Heiko Laux
Interview mit Heiko Laux im Oktober 2003:
"Offshore Funk", das neue Album von Heiko Laux, steht in den Startlöchern. Grund genug, den Kanzleramt-Boss die Zugfahrt von Hannover nach Berlin mit einem Interview zu vermiesen.
Das Interview führte unser Autor Nils Lund.
Beginnen wir zum Warmwerden mit etwas Smalltalk-Vorgeplänkel:
Du warst gerade unterwegs: Woher kommst Du und was hast Du dort gemacht?
Heiko: Ich sitze in der Tat gerade im Zug auf'm Weg zurück nach Berlin und
hacke das hier in meinen Laptop. War in Hannover, Hdew. War leider nicht so
preschend voll, aber die Decks sind sehr gut gelaufen. Hannover ist ein
schwieriges Pflaster, da muss ich noch ein bisschen dran arbeiten.
"Offshore Funk" ist der programmatische Titel Deines neuen Albums, der sich
elegant im Sound-Gesamtbild wieder findet. Im Gegensatz zu den letzten
beiden Werkstiteln "Ornaments" und "Sense Fiction" wird hier tatsächlich das
Technofeld von einer charmant spritzigen Funkieness kommend beackert, was
nicht zuletzt an Deiner Zusammenarbeit mit dem Jazzmusiker Teo Schulte
liegen dürfte.
Beschreibe doch am besten selbst, was sich im Gegensatz zu den Vorgängern
für Dich persönlich verändert hat.
Heiko: Teo hat schon großen Anteil an der Verwirklichung des Albums. Er
kann sich nicht nur extrem gut in meine Ideen hinein versetzen, sondern
steuert auch viel an eigenen Songideen zu. Zudem waren die Sessions immer
sehr locker und entspannt, so dass wir gar nicht gemerkt haben, dass wir recht
schnell viele Songs beieinander hatten. Dank Teo's Skills ist das mit der
Produktion sehr flüssig und problemlos gelaufen. Wenn ich alleine dran
gesessen hätte, würde es heute noch kein neues Album geben.
Welche Veränderungen hat "Dein" Sound durchgemacht - und welche Einflüsse
liegen ihm hier zugrunde?
Heiko: Der Sound ist viel präziser geworden und lässt dadurch den
Freiraum, noch mehr Moods und Breaks einzubauen, was vorher wahrscheinlich
alles überlagert und matschig geworden wäre. Das ist das Übel, gegen das ich
normalerweise ankämpfe, und somit sind die Titel alle etwas reicher
geworden.
Wie seid Ihr bei der Produktionsweise vorgegangen? (am besten einen
typischen Tagesablauf beschreiben und für die Technik-Nerds das Equipment
beschreiben)
Heiko: "Den" Tagesablauf gibt's überhaupt nicht. Ich denke, jede Session
war anders. Erst aber mal ein bisschen Musik hören - das ging fast an allen Tagen
der Arbeit voraus. Locker machen halt, Moods ansaugen. Dann ein bisschen
Soundresearch, vor allem mit den alten klassischen Synths: Memory Moog,
Jupiter 8, SH101 und so, aber auch Andromedar A6 kam von den etwas neueren
zum Zug; Kernstück zum Veredeln war aber meist der Nord Modular.
Du bist seit 1999 mit Deinem Label Kanzleramt in Berlin, was damals einen
groß angelegten persönlichen, aber auch geschäftlichen Tapetenwechsel
bedeutete, kamst Du doch aus der "behüteten" Provinz Bad Nauheim.
Bist Du nun komplett in Berlin angekommen?
Heiko: Sofern man als Hesse überhaupt ankommen kann, bin ich da.
Welche Veränderungen siehst Du in der Retrospektive bei Dir persönlich,
geschäftlich und musikalisch (sowohl als DJ und Produzent) ?
Heiko: Mir kommt's vor, als könnte ich gar nicht mehr so weit
zurückdenken. Ich war erst vor kurzem in der Heimat und konnte mir nicht
mehr vorstellen, wie ich dort damals alles aus meiner Wohnung heraus machen
konnte. Dort war alles chaotischer, in mancher Hinsicht aber auch einfacher.
In Berlin ist das Label auf einen Level angewachsen, das wesentlich mehr
serious ist, von daher kann ich nur den jetzigen Stand als den wahren
ansehen. Das gilt für alle Bereiche: Mein Studio ist in Berlin full size, in
Bad Nauheim war's ein Kellerstudio, das Label hat anstelle von Chaos feste
Mitarbeiter und funktionierende Organe, wie sich das eigentlich gehört.
Beim DJing gab's nur die Umstellung von Airport Rhein/Main nach Tegel.
Wie würdest Du Dich und Deine Arbeit charakterisieren als: a) Labelchef, b)
Produzenten, c) DJ ? (Falls diese drei "Egos" wesentliche Schnittmengen
miteinander aufweisen, wäre es schön, wenn Du mal so einen typischen
Wochenablauf zwischen Label, Studio und Club kurz umreißen könntest!)
Heiko: Das Albtraumwort heißt "Deadline". Das gilt für Masterabgabe,
Interviews und allerlei andere Produktionen, und am Wochenende wird
aufgelegt. Der Rest muss so flexibel wie möglich darauf abgestimmt sein.
Verliert man da den Faden, bleibt 'ne Menge liegen. Am liebsten bin ich im
Studio und fummle rum, aber diese Stimmung ist nicht so einfach zu erzeugen
und zu verlassen, deswegen laufe ich manchmal Gefahr, Dinge nicht rechtzeitig
zu erkennen. Dann will ich meine Studiotraumwelt nicht verlassen, muss dann
aber doch ...
Nehmen wir uns mal Heiko Laux, den Produzenten, vor: Wie unterscheidet sich
Deine Studioarbeit "solo" mit der z.B. im Team von Item One mit Johannes
Heil?
Heiko: Alleine bin ich sehr langsam und lasse mir viel Zeit, die Sounds
auszuschleifen und höre mir Arrangements immer und immer wieder an, manchmal
einige Wochen, bevor ich recorde. Das geht bei einer Kollaboration natürlich nicht.
Da muss man schneller zur Sache kommen, sonnst entsteht nichts. Gerade bei
Johannes müssen am besten gleich ratzfatz mehrere Tracks pro Tag auf's Band.
Und jetzt lass uns mal in Deine Jugend reisen. Wie wurdest Du musikalisch
sozialisiert, so dass Du irgendwann die elektronische Musik als Lebensinhalt
für Dich entdecktest?
Heiko: Mir kommt's so vor, als hätte die Musik eher mich entdeckt, als
umgekehrt. Da gab's verschiedene Phasen, wie vielleicht Mike Oldfield, von
dem ich die ersten Musikgeschichten aufgesogen habe, oder natürlich auch 'ne
Heavy-Metal-Phase, wo AC/DC das Größte war, aber das war alles präpupertär.
Für mich ging's dann erst mit House Sound of Chicago und ein bisserl EBM
richtig elektronisch los, vorher noch Tangerine Dream, Klaus Schultze -
Kraftwerk und vor allem viel Art Of Noise.
Vor kurzem erreichte uns die traurige Nachricht des tragischen Todes von
Christian Morgenstern. Was hatte dies für Auswirkungen auf Dich persönlich
als Kollege, vielleicht auch Freund?
Heiko: Jetzt, wo du das fragst, merke ich, dass der ganze Rummel das
einfach alles viel zu sehr überlagert. Ich hoffe, seine letzten werke kommen
endlich raus, denn dort zeigt er, wer er eigentlich war. In der Ballade auf
dem Album sieht's so aus, als hätte er alles kommen sehen.
Ich weiß nicht, wann ich den Verlust endlich akzeptieren kann. Er war einer
unseren besten Männer und für mich ein Seelenverwandter und guter Freund.
Zuletzt noch ein kleines Psycho-Spielchen.
Was fällt dir spontan zu folgenden Begriffen ein?
Berlin: Alles ist drin.
Bad Nauheim: War ausgereizt, ist aber Heimat.
Kanzleramt (Label): Zuhause.
Kanzleramt (politisch): Eher fremd.
Live-Set vs. DJ-Set: Selters vs. Sekt
Bestes Live-Erlebnis: Omen '96
Schlechtestes (skurrilstes) Live-Erlebnis: Popkomm '96, alles ist abgekackt.
Heiko Laux: Ach ja ...
Johannes Heil: Genie und Wahn
Item One: Flow
Alexander Kowalski: Last Techno Hero
Offshore Funk: Verwirklichung
K2O: Experiment
Uturn: Druck ablassen
Detroit: Prägung
Groupies: ;)
Love Parade: Nicht mehr wichtig für die Musik.
Sommer: Das Beste
Past: Nichts vergessen bitte
Present: Fühlen und gestalten
Future: Heiter bis wolkig
Musikpresse: Worte können der Übertragungsrate von Musik nicht das Wasser
reichen.
Vielen Dank und gute Fahrt!
Url: www.kanzleramt.com
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