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Armand van Helden Interview
Ältere Interviews von April - September 2001 September 2001 - Juli 2002 August - Juli 2003 Juli - Dezember 2003 Januar - Juni 2004

Mit dem Hit "You Don't Know Me" startete er im Jahre 1999 letztendlich komplett durch und gehört heute zur ersten Liga der DJs, Remixer und Produzenten im Housebereich. Remixe für Faithless oder die SneakerPimps, Dj-Battles mit Fat Boy Slim, die schon legendär sind, und Verkaufszahlen im sechsstelligen Bereich sprechen für sich. Der Mann ist ganz vorne mit dabei: Armand van Helden. Als Sohn einer Frankolibanesin und eines US-Soldaten niederländischer Abstammung verbringt er seine Kindheit auf diversen amerikanischen Luftwaffenstützpunkten und lernt so die Welt kennen. Früh entdeckt er seine Liebe zu Hip Hop und später zu House Tunes, die seine Aktivitäten als DJ vorantreibt. Während seiner Collegezeit in Boston startet er eine Residency im dortigen Loft Club und verhilft diesem zu einem reichen Bekanntheitsgrad. Jedoch bald hat Armand dort die Grenzen seiner Entfaltungsmöglichkeiten erreicht und zieht in die Stadt, die niemlas schläft, New York, um seine Karriere an diesem Ort weiter voranzutreiben.

pictNach vielen Versuchen gelingt es ihm das renommierte Label "Strictly Rhythm Records" von seiner Kunst zu überzeugen und im Jahre 1994 erscheint mit "Witch Doctor" die Single, die seiner erster großer Erfolg sein wird. Kurze Zeit später kommen einige Remixanfragen ins Haus und durch die Neuüberarbeitung von Tori Amos' "Professional Window" landet er den Knaller, der ihm weltweites Gehör verschafft. Nun sind auch die ganz Großen heiß darauf, dass er ihre Stücke veredelt. CJ Bolland, die Sneaker Pimps, Daft Punk oder gar Janet Jackson und The Rolling Stones geben sich die Klinke bei ihm in die Hand. Nach einiger Zeit stellt er dann aus persönlichen Gründen das Remixen ein, da es ihm zuwider ist chartorientiert zu arbeiten. Er ist und bleibt ein Rebell, der auch oft als "Bad Guy" der Houseszene gesehen wird. Unterdessen arbeitet Armand van Helden weiterhin fleissig an seinem eigenen Sound und releast diverse Singles und Alben. Doch erst 1999 erreicht er das, worauf er so lange hingearbeitet hat. Mit dem Longplayer "2Future4U" präsentiert er sich als erfolgreicher Producer und die Singleauskopplung "You Don't Know Me" wird sogar zu einem #1 Hit, was mehr als 350.000 verkaufte Exemplare belegen.

Weiter geht's 2000 dann mit "Killing Puritans", das zwar nicht an den Vorgänger anschließen kann, jedoch trotzdem mit der Single "Koochy" auf Platz 4 der Charts landet. Alles in allem erarbeitete sich Armand van Helden einen Ruf als vielseitiger und talentierter Houseproduzent, der immer für eine Überraschung gut ist. Nebenbei kultivierte er aber auch sorgfältig sein Image des proletenhaften DJs, der als "Bad Guy" ohne Attitüden verschrieen ist und regelmäßig mit seinem vieldeutigen Humor aneckt.

pictNun erscheint "Ghandi Khan", seines neuestes Werk. Dazu gab es schon im Herbst letzten Jahres die Single "Why Can't You Free Some Time", die schon einen kleinen Vorgeschmack darauf offenbarte, was den Zuhörer so erwarten würde. Zuerst war der Veröffentlichungstermin für den Longplayer auf Herbst 2001 festgesetzt, wurde dann jedoch nach den Ereignissen des 11. Septembers auf März diesen Jahres verschoben, um letztendlich Ende April zu erscheinen. Erschwerend kam da noch sein kurz vor dem Attentat in die islamistische Richtung verlagertes Image zusammen mit dem Halbmond-Logo seines Labels und seiner eigenen, arabisch-orientierten Modemarke mit dazu, das ihn wohl zu einem Innehalten und Abwarten bewogen.

Doch am 29. April war es dann endlich und endgültig soweit und das Album fand den Weg in die heimischen Plattenläden. In einer eklektischen Mischung verschiedener, kultureller Musikstile, gepaart mit seinem vieldeutigen, provokanten Humor, präsentiert Armand van Helden auf "Ghandi Khan" seine gesamte Bandbreite an künstlerischem Potential. Von asiatisch über spanisch bis hin lässigem Funk ist so alles dabei, was man sich, oder auch nicht, aus seiner Feder vorstellen kann. Als Krönung gibt er auf diesem Werk zum ersten Mal seine eigene Stimme zum besten.

Allein schon das erste Anhören der Scheibe war für Techno Online Grund genug, sich die Mühe zu machen und mit dem Bad Guy ins Gespräch zu kommen. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten, wir bekamen Worte, wie "Can you call me later.." oder "Sorry I'm busy at the moment" bis hin zu "The person you are calling is not available at present...", gelang es uns endlich in an den Hörer zu bekommen und mit Armand van Helden über das Album, die House Musik, Gott und die Welt zu sprechen. Dabei stellte sich heraus, das hinter der augenscheinlichen "Bad Guy"-Fassade ganz was anderes steckt.

"Ghandi Khan", seine neue CD, ist mal wieder ganz in seinem Sinne rough produziert und nicht bis ins kleinste Detail sauber ausgearbeitet. Dies ist einfach sein Stil. Er gehört nicht zu den Leuten, die ihren Sound x-mal überarbeiten, bis jede Kleinigkeit korrekt ist, sondern für Armand ist das spontane Produzieren die Hauptsache. "Meine Musik entsteht aus dem Bauch heraus. Es ist etwas spontanes, intuitives. Ich lasse meine Gefühle sprechen und mit einfliessen. Sobald ich einen Song fertig habe, wird er aufgenommen und dann ist er fertig. Nicht wieder und wieder überarbeitet. Somit gehe ich auch nicht nach einem Konzept vor oder überlege mir große Statements und Messages, die in meinen Songs enthalten sind. Ich produziere auch die Musik nicht, damit sie anderen Menschen gefällt. Entweder hören sie sich die Platten von Armand van Helden an oder nicht. Beides ist gut!" Erneut ein Anzeichen für den Rebell, der sich dem geläufigen Prinzip der kommerziellen Musik versucht zu verschließen. Genauso legte er nach so vielen verschieden Kooperationen mit den unterschiedlichsten Musikern Wert darauf, dass der Longplayer nur unter seinen eigenen Händen entstand. Folglich musste er auch für die Vocals höchstpersönlich ran ans Mikro. "Ich habe schon so viel mit anderen Künstlern zusammengearbeitet, dass es jetzt Zeit war, alleine anzutreten. Ich wollte mein eigenes Ding machen, wo mir keiner dazwischenfunken kann. Außerdem ist es heutzutage in der Musikbranche viel zu sehr verbreitet, jemanden zu featuren, nur um somit die Verkaufszahlen hochzutreiben. Das ist nicht mein Stil! In dieses System des roughen Produzierens passen auch die teils witzigen "Fill Ins", die laut seiner eigenen Aussage so ganz spontan beim Erstellen der Tracks oder beim ersten Vorspielen zustande kamen. "Man sitzt zusammen im Studio und spielt seinen Freunden zum ersten Mal den neuen Track vor oder macht einfach nur Scheiss und albert rum. Dabei entstehen die lustigsten Situationen mit schräger Komik, die dann aufgenommen werden. Ich fand solche Auflockerungen passen sehr gut zum Rest der Platte. Es ist und war einfach eine ziemlich lustige und spontane Geschichte..."

Von den asiatischen Vocals in "Ghandi Khan" oder der spanischen Gitarre bei "Doo Voodoo" bis hin zu den "Dirty Beats" und dem vieldeutigen Text auf "Robots Are Cumming", es sind die verschiedensten Einflüsse zu erkennen. Armand van Helden, der wahre Kosmopolit. "In dem Album sind einfach alle Seiten und Facetten meiner selbst zu sehen. Dies gehört alles zu mir, das bin alles ich. Durch die Musik kann ich dies zu Tage tragen und präsentieren. This is 100 % Armand! Das ist auch einer der Gründe, weshalb mir das Produzieren mehr liegt und viel wichtiger ist als das Auflegen. Als DJ arbeitest Du in erster Linie mit der Musik anderer Leute, die also kein Teil von Dir ist. Du bist zwar noch dafür zuständig die Platten schön aneinander zu reihen, jedoch ist das auch schon alles. Dagegen liegt in meiner Musik alles, was mich als Person ausmacht und charakterisiert. Es ist viel interessanter, sich in eigenen Produktionen zu verwirklichen. Aus diesem Grunde habe ich auch das Auflegen stark zurückgestellt. In der Produktion sehe ich meine Zukunft. Daneben gibt es dann noch das Problem mit dem Label, auf dem Du Deine Songs veröffentlichst. Wieder treten Leute in Erscheinung, die Dir sagen: 'So und so soll es klingen!' Damit ich da nicht mitmachen muss, habe ich mit Armed Records mein eigenes Plattenlabel gegründet, worauf ich das releasen kann, was ich gerne releasen will. So veröffentlicht WEA mein Album in Europa nur auf CD und wer meinen Stuff auch für den Plattenteller haben will, der muss sich an Armed Records wenden. Jedoch bleiben unsere Produkte im amerikanischen Bereich zu kaufen und werden nur als Import in den anderen Länder erhältlich sein.."

Wenn wir jetzt schon einmal bei seinem Label sind, kommt auch noch gleich die Frage auf, wie ist es denn im Moment mit seinen Aktivitäten als Remixer und der darauf ausgerichteten "Abteilung" seines Labels, X-Mix, steht. Unter diesem Namen verbirgt sich ein Remix-Service, der gegen gute Bezahlung von Deinem Track eine Neuüberarbeitung anfertigt. So hat Armand auch durch seine Remixe für diverse Künstler, die nicht unbedingt aus dem Housebereich waren, seinen Bekanntheitsgrad gesteigert. So finden sich nicht unbekannte Namen, wie Dee-Lite, New Order, Deep Forest, Jimmy Sommerville, Daft Punk, Janet Jackson, Rolling Stones oder Tori Amos auf der Liste jener, für die er noch einmal Hand an deren Tracks legen durfte. Doch dies hat sich alles geändert war es damals noch eine Geldsache und diente es der Finanzierung andere Aktivitäten, so hat er nach eigenen Worten das Remixgeschäft ganz eingestellt. Seine eigenen Produktionen stehen jetzt im Vordergrund. Ausserdem ist dieses kommerzielle "Ausschlachten" durch Remixe ihm mehr als zuwider. Genauso würde er auch Songs wie "You Don't Know Me", der schon leicht in die Poprichtung tendierte, heute nicht mehr produzieren Erneut der Rebell...

Neben all seinen Eskapaden, Eigenheiten, Kanten und Geschichten, nicht nur gute, zählt er mit zu den innovativsten DJs und Producern, die die Houseszene so zu bieten hat. Mit "Ghandi Khan" stellt er dies ein weiteres Mal gekonnt unter Beweis. Doch wie denkt er über die amerikanische Houseszene, dem Ursprungsland dieser Musikrichtung. "Es tut sich einfach nichts in diesem Sektor. Der gleiche Scheiss wie noch vor Jahren! Es geht auch nicht mehr um die Musik, sondern mehr um Style und andere Dinge. Deshalb gehe ich hier in New York auch so gut wie nie weg, da es mich alles ziemlich schnell langweilt. Da fehlt der neue Wind! In den USA ist die Danceszene allgemein etwas mehr im Hintergrund als in Europa. Hier zählt nur Hip Hop und Rock. Das fördert nicht gerade die Entwicklung neuer Einflüsse."

pictMit dem "Halbmond und Sichel"-Logo, das für sein Label steht, hatte sich Armand van Helden ziemlich eindeutig in eine islamistische Richtung orientiert, die nach dem 11. September nicht gerade den besten Ruf genoss. So wurde auch sein für den Herbst geplantes Release auf den jetzigen Zeitpunkt verschoben und er selbst sagte auf weiteres alle seine Termine außerhalb von Amerika komplett ab. Fälschlicherweise wurde damals einige unerklärliche Gerüchte in die Welt gesetzt, es gäbe Symphatien von Armands Seiten gegenüber den Attentätern und nur deshalb würde er sich jetzt auch zurückziehen. Was natürlich falsch ist. Wohnhaft in Manhatten kam er hautnah mit den Ereignissen in Kontakt und wurde dadurch etwas aus der Bahn geworfen. Auf irgendeine Art und Weise wurde jeder von uns durch diesen Tag verändert.

"Die Platte war schon seit einem Monat vollendet, bevor sich diese schrecklichen Dinge ereigneten. Somit besteht dazwischen auch kein Zusammenhang. Jedoch der 11. September hat das Gesicht der gesamten Welt verändert. Es hat jeden beeinflusst. Natürlich gibt es genügend Leute, die es schon längst wieder verdrängt und abgetan haben, aber die Veränderungen sind einfach überall spürbar. Jeder muss der Tatsache auf seine eigene Art und Weise begegnen und sie verarbeiten. Ich persönlich schwanke immer wieder zwischen Verdrängen und dem bewussten Verarbeiten. Ich befand mich gerade hier in New York in meiner Wohnung und schlief vor laufendem Fernseher. New York ist eine wirklich große Stadt, deswegen habe ich auch zu anfangs nichts mitbekommen. So gegen 14.00 bin ich dann aufgewacht und nur noch statisches Rauschen war zu sehen, auf keinem Sender. Also ging ich in ein anderes Zimmer, wo ich Satelitten-TV habe, und schaltete das Gerät an. Die Bilder die ich sah, erschreckten mich und tun es noch heute. Alles hat sich geändert! So herrschte zu der damaligen Zeit großes Chaos in der Musikindustrie, keiner wußte genau, wie es jetzt weitergehen würde. Dementsprechend wurde der Veröffentlichungstermin für "Ghandi Khan"einfach auf ungewiss verschoben. Jeder hatte auch Angst davor zu fliegen, folglich gab es auch keine Gigs in Europa." In New York geht nun alles wieder seinen fast normalen Lauf und auch Armand van Helden fliegt wieder durch die Weltgeschichte. Doch überall ging ein Ruck durch die Gesellschaft.

Mit diesen Worten beenden wir unser Gespräch mit dem angenehmen und gesprächigen "Bad Guy" aus New York und wünschen ihm noch alles Gute für die Zukunft und seine Musik. Mal wieder waren es nur die Stories, die ein Bild schufen, das doch nicht der Realität entspricht.

JK / Techno Online

Aktuelles Album: Ghandi Khan

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