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Mark Gage Head

Im Staate New York, zwischen Ontario-See und Mohawk River, mitten im platten Land unter dem großen amerikanischen Himmel, liegt Rochester, die Heimatstadt von Mark Gage. Seit Gage '93 > Gravitational Arch of 10 < auf+8 veröffentlichte, gehört sein Name hauptsächlich in Form seiner diversen Pseudonyme zur Spitze der innovativen elektronischen Produzenten.

Der Weg dorthin war, wie so häufig, lang & beschwerlich. Mitte der 80er verbrachte Gage viel Zeit damit, erfolglose "wirklich kunstvolle, mentale, schräge Projekte" aufzuziehen, wie etwa aus Luftballon-Samples ein Konzert zu arrangieren. Diese Arbeit vermittelte ihm neben tieferen Einblicken in die Welt des Klangs von Gummi eine verspielte und immer aufregende Art, mit elektronischen Instrumenten umzugehen und unbekannte Welten zu erforschen. Nach dem Scheitern der erwähnten Projekte ging Gage in Klausur, blieb jahrelang zu Hause an den Knöpfen sitzen und erschuf sich seinen eigenen Dampf-Raum, dessen erster Release auf einem der Alltime-Favourite Labels erschien, nachdem alle anderen Plattenfirmen, denen Mark Demos schickte, sich nie wieder meldeten.
All das liegt weit zurück, in der Zwischenzeit hat Gage in fast allen amerikanischen Großstädten Eindruck gemacht und vor kurzem als "Cusp" Space & Time, Liquids & Metals veröffentlicht.

FP: An was arbeitest Du gerade?
Mark Gage: Ich bin in letzter Zeit mit vielen Projekten beschäftigt: Rmxs für Chris+Cosey, Air Liquide, Legion of Green Men, Todd Levin… Seit Januar habe ich etwa 12 andere Sachen neben meinen eigenen gemacht, darunter auch Editier-Jobs oder Mastering.
Du bist Experte auf dem Gebiet?
Digitales Editieren ist eins der wichtigsten Elemente meiner Arbeit geworden zu sein. Seit 5 Jahren stehen die Geräte bei mir rum, also kenne ich sie ganz gut. Ich sehe die Stärken dieses Systems auch in der Komposition, aber nicht im klassischen Sinne. In diesem System wird Musik in Zeitabschnitte unterteilt und nicht in Noten. Man kann mit diesen Teilen herumspielen, in einem viel größeren Rahmen als in einem Sampler. Wir könnten dieses Telefonat mitschneiden und es komplett verbraten, um daraus einen Track zu machen. Die Geräte sind wie
Früchte, die man auspressen muß.
Es kommt nur darauf an, zu wissen, wo man am meisten Saft rausholen kann.
Mark Gage
Du lebst ziemlich auf dem Lande.
Naja - es fehlt in Rochester nicht an kulturellem Angebot - wir haben ein eigenes Symphonie-Orchester, es gibt die Eastman School of Music, die drittbeste der USA. In Rochester ist also ganz ordentlich was los. Besonders, wenn man bedenkt, daß eine Technoszene in fast keiner Stadt in den USA existiert. Unter Musik verstehen die Leute hier was komplett anderes. Colin Newman ist mit einem Freund hier gewesen und er war völlig geschockt von der Musik, die überhaupt keine Beziehung zu dem hat, was in Europa passiert. Alles dieser MTV Gitarrenrock. Sogar HipHop hat es schwer hier. Es gibt unzählige Grunge Bands, aufgemöbelte Gitarrenmucke wie in den 60ern. Für mich ist Musik ein Lernprozeß, und der findet meiner Meinung nach in der amerikanischen Rockmusik nicht statt…
Glaubst Du, daß es deine Musik beeinflußt, daß Du nicht in einer "Szene"-Stadt lebst?
Eine Menge sogar! Ich verfolge meine eigenen Interessen. Als ich begann, Erfolg zu haben, war ich sehr geschmeichelt weil ich davor ein "nobody" war. Das gute dabei ist, daß auch "Gravitational Arch of 10" Teil einer Sache war, die ich schon seit Jahren verfolgt hatte. Ich bin tätig in einzelnen der zahllosen Bereiche dieser Musik und versuche, stets anders kennenzulernen.
Deswegen die vielen Namen?
Ich habe noch neue Produktionen, die demnächst erscheinen, mit wieder neuen Pseudonymen.
Was?
(lacht) "Das kann ich nicht sagen. Alles, was ich dir sage, ist, daß es immer noch elektronische Musik ist, sich aber unter Garantie schlechter verkaufen wird als alles, was ich bisher gemacht habe. (lacht) Es ist auf der ganz obskuren Schiene. Das ist es, was mich am meisten interessiert; neue Wege zu gehen, neue Gebiete zu entdecken. Wenn ich die Gelegenheit dazu habe, lege ich auch Platten auf.
Machst Du das schon länger?
Seit 4 Jahren ungefähr, aber nur hier in der Gegend. Wenn die Kids Parties schmeissen, dann fragen sie mich manchmal, ob ich nicht auflegen will. Ich habe ab und an auch in anderen Städten aufgelegt, New York z.B.
Hat's dir da gefallen?
Das Publikum gefällt mir in New York nicht besonders. In der Mehrzahl 14jährige Crackheads, ich habe Schwierigkeiten, für solche Typen Musik zu spielen. Ich freue mich deswegen schon sehr auf Wien, ich denke, da gibt es eine ganz andere Szene als bei uns.
Was hat es mit der Information auf neuen Cusp LP auf sich; daß alle Stücke aus einer Sequenz abgeleitet wurden?
Die Musik wurde zwischen 1991 und '93 geschrieben. Wann immer ich in dieser Zeit neue Ideen hatte, rief ich diese Sequenz ab und legte sie auf verschiedene Instrumente, immer in anderen Stücken. Also hat jeder Track etwas von den anderen. Meine Idee war, alles wie aus einem Guß klingen zu lassen. Als ich am Ende alles zusammengetragen habe, war es interessant, wie gut die Tracks zusammenpaßten. Ich bin froh, daß ich diese Platte fertig gekriegt habe, denn ich tendiere leicht dazu, wenn mir etwas nicht gefällt, es auf die ganz lange Bank zu schieben (lacht). Ich habe auch die Veröffentlichung der Chris+Cosey Remixes ernstlich verzögert, um ein halbes Jahr, glaube ich. Aber ich kann Produktionen, mit deren Ergebnis ich nicht zufrieden bin, nicht weggeben.
Deine Arbeit scheint sorgfältig geplant, ist das deine Art, zu leben?
Das hat Colin Newman auch schon zu mir gesagt. Ich bewundere ihn oft für seine Art, Sachen zu sagen. Ich wünsche mir immer, ich könnte unsere Telefonate mitschneiden, um sie zu sampeln. Er sagte, daß man bei einem Mark-Gage-Track, egal, ob es Remix ist oder ein eigener Track, immer Teil hat an einer Entwicklung, daß man immer merkt, daß da noch was kommt. Jetzt, nachdem ich darüber nachgedacht habe, glaube ich, ich sollte dagegen was unternehmen (lacht).
Die Titel deiner Tracks klingen sehr bodenständig.
Ich brauche immer das Bild von einer Sache, egal, worum es geht. Bevor ich Entscheidungen treffe, mache ich mir einen Plan, suche den Standort, das Ziel, usw. Auf diese Weise kann ich die Musik entwickeln, anhand eines Motivs sozusagen. Ich bin sowieso ein ziemlich durchdachter Mensch. Ich denke viel nach, mache mir Notizen, Pläne...
Ich habe gelesen, daß Du deine Mastertapes in einem feuerfesten Safe aufbewahrst.
Nun, in diesen Dingen bin ich ganz gut organisiert, dafür in anderen weniger (lacht). Es ist einfach so, daß ich Aufnahmen von 1983 habe, die immer noch gut sind, mit denen ich noch arbeiten möchte und an denen viele Erinnerungen hängen. Ich könnte es nicht ertragen, wenn ich die verlieren würde. In den letzten Jahren habe ich mir angewöhnt, auf mein Leben besser aufzupassen. Mein Studio ist aufgeräumt, meine Papiere habe ich im Griff, meine Rechnungen sind bezahlt...
Ich bin beeindruckt.
(lacht) "...meine Steuern sind bezahlt. Das letzte Jahr war so etwas wie eine Inventur meines Lebens. Bankangestellte, Buchhalter, Anwälte, das waren meine Freunde 1995. (lacht)
Wie alt bist Du?
33. Der Großteil meines Publikums ist um die 20, die meisten meiner Freunde und Kollegen sind älter als ich. Irgendwie scheint es mir, als wäre ich nicht meinem Alter entsprechend (lacht).
Ich habe das letzte Jahr hauptsächlich mit Arbeit verbracht, da ich mein Heim und mein Studio mittlerweile sehr genieße, wenn ich die seltene Gelegenheit dazu habe. Und wenn ich darauf keine Lust habe, gehe ich oft Joggen. Die Gegend hier ist einfach wunderschön dafür. Wenn ich sehr viel zu tun habe, gibt mir das die Gelegenheit, komplett abzuschalten.
Letzte Frage: Was bringt uns das nächste Vapourspace-Album?
Ich bin noch nicht an dem Punkt, wo ich dazu was sagen möchte, habe den Überblick, die Grundlage noch nicht gefunden.
Du hast bestimmt noch nicht angefangen, was?
(lacht mal wieder) ...Nein, nein - ehrlich! Ich bin mitten drin. Aber ich habe noch nicht genügend Abstand, um es richtig betrachten zu können. Ich kann auch schlecht einschätzen, ob es modern ist, weil ich selten andere neue Sachen höre. Ich tendiere dazu, mich vom Rest der Welt abzuwenden, wenn ich zuhause bin.
Bist Du zufrieden, wie es läuft?
Wenn ich es nicht wäre, würde ich es nicht veröffentlichen. Ich bin jetzt halbfertig und weiß auch schon zu 50%, ob ich es gut finde oder nicht. (lacht richtig) Ich fürchte, das ist alles, was Du aus mir raus kriegst im Moment…
Vielen Dank trotzdem.
Auf jeden Fall bin ich froh, daß Du mich nicht nach O.J.Simpson gefragt hast.
(lacht zum letzten Mal)