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Ältere Interviews von April - September 2001 September 2001 - Juli 2002 August - Juli 2003 Juli - Dezember 2003 Januar - Juni 2004

Wolle XDP/ Fuckparade Interview

Fight For Your Right!

Partysan: Die Love Parade ist dieses Jahr erstmalig als kommerzielleVeranstaltung angemeldet und wahrscheinlich verliert sie ihren Demonstrationsstatus gänzlich. Musste das eines Tages so kommen? Hat die Planetcom Deiner Meinung nach den "Spirit der Love Parade verkauft" (wie Sven Väth in einer gerade veröffentlichten Erklärung behauptet)?

WolleXDP: Dass sich das Unternehmen Love Parade jahrelang auf das Demonstrationsrecht berufen konnte, ist eigentlich ein Paradoxon. Eisern verweigerte sie sich bekanntlich jeder Stellungnahme zu allen Themen öffentlichen Interesses. Sie betonte immer wieder, dass die Love Parade absolut unpolitisch sei. Das hatte kommerzielle Gründe. Denn eine Politisierung hätte Sponsoren verprellen können, hätte Ärger mit der Berliner CDU gegeben (die schützte die Love Parade aus wirtschaftlichen Gründen und eben weil sie so schön unpolitisch war) und außerdem sollte ja jeder kommen. Denn umsomehr Leute, umsomehr Sponsorengelder. Wieviel die Planetcom mit der Parade verdient, ist mir dabei egal. Doch als gemeinen Egoismus und als Verrat empfinde ich, dass es die Love Parade deshalb vorsätzlich versäumt hat, die alltäglichen Probleme der Szene zu kommunizieren. Eine so große "Demo" hat politisch reale Macht. Diese Macht hätte bei vielen Themen wie z.B. den Betäubungsmittelgesetzen oder auch der Behördenwillkür gegenüber Veranstaltern und Clubbetreibern Grundsätzliches ändern können. Aber selbst als Ralf Regitz mit der Schließung des E-Werks selbst davon betroffen wurde, hat er geschwiegen, um seine Love Parade-Milliönchen nicht zu gefährden. Fuck off!

Partysan: Was hat die Planetcom als Veranstalter juristisch falsch gemacht?

Wolle: Sie waren vom Größenwahn befallen. Sie haben gedacht, dass solange sie sich mit der CDU gutstellen (Wagen der Jungen Union und so...), nix passieren wird. Die CDU ist aber nun mal nicht nur die Partei, die zum Wohle der Unternehmer Gesetze biegt, sondern sie ist eben auch "schwarzbraun". Diesen weltfremden Radikalkonservativen ist selbst eine unpolitische Love Parade feind. Und die "Schwarzbraunen" haben derzeit innerhalb der CDU mächtig Rückenwind. Dass der CSU-Stoiber faktisch der neue Kanzlerkandidat ist, pfeifen die Spatzen seit Monaten von den Dächern. Dieser "Neue Wind" weht ausgehend vom Innensenator Werthebach auch in Berlin. Und das auch gegen die wirtschaftlichen Interessen seines Parteifreunds, dem Wirtschaftssenator Branoner. In diese innerparteiischen Mühlen ist jetzt die Planetcom mit ihrer Love Parade geraten. Tja, auf's falsche Pferd gesetzt, könnte man auch sagen...

Partysan: Dieses Jahr gibt es zum fünften mal die Fuckparade, die 1997 als Gegendemonstration (damals noch "Hateparade") zur Love Parade konzipiert wurde. Was sind auch noch 2001 die entscheidenen Unterschiede?

Wolle: Der entscheidende Unterschied zur Love Parade ist, dass es hier nicht ums Geldverdienen geht. Deshalb ist es auch ersteinmal egal, wieviel Leute hingehen. Wichtiger ist, dass vor allem die kommen, die sich mit der Fuckparade und deren Inhalten wirklich identifizieren können. Die können und sollen dann auch richtig Spaß haben. Durch das der ganzen Sache zukommende öffentliche Interesse können wir dann die Interessen eben dieser Leute kommunizieren.

Partysan: Muss die Fuckparade aufpassen, nicht eine ähnliche Entwicklung wie die Love Parade zu nehmen?

Wolle: Grundsätzlich nicht. Aber von außen könnten sich negative Einflüsse wohl bemerkbar machen. Deshalb waren auch klare Regelungen für die Teilnahme mit eigenem Wagen nötig. Natürlich haben wir dabei auch die "Fehler" der Love Parade betrachtet und reagiert. Wir wollten ausschließen, dass Szenefremde die Fuckparade zu kommerziell kalkulierten Marketingauftritten nutzen können. Deshalb muss jeder, der an der Fuckparade mit eigenem Soundsystem teilnehmen will, langfristig als DJ, Musiker, Club, Partysystem, Plattenlabel, Plattenshop oder Vertrieb im Independentbereich gewirkt haben und ein klares (politisches) Statement als Begründung für die Teilnahme an der Fuckparade bringen (der oder die Wagenbetreiber dürfen dann ein Schild mit ihren Namen am Wagen anbringen); Sponsoring wurde grundsätzlich verboten. Beschränkt haben wir zudem die Größe der LKWs (auf max. 7,5 t - denn getanzt wird auf der Straße und nicht nur durch bezahlte Gogos) und die Größe der Tonanlage (auf max. 10 kw sinus - denn nicht die Größe des Budgets macht den Wert der Musik). Es gibt jedoch keine Beschränkung der Wagenanzahl. Werden es mehr, wird einfach die Strecke verlängert oder eine neue Route dazugenommen. Niemand anderes als die Leute selbst, sollen darüber entscheiden, ob der Wagen, seine Botschaft oder seine Musik cool ist oder nicht. Die Fuckparade besteht eben nicht aus stumpfem Zuschauen und Konsumieren...

Partysan: Kann die Planetcom heute von der Fuckparade lernen?

Wolle: Ich denke, dass die Love Parade in dieser Hinsicht prinzipiell nicht lernfähig ist. Hier geht es um viel Geld. Aber deshalb muss auch die Love Parade aufpassen, dass ihnen die Leute nicht fernbleiben bzw. dass ihr Image für bestimmte Sponsoren nicht uninteressant wird. Sie musste daher reagieren. Die sogenannte Wagenkommision ist ein erster (wenngleich für die Planetcom sehr schmerzhafter) Schritt. Jede positive Veränderung bedeutet für die Planetcom ersteinmal Macht- und Geldverlust. Jedem war klar, dass die Love Parade deshalb auch erst im Anblick ihres Unterganges zu wirklichen Veränderungen fähig sein würde.

Partysan: Love Parade und Fuckparade haben dieses Jahr ironischerweise ähnliche Probleme mit den Behörden. Ist das ein Zufall oder liegt das an dem neuen Kurs von Innensenator Werthebach? Werthebach hatte auch zum 1. Mai Demos verboten und in der Presse immer wieder behauptet, es könne nicht angehen, dass in Berlin statistisch gesehen jeden Tag mehrere Demos stattfünden. Was steckt Deiner Meinung nach hinter dieser Position?

Wolle: Dieser neue CDU-Kurs ist weder von Berlins Innensenator hausgemacht, noch auf das Demonstrationsrecht beschränkt. Unter dem Vorwand, Geld sparen zu müssen, wird hier an Grundrechten gegraben. Dahinter verbirgt sich aber der Versuch, außerparlamentarische Opposition zu erschweren oder sogar zu verhindern. Das Versammlungsrecht ist bekanntlich durch die Verfassung geschützt. Deshalb lässt sich juristisch kaum eine Demonstration wirklich verbieten. Auf den Umweg über "Bannmeilen" und sogenannte "Auflagen" versucht nun Werthebach das Demonstrationsrecht auszuhöhlen. Über Exempelverbote, wie das der Love Parade, der NPD-Demo oder der Kreuzberger Maidemo versucht er die Öffentlichkeit für sein Vorgehen zu gewinnen. Sehr wahrscheinlich hat Werthebach deshalb sogar gehofft, dass seine Entscheidung zum Verbot der Kreuzberger Maidemo durch ein Verwaltungsgericht aufgehoben wird. Dann wäre nicht er, sondern das Grundgesetz für die schwersten Maikrawalle seit 10 Jahren schuld gewesen. Eine aktuelle Stunde zum Thema: "Änderung des Demonstrationrechts" war durch die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag wohl schon vorsorglich beantragt worden. Um keine Irrtümer aufkommen zu lassen, natürlich bin ich auch gegen eine Aushöhlung des Versammlungsrechts seitens der Demonstrationsanmelder, aber die Behinderung oder gar das Verbot von politischen Aktivitäten mit Kosten begründen zu wollen empfinde ich als faschistoid.

Partysan: Seit Jahren schreiben sich Partner für Berlin, die Berlin Tourimus Marketing GmbH und verschiedene Senatsverwaltungen das "junge Image" der Love Parade auf ihre Fahnen. Viele Menschen im Rest der Welt denken, Berlin sei ein Paradies der Clubkultur, während hier permanent Razzien und Überprüfungen stattfinden, Konzessionen fast gar nicht zu bekommen sind und sublegale Bars und Clubs verstärkt geschlossen werden. Dabei haben fast alle Clubs, auf die die Stadt heute stolz hinweist als illegale Clubs angefangen. Wie erklärst Du Dir diesen Mangel an Weitsicht der Politiker?

Wolle: Berlin ist natürlich immernoch ein Paradies der Clubkultur. Der Erfindungsreichtum der Szene ist nach wie vor ungebrochen, das Angebot riesig und unüberschaubar. Richtig ist aber auch, dass diese Berliner Subkultur durch die in Deiner Frage aufgeführten Fakten derzeit akut in Gefahr ist. Viele hoffen, dass sich daran durch eine neue Berliner Regierung etwas ändern wird. Doch zum einem ist der Ausgang von Neuwahlen nicht sicher, zum anderen lassen sich die verkrusteten und verfilzten Strukturen innerhalb der Amtsstuben auch nicht unmittelbar erneuern. (Eher im Gegenteil. Bekanntlich arbeiten solche Strukturen gerade nach Machtwechseln noch konservativer.) Viel schwerer wiegt jedoch, dass auch ein neuer Berliner Senat aufgrund der CDU-Bankenmisere (6 Milliarden Defizit) faktisch handlungsunfähig ist. Er ist vollkommen pleite und deshalb auf Geld vom Bund angewiesen. Und die sogenannten Geberländer (blöderweise ausnahmslos konservativ regiert) diktieren jetzt die Bedingungen. Ich glaube deshalb, dass sich ohne unseren verschärften Widerstand weder die Erweiterung der Bannmeile auf die ganze Innenstadt, noch die Durchsetzung der Polizeistunde verhindern lässt. Der neue rechtskonservative Kurs der CDU wird also trotzdem gerade in unserer Szene Opfer fordern. Zum einen durch die verschärfte Durchsetzung der BTM-Gesetze mittels Kontrollen, Razzien und Überwachung, zum anderen durch Bannmeile und Sperrstunde. Nur eine wirksame Politisierung der Szene kann diesen Wahnsinn vielleicht noch verhindern. Wie viele Menschen Techno und House hören, konnte man nicht zuletzt durch die Love Parade ziemlich eindrucksvoll ersehen. Viele von denen wählten bis jetzt (leider) die CDU. Vor allem diese Leute müssen erfahren, wer ihnen und aus was für Gründen den Spaß verderben will. Vielleicht kann der daraus zu erwartende Stimmverlust die CDU noch von ihrem gefährlichen Kurs abbringen.

Das Interview führte Hauke Schlichting und erscheint in ungekürzter Fassung im "Partysan" - Ausgabe Juli 2001 (In der genannten Partysanausgabe finden sich im übrigen noch einige andere spannende Interviews mit uns bekannten Persönlichkeiten)


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