
Das war etwas Neues, etwas Aufregendes, etwas, das man eigentlich nicht verpassen durfte, wenn man denn wirklich so cool war. Und so sind die Besten von damals auch heute noch mitten im Geschehen, dort, wo wirklich die spannendste Musik der Zeit gemacht wird. So ein Fall ist Rolo McGinty, ehemals Kopf der Band The Woodentops. Rolo nennt sich heute Pluto, und auch sonst hat sich in seinem Leben so manches verändert.
Die Woodentops waren Mitte der Achtziger besonders in England und Amerika eine der beliebtesten Indie-Bands. Sie hatten unaufdringliche, aber doch stark Mitsing-verdächtige Songs, und ihre Reputation als Live-Act, wo sie mit einer exzellenten Rhythmusgruppe arbeiteten, war unübertroffen, davon zeugt noch heute ihr Konzertmitschnitt "Live".
Irgendwann 1987 passierten dann aber fast zeitgleich zwei Dinge, die alles verändern sollten, vorerst aber nur Ärger bereiteten:
Rolo McGinty, der das Grundgerüst aller Songs schrieb und diese dann mit diversen Musikern zu dem vollen Sound der Band ausbaute, fand immer mehr Gefallen an den Parties, die in Londoner Warehouses jedes Wochenende statfanden. Dort veränderte sich gerade der angesagte Sound dramatisch. Statt Funk, Soul und Rare Groove wurden immer mehr von diesen komischen elektronischen Platten gespielt, die die DJs in den feinen West-End-Clubs noch als blöde Hi-NRG-Scheiße verachteten. Als die Woodentops sich wenig später nach Amerika aufmachten, wußte Rolo schon ganz genau, nach welchen Platten er dort in den Shops gucken mußte. Tyree, Jamie Principle, Todd Terry, das war der right stuff, der Rolo mehr faszinierte als Indie-Zeugs und die ersten englischen Dance-Tracks zusammen.
Noch in Amerika, meldete sich ein gewisser Paul Oakenfold bei Rolo. "Rolo, du mußt sofort mit der Band nach Ibiza kommen, wir machen hier diese Parties, und 10.000 Leute auf dem Dancefloor flippen zu eurem Why, Why, Why aus!" Rolo kehrte nach London zurück, und tatsächlich, in den sogenannten Balearic-Clubs, wo die von der Insel heimgekehrte Party-Crowd im "Shoom" den Herbst durchfeierte, um dieses Sommer-Of-Love-Feeling niemals zu verlieren, spielten die DJs einen verwegenen Mix aus Yello, Chicago-House und eben Woodentops-Platten. Rolo versteckte sich auf der Toilette vor Rührung und Scham, denn eigentlich waren die Soundvorstellungen, die er in seinem Kopf hatte, schon eine ganze Ecke weiter in Richtung schwarzes Detroit und Chicago und er konnte gar nicht verstehen, warum die Partygänger auf die alten Woodentops-Platten abfuhren.
Trotzdem, seine Pläne waren klar und müßten eigentlich auch jeder Plattenfirma eingeleuchtet haben: "Why, Why,Why" als Single auskoppeln, in Ibiza Live-Gigs absolvieren und so schnell wie möglich Dancematerial raushauen. Nur - weder Rough Trade England und schon gar nicht CBS in Amerika verstanden, was da vor sich ging. Nach Ibiza habe man keinerlei Kontakte, und diesen neuen Demos, die Rolo anschleppte, das sei ja irgendwie nicht das Richtige. So erschien nur eine einzige Woodentops-Maxi im neuen Sound, die Rolo mit dem damals ziemlich angesagten englischen House-Act "Bang The Party" eingespielt hatte, und dann folgten drei Jahre Streitereien mit Anwälten, Managern und Plattenfirmenmenschen. Drei Jahre lang konnte Rolo nicht mehr legal Musik machen, er organisierte trotzdem eine Live-Tour durch Frankreich und Spanien mit Skip McDonald von Tackhead und acht weiteren Mitstreitern, die ihn - da irgendwie geartetes Backing von der Plattenfirma nicht kam - finanziell fast ruiniert hätte, brachte unter Pseudonym ein paar White Labels und Maxis bei Plink Plonk heraus, aber es sollte bis 1993 dauern, bis Rolo wieder wirklich frei war. Rolo war zwischenzeitlich fast soweit,die Musik komplett an den Nagel zu hängen, wäre da nicht dieser Abend mit Tony Humphries gewesen. Der hatte sich nämlich gleich drei Exemplare der letzten Woodentops-Maxi gekauft, und veranstaltete mit diesen öfters 20minütige Megamixe. Diese Wertschätzung vom Größten der Großen der House Music gab Rolo die Kraft, durchzuhalten, und das Selbstvertrauen, daß es nicht dämlich ist, wenn ein einstiger Rockstar Dance-Platten macht.
1993 gab es dann keine Woodentops mehr, da er keinen der Musiker bezahlen konnte, aber so sehr dies Rolo auch leid tat, so sehr paßte dies auch zu seinem neuen Leben. "Ich konnte ja nicht weiter in einer Rock'n'Roll-Band sein, wenn für mich Rock einfach keinen Wert mehr hat. Man muß an Miles Davis denken, the eternal gemini, er hat verstanden, daß Musik sich bewegt, wie das Leben und die Zeit, man muß ihr folgen und etwas Neues herausziehen. Es geht nicht darum, an etwas klebenzubleiben, das für die Tage steht, in denen du auf dem College warst. Ich bin sehr enttäuscht von all diesen Bands heutzutage, weil sie einfach nicht so intensiv sind, wie ich glaube, daß eine Band sein muß, weil sie kein Feuer spucken. Das Status-Quo-Syndrom, immer denselben Song machen. Ich war in den letzten Jahren vielleicht auf einem Pop-Konzert, und in 3 Millionen Clubs. In Clubs schauen sich die Leute nicht den DJ an, sie grooven einfach. Bei einem Gig haben sie alle 10 Pfund gezahlt, um in eine Richtung zu glotzen. Das war für mich der entscheidende Unterschied. Nicht dieses religöse Ding, mit Jesus auf der Bühne, so ein Club war viel reiner als ein Gig. Tja, das war früher, jetzt sind die Clubs genauso ugly."
Die Umstellung vom Bandkonzept zum Technomusiker viel Rolo auch nicht schwer:
"Bei den Woodentops habe ich auch immer alleine den Plant der Songs gemacht, und diesen dann zu den anderen getragen, um daran gemeinsam weiterzuarbeiten. Jetzt mache ich es genauso. Ich will im Studio nicht allein sein, ich brauche Leute, mit denen ich dort Spaß haben kann, und deshalb hole ich mir einen Percussionisten oder einen Mixer dazu. Diesen Spaß kann man auf der Platte dann riechen, wenn er fehlt, dann ist da eine Dimension zu wenig."
Auch die Live-Erfahrung auf der Bühne fehlt ihm nicht.
"Ich mache auch Pluto-DJ-Gigs, bei denen ich nur Pluto-Sachen spiele, denn es gibt schon so viele brilliante DJs, und ich habe mich immer als Künstler verstanden, der nur für sich selbst steht. Die Sets mache ich entweder allein, oder mit zwei Freundinnen, das paßt dann zusammen wie ein Puzzle. Wie haben sechs Decks, drei Mixer, das ist ein totaler Mindfuck. Glam Techno, weil sie echt cool aussehen. Und das Set ist ziemlich durchgeplant, wir proben das lange, weil es wie ein Kartenhaus ist. Wenn alle Karten richtig aufgestellt werden, ist es perfekt, wenn eine rausfällt, bricht alles zusammen. DJing ist genauso intensiv wie auf einer Bühne ausflippen."
Nur Singen und Lyrics Schreiben fehlt ihm etwas. "Gerade jetzt liegen Schmierzettel mit Texten überall um mich herum auf dem Boden. Ich habe nie aufgehört, zu schreiben, aber meine Stimme hörte sich bis jetzt nie richtig gut an zu der Musik, die ich jetzt mache. Aber das ist die nächste Sache, die ich vorhabe. Bis dahin ist es auch nicht schlecht, mal mit anderen Vocalists zu arbeiten."
Stimmt, denn der Killertrack auf Plutos ansonsten instrumentalem erstem Album "Rising" ist "Let Me Lie", für das sich Rolo Donna Jones als Sängerin ins Studio geholt hat. Rising ist kürzlich auf dem Londoner Label ITP Records erschienen, das von Ex-R&S-Mann Marcus Graham geführt wird, der auch das Honeydipped-Label besitzt.
Marcus wird von Rolo als Malcolm McLaren des Techno bezeichnet, und dessen "Irgendwann-wollen-wir-eine-Menge-Geld-haben, aber-jetzt-müssen-die-Tracks-erstmal-raus,-damit-die-Leute-ausflippen"-Attitude behagt ihm nach so viel Bullshit-Label-Erfahrung sehr gut.
Nach hervorragenden Kritiken in allen englischen Blättern hat sich jetzt hierzulande Semaphore der Distribution angenommen, so daß das Comeback des Rolo McGinty hoffentlich auch in Deutschland gelingt.