Loveparade/Love Week 2004/Fight The Power
Demo Fight The Power am 10.7.2004, 2. Juliwochenende
Veranstaltungsort: Kurfürstendamm in Berlin
Demonstrationsname: Fight The Power
Teilnehmer: 25.000
Wagen: 6
Bericht zur Fight The Power Demo am 10. Juli 2004 in Berlin geschrieben und miterlebt von Mirko Seifert.
Eine Demo auf dem Kudamm. Schon etwas ungewöhnlich, suchen sich viele demonstrierende das Brandenburger Tor oder die "Unter den Linden" als Prosteststrecke aus. Doch diese Demo auf dem Kudamm mit Musik und Redebeiträgen hatte den Ort nicht ohne Grund gewählt. Hier entstand, noch zur Zeiten der Berliner Mauer, die Loveparade. Das war 1989. Hier war die Loveparade bis 1995 zu Hause. Hier feierte die Loveparade ihre heißesten Umzüge. Ein Ort also, der für die Loveparade so immens wichtig war.
Angemeldet Anfang Juni 2004 und damit in Rekordzeit hochgezogen. Erst zur Versammlungsbehörde, dann die eigenen Leute startklar gemacht und noch die Medien informiert. Fight The Power war schnell Gesprächsrunde. Und alle unterstützten die Demo.
Der Tag selber war ein ganz normaler Sommertag. Von Hitze war nichts zu spüren, im Gegenteil, es sollte gelegentlich regnen.
Reichte zu Beginn eine Fahrspur, so war die Situation nach 30 Minuten eine andere. Viele drängten auf die linke Fahrrspur zu den verdutzten Fahrern. Die meisten hatten ihre Scheiben heruntergelassen und fuhren im Schritttempo mit offenen Mäulern den Kurfürstendamm entlang. Musik und kreischende Menschen - war heute Karneval?
Die Teilnehmeranzahl war, wie gewohnt, keine einheitliche offizielle Zahl. Es schwirrte zu Beginn die Zahl 5.000 umher. War von der Polizei. Okay, 5.000. Doch da lief noch nicht mal Musik. Hatte da schon Fight The Power begonnen? Da sich der Demozug langsam aber stetig bewegte und immer mehr Menschen aus den Straßen dazuströmten, konnte das natürlich kein Mensch zählen. Also nicht wie die Besucherzähler in den Einkaufszentren mit ihrem Stuhl und Zählgeräten. Die habe ich hier nicht gesehen. So wuchs die Teilnehmerzahl rasch. Schon musste der ganze, breite Kudamm für Fight The Power geöffnet werden. 5.000 Menschen reichen da nicht aus. Und dann vor der Gedächtniskirche. Ein Meer an Menschen. Wer 1994 und 1995 dabei war kann Vergleiche anstellen. Ich war dabei. Die ganze Zeit. Also waren es mehr als 10.000, ja mehr als 20.000. Aber 50.000? Nein. Hab sie aber nicht alle zählen können.
Was wurde denn nun aus dem Music Day, der um 14.00 Uhr an der Siegessäule stattfand. Ich war da, und schnell wieder weg. Was ich sehen wollte und kann ist mit einem Satz zusammen zu fassen: Es waren so wenig Leute anwesend, das es den Veranstalter frustriert haben muss.
Die Reden bei Fight The Power wurden ausschließlich auf dem Wagen der Partysanen gehalten. Die Partysanen sind immer noch für deutsches Bier. Auch ohne Loveparade. Geschützt vor dem Regen machte Tom Novy die Anmoderation und die Akteure, die vorher feststanden, hielten ihre Reden. Der Tom machte das auf die lockere Art, hat er bestimmt von seinen MTV Moderationen mitgenommen. Sein Käppi nahm er nicht ab.
Die Wagen. Oder Trucks. 1994 waren es Wagen, bald darauf aber Trucks. Doch heute waren es Wagen. Sie verkrafteten nicht mehr als 4 Personen auf einmal (inklusive Deejay- und Lautsprächerausrüstung). Der erste Wagen war der von Vandit. Paul van Dyk steht dahinter. Als es regnete kämpfte es sich seinen Weg durch die Massen. Der zweite Wagen hies Orga-Bus. Abkürzung für Organisationbus. Da waren Kamerateams und Vips drauf. So ein Doppelstockbus mit offenem Dach. Der dritte Wagen der von den Partysanen, gefolgt von Low Spirit, Bpitch Control und Tresor. Es gab also 5 Wagen mit Musik und einen der Organsitoren.
Musik wurde auch gespielt. War heute aber nebensächlich. Wer feiern wollte konnte das heute mit einer Dusche von oben verbinden. So ein Wagen war halt kein Truck. Die Soundanlage fiel dementsprechend kleiner aus.
Ein Regenschauer der heftigen Art überraschte in diesen Tagen niemand. Gegen 17.20 Uhr regnete es heftig, aber die Sonne sollte gegen 18.00 Uhr obsiegen. Danach blieb das Wetter stabil. Es war schon ein komischer Anblick: soweit die Augen blicken konnten Menschen. Vor der Gedächtniskirche und auf dem Kurfürstendamm. Eine Veranstaltung mit Musik, mit Trucks und tanzenden Menschen. Aber ein Loveparade war es eben nicht. Es war eine Demo. Mehr Demo als vor 10 Jahren, als die Loveparade eine Demo war. Doch damals redete niemand. Keine Motte Ansprache gegen 20.00 Uhr, keine Redeeröffnung oder der Abschluss. Keine von der Versammlungsbehörde festgelegten Redesprechzeiten wie heute von 15 Minuten pro Stunde. So ändern sich nicht nur die Zeiten, sondern auch die herrschende Meinung. Und die h. M. war halt der Meinung - 1994 - das Redebeiträge auf Demos nicht unbedingt notwendig sind. Heute wurde darauf geachtet. Doch im Vergleich mit dem CSD - immer am letzten Samstag im Juni in Berlin - wurde weit weniger geredet, und es war auch eine Demo.
Demo hin oder her. Am Ende des Demozuges fuhr die Polizei und dahinter die BSR.
Auch so: es gab zwar Trillerpfeifen, aber keine Spritzpistolen. Es gab Bier, aber keine Kondome. Es gab keine Strassenverkäufer aber keine Drogendealer. Keine Toten und Verletzten. Nur Touristen, die ihren Kleinstkindern die Ohren zuhielten. Keine TV Station übertrug live.
Fazit:
Im Rückblick muss die Frage aufgeworfen werden, ob Fight The Power eine Ersatz-Loveparade war und damit mit der Loveparade-Geschichte zugerechnet werden kann. Vieles spricht für eine Ersatz-Loveparade: Der Demostatus (freilich nur für Fight The Power), die historische Streckenführung, der Aufbau, die Atmosphäre und ein Teil der Organisatoren.
Doch einiges spricht auch dagegen: in die Loveparade-Annalen der Firma Loveparade wird Fight The Power nicht eingehen. Der Demo Status wurde der Loveparade aberkannt, die Teilnehmeranzahl war nicht "Loveparade würdig". Dennoch hat die Demo Fight The Power diesen Platz an dieser Stelle eingenommen, weil sie quasi als Lückenfüller im Jahr 2004 die Loveparade und ihre Probleme in die Erinnerung der Menschen rief.
Ton- und Textdokumente:
Reden "Fight The Power"
bedingte annehmbare Qualität; als mp3 File downloadbar
Dr. Motte Boris Eichler Prof. Ronald Hitzler Peter Maibach Tom Novy
Reden als Text:
Oliver Tatsch, Dr. Motte, Boris Eichler
Resümee-Interview
Bob Sharestani (Veranstalter der Demo) gute Qualität; als mp3 File downloadbar; aufgezeichnet am 10.7.2004
Interviews Thema: Loveparade Up & Downs
Tom Wax | Tanith | Cess | Leila Abu-Er-Rub | Emerson | Cio D'or | Onyx
Thema: Love Week/Veranstaltungen/Demos
Love Week |
Bob "Fight The Power" Demo |
Kay Neumann/Music Day 2004
Paul van Dyk/Love From Above |
Oliver Tatsch/Ostfunkberlin
Chronologie der Maßnahmen für die Absage Loveparade 2004 in Berlin
31.10.2003: Loveparade - Schwierigkeiten bei der Finanzierung 2004:
"Wir allein können die Veranstaltung nicht finanzieren", bedauert Fabian Lenz in der Berliner Zeitung. Ausserdem wird er zitiert: "Es ist unwahrscheinlich, dass die Love Parade ohne Mitwirkung der Messe Berlin oder anderen Sponsoren weitermachen kann", sagte Love-Parade-Chef Fabian Lenz dem KURIER."
26.01.2004: Erste Tunnel-Loveparade-Tickets zu erwerben: Der Tunnel beginnt schon früh mit dem Verkauf der Loveparade-Tickets, obwohl die Veranstaltung selber noch gar nicht bestätigt ist.
17.02.2004: Anmeldung für Floats (Wagen) läuft an
01.04.2004: Loveparade startet eigenen Online-Shop (http://www.loveparade-shop.com)
13.04.2004: Gerüchte und Meldungen sind im Umlauf, das die Loveparade 2004 eventuell nicht stattfinden wird (Spiegel.de: "Aus für Love Parade?").
14.04.2004: Pressemitteilung der Loveparade Berlin GmbH: Keine Loveparade Berlin 2004. Es fehlen 700.000 Euro für die Organisation der Party.
Unterschiedliche Aussagen der Beteiligten zur Absage: So Fabian Lenz (Berliner Zeitung 17.04.2004): " 'Monatelang heißt es, die 1,2 Millionen Euro für die Organisation sind unbedingt notwendig.' Nun, wo alles auf der Kippe stehe, spreche Regitz von Spielräumen." Ralf Regitz dazu: "Der Zug ist noch nicht abgefahren. Hinter den Kulissen wird viel geschwitzt und heftig gerungen."
14.04.2004: Gesellschafter Ralf Regitz erklärt im Inforadio, das es am 16.4.2004 noch ein Gespräch mit dem Senat von Berlin gibt. Er gibt die Loveparade 2004 noch nicht auf.
14.04.2004: Kay Neumann meldet als Privatperson eine Demonstration ("Mit Musik gegen den Ausverkauf der Musik") auf der Strasse des 17. Juni für den 10. Juli 2004 an. Auftraggeber für die Pressearbeit ist die Agentur "Machen & Tun".
15.04. bis 14.5.2004: Fieberhaftes Arbeiten hinter den Kulissen. Meetings und Absichtserklärungen zwischen Berliner Senat, evtl. neuen Sponsoren und der Loveparade Berlin GmbH geben dem Gerücht nachschub, die Loveparade könnte doch noch am 10.7.2004 stattfinden.
16.04.2004: Kritik der Berliner Grünen Abgeordneten Claudia Hämerling: Andere erfolgreiche Veranstaltungen wie der Berlin-Marathon kämen auch ohne Subventionen und nur mit Hilfe von Sponsoren aus. Dazu Fabian Lenz in der gleichen Ausgabe: "Das ist totaler Quatsch, wir haben 250 Firmen angesprochen. ... Viele kleine Sponsoren geben in der Summe nicht mehr." Bei einer größeren Zahl von Sponsoren sinke die Exklusivität und damit der Betrag (2004: 140.000 Euro pro exklusiv Sponsor) jedes einzelnen Sponsors. (Berliner Zeitung vom 16.04.2004)
Geprüft wurde auch der folgende Vorschlag: Man sollte die Loveparade zur Eröffnungsveranstaltung der Popkomm. machen (Martin Lindner, FDP). Fabian Lenz dazu: "Die Messe Berlin und die Popkomm. waren dagegen, weil sie nur eine Messe für Fachbesucher wollen." (Berliner Zeitung vom 16.04.2004)
17.04.2004 - Berliner Zeitung: " 'Rettet die Love Parade' ist eine Initiative von Gerd Nowakowski, Ressortleiter des Lokalteils beim Tagesspiegel. Warum er die Demonstration angemeldet hat, will Nowakowski lieber nicht sagen." Herr Nowakowski zog kurze Zeit später die Anmeldung zurück.
19.04.2004: Udo Lindenberg will die Loveparade in Hamburg. In diesen Tagen meldeten sich Städte wie Leipzig, Stuttgart und München zu Wort. Udo Lindenberg: "Das wär's. In Hamburg die Love-&-Peace-Parade mit Dialog und Dance aller Kulturren und Religionen. Klasse. (Berliner Zeitung vom 19.04.2004)
München lies verlauten: "Aus touristischer Sicht sei die Parade zu begrüßen." Aus dem Etat des Fremdenverkehrsamtes seien jedoch keinerlei Mittel zu erwarten. Lediglich bei der Werbung könnte man helfen. (Berliner Zeitung vom 19.04.2004)
20.04.2004: Bei den Verhandlungen werde auch eine Umgestaltung der Parade in Betracht gezogen. "Es steht alles auf dem Prüfstand", sagt Ralf Regitz. Eine Party an der Siegessäule zu machen und sich etwa den Umzug mit Lastern zu sparen, hält Regitz aber für falsch: "Die Laster gehören zur Loveparade dazu." Fabian Lenz erklärte, dass die Wagen sowieso von den sich beteiligten Clubs und Firmen selbst bezahlt werden. (Berliner Zeitung vom 20.04.2004)
12.05.2004: Hanns Peter Nerger, Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing GmbH: Bei einer Deckungslücke von 500.000 Euro wird es schwer, jetzt noch die Loveparade zu organisieren." Weiter sagt er: "Vielleicht ist ein Jahr Bedenkzeit gar nicht so schlecht. Das Ding muss schließlich ganz neu aufgebaut werden."
Fabian Lenz im gleichen Artikel: "Man muss sich gut überlegen, ob man eine Loveparade mit weniger Besuchern und weniger Wagen will." (Berliner Zeitung vom 12.05.2004)
15.05.2004: Die Loveparade Berlin GmbH erklärt noch einmal: Es bleibt bei der Absage der Loveparade Berlin 2004!
In einem Interview mit der Berliner Morgenpost am 15.05.2004 sagt Fabian Lenz: " Berliner Morgenpost: 'Lag es an mangelnder Kompromissbereitschaft, dass die Kosten nicht gesenkt werden konnten?' Fabian Lenz: 'Wir haben lange darüber diskutiert und auch andere Produktionsfirmen beauftragt, Vorschläge zu machen. Aber schießlich fehlte trotz des Sponsors noch eine Summer von mindestens 300.000 Euro. Das Problem sind die hohen Grundkosten für den Tiergarten, die sich nicht senken lassen.' Berliner Morgenpost: 'Was soll im kommenden Jahr anders werden?' Fabian Lenz: 'Wir werden in den nächsten Tagen weiter Gespräche mit Samsung führen, um die Firma als Kooperationspartner für das kommende Jahr zu erhalten. Außerdem brauchen wir ein neues Konzept, weil die Veranstaltung so nicht kostendeckend sein kann. Auch finanziell brauchen wir neue Wege. Wir denken über eine Beteiligung der Besucher nach, beispielsweise durch eine SMS-Aktion odr den Verkauf von kleinen Souvenirs.' "
Mitte Mai 2004: Veranstalter beschliessen, die Love Week als Übergreifendes Symbol für 10 Tage auferstehen zu lassen. Die Love Week soll den Besuchern, die eigentlich zur Loveparade wollten, eine Alternative zum Feiern bieten.
Ende. Loveparade 2004 findet nicht statt.
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