Electric Indigo Interview
Interview mit Electric Indigo im Juni 2001:
1. Wie bist Du zur Musik gekommen?
Die Musik kam zu mir. Da konnte ich gar nicht aus ... als kleines Kind fand ich mich eher in einer passiven Rolle des Mithörens - bis ich ein damals schon jahrealtes Top Ten Tape bei meinen Brüdern entdeckte, dass ich auf so einem diktiergerätartigem Taperecorder bis zum Gehtnichtmehr hörte. Abgesehen davon gab's zu Hause sogenannte Evergreens (Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Glenn Miller etc.) und klassische Musik. Hab ja auch mal, wie alle Österreicherinnen, Klavier gelernt. Später waren es dann vor allem Freunde, die mich auf neue Musik aufmerksam machten - so ab 1986 war Ostküsten Hip Hop dran, später, Ende der 80er Jahre, Rare Grooves - Funk und Soul der 60er und 70er Jahre, gemischt mit Jazz, und Anfang der 90er kam ich mehr und mehr auf elektronische Tanzmusik. Prägend waren damals DJ Rush auf Saber Records und Underground Resistance!
2. Was hörst Du privat?
Jetzt gerade höre ich Hot Chocolate. Uebrigens auf dem Apple Label von den Beatles herausgekommen... die CD hab ich unlängst auf einer Tankstelle erworben und bin hin und weg wegen der Streichersätze! Wunderbare Streichersätze für 13 Mark! Im übrigen habe ich auch meine Schwäche für Barockopern wiederentdeckt - Dido und Aenaeas von Purcell, z.B.
3. Deine erste Platte?
Tony Sheridan feat. The Beatles
4. Wie oft legst Du auf?
Zwischen ein und vier Mal pro Woche. Aber ende August, anfang September nehme ich mir frei. Zum ersten Mal überhaupt!
5. Was sagst Du zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der elektronischen Musik?
Das wäre ja Thema mindestens eines Buches. Ich gewinne aus der Vergangenheit, steh auf die Gegenwart und glaube an die Zukunft ... gerade im Moment gibt es eine starke Tendenz, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen: New Wave, EBM, Punk etc., die 80er Jahre halt. Das gefällt mir auch ganz gut, was ich aber nicht befürworte, ist so eine ausschließliche Verklärung der Vergangenheit. Ich bin ja richtig abhängig von einer Weiterentwicklung, die ich ja auch immer wieder bemerke. Ich kann das auch nicht auf die Musik alleine beschränken. das Revolutionäre an Techno war ja weniger die musikalische Form als die soziale Funktion bzw. das soziale Gefüge, in dem Techno stattfand. Also gilt es für mich auch jetzt, neue soziale Kontexte für die Musik zu finden - neben einer Weiterentwicklung von Produktionstechniken.
6. Bist Du Deinem Stil treu geblieben oder ziehst Du bei Trends mit?
Als ich vor über 10 Jahren von Funk und Jazz auf Techno umstieg, hab ich das gerne mit dem folgenden Satz illustriert: Techno ist für mich eine Essenz von Hip Hop, Funk und Jazz. Das ist heute sicher leichter nachvollziehbar als Anfang der 90er, als Techno in Wien noch als "Deutsche Faschistenmusik" verschrieen war... also behaupte ich, es gibt eine Linie in meinem Stil, die sich kontinuierlich hält: ein gewisses Funk Element und die recht offensichtliche Wertschätzung der Rhythmussektion in der Musik: Drums und Basslines. Über neue Entwicklungen freue ich mich, wenn sie mir gefallen. Da ziehe ich dann gerne mit. Ich lege allerdings keinen großen Wert darauf, Nummern zu spielen, die die meisten DJs auch schon im Programm haben.
7. Dein schönster bzw. außergewöhnlichster Gig?
Die Gigolo Party im WMF Berlin, sonntags nach der Loveparade 2000. Unübertroffene Stimmung, Glanzleistungen auf allen Seiten! Umwerfende Visuals von Visomat!
8. Ein Klassiker?
Fuel For The Riot - Underground Resistance
9. Engagierst Du Dich für den "Nachwuchs"? Wenn ja, wie?
Ich engagiere mich vor allem für Kolleginnen, aber nicht nur fuer den Nachwuchs. Auf der Website http://www.femalepressure.net habe ich eine Datenbank für weibliche DJs, Produzentinnen und Visual Artists eingerichtet: eine ständig wachsende Sammlung von Namen und Kontaktadressen, die nach verschiedenen Kriterien durchsuchbar ist. Und da sind natürlich nicht nur Anfängerinnen dabei sondern auch viele hochprofessionelle Künstlerinnen. Mit diesem Projekt will ich vor allem zeigen, dass es ja gar nicht so wenig Frauen sind, die im Bereich elektronische Musik aktiv sind - mittlerweile sind ca. 250 Frauen auf female:pressure vertreten. Andererseits ist es mein Ziel, mit der Site der Öffentlichkeit ein Tool zur Verfügung zu stellen, das von Promotern und Labelmachern genauso genutzt werden kann, wie von Kolleginnen und Kollegen, die Kontakte herstellen wollen.
10. Was ist Deine derzeitige Inspiration fürs DJing bzw. Produzieren?
Eigentlich immer gute Musik auf einer guten Anlage zu hören. Und das am besten mit Gleichgesinnten. Da werd ich immer ganz euphorisch :-)