Interview mit Axel Wirtz, international exploitation Manager bei der Polydor-Island Group:
Du bist seit 15 Monaten bei Universal in Berlin. Vorher warst du jahrelang bei Superstition. Was ist Deine Aufgabe bei Universal? Hat sich Dein Aufgabenfeld in der Zeit bei Universal verändert?
Ich habe am 1.7.2002 bei Universal, genauer gesagt bei der Polydor, den Job des A&R-Produktmanagers Zeitgeist angetreten und mich zusammen mit Julia Hendewerk um die Dance Aktivitäten der Polydor gekümmert, also die Künstler aus dem Bereich Dance betreut, die schon da waren und weitere unter Vertrag genommen. Anfang 2003 wurde dann bei Universal umstrukturiert und ich war fortan A&R/Produktmanager bei der neu gegründeten Abteilung Island Zeitgeist (unter dem dach der Polydor-Island Group). der Hauptunterschied zur vorherigen Struktur war, dass wir uns bei Island Zeitgeist vom sogenannten "Track-Business" (One-Offs) verabschiedet hatten und uns nur noch auf bereits etablierte Dance-Künstler konzentrierten, weil wir der meinung waren, dass der Faktor Identifikation bei der Ansprache einer Zielgruppe die Hauptrolle spielt. Ausserdem waren wir davon überzeugt, dass der "faceless studio-track" immer am ehesten gefahr läuft, wenig physische Tonträger zu verkaufen, weil es dabei ja nicht um den Aufbau von Fanbase eines bestimmten künstlers geht, sondern lediglich um den Track selber und die allgemeine Schnelllebiigkeit im Dance-Genre gibt ihr übriges dazu.... Der Dezember 2003 brachte eine erneute Umstrukturierung mit sich, aus der insbesondere hervorging, dass die Polydor in Zukunft gar keine Dance-Themen, sondern ausschliesslich Pop bearbeitet. Klar ist, wenn kein Dance mehr stattfindet, braucht die Polydor auch keinen Dance-A&R mehr, also bin ich zum 1.1.2004 aus dem A&R-Dept. ins International Dept. gewechselt und arbeite nun zusammen mit Kleopatra Tuemmler an der Auslandsauswertung unseres nationalen Polydor-Island Repertoires.
Du arbeitest zum Teil sehr lange in Deinem Job. Hast Du da noch Zeit aufzulegen?
Das Auflegen war für mich immer sehr wichtig, hat extrem Spass gemacht und ich liebe es nach wie vor. ich habe aber im Sommer 2002 entschieden, mich zunächst ein wenig davon zu distanzieren und das aus 2 Gründen: Erstens bin ich der Meinung, dass ein A&R sich in erster Linie auf seine Künstler konzentrieren sollte das ist viel wichtiger, als sich selbst zu featuren. Das war bei Superstition etwas anderes, weil ich dort immer mein Platten-Case in der einen und die Superstition-Flagge in der anderen Hand hielt, d.h. ich war als DJ immer vor allem Repräsentant dieses Labels und seines Sounds - ein Zusammenhang, der jetzt im Bezug auf die Polydor eigentlich nicht herzustellen ist, weil es hier aufgrund der breiten Repertoire-Fächerung nicht darum geht, einen bestimmten musikalischen Style zu prägen und zu pflegen. Zweitens ist der Workload, genauso wie die finanzielle Verantwortung hier enorm hoch und man muss immer hellwach sein, damit nicht irgendein Mist passiert, für den man sich dann berechtigterweise vom/von der Controller(in) eine Klatsche abholt ...
Wenn ich mir also die Nacht von Samstag auf Sonntag in irgendeinem Club am Mischpult um die Ohren gehauen hatte, war ich Montags im Office müde, kam schlecht mit dem Stress klar und dabei habe ich mich dann logischerweise überhaupt nicht wohl gefühlt. Deshalb habe ich dann in Sachen DJing eine konkrete Pause eingelegt und den Schwerpunkt voll auf meinen Job als A&R gelegt. Allerdings hab ich das Auflegen in den letzten 1 1/2 Jahren schon sehr vermisst und es könnte durchaus sein, dass ich auf diesem Sektor in Zukunft auch wieder aktiver sein werde, wir werden sehen.
Hast Du persönlich schon Erfahrungen mit dem "digitalen Auflegen" (Final Scratch) gemacht? Wenn ja - welche? Wenn nein - interessiert dich die Technik trotzdem?
Ich habe es persönlich noch nicht ausprobiert, aber Leuten wie Steve Bug oder Thomilla über die Schulter geschaut. Am Anfang konnte ich es überhaupt nicht glauben, dass das funktioniert. Es ist ja auch der absolute Wahnsinn, was die Technologie heute möglich macht, das fasziniert mich ungemein. Ich spiele zur Zeit mit dem Gedanken mir das System zu kaufen und die Highlights meiner kompletten Tonträgersammlung dort zu archivieren.
Apropos digitale Musik-Files: Woran spürst Du bei Universal, dass die Umsätze als auch die Verkaufszahlen im Musikgeschäft eingebrochen sind?
Das spürt man leider schon sehr deutlich in allen Bereichen der Spendings und insbesondere auch an den Budgets, die einem für neue Künstler und Marketing zur Verfügung stehen. Wir alle müssen uns an neue Richtwerte gewöhnen und Abstriche machen. Aber es ist ja logisch, dass man als Company auf einen solchen Markteinbruch, wie ihn die Musikindustrie erlebt, dementsprechend reagieren muss und nicht so tun kann, als wäre alles wie früher. So ignorant sollte man nicht sein und das verstehen auch die Künstler und ihre Managements. Aber zugegeben, weh tut es uns allen schon gleichermassen.
Wie könnte die Zukunft der Majors im Musikbusiness aussehen?
Einige sagen die Majors werden verschwinden und 1 Million Indies werden in einem fein verzweigten Netzwerk die Musikwelt regieren, andere behaupten das Gegenteil, ich denke die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Dass die Majors verschwinden werden, halte ich für kompletten Unsinn. Ich glaube aber schon, dass sich die Strukturen im Musikbusiness in den nächsten Jahren weiter konkret verändern werden. Wie genau, darüber möchte ich jetzt hier nicht spekulieren, weil der Veränderungsprozess von einer Vielzahl von Variablen abhängig sein wird.
Kannst Du dir vorstellen, dass in 5 Jahren keine physischen Tonträger mehr verkauft werden, also alles nur noch digital vertrieben und verkauft wird?
Nein, das kann ich mir nicht vorstellen, weil es meiner Meinung nach immer Leute geben wird die Spass daran haben einen Tonträger "ihres" Künstlers oder "ihrer" Band zu kaufen und zu sammeln. Dazu gehört neben der Musik dann auch der Tonträger selber, der ihr Regal schmückt und den sie gerne in der Hand halten und studieren und der ihnen die Möglichkeit gibt, sich intensiver mit der Musik zu beschäftigen. Es ist nach wie vor ein Unterschied, ob ich mir Infos aus dem Netz ziehe, oder ob ich ein Booklet lese, während ich mir eine neue Scheibe anhöre und so wird es auch immer sein. Könnte schon sein, dass ich hier zu sehr von mir als Musik-Freak auf die Allgemeinheit schliesse, aber wie gesagt, ein totales verschwinden von physischen Tonträgern halte ich dennoch für utopisch.
Seit dem 1. Oktober 2003 senkt Universal in den USA die CD-Preise um ca. 30 %. Kannst Du dir das auch für Deutschland vorstellen?
Das ist so eine vertrackte Kiste. Auf der einen Seite ist es klar dass die Menschen bei schwacher Konjunkturlage nur begrenzt bereit sind, Geld für Luxus und Entertainment auszugeben und dazu zählen auch CDs, die, zugegeben, nicht gerade billig sind. Auf der anderen Seite hat die Musikindustrie aber eben so sehr mit illegalen Downloads und Piraterie zu kämpfen und es sind schon so viele Köpfe gerollt und gab schlimme Einzelschicksale, dass man nicht so ohne weiteres auf 30% des Umsatzes verzichten kann in der Hoffnung, der dadurch angestrebte Mehr-Absatz von Tonträgern würde sich auch 1:1 in die Realität umsetzen lassen und den Umsatzverlust locker kompensieren, da sollte man vorsichtig sein. Würde ich jetzt sagen "ja klar, runter mit den Preisen auf Teufel komm raus!", müsste ich mir auch die Frage gefallen lassen, ob mir mein Arbeitsplatz egal ist. Ist er das? Nein.
Was könnte die Talfahrt der Verkäufe stoppen: Eine Imagekampagne, einschüchternde Gesetze, Verurteilungen, neue Angebote?
Ich will ja hier nicht zu krass rüberkommen, aber es sollten in Sachen Strafrecht auf jeden Fall mal ein paar Exempel statuiert werden und damit das Bewusstsein von chronischen, illegalen Downloadern und CD-Piraten dahingehend geschärft werden, dass es illegal ist, was sie tun. Die meisten sind sich dessen ja gar nicht bewusst, dass da vielen Menschen geschadet wird. Angefangen beim Künstler, der die paar Euro Fuffzich die er noch verdient, besser in Hartkekse und Doseneintöpfe investiert, als in neues Studio-Equipment, über Plattenfirmen, Managements, Studios, auch Clubs und Bookingagenturen ... alle sind äusserst negativ betroffen. Wieviele kleinere Labels sind schon den Bach runtergegangen? Das alles frisst an der Substanz der deutschen Musikkultur, und man darf sich auch nicht wundern, wenn grössere Firmen versuchen, mit TV-Platformen Umsatz zu machen, um am Ende des Monats keine weiteren Leute entlassen zu müssen. Ich bin sicher kein Fan von Casting Shows, aber als Mitarbeiter einer Major-Company stehe ich dazu und muss auch keinen grossen Spagat machen, weil solche Entwicklungen nicht von ungefähr kommen und für mich nachvollziehbar sind. Horche ich allerdings tief in mein Herz hinein, so werte ich auch den Casting Boom irgendwo als ein Armutszeugnis für die deutsche Musikkultur, es geht dabei ja lediglich um die Emotionalisierung der Fernsehzuschauer durch die Interpreten und nicht wirklich um Musik....die ist dabei recht nebensächlich und das ist schade. Leider befinden wir uns da momentan in einer Art Teufelskreis.
Neue Angebote wie Popfile und itunes, oder die Dance-Platform die von Kontor in Zusammenarbeit mit vielen anderen Indies ins Leben gerufen wurde, sind meiner Ansicht nach sehr gute Ansätze und der Erfolg von itunes in Amerika hat gezeigt, dass in diesem Bereich auch auf legaler Basis eigentlich alles möglich ist. Diese Erkenntnisse sind die hellen Lichter am ende des Tunnels - richtig amortisieren werden sich diese Angebote aber erst auf lange Sicht.
Ich hörte, dass man bei Universal zur Zeit ganz verstärkt auf Künstler setzt, die Alben verkaufen können. Also weg von den "One Hit Wondern". Warum der Sinneswandel?
Siehe Antwort zu Frage 1.
Hast Du noch Kontakt zu Deinem langjährigen ehemaligen Arbeitgeber Superstition?
Aber natürlich! Die 7 Jahre bei Superstition waren nicht einfach nur ein Job, sondern eine echte Herzensangelegenheit. Ich habe mich immer mit dem, was ich dort zusammen mit Superstition-Chef Tobias Lampe gemacht habe, absolut identifiziert.
Tobias und ich sind sehr unterschiedliche Charaktere. Er ist der kühle Denker und Analytiker, sehr intelligent, verantwortungsbewusst und zielstrebig. Ich bin eher der kommunikative, emotionale Part in dieser Konstellation gewesen und wir beide haben uns immer bestens ergänzt. Wir haben auch manchmal recht kontrovers diskutiert, aber wir haben uns immer gegenseitig respektiert und vertraut und können uns auch heute noch 100% aufeinander verlassen. Ich bin sehr gerne bei Superstition gewesen und als ich mich am letzten tag von Tobias verabschiedet habe, hab´ ich geheult ... Aber ich habe gespürt dass ich auf zu neuen Ufern muss und mein Weggang letztendlich auch positiv für die Firma war, weil dann eben anschliessend mit neuen Leuten auch frischer Wind reinkam.
Welche Highlights an Veröffentlichungen können wir noch in diesem Jahr von Universal im Dancebereich erwarten?
Nachdem die Polydor ja nun kein Dance mehr macht, sind ab 01.01.2004 alle Dance-aktivitäten von Universal bei Urban unter dem Dach von Universal Strategic Marketing (USM) zusammengefasst, das Kopplungsgeschäft inklusive. da gibt es seit 1.1.04 unter der Führung von Urban-Chefin Sultan Alkan ein klasse Team, dass die Dance Szene in Deutschland gehörig aufmischen und eine Vielzahl von Hits ins Rennen schicken wird, da kann Dance-Deutschland sich drauf freuen. Ja, Dance-Deutschland - das wird es immer geben, allen Unkenrufen zum trotz.
Das Interview führte M. Seifert im Januar 2004.
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