Wolle XDP/ Fuckparade Interview
Fight For Your Right!
Partysan: Die Love Parade ist dieses Jahr erstmalig als
kommerzielleVeranstaltung angemeldet und wahrscheinlich verliert sie ihren
Demonstrationsstatus gänzlich. Musste das eines Tages so kommen? Hat die
Planetcom Deiner Meinung nach den "Spirit der Love Parade verkauft" (wie Sven
Väth in einer gerade veröffentlichten Erklärung behauptet)?
WolleXDP: Dass sich das Unternehmen Love Parade jahrelang auf das
Demonstrationsrecht berufen konnte, ist eigentlich ein Paradoxon. Eisern
verweigerte sie sich bekanntlich jeder Stellungnahme zu allen Themen
öffentlichen Interesses. Sie betonte immer wieder, dass die Love Parade
absolut unpolitisch sei. Das hatte kommerzielle Gründe. Denn eine
Politisierung hätte Sponsoren verprellen können, hätte Ärger mit der Berliner
CDU gegeben (die schützte die Love Parade aus wirtschaftlichen Gründen und
eben weil sie so schön unpolitisch war) und außerdem sollte ja jeder kommen.
Denn umsomehr Leute, umsomehr Sponsorengelder. Wieviel die Planetcom mit der
Parade verdient, ist mir dabei egal. Doch als gemeinen Egoismus und als
Verrat empfinde ich, dass es die Love Parade deshalb vorsätzlich versäumt
hat, die alltäglichen Probleme der Szene zu kommunizieren. Eine so große
"Demo" hat politisch reale Macht. Diese Macht hätte bei vielen Themen wie
z.B. den Betäubungsmittelgesetzen oder auch der Behördenwillkür gegenüber
Veranstaltern und Clubbetreibern Grundsätzliches ändern können. Aber selbst
als Ralf Regitz mit der Schließung des E-Werks selbst davon betroffen wurde,
hat er geschwiegen, um seine Love Parade-Milliönchen nicht zu gefährden. Fuck
off!
Partysan: Was hat die Planetcom als Veranstalter juristisch falsch gemacht?
Wolle: Sie waren vom Größenwahn befallen. Sie haben gedacht, dass solange sie
sich mit der CDU gutstellen (Wagen der Jungen Union und so...), nix passieren
wird. Die CDU ist aber nun mal nicht nur die Partei, die zum Wohle der
Unternehmer Gesetze biegt, sondern sie ist eben auch "schwarzbraun". Diesen
weltfremden Radikalkonservativen ist selbst eine unpolitische Love Parade
feind. Und die "Schwarzbraunen" haben derzeit innerhalb der CDU mächtig
Rückenwind. Dass der CSU-Stoiber faktisch der neue Kanzlerkandidat ist,
pfeifen die Spatzen seit Monaten von den Dächern. Dieser "Neue Wind" weht
ausgehend vom Innensenator Werthebach auch in Berlin. Und das auch gegen die
wirtschaftlichen Interessen seines Parteifreunds, dem Wirtschaftssenator
Branoner. In diese innerparteiischen Mühlen ist jetzt die Planetcom mit ihrer
Love Parade geraten. Tja, auf's falsche Pferd gesetzt, könnte man auch
sagen...
Partysan: Dieses Jahr gibt es zum fünften mal die Fuckparade, die 1997 als
Gegendemonstration (damals noch "Hateparade") zur Love Parade konzipiert
wurde. Was sind auch noch 2001 die entscheidenen Unterschiede?
Wolle: Der entscheidende Unterschied zur Love Parade ist, dass es hier nicht
ums Geldverdienen geht. Deshalb ist es auch ersteinmal egal, wieviel Leute
hingehen. Wichtiger ist, dass vor allem die kommen, die sich mit der
Fuckparade und deren Inhalten wirklich identifizieren können. Die können und
sollen dann auch richtig Spaß haben. Durch das der ganzen Sache zukommende
öffentliche Interesse können wir dann die Interessen eben dieser Leute
kommunizieren.
Partysan: Muss die Fuckparade aufpassen, nicht eine ähnliche Entwicklung wie
die Love Parade zu nehmen?
Wolle: Grundsätzlich nicht. Aber von außen könnten sich negative Einflüsse
wohl bemerkbar machen. Deshalb waren auch klare Regelungen für die Teilnahme
mit eigenem Wagen nötig. Natürlich haben wir dabei auch die "Fehler" der Love
Parade betrachtet und reagiert. Wir wollten ausschließen, dass Szenefremde
die Fuckparade zu kommerziell kalkulierten Marketingauftritten nutzen können.
Deshalb muss jeder, der an der Fuckparade mit eigenem Soundsystem teilnehmen
will, langfristig als DJ, Musiker, Club, Partysystem, Plattenlabel,
Plattenshop oder Vertrieb im Independentbereich gewirkt haben und ein klares
(politisches) Statement als Begründung für die Teilnahme an der Fuckparade
bringen (der oder die Wagenbetreiber dürfen dann ein Schild mit ihren Namen
am Wagen anbringen); Sponsoring wurde grundsätzlich verboten. Beschränkt
haben wir zudem die Größe der LKWs (auf max. 7,5 t - denn getanzt wird auf
der Straße und nicht nur durch bezahlte Gogos) und die Größe der Tonanlage
(auf max. 10 kw sinus - denn nicht die Größe des Budgets macht den Wert der
Musik). Es gibt jedoch keine Beschränkung der Wagenanzahl. Werden es mehr,
wird einfach die Strecke verlängert oder eine neue Route dazugenommen.
Niemand anderes als die Leute selbst, sollen darüber entscheiden, ob der
Wagen, seine Botschaft oder seine Musik cool ist oder nicht. Die Fuckparade
besteht eben nicht aus stumpfem Zuschauen und Konsumieren...
Partysan: Kann die Planetcom heute von der Fuckparade lernen?
Wolle: Ich denke, dass die Love Parade in dieser Hinsicht prinzipiell nicht
lernfähig ist. Hier geht es um viel Geld. Aber deshalb muss auch die Love
Parade aufpassen, dass ihnen die Leute nicht fernbleiben bzw. dass ihr Image
für bestimmte Sponsoren nicht uninteressant wird. Sie musste daher reagieren.
Die sogenannte Wagenkommision ist ein erster (wenngleich für die Planetcom
sehr schmerzhafter) Schritt. Jede positive Veränderung bedeutet für die
Planetcom ersteinmal Macht- und Geldverlust. Jedem war klar, dass die Love
Parade deshalb auch erst im Anblick ihres Unterganges zu wirklichen
Veränderungen fähig sein würde.
Partysan: Love Parade und Fuckparade haben dieses Jahr ironischerweise
ähnliche Probleme mit den Behörden. Ist das ein Zufall oder liegt das an dem
neuen Kurs von Innensenator Werthebach? Werthebach hatte auch zum 1. Mai
Demos verboten und in der Presse immer wieder behauptet, es könne nicht
angehen, dass in Berlin statistisch gesehen jeden Tag mehrere Demos
stattfünden. Was steckt Deiner Meinung nach hinter dieser Position?
Wolle: Dieser neue CDU-Kurs ist weder von Berlins Innensenator hausgemacht,
noch auf das Demonstrationsrecht beschränkt. Unter dem Vorwand, Geld sparen
zu müssen, wird hier an Grundrechten gegraben. Dahinter verbirgt sich aber
der Versuch, außerparlamentarische Opposition zu erschweren oder sogar zu
verhindern. Das Versammlungsrecht ist bekanntlich durch die Verfassung
geschützt. Deshalb lässt sich juristisch kaum eine Demonstration wirklich
verbieten. Auf den Umweg über "Bannmeilen" und sogenannte "Auflagen" versucht
nun Werthebach das Demonstrationsrecht auszuhöhlen. Über Exempelverbote, wie
das der Love Parade, der NPD-Demo oder der Kreuzberger Maidemo versucht er
die Öffentlichkeit für sein Vorgehen zu gewinnen. Sehr wahrscheinlich hat
Werthebach deshalb sogar gehofft, dass seine Entscheidung zum Verbot der
Kreuzberger Maidemo durch ein Verwaltungsgericht aufgehoben wird. Dann wäre
nicht er, sondern das Grundgesetz für die schwersten Maikrawalle seit 10
Jahren schuld gewesen. Eine aktuelle Stunde zum Thema: "Änderung des
Demonstrationrechts" war durch die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag wohl schon
vorsorglich beantragt worden. Um keine Irrtümer aufkommen zu lassen,
natürlich bin ich auch gegen eine Aushöhlung des Versammlungsrechts seitens
der Demonstrationsanmelder, aber die Behinderung oder gar das Verbot von
politischen Aktivitäten mit Kosten begründen zu wollen empfinde ich als
faschistoid.
Partysan: Seit Jahren schreiben sich Partner für Berlin, die Berlin Tourimus
Marketing GmbH und verschiedene Senatsverwaltungen das "junge Image" der Love
Parade auf ihre Fahnen. Viele Menschen im Rest der Welt denken, Berlin sei
ein Paradies der Clubkultur, während hier permanent Razzien und Überprüfungen
stattfinden, Konzessionen fast gar nicht zu bekommen sind und sublegale Bars
und Clubs verstärkt geschlossen werden. Dabei haben fast alle Clubs, auf die
die Stadt heute stolz hinweist als illegale Clubs angefangen. Wie erklärst Du
Dir diesen Mangel an Weitsicht der Politiker?
Wolle: Berlin ist natürlich immernoch ein Paradies der Clubkultur. Der
Erfindungsreichtum der Szene ist nach wie vor ungebrochen, das Angebot riesig
und unüberschaubar. Richtig ist aber auch, dass diese Berliner Subkultur
durch die in Deiner Frage aufgeführten Fakten derzeit akut in Gefahr ist.
Viele hoffen, dass sich daran durch eine neue Berliner Regierung etwas ändern
wird. Doch zum einem ist der Ausgang von Neuwahlen nicht sicher, zum anderen
lassen sich die verkrusteten und verfilzten Strukturen innerhalb der
Amtsstuben auch nicht unmittelbar erneuern. (Eher im Gegenteil. Bekanntlich
arbeiten solche Strukturen gerade nach Machtwechseln noch konservativer.)
Viel schwerer wiegt jedoch, dass auch ein neuer Berliner Senat aufgrund der
CDU-Bankenmisere (6 Milliarden Defizit) faktisch handlungsunfähig ist. Er ist
vollkommen pleite und deshalb auf Geld vom Bund angewiesen. Und die
sogenannten Geberländer (blöderweise ausnahmslos konservativ regiert)
diktieren jetzt die Bedingungen. Ich glaube deshalb, dass sich ohne unseren
verschärften Widerstand weder die Erweiterung der Bannmeile auf die ganze
Innenstadt, noch die Durchsetzung der Polizeistunde verhindern lässt. Der
neue rechtskonservative Kurs der CDU wird also trotzdem gerade in unserer
Szene Opfer fordern. Zum einen durch die verschärfte Durchsetzung der
BTM-Gesetze mittels Kontrollen, Razzien und Überwachung, zum anderen durch
Bannmeile und Sperrstunde. Nur eine wirksame Politisierung der Szene kann
diesen Wahnsinn vielleicht noch verhindern. Wie viele Menschen Techno und
House hören, konnte man nicht zuletzt durch die Love Parade ziemlich
eindrucksvoll ersehen. Viele von denen wählten bis jetzt (leider) die CDU.
Vor allem diese Leute müssen erfahren, wer ihnen und aus was für Gründen den
Spaß verderben will. Vielleicht kann der daraus zu erwartende Stimmverlust
die CDU noch von ihrem gefährlichen Kurs abbringen.
Das Interview führte Hauke Schlichting und erscheint in ungekürzter Fassung im "Partysan" - Ausgabe Juli 2001
(In der genannten Partysanausgabe finden sich im übrigen noch einige andere spannende Interviews mit uns bekannten Persönlichkeiten)