FP-Areas
Ken Ishii Ishii

Heutzutage sind das alles ungewisse, aber mögliche Positionen, und die japanische Technoszene ist mit immer neuen Releases auf Sublime, Subvoice, Sony, Torema und anderen Labeln mittlerweile schon so eigenständig wie es die argentinische Acidszene vielleicht in einem Jahrzehnt sein wird, aber die Zeit kommt für jeden.

Daß Japaner immer etwas Besonderes sind, dürfte nicht erst seit dem Manga-Hype bekannt sein. Japan hat die Kultur der Otaku erfunden, eine Lebensform, die in unendlicher Spezialisierung alles aufgreift, was bei uns vielleicht noch ein Hobby wäre wie z.B. das Gartenzwerge sammeln und darauf einen Lebensstil errichtet, in dem nichts anderes Geltung hat, als eben dieses Spezialgebiet. Abertausende sitzen in Tokio und sammeln die minimalsten Fakten über einen einzigen Bereich. Ob es die Fabrikation von Eiscremesorten betrifft oder die Produktion eines Manga-ka. Die Archive türmen sich auf und mittendrin steht ein einzelner Mensch, mit seinem Computer und ein paar Millionen sehr spezifischer Daten und Utensilien. Vielleicht ist Ken Ishii auch ein Otaku. Er selber ist sich nicht so sicher. Ein Otaku des Sounds, der, anders als die lange Tradition von sehr einfach zu erklärenden Raregroovespezialisten, auf einem Feld sucht, zu dem er selber die neusten Informationen beisteuert: >> Der Klang. >>>Elektronische Musik.

Mitten im Interview deutete ich in Richtung des Wohnsitzes von Holger Czukay, und er war für ein paar Momente ganz still und bedächtig. So ein Meister so nah. Das hat schon etwas Erhebendes. Ken Ishii kennt natürlich die Geschichte der elektronischen Musik in- und auswendig. Und sie ist untrennbar mit Deutschland verknüpft. Er ist einer dieser Menschen, die Ralf und Florian beim Vornamen nennen, ob sie ihnen begegnet sind oder nicht. Die Vertrautheit der Geschichte ist allgegenwärtig. Aber auch die Zukunft nur einen Handgriff entfernt.
Ein Interview mit ihm wird inszeniert. Man geht nicht einfach in irgendein Hotelzimmer um ihn zu treffen, sondern an jeder Tür hängen die neuen Poster zu seinem Video, das man in einer kurzen Präsentation erst einmal anschauen darf, um sich dann mit Ken darüber zu unterhalten. >>>
Getan:

Ken Ishii FP: Wie kamst du in Kontakt mit den Producern des Videos? Anime ist doch eine im Vergleich zu Techno in Japan gewaltige Industrie.
Ken Ishii: Es ist nicht irgendein Producer, sondern der von "Akira", einer der berühmtesten, ich habe ihn eher zufällig kennengelernt. Wir haben uns unterhalten und festgestellt ,daß wir ähnliche Vorstellungen hatten und da kam dann die Idee auf, das Video zu machen.
Magst Du Anime generell?
Nicht alles,stimmt schon, aber Akira finde ich sehr gut.
Warst du an der Story beteiligt?
Eigentlich hatte ich nur einen Einfluß auf das Tempo der Bilder, die Bilder selbst, die Story und all das lagen ganz bei Morimoto. Da kann man auch nicht reinreden. Der Junge in dem Video, das bin ich. Der mit dem Headset. In sehr naher Zukunft bricht die Welt zusammen und steht aus ihren Trümmern wieder auf. Diese seltsame Maschine spielt mit dem Bösen. Das ist so in groben Zügen die Geschichte. Nicht sehr stringent erzählt, aber es ist auch eher als Impression gedacht.
Magst du die extra Sounds auf dem Video?
Ich habe sie selbst gemacht, aber nur die unauffälligeren. Die Stadtgeräusche und ein paar andere. Die lauten sind nicht von mir, sondern Standards, die vielleicht die Dynamik des Tracks etwas verändern, aber das ist nicht so schlimm. Wenn man genau hinsieht, gibts da eine Stelle, in der der Hauptdarsteller mit seiner Pistole spielt und.......
Wie ist das Verhältnis zwischen deinen Tracks auf R+S und denen unter anderen Namen wie Flare auf japanisch. Labels?
Sublime ist das Label, auf dem ich im Moment in Japan die meisten Platten mache. Mit denen verstehe ich mich einfach am besten. Das hat mittlerweile ein sehr internationales Flair. Alles klappt sehr gut. Dub Restaurant macht ein ganz alter Freund von mir, aber das Label hat mit Techno eigentlich nichts zu tun. Sas ist eher so ganz freakige Musik. Und so eher orientiert an der Noiseszene in Japan. Aber da habe ich nur die erste gemacht. Obwohl ich das Label sehr mag. Die Sachen als Flare sind ja eher Dancefloor-orientiert, wenn auch in einem Stil, der vielleicht nicht so sehr wie europäischer Dancefloor ist. Es sollte schon für die japanische Szene ein eigenes Label geben, das ist auch der Grund, warum ich bei Sublime überhaupt mitmache. Die Musik soll eben einfach speziell sein.
Meinst du, daß die R+S-Sachen mehr Detroit-Beeinflussung zeigen, mehr versuchen eine Art analogen Sound in das digitale Zeitalter zu übertragen, wohingegen die Sachen auf Real z.B. viel offensichtlicher digital klingen? Wo siehst du den tatsächlichen Einfluß von Japan und japanischer Kultur in deiner Musik?
Ein bißchen stimmt das schon. Wenn auch meine Musik natürlich nicht einfach so nach Detroit klingt. Die Flare Sachen sind wie gesagt einfach sehr dancefloororientiert. Wenn es um die traditionelle japanische Musik geht, dann ist der Einfluß eher gering, ich kenne sie vielleicht ein bißchen, aber das ist keine Art von Musik, in der ich mich wirklich auskenne und deshalb glaube ich auch, daß der Einfluß nicht so groß, jedenfalls nicht so direkt ist. Es ist eher so ein Zusammentreffen von kulturellen Funktionen. In Japan werden ja immer auch, und das auch mit Tradition, viele Einflüsse aus der ganzen Welt aufgenommen. Aus diesen Einflüssen habe ich mir einige rausgepickt.
Du bist mit elektronischer Musik aufgewachsen, oder?
Mit zehn Jahren habe ich zum ersten mal Yellow Magic Orchestra gehört, seitdem verfolge ich alle Formen elektronischer Musik aufmerksam. Wie ist die Story hinter dem Titel der neuen LP: Jelly Tones. Jelly (=Gelee) ist ja eine Substanz, die keine festgelegte Form hat. Eine Substanz, die in allen möglichen Variationen auftreten kann. Das ist das, was ich auch von meiner Musik denken würde.
Aber du ißt sie nicht...
>>> Nein, Nein!
Wie würdest du deine neue LP im Vergleich zu den anderen auf R+S beschreiben, in was für einer Phase befindet sich die Musik für dich zur Zeit?
Grundsetzlich fließen in alle meine Tracks die gleichen Bestandteile, es ist die Musik, wie ich mir Klänge vorstelle. Eine sehr präzise Art des Übergangs zwischen meinen Vorstellungen und dem Resultat. Der Hauptunterschied zwischen dem letzten und diesem neuen Album ist vielleicht, daß man von dem vorher sagen konnte, daß es geht, läuft, was das Tempo angeht, und das neue, das rennt eher, rast. Es ist ein ziemlicher Unterschied in der Bildhaftigkeit der Musik. Ein grundlegender Unterschied ist es allerdings nicht, weil immer genau das passiert, was ich gerne möchte.
Spielt du in Japan oft live?
Nicht sehr oft. Leider. In Europa habe ich schon mehr gemacht. Im nächsten Jahr werde ich allerdings sehr viele Liveauftritte in Japan und Europa machen. Hoffentlich klappt das. Ich bin seit einiger Zeit in Japan auch ziemlich oft als DJ unterwegs. Ich spiele sehr gerne Live, auf einem rein digitalen Equipment, das ist einfacher zu handlen. Viel einfacher, viele Sounds zu haben. Mit analogen beschränkt man sich doch sehr.
Dein Lieblingsinstrument?
Roland JD 800, ein ziemlich großer Synthesizer mit ziemlich vielen Knöpfen. Den habe ich schon ziemlich lange, aber ich werde ihn einfach nicht leid. Sehr gutes Ding.
Gibt es eine Verbindung zwischen dir und der japanischen TripHop-Szene, wenn wir sie jetzt mal so nennen wollen. Du weißt schon: DJ Krush, Takemura, U.F.O. etc. ?
Mit DJ Krush, der ein guter Freund von mir ist, habe ich schon zusammengearbeitet, ich habe ihn geremixt. DJ Takemura ist zwar nicht mein Freund, aber ich interessiere mich sehr für das, was er macht. Der Kontakt ist eigentlich im allgemeinen sehr gut zwischen der TripHop und der Techno-Szene. Alles sehr schön. Glücklicherweise. > Kennst du die Boredoms?
Ja, eine ziemlich verrückte Bande!
Der Leader der Band ist mein Freund und mit denen werde ich auch bald zusammenarbeiten. Die sind wirklich alle verrückt.
Hast du die Nav Katze Remixe schon gehört?
Nein, muß ich zugeben. Weißt du, Nav Katze ist eine eher weniger bekannte Band und das klingt alles so, als hätte die Firma hinter ihnen für Promotionzwecke mal eben diese hippen englischen Remixer beauftragt. Aber gehört habe ich das nicht.
Sie sind aber sehr gut. Sehr eigenwillige Mischung.
Die Band selber ist nicht so speziell. Einfach nur eine Rockband.
Was hältst du von deinen eigenen Remixen für Extra?
Ich mag den Wagonchrist Mix sehr gerne. Ich verfolge eh alles, was er macht. Die Plug Serie zum Beispiel ist sensationell. Sehr interessant. Einer meiner Lieblingsacts.
Und sonst?
Bedouin Ascent, schwierig, heutzutage, gibt es noch welche?<> Stacey Pullen. Vielleicht.
Ein japanische Band, die sich Tanzmusik nennt. Ich bin sehr wählerisch.
Was legst du auf ?
Detroitstyle, und Sachen, die von Detroit inspiriert sind. Nicht unbedingt Tanzmusik, sondern eher seltsame Sachen, die allerdings, so hoffe ich, vielleicht darurch zum Tanzen anregen.
Hast du schon mal auf einem großen Rave aufgelegt?
Im August hatten wir eine Party in Tokio, auf der 7000 Leute waren, obwohl es eine Mittagsparty war, und da habe ich eigentlich auch zum ersten mal die japanische Raveszene gesehen. Es war extrem heiß und die Platten haben sich gewellt, wenn man sie aufgelegt hat. Aber sehr interessant war das schon.
Fühlst du dich nicht limitiert, wenn du auflegst, würdest du dir nicht wünschen, dein Liveequipment mitzuhaben?
Wenn ich auflege, dann ist das mehr eine Art Entertainment. Ich versuche die Leute zu unterhalten. Live ist viel ernster, mehr ich selber. "Extra" ist so ein Ding, das eigentlich dazwischen liegt. Extra für Liveauftritte gemachter Track.

Was ist dein Lieblings-Kanji (>>>>>Schriftzeichen)?
Wenn es ein einfaches sein soll, dann ist mir eigentlich jedes recht.
Was sind deine Pläne für die nächste Zukunft? Speziell in Bezug auf Sublime?
Wenn die Geschichte mit Jelly Tones vorbei ist, dann werde ich wieder auf Sublime veröffentlichen. Was genau das sein wird, ist mir allerdings noch nicht so klar, obwohl ich denke, daß es mehr in Richtung Alternative gehen wird.