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Miss Yetti

pict Interview mit Miss Yetti im September 2003:

1. Wie bist Du zur Musik gekommen?

a) Deine DJ-Karriere begann vor mehr als 10 Jahren auf dem "Orion Rave" in Bochum. Erinnerst Du Dich noch an den Gig?
Na klar, kann ich mich erinnern. Vor lauter Aufregung war mir ganz schlecht und mein Körper vibrierte. Schließlich hatte ich noch nie vor so vielen Menschen aufgelegt. Während des Auflegens wich dann die Aufregung immer mehr dem Spaß und ich vergaß alles rundherum.

b) Inzwischen sind fast 11 Jahre vergangen. Wie sehr wurdest Du durch Deine DJ-Tätigkeit in dieser Zeit geprägt, wie sehr hat Dich das ganze musikalisch und persönlich verändert?

Ich kann natürlich nicht sagen, wie ich mich entwickelt hätte, wenn ich nicht angefangen hätte Musik zu machen. Für mich stand schon immer im Vordergrund das zu tun wofür ich mich interessiere und was mir Spass macht. Und aus dieser Motivation heraus kam ich eben auch zum Auflegen. Musik spielte neben Psychologie schon immer eine große Rolle in meinem Leben. Meine Intention war es ja nie Djane zu werden. Durch das damalige "Delirium" in Köln, welches in meiner Strasse lag, wurde ich quasi mit der Nase drauf gestoßen und fing an mir Platten zu kaufen. Eben einfach so für mich. Tja und dann wurde ich immer süchtiger nach Platten elektronischer Musik und bin glücklich, dass ich diese "Sucht" dann sogar auch öffentlich ausleben durfte. Meine musikalische Entwicklung erstreckte sich von House bis zu darken Techno. Ich mag mich aber immer noch nicht festlegen, da meiner Meinung nach ein gutes Set eine Reise unabhängig von irgendwelchen Styleschubladen darstellt. Heute reflektiert mein Sound sicher einige musikalische Schwerpunkte meiner persönlichen Erfahrung und Entwicklung. Schließlich bin ich musikalisch in den 80igern sozialisiert worden. Meine Helden waren außer Depeche Mode, Front 242 ebenso the Cult. Aber auch die neue deutsche Welle hinterließ ihre Spuren. Und natürlich reflektieren meine Produktionen und Dj Sets auch immer meine aktuellen Eindrücke und Gefühle, wie ja jetzt auch bei meinem Album.
Vor allem meine Dj-Tätigkeit hat mich in viele Länder und Kulturen geführt, durch die ich wiederum sehr viel gelernt habe; nicht nur über Musik, sondern vor allem über verschiedene Mentalitäten, Kulturen, Menschen und vor allem über mich selbst.

2. Du bist ja nun Diplompsychologin. War es sehr schwer, die DJ-Karriere und das Psychologie-Studium, unter einen Hut zu bringen?

Puh, das war oftmals nicht einfach, so zwischen zwei Welten hin und her zu pendeln. Also z.B. am Wochenende irgendwo in Croatien oder sogar Mexico oder so aufzulegen und dann am Mo. um 8.00 in der Uni zu sitzen. Disziplin musste ich da schon oftmals an den Tag legen. Vor allem musste ich andauernd Prioritäten setzen. Und dann ist zwangsläufig irgendwas zu kurz gekommen. Mal war ich mehr DJ, mal mehr Psychologie Studentin. Aber jetzt freu ich mich, dass ich fertig bin und mich erst mal voll auf die Musik konzentrieren kann oder auch mal länger irgendwo nach einem Gig bleiben kann, um Land und Leute näher zu erkunden.. 3. Was fasziniert Dich an der Psychologie?

Mich hat schon immer das Erleben und Verhalten von Menschen interessiert. Ich finde es wahnsinnig spannend und fesselnd Menschen und ihren Kontext zu erforschen. Alle sind in ihrem Verhalten so einzigartig und doch kann man gemeinsame Tendenzen und Zusammenhänge die ja auch in Theorien zum Ausdruck kommen, benennen und erkennen.
Allerdings habe ich auch erfahren müssen, das es zwar ganz toll ist über die Hintergründe und verschiedenen Theorien Bescheid zu wissen, aber in der Praxis ganz andere Mechanismen von viel größerer Bedeutung sind. Liebe und Respekt stehen dabei für mich z.B. im Zentrum.

4. Betrachtet man nach so einem Studium die Menschen aus dem Umfeld und sich selbst anders?

Hmmm, kann sein. Aber viel relevanter ist doch die Auseinandersetzung mit sich selbst. Diese wirkt viel mehr auf die Wahrnehmung als das eigentliche Psychologie Studium.

5. Ich habe gelesen, dass Du Dich für Deine Doktorarbeit, die in etwa drei Jahren folgen soll, mit Elektronischer Musik und deren Auswirkungen auf die Psyche beschäftigst. Kannst Du uns einen Einblick in Deine ersten Ergebnisse geben?

Na, Ergebnisse gibt es leider noch nicht. Die Idee wird ja gerade erst mal operationalisiert. In ca. 3 Jahren lasse ich Dich und natürlich Euch alle wissen, was dabei herausgekommen ist.

6. Dein Label "Gold oder Liebe", dass Du 1998 gegründet hast, entstand aus der Situation, dass Labels, denen Du Deine Tracks angeboten hast, Veränderungen wollten. War es die einzige Motivation zu sagen, "dann bringe ich die Sachen eben selber raus"?

Ehrlich gesagt war es "der" auslösende Grund, denn Produktionen erzählen für mich oft "Geschichten", die ein Künstler ja kreativ entwickelt hat. Würde man diese nun nach Anleitung modifizieren, würde man ebenso die eigentliche, ursprüngliche Aussage verändern. Wenn ein track, nach Meinung des Künstlers "fertig" ist, sollte dieser auch so belassen werden, sonst empfände ich das als respektlos. Niemals würde ich sagen: "Hey Du, setz mal die Toms in den 8. Takt und die Hihats als Steigerung da und da hin." Natürlich gibt es auch geplante, durchdachte tracks, von denen bin ich allerdings kein großer Fan. Das sollen andere machen.

7. Gibt es eine Zielsetzung, wo Du mit dem Label hin möchtest, was Du erreichen möchtest?

Ich möchte weiterhin ein Medium darstellen, durch dessen Hilfe ein weiterer Raum für innovative Musik geschaffen wird. Außerdem möchte ich weiterhin auch die Musik von anderen meist noch unbekannten Artists veröffentlichen.

8. Welche Erfahrungen hast Du als Labelownerin im Musikbiz gemacht?

Ich musste schon zu Beginn meiner Dj ­ Laufbahn lernen, mich durchzusetzen und mir selbst zu vertrauen, egal was andere sagen und denken. Am Anfang wurde ich oft auf mein Äußeres reduziert, aus Geilheit, Neid und sicher auch egozentriertem Machoverhalten. Und als Labelownerin kamen dann noch weitere Herausforderungen hinzu.

9. Mit Deinm "no famous names"-Konzept setzt Du Dich auch für Newcomer ein und hast die bittere Erfahrung gemacht, dass viele Konsumenten mehr auf Namen als auf die Musik achten. Wodurch ist der Starkult ­ vor welchem sich die Elektronische Szene eigentlich immer distanziert hat - Deiner Meinung nach entstanden?

Ja, diese Erfahrung musste ich bitter bezahlen. Newcomer haben es in den heutigen Zeiten echt schwer. Ich hätte gern noch mehr bisher unbekannten Produzenten eine Plattform geboten, konnte es mir aber eine Zeit lang einfach nicht mehr leisten. Ich habe meine dj Gagen fast nur noch in mein Label reingesteckt. Sowohl die Presse als auch die Konsumenten und Partygänger wollen einfach Namen. Bekannte Namen und Menschen, als Identifikationsfiguren einer Szene. Größere Gruppen, Szenen und Gesellschaften werden doch immer durch bestimmte Figuren, repräsentiert. Besonders in wirtschaftlich unsicheren Zeiten, wo hedonistische und individualistische Werte zugunsten sicherer "Werte" wieder etwas in den Hintergrund treten, wächst das Interesse der Masse daran. Und dann heisst es: durchhalten und weiter kämpfen...denn qualitativ gute Musik setzt sich auch durch. Es dauert nur länger.

10. Du veröffentlichst diesen Monat dein erstes Album, das musikalisch ziemlich dark ist, wie kam es dazu? Was kommt danach?

Ich beendete letztes Jahr mein Studium und fragte mich danach, wie es jetzt weitergeht in meinem Leben. Was möchte ich machen? Was kann ich tun, um maximal glücklich zu sein? Wo wollte ich Leben? Naja und da es schon seit langer Zeit ein Traum von mir war, ein Album zu machen, hatte dieses Vorhaben höchste Priorität. Während meines Studiums gab es keine Zeit mich so lange zu verbarrikadieren. Also schloss ich mich, gemeinsam mit meinem Studiopartner J. Breaker fast jeden Tag 5 Monate lang ein, um einfach Musik zu machen. Wir hatten kein Konzept und fingen einfach an. Meine emotional darke, melancholische Stimmung spiegelt sich im ganzen Album wieder. Aber auch meine musikalischen Wurzeln und Einflüsse sind nicht überhörbar.
Was dann kommt wird sich zeigen. Ich warten jeden Tag auf neue Zeichen ...

11. Wird es Remixe geben?

Ja, Robert Görl hat bereits einen Remix fertig gestellt und ein weiterer wird von David Carretta beigesteuert.

12. Was hörst Du privat?

Zur Zeit das neue Kraftwerkalbum, ansonsten Dave Gahan, Depeche Mode, Kid Locco, Nightmares on wax, Manu Chao, Underworld, sexy Justin Timberlake und Coldplay. Ausserdem höre ich gern Sade, wenn es draussen regnet und kalt ist.

13. Deine erste Platte?

Depeche Mode

14. Wie oft legst Du auf?

Jedes Wochenende

15. Kann man den Track "Der Zauberer ist tot", den Du Anfang des Jahres veröffentlicht hast auf die aktuelle Situation der Techno-Szene bildlich beziehen ...?

Also für mich fungiert der tote Zauberer als Synonym für das Ende einer Entwicklung, was man auch im gewissen Sinne auf die aktuelle Situation der Technoszene übertragen kann. Die Wahrnehmung von Scooter und Dj Ötzi als Technoprotagonisten läutet sicherlich das Ende der herkömmlichen Technoära im Undergroundbereich ein. Diese generelle Entwicklung, konnte man ja bereits in anderen musikalischen Szenen in der Vergangenheit beobachten, in der dann oft kommerzielle Acts, die Undergroundbewegung verschieben oder sogar ablösen. Aber ein Tot, stellt ja auch einen Neubeginn dar und schafft daher Raum für neue spannende experimentelle Entwicklungen im Bereich der elektronischen Musik. Ich glaube, dass musikalisch gerade wieder viel neues im Undergroundbereich entsteht und bin sehr froh, dass sich gerade alles etwas aufklärt. Der Zukunft sehe ich sehr optimistisch entgegen.

16. Bist Du Deinem Stil treu geblieben oder ziehst Du bei Trends mit?

Wie auch schon zuvor angedeutet, stehe ich überhaupt nicht auf irgendwelche "Styleschubladen" . Ein gutes DJ Set ist daran nicht orientiert und auch produktionstechnisch sollte eine kreative Offenheit herrschen. Schließlich entwickelt man sich immer weiter, verbindet neue und alte Elemente, schafft neue Perspektiven, verliert seine Wurzeln aber auch nicht aus den Augen.

17. Dein schönster bzw. außergewöhnlichster Gig? In Bali am Strand zum Sonnenaufgang

Interviewer: Uta Kirsten

Url: www.miss-yetti.de

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