"Allright On the Top"...
Dies ist nicht nur der Name seines neuen Albums, das vor wenigen Tagen auf Mute erschienen ist, sondern auch das Resümee seiner künstlerischen Aktivitäten. Er ist eine der Galionsfiguren des britischen Technos und begeisterte durch seinen grenzerweiternden Stil. Die Vorgängeralben auf Novamute, dem Sublabel von Mute, "Freek Funk" und "Wireless" waren Meilensteine des UK Technos. Die Rede ist von Luke Slater...
In Reading geboren experimentiert der junge Slater schon früh mit dem Tonbandgerät seines Vaters herum und betätigt sich als Schlagzeuger einer Progressiv Rock-Band. Erst durch Jobs in Plattenläden, so das Jelly Jam in Brighton, kommt er mit Elektro, als auch dem aufblühenden House und Techno der späten 80er in Berührung. So wird er zu einem der DJs der Acid House Szene und beschallt Clubs in ganz England, so z.B. tritt er regelmässig im Londener Troll Club auf. 1989 setzt er sich mit seinem Freund und Kollegen Al Sage zusammen, woraus der erste Luke Slater Release, "Free-base", auf dem Label Jelly Jam Shop entsteht.
In den darauffolgenden Jahren wächst er zu einem tonangebenden Produzenten der Techno Musik heran, er wird zugleich einer der elegantesten Komponisten, dem es gelingt genreübergreifend zu agieren. Luke Slater hantiert mit Detroit-lastigen Sounds, arbeitet sich durch Old School Ambient, Noise und Elektro. Egal ob an den Plattentellern oder in seinem Space Station Studio im Süden Londons, stellte er seine Künste als Soundsystemexpressionist unter Beweis. Als musikalischer Nomade und hinter unzähligen Gesichtern präsentiert er seinen Output der Welt. Schon im Jahre 1997 hat er auf Labeln, wie Djax, Iridial, Peacefrog oder GPR unter den Pseudonymen Clementine, Morganistic, 7th Plain oder Planetary Assault System veröffentlicht.
Zur gleichen Zeit beendet er sein Herumziehen, lässt sich bei Novamute, dem Sublabel von Mute, nieder und unterschreibt erstmals mit seinem wahren Namen einen Künstlervertrag. Nur ein Jahr darauf kommt sein bahnbrechendes und gefeiertes Album "Freek Funk" auf den Markt, in dem er es erfolgreich schafft Sexyness und Avantgarde unter einen Hut zu bringen.
1999 folgt das Werk "Wireless". Erneut ist es in seinem eigenen Space Station Studio im Süden Londons entstanden und erneut in bewährter Zusammenarbeit mit seinem Studiopartner Al Sage. Das Album huldigt dem Elektro und erfindet ihn so "by the way" neu. Ein Sample aus Cerrones "In the Rocket" rundet das Ganze mit seiner Liebe zum Cyber-Disco-Synth ab. "All Exhale", einer der herausragenden Tracks auf diesem Longplayer, läuft als Singleauskopplung so gut, dass Luke selbst noch einmal Hand anlegt und 2000 "All Axhale-Remixed" auf Novamute veröffentlicht. Mal wieder ein stilistischer Schritt in eine neue Richtung, den Slater hier vollführt. Er ist und bleibt voll von Überraschungen.
Nun 2002 setzt der undurchschaubare und unberechenbare Engländer noch einen drauf. Vor einigen Tagen kam sein neues Album "Allright On The Top" auf Mute heraus und nicht umsonst wechselte er von Novamute zum Mutterlabel. Ein dance-infiziertes Popalbum, das zwar noch die typische Handschrift von Luke Slater trägt und mit mitreisenden Elektrosound oder hartem Technorhythmus aufwartet, jedoch durch Ricky Barrows markante Stimme eine wärmere Seite der Maschinenmusik beleuchtet. In gewohnter Manier entstand das Werk in Zusammenarbeit mit Alan Sage, dem langjährigen Partner von Slater. Ricky Barrow, der Exsänger der Elektrocombo Aloof, stieß dann als Vokalist dazu und sang einen Großteil der zehn Tracks. Erneut beschreitet Luke einen innovativen Pfad, der ihn zu einer menschlicheren Variante der elektronischen Musik führt. In zehn Songs präsentiert er hier die Schnittmenge von einfühlsamen Texten aus der Gefühlswelt der Menschen und auch Maschinen, elektronischer Popsounds und eingängiger Hooklines. Auf diese Weise vollendet er das, was er schon lange vor Augen gehabt hat. Von Big Beat, Funk über Elektro bis hin zu Pop zeichnet er ein neues, facettenreiches Bild seiner Kunst als Songwriter und Komponist. Ein Aufbruch zu neuen musikalischen Ufern...
Techno Online setzte sich mit dem Londoner in einem Berliner Café auf ein paar Latte Macchiato zusammen und erforschte mit ihm den frischen, neuen Wind, den das Album verbreitet.
TO (Techno Online):
Dein neues Album ist anders als erwartet, ein neuer Schritt in Deiner Entwicklung als Musiker. Wie kam es zu diesem Umbruch? Warum dieser Wechsel?
LS (Luke Slater):
Es war eigentlich nur eine reine Gefühlssache. Es war einfach an der Zeit etwas Neues, Anderes zu tun. Ich wollte keine weiteres Album wie die Vorhergehenden herausbringen. Es war also kein Unfall, sondern eine weiterer Schritt in meiner Entwicklung. Die Vorarbeit dazu begann schon vor einigen Jahren, als ich damit anfing Songs zu schreiben, die ich dann einlagerte. Dann fehlte noch der Text dazu. Es dauerte eine Zeit bis alle Teile des Albums fertig waren, aber es hat letztendlich geklappt.
TO:
Was war eigentlich der ausschlaggebende Punkt, dass Du begonnen hast, die Songs für ein Album zu sammeln?
LS:
Grundsätzlich ist so, dass ich die Stücke, die mir gefallen, aufbewahre.
Vor so ungefähr drei Jahren, zur gleichen Zeit als ich mitten in der Produktion von "Wireless" war, veröffentlichte ich Songs auf einer Free CD, die es manchmal bei Magazinen kostenlos dazu gibt. Den Leuten gefiel der Sound und sogar DJs legten die Scheiben auf, obwohl es jetzt keine reine Technomusik war. Das spornte mich an mehr zu schreiben, denn es gab das richtige Feedback. Es stimmte mich optimistisch für die Zukunft. Ich wollte mehr als nur Techno machen, mich etwas davon lösen und einen Schritt nach vorne gehen. Außerdem wollte ich auch dieser Undergroundschublade, in die ich so oft gesteckt wurde, entgehen.
TO:
Hast Du auch den Text zu Deinen Liedern selbst geschrieben?
LS:
Die Musik schrieb ich alleine, jedoch die Lyrics entstanden zusammen mit Ricky Barrow. Die Songs existierten also schon als Ricky dazustieß, und dann begann wir das Arrangieren von der Musik mit den Texten, worauf Ricky auch einen großen Einfluss hatte. Ein reger Austausch entstand und dabei wurden auch die Stücke verändert. Mir persönlich ist es sehr wichtig, dass ich das richtige Gefühl habe, wenn ich mit jemanden zusammenarbeite. Bei Ricky war es so, alles klappte von Anfang an. Es war ein relaxtes und offenes Arbeiten.
TO:
Gefühle spielen in Deinem neuen Album eine zentrale Rolle. Ist es emotionslastiger als seine Vorgänger, lag darin auch der Hauptaugenmerk beim Produzieren?
LS:
Auf alle Fälle. In der Vergangenheit versuchte ich mit meiner Musik mehr die Musik zum Ausdruck zu bringen, hier geht es mehr um die Gefühle und die damit verbundenen Energien. Aus diesem Grund lag es mir auch sehr am Herzen eine Sound zu schaffen, der sich live performen lässt, um die enthaltenen Energien vor Publikum freizusetzen. Wir werden auch bald auf Tour gehen, zu dritt mit Live Vocals und elektronischem Equipment. Liveshows in verschiedenen Clubs und auch auf Festivals oder Konzerten. Da das Album zwischen Dance und Pop steht, bin ich gespannt, inwiefern es sich live entwickelt.
TO:
Mit dem Longplayer wendest Du Dich von Underground in richtig Pop. Wie stehst Du zu dieser Aussage?
LS:
Es ist kein wirklicher Pop, sondern eher mehr eine Unterart des Pops, vielleicht Techno Pop. Im Moment existiert meiner Meinung nach keine klare Trennungslinie zwischen Underground und Pop mehr, nicht so wie es sich noch vor einigen Jahren verhielt. Dance erobert die Charts und die Tracks kommen aus dem Underground. Alles beginnt miteinander zu verschmelzen und die Dance Musik wird immer präsenter und massiver.
TO:
Wird es eigentlich auch Videos zu den Songs geben?
LS:
Natürlich, zu "Nothing At All" existiert auch schon eins und weitere sind geplant. Aber für die Videogestaltung bin ich nicht zuständig, das wird eher von Mute in die Hand genommen. Ich konzentriere mich mehr auf meine Musik.
TO:
Du verbindest Emotionen mit elektronischer Musik, verlässt den Pfad den Du in den letzten Jahren beschritten hast. Bewegst Du Dich wieder mehr auf die Musik zu, weg von dem technischen Konzept?
LS:
Ja. Ich liebe einfach die elektronische Musik und verbinde sie mit meinen Vorstellungen von Songwriting. Am Anfang meiner Karriere als Musiker spielte ich Schlagzeug in einer Rockband , danach kam dann die gesamte elektronische Zeit und jetzt verbinde ich einfach beides.
TO:
Nicht nur Du lässt mehr Popsound in Deine Produktionen miteinfließen, auch andere Künstler gehen ähnliche Wege. Allgemein gibt es im Moment so viele Dinge, die sich im Bereich der elektronischen Musik verändern. Elektronische Musik gewinnt mehr und mehr an Stellenwert im öffentlichen Leben. Die Grenzen beginnen zu verwischen, Techno ist nun auch in den Charts vertreten. Wohin glaubst Du führt diese Bewegung?
LS:
Elektronische Musik hat sich über die letzten zehn Jahre von der "Musik der Zukunft" zur "Musik der Gegenwart" entwickelt. Was damals noch als neu und futuristisch eingestuft wurde, ist heute Standard und alltäglich. Damals waren Musiker aus anderen, altbewehrten Sparten dem, was sich da so entwickelt, sehr skeptisch gegenüber und heute benützen sogar Rockbands Computer oder Loops. Es ist der beste Weg und genau das was ich mir immer wünschte. Auch auf dem Markt für Hardware und Software tut sich unheimlich viel. Es ist heutzutage ziemlich einfach ein Programm zum Produzieren elektronischer Musik aus dem Internet herunterzuladen. Überall kommt man mit dieser Musik und der ihr zugrundeliegenden Technik in Berührung.
TO:
Viele der Songs auf dem Album handeln von der Liebe, der menschlichen, aber auch der von Maschinen oder Computern. Ein wichtiges Thema für Dich?
LS:
Auf jeden Fall. Es war so: Ricky brachte mehr die Einflüsse von der menschlichen Gefühlsseite mit und ich steuerte die Eindrücke aus der Sicht der Computer bei. Diese beiden Elemente setzten wir dann zusammen. Wir wollten beide Facetten der Liebe zeigen, aus beiden Perspektiven. Computerliebe ist wirklich ein Thema, das mich fesselt und fasziniert. Computer und Mensch bewegen sich mehr und mehr aufeinander zu und das auf eine vernünftige, natürliche Weise. Wir lernen mit den Möglichkeiten richtig umzugehen und für unser Leben sinnvoll zu nützen.
TO:
Neben Deinen intensiven Aktivitäten als Producer bist Du auch als DJ unterwegs. Was ist Dir persönlich wichtiger?
LS:
Ehrlich gesagt das Produzieren und dann der Liveauftritt mit meiner eigenen Musik. Ich liebe das Auflegen, ich liebe es die Platten, die mir gefallen aufzulegen, deswegen habe ich auch damit angefangen, aber es wurde für mich nie zu einem Job, anderenfalls hätte ich auch damit aufgehört. Es so eine Art Hobby für mich! Aber nicht ständig, den nur Flughäfen und Hotels zu sehen, sagt mir nicht so zu.
TO:
Was war eigentlich der Anstoss, dass Du mit der Musik angefangen hast?
LS:
Das hat sich einfach so ergeben, es gab keinen konkreten Tag, an dem ich anfing Musik zu machen, um ganz ehrlich zu sein.
TO:
Was sind nun Deine Pläne für die Zukunft, wie geht's weiter?
LS:
Auf Tour gehen und an der Liveumsetzung arbeiten.
TO:
Vielen Dank für Deine wertvolle Zeit und für Deine Antworten. Desweiteren viel Erfolg mit dem Album und viel Spass bei den Liveauftritten.
Mehr zu Luke Slater und seinem neuen Album gibt es unter:
- www.novamute.de
- www.lukeslater.com
Und hier noch zwei Songs zum Reinhören und Runterladen:
- www.mute.de
- www.mute.de
JK / Techno Online