Insgesamt bevorzuge ich weniger anstrengende Sachen, mehr so die Lounge-Schiene. Schweißtreibende Musik gibt's ja schon im Club genug.

Techno.de: Deine erste Platte?

Stalker: War eine Hardcore-Scheibe (zu Zeiten, als Thunderdome noch cool war): Suicide Commando - Open Your Sperm-Hungry Mouth, Scum! - Strike Records 009

Techno.de: Wie oft legst Du auf?

Stalker: Nahezu jedes Wochenende, manchmal auch beide Tage. Außerdem ab und zu unterhalb der Woche, das sind dann meistens so Bar-Geschichten, wo man mal seine ruhigeren Sachen spielen kann.

Techno.de: Was sagst Du zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der elektronischen Musik?

Stalker: Mir fehlt im Prinzip jegliche 80er-Jahre-Sozialisation. Ich bin ein Kind der Neunziger - Detroit, Tresor, Mayday, Frontpage, Loveparade. Wahrscheinlich kann ich aus diesem Grunde so rein gar nichts mit den ganzen Retro-Sachen anfangen. Das heißt nicht, dass ich die Leistungen derer, die Entscheidendes zur Entwicklung der elektronischen Musik beigetragen haben, nicht zu würdigen weiß - im Gegenteil. Ich bin nur kein Freund dessen, ständig alte Sounds, die damals cool waren, heute wieder aufzukochen. Ich habe nichts dagegen, wenn wie derzeit zum Beispiel Acid wiederentdeckt wird. Aber man sollte nicht ständig auf dem Sound von früher hängenbleiben. Das ist eine Tendenz, die ich schon seit einigen Jahren mitverfolge: Viele suchen und finden ihre Schiene, etablieren sich und bleiben dann aber ewig darauf sitzen. Das mag vielleicht daran liegen, dass die ganze Szene ein riesiges Business geworden ist, wo es nicht mehr um Musik oder irgendeinen Spirit geht, sondern einzig und allein um Kohle. Ein Business, in dem DJs Gagen jenseits jeglicher Vernunft verlangen und auch bezahlt bekommen, in dem "DJ-Stars" sich produzieren lassen nur um noch realitätsfernere Gagen verlangen zu können, in dem ein völlig lächerlich beschissenes Aerobic-Video mit Awards ausgezeichnet wird. Retro-Trends werden künstlich hochgekocht und weil sie so subtanzlos sind, verschwinden sie nach wenigen Monaten wieder. Weil an allem soviel Kohle hängt, wird ein Hype nach dem anderen inszeniert. Soviel zur Zukunft der Szene... Aber zum Glück gibt es ja auch einige erfolgreiche Gegenentwürfe zu diesem Schema.

Techno.de: Bist Du Deinem Stil treu geblieben oder ziehst Du bei Trends mit?

Stalker: Meine erste Liebe war Detroit. Als dann aber zunehmend weniger aus der Motor City kam, habe ich englischen und schwedischen Tool-Techno entdeckt. Aber aus genau den Gründen, die ich eben schon erwähnt habe, habe ich nach einigen Jahren das Interesse daran verloren. Weil da einfach nichts Neues kam, die Weiterentwicklung fehlte. Und wenn ich mir anhöre, was einige meiner damaligen Lieblingslabels heute so releasen, scheint sich daran auch nichts geändert zu haben. Daher habe ich mich in den letzten Jahren zunehmend vom Tool-Deejaying abgewendet und meine Vorliebe für minimale Sachen weiterverfolgt. Kompakt war da mit Sicherheit die prägendste Instanz - weniger das Label als vielmehr der Vertrieb. Ich hatte schon immer auch ruhigere Platten gekauft - von Basic Channel über Gadgets und G-Man bis Profan. Weil es aber kaum Clubs gab, wo dieser Sound auf dem Dancefloor lief, habe ich gedacht, sowas würde da auch nicht funktionieren. Bis ich Ende 2003 zum ersten Mal im Dessauer Global Village spielte - da tickten die Leute auch bei 130bpm völlig aus. Minimalhype hin oder her - seitdem kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, etwas anderes zu spielen.

Techno.de: Dein schönster bzw. außergewöhnlichster Gig?

Stalker: Dieses erste Gastspiel im Global war sicherlich einer der schönsten Auftritte, die ich bisher erlebt habe. Es gibt da keinen Gig, wo ich sagen kann, "DER war jetzt aber der allerbeste ever!" Vielmehr sind es so einige, die einem wohl ewig in Erinnung bleiben werden. Ganz vorn dabei: Electric Ballroom @ SO36 (Berlin), Kassablanca (Jena) und Tresor. Techno.de: Ein musikalischer Klassiker?

Stalker: "La Mamma Morta" aus "Andrea Chenier" von Umberto Giordano, gesungen von Maria Callas.

Techno.de: Engagierst Du Dich für den "Nachwuchs"? Wenn ja, wie?

Stalker: Tja, was ist "Nachwuchs"? Vor zwei Jahren hätte ich gesagt, ich bin ja selbst noch "Nachwuchs". Man kann mein Netlabel als Nachwuchsförderung betrachten: Wir veröffentlichen hier Musik von bekannten und noch unbekannten Künstlern. Für einige ist es das erste Release überhaupt, andere wiederum haben schon eine beachtliche Liste an Vinyl-Releases. Schwierig mit dem Begriff "Nachwuchs" wird es aber aus dem Grunde, weil ich selbst erst 22 Jahre alt bin und eigentlich alle, mit denen ich zu tun habe - ob Veranstalter, Produzenten oder andere DJs - in der Regel eben älter sind als ich.

Techno.de: Was ist Deine derzeitige Inspiration fürs DJing bzw. Produzieren?

Stalker: Nachtleben steht sicher an vorderster Stelle. Einen Großteil meiner Inspiration ziehe ich aus den Erfahrungen in Clubs - gerade auch selbst als Gast. Es gibt immer mal wieder einen DJ oder Liveact, der mich total umhaut. Musik ist natürlich wichtig - hier sicher vor allem Jazz und klassische Musik. Aber genauso auch Liebe, Familie, Freundschaften, tägliche Ereignisse. Momente der Inspiration bieten sich dabei in Träumen, während langer Autofahrten, in guten Gesprächen oder langweiligen Vorlesungen.

Techno.de: Zur Zeit berät der Bundestag ein Gesetz gegen Stalker. Wie bist du damals auf den Namen gekommen? In der letzten Zeit hat das Wort "Stalker" einen sehr faden Beigeschmack bekommen.

Stalker: Das ist leider richtig. Als ich meinen Namen wählte, existierte der Begriff "Stalker" noch gar nicht im allgemeinen Sprachgebrauch, für mich bedeutet er auch etwas ganz anderes. Auch Literatur und Filme stellen für mich eine wichtige Inspirationsquelle dar - und meine Name geht auf eine solche Inspiration zurück. Genauer gesagt verdanke ich es meinem Vater, der mir einmal eine seiner Lieblings-Science-Fiction-Storys erzählte. Es geht dabei um eine verbotene Zone, in der es etwas geben soll, dass einem sämtliche Wünsche erfüllt - eine goldene Kugel. "Stalker" sind dabei diejenigen, die andere in diese verbotene Zone führen oder Dinge daraus beschaffen. Geschrieben haben die Geschichte die Gebrüder Strugatzki ("Picknick am Wegesrand"), später wurde sie unter dem Titel "Stalker" verfilmt, was heute als einer der Meisterwerke des sowjetischen Films gilt.

Techno.de: Deine Alltime Top 10?

Stalker: Schwierige Frage. Ich versuch's trotzdem mal, beziehe mich dabei aber nur auf elektronische Musik. Vieles davon würde ich heute nicht mehr spielen, aber es waren und sind sehr wichtige Platten für mich:
01. Aztec Mystic - Knights Of the Jaguar - UR
02. Jeff Mills - The Bells - Purpose Maker
03. Gary Martin - Casa Caugat (Remix) - KMS
04. Plastikman - Panikattack - Plus 8
05. Wishmountain - Radio - Evolution
06. Octave One - Blackwater - 430 West
07. Scion - Emerge1 - Chain Reaction
08. Vainqueur - Lyot (Maurizio Mix) - Maurizio
09. X-101 - Sonic Destroyer - UR
10. Underworld - Born Slippy - Junior Boy's Own

Link: www.convulse.de


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