10 Jahre Low Spirit
Das Interview mit Westbam


Wie kamt ihr darauf, ein eigenes Label zu machen?

Westbam: Zuerst hatten wir nicht mal die Idee, ein eigenes Label zu machen. Wir wollten vielmehr so etwas haben wie einen Plattenvertrag, doch den gabs für uns nicht. > Die Major Companies hatten eine ganz andere Vorstellung von Dancemusik. Bei den Independent Labels war Dance verpönt und galt als unwichtige Overground-Kacke. Die Idee eines Dance-Undergrounds existiert nicht. Also haben wir ein Label aufgemacht, um unsere eigene Musik, DJ-Musik, rauszubringen.

Warum habt ihr Euer Label Low Spirit genannt?

Ich wollte damals einen Namen haben, der sich nicht so disco-mäßig anhörte. Low Spirit bedeutet ja im eigenltichen Wortsinne "niedergeschlagen". Heute wird Low Spirit von vielen, die uns nicht mögen, eher mit "niederer Spirit" oder "schlechte Gesinnung" übersetzt > eine Folge schlechter Englischkenntnisse. Damals gab es den Begriff Spirit noch nicht so wie heute, wo sich hunderttausende ihre Gedanken um den richtigen "Spirit" machen.

Low Spirit war von Anfang an immer ein Label, an dem sich die Geister schieden. Und das nicht erst seit 1994, den großen Majorcharterfolgen. Warum?

Das liegt daran, daß wir mit Tanzmusik auch immer Politics gemacht haben und Bedeutung transportierten. Zum Beispiel die Idee, daß Dancemusik als Kontrapol zum Rock'n'Roll gesehen wurde, war ursprünglich eine Low-Spirit-Erfindung, die inzwischen Allgemeingut ist. Daß dies zu Kritik führt, ist eigentlich normal. Dadurch, daß Tanzmusik so polarisieren kann, hat sie überhaupt zur Jugendbewegung werden können.

Konnte man in den frühen Jahren schon ahnen, daß die Folgen von Record Art solche Dimensionen annehmen würden?

Geahnt schon, wir haben ja auch alles dafür getan.

Als 90/91 der Technohouse-Boom losging, wurdet ihr von Berliner DJs wie Tanith oder Veranstaltern wie Wolle Neugebauer kritisiert, daß Eure Platten nicht zum damaligen Aufbruch paßten. Mit Platten wie "And Party" und "The Roof Is On Fire" war damals beim Techno-Underground kein Staat zu machen...

Das war zu allen Zeiten so. Immer gibt es Leute, die mit stalinistischer Präzision verfolgen, was andere Leute so machen.
Das hängt doch immer wieder von der eigenen Geschichte ab, wie man sich selber in einer bestimmten Entwicklung bewegt. In jenen Zeiten hat man die Zusammenhänge zwischen Techno bzw. Tekknohouse und der frühen House Musik nicht gemacht. Jemand wie Wolle Neugebauer hätte ein Stück wie "And Conga", ein reines Percussionsstück, die B-Seite von "And Party" gehaßt, weil es nicht zu seiner das-härteste-was-es-gibt-Ideologie gepaßt hätte. Und macht dann Jahre später einen Tribaldingsbums auf.
Er arbeitet dann mit Percussionisten zusammen, die schon 1987 in der Macht der Nacht waren. Oder Kollege Thanatos, der damals als Tekknozidverfechter von Industrial, EBM und härtesten Acid Sound oder wie es auf den Flyern von Tekknozid heißt, nun auf einmal in der Disco steht und die Bucketheads "The Bomb" spielt. Dabei ging es auch bei "And Party" drum, traditionelle Discoelemente in einem neuen Sound Set-Up zu verarbeiten. Wie bei den Bucketheads 1995 auch....

Seht ihr Euch als Techno-Label?

Wir haben uns immer als DJ-Musik-Label gesehen und dieser Begriff ist ein anderer als Techno.
"Techno is music that sounds like machines and not machines that sound like music", ist Juan Atkins Techno Definition. Das trifft weder auf die Musik von Low Spirit zu, noch auf die Art, wie wir auflegen.

Was auffällt, ist daß es von Ende 91 bis Mitte 93 relativ wenige Low Spirit Releases gab. Low Spirit spielte zur dieser Zeit auch keine besonders wichtige Rolle in der Labellandschaft.

Der Grund dafür ist einfach. Wir haben in dieser Zeit, viel Zeit und Mühe dahin investiert, Mayday als Veranstaltung und als Forum aufzubauen und haben nicht ganz so viele Tracks herausgebracht.

Dafür sieht der gigantische Erfolg ab Anfang 1994 ja fast geplant aus. War es so, oder wart ihr vom Erfolg Euerer Musik überrascht?

Eine vielleicht noch nicht so bekannte Antwort auf diese Frage ist die These, daß seit 91/92 die ästhetischen Grundlagen für all das, was folgen sollte, weitgehend geschaffen waren. Später gings uns darum, das andere große Versprechen unserer Anfangstage einzulösen, nämlich, daß dies alles auch die relevante Populärkultur werden solle. Tatsächlich ist historisch ein "Somewhere Over The Rainbow" doch viel wichtiger als noch ein electronically correcter underground track, der nichts mehr revolutioniert hat, sondern nur noch eine Haltung verwaltet und an den sich heute keiner mehr erinnert. Der Platz eines Labels und speziell unseres Labels sollte da sein, wo die spannenden Dinge passieren.

Der Low-Spirit-Erfolg hängt damit zusammen, daß Euer Ravesound massenkompatibel wurde, auch in dem ihr selbst ein bißchen nachgeholfen habt. Wie siehst Du Ravemusik heute?

Nun, die Ravemusik wurde zum Poptrend unserer Tage. Wir nennen es schmunzelnd Eurorave. Und das man der Plattenindustrie den Weg gewiesen hat, Popmusik von heute zu machen: naja (schmunzelt), schlimm ist das auch nicht.

Derzeit wird Eurorave von kommerziellem House von den vorderen Plätzen der Charts vertrieben...

Von den vorderen Plätzen derzeit noch nicht, aber bittesehr: House ist der kommerzielle Trend dieses Jahr. Ist doch schön, daß die kommerzielle Variante der House-Musik es 10 Jahre nach House auch mal schafft in die Charts zu kommen. Nun, als angry young man hast du damals über Record Art gesagt, sie sei unpopulär, unkommerziell und unaufführbar… (lakonisch) Das stimmt heute nicht mehr. Es liegen ja auch 10 Jahre dazwischen.

Hat der Erfolg nicht die Denkweise verändert?

Es hat für uns immer der Grundsatz gegolten: Geld und Zeit spielen keine Rolle. Bestimmte Sachen lassen sich nicht aus der Welt schaffen. Und was spielt das wichtigste.... Any kick. Alles, was knallt, was spannend ist, was weiter geht.....

Wie gehts weiter mit Low Spirit und seinen vielen Sublabels?

Low Spirit wird sich verstärkt wieder zu einem künstlerorientierten Label entwickeln, dahin wo wir herkamen. Natürlich werden alle Acts wie Ravers Nature, Hardsequenzer, RMB etc, weiterlaufen. Wir werden sie als Label beratend begleiten. Es liegt an ihnen, was sie aus ihrem Act machen.

Wir fanden es schade, daß Projekte wie BUG nicht zum Ausgleich zum Major-Erfolg weitergeführt wurden.

Man darf nie vergessen, daß Low Spirit nach wie vor aus 4 Persönchen besteht, die auch nicht unlimitiert Zeit haben. Man hat so die Wahl, was man macht. Obwohl man zugegebenermaßen nichts aus den Augen verlieren sollte. Übrigens erscheint bald wieder eine BUG, sogar eine ganze BUG LP.

Im Rückblick auf all die Jahre: Würdet ihr heute was anders machen?

Nein. Gibt es keine Irrtümer, denen ihr zeitweise unterlegen seid?

Auch in der Retrospektive kann ich sagen, daß es immer die Tracks waren, die mir heute noch gefallen, die nie ganz genau auf den Punkt oder im Trend oder frei von Irrungen und Wirrungen waren. Ich freue mich über Sachen, die schräg klingen und die dann auch später kein einziger mehr gemacht hat. An den Verirrungen sieht man doch viel deutlicher, daß überhaupt gesucht worden ist. Und das gilt auch für die Zukunft: Man braucht Mut, etwas neues zu kreiieren. Puristen sind nie an wirklichen Pionierleistungen beteiligt. Ihr Feld ist das klar abgegrenzte, gut abgehangene, fest definierte Terrain, auf dem keine Irrtümer möglich sind.

Gibt es jemanden, dem ihr Dank schuldet?

Denen, die uns drauf gebracht haben: Besonderen Dank an Afrika Bambaata für seinen Death Mix, frühen Hip-Hop-DJs wie Grandmaster Flash & vor allem dem großen Kool Herc, dem Erfinder der Cuttechnik. Sie haben mir die Vision der DJ-Musik gegeben. In einer zweiten Stufe kann man dann auch noch Frankie Knuckles, Steve Silk Hurley etc. danken für die Synthese aus schwarzer und weißer Tanzmusik, die der Schlüssel zu der ersten wirklich internationalen Musikform war > House. Es mußte allerings erst aufgegriffen werden, das haben dann vor allem R&S in Belgien, Go Bang in Holland und Low Spirit in Deutschland gemacht.

Aber ist heute, zum Ende der Dekade der DJ-Musik, der DJ nicht ein Anachronismus: der DJ im digitalen Zeitalter. Hier gehts doch nicht mehr weiter. Sind technische Innovationen für DJs denkbar?

Man kann feststellen, daß der DJ-Live-Set bereits aus den frühen Hip-Hop- und Disco-Tagen, aus den frühen 70ern stammt. Seit diesen Tagen wurde immer wieder experimentiert, mal noch einen dritten Turntable, ein Keyboard, ein Effektgerät, einen 2. DJ oder was auch immer dazuzustellen. Letztenendes haben sich die meisten DJs doch mit dieser erweiterten Aufgabe doch immer etwas überfordert gefühlt. Es ist immer darauf zurückgegangen, daß am Ende der DJ mit seinen zwei Turntables und seinem Mischpult dasteht. Offenbar ist es gar nicht so einfach, die Musik, die Platten, das Publikum und die Turntables im Auge zu behalten, insbesondere, wenn man Musik und Publikum "synchronisieren" will. Alles, was sich an Weiterentwicklungen getan hat, hat sich über den Dancefloor getan. Ich glaube nicht, daß die Weiterentwicklung durch eine Addition technischer Gimmicks entsteht....

Ist für Low Spirit alles erreicht?

Nein, es gibt noch einiges zu tun. Die Raving Society hat gesiegt. Alles ist groß-artig. Der Popmarkt ist beherrscht von Technomusik, Housemusik, also der DJ-Musik, die vor 10 Jahren angefangen hat. Man kann ganz deutlich spüren, daß derzeit ein Umbruch im Gange ist. Und da sehe ich die Perspektive für unser Label, indem wir noch einmal darüber nachdenken, wie wir diese Musik noch einmal völlig neu erfinden.

Und wie solls gehen?

Es ist ja im Moment so, daß aus dieser Ursuppe der House Musik, aus der alles entstanden ist, verstärkt die alten Geister hervortreten. Z.B. der wiedergeborene Electrofunk oder auch die Relief Sachen, die doch sehr nah an die Authentizität des alten House rankommen. Das Auftauchen dieser Relikte aus den Anfangstagen der House Musik bzw. von kurz davor, ist ein Vorbote, daß ein Umbruch stattfinden wird. Die ganze Entwicklung kommt an ihre Anfänge zurück. Auch, daß heute den Leuten in der Technoszene langsam bewußt wird, daß die Roots von Techno, Hip Hop und House diese universale DJ-Kultur sind. Das ist auch ein Unterschied zu früher. Hättest du das einem Tekknozid-Raver in den James-Brown-is Dead-Tagen erzählt, dann hätte er die einen Vogel gezeigt.

Wie sieht der Umbruch aus?

Ich glaube auch, daß nichts von dem, was gerade da ist, schon ein Teil des Umbruches ist. Im Gegenteil: völliger Quatsch, wenn man jetzt glaubt, daß alles in Zukunft auf Electrofunk hinausläuft. Wie gesagt, das alles sind Vorboten einer neuen Sache. Diese neue Sache interessiert mich, aber wie die aussieht, daß kann sich im Moment keiner vorstellen. Sonst hätte es ja auch schon jemand gemacht. Aber man kann darüber nachdenken und man wird zu experimentieren haben. Hier wird Underground im ästhetischen Sinne wieder intressant. Und das ist ja dann auch schon wieder eine spannende Rolle für ein Dancelabel in dieser Umbruchsphase aktiv zu werden. Und warum nicht auch für unser DJ-Musik-Label.

Was ist Record-Art? von Westfalia Bambaataa, Berlin, 1985

Im Januar 1985 erschien dieser Text von Westbam zum Thema Record Art in einem Frankfurter Kulturmagazin.

Record-Art ist, kurz gesagt, ein Komponieren neuer Stücke anhand bereits vorhandener Platten. Die einzige mir bekannte Record-Art Aufnahme, die als Platte zu haben ist: Afrika Bambaataa live (Death Mix).
Die Methoden der Record-Art sind: das Mixen (Übereinanderlaufenlassen von Platten), das Cutten (Aneinanderschneiden von Platten) und nicht zuletzt, das "Scratchen" (das sich einer kurzen, griffigen Definition sperrt):
Keineswegs ist es nur das rhythmische "Hin- und Hergewackel", zu dem es von seinen ignoranten Kritikern gemacht und von deutschen Dilletanten-Disc-Jockeys zugerichtet wurde (Zitat eines wirklich großen Scratchers, Grandmaster DST: "They are really ruining scratching!").
Am echten Scratching hängt, neben - oder vielleicht besser: vor - der rhythmischen Akzentuierung eine neue Inhaltlichkeit; Wörter und Sätze können in eine andere Platte "hineingescratcht" werden. Neben diesem inhaltlichen Aspekt hängt, von den oben genannten Herrschaften ebenfalls unbeachtet, eine bestimmte Mixkultur am Scratchen: Ein neues Stück kündigt sich im vorherigen durch eine sequenzierte, rhythmische Abfolge eines mehr oder minder charakteristischen Wortes, Satzes, Geräusches an, ebenso können Wörter oder Geräusche in die folgende Platte isoliert fortgeführt werden (das entspricht etwa dem Vermalen zweier Farbflächen, die in einem Bild aufeinandertreffen; aber ich will nichts beschönigen: Plattenauflegen ist längst nicht so romantisch wie Malen).
Scratchen ist jedenfalls die wundervollste Erfindung, die in der Disco je gemacht wurde - der Wackel-Gag "Skrätschen" mag "out" sein, doch wer hat je davon gehört, daß eine Erfindung aus der Mode kommt ("der Otto-Motor ist jetzt out"). Und wenn ich mir diese Angst um Platten und Nadeln ansehe, muß ich sagen: Es gehört immer noch mehr Mut dazu, zu Scratchen, als dazu, einen Korg-Synthesizer auf "white-noise" zu stellen und Krach zu machen (ich habe beides schon gemacht...). "Sieh mal", sagt Monika D. zu mir (ich wähle ihr Beispiel, weil sie als Konzertmanagerin einen Namen hat und wir annehmen, daß sie urteilsfähig ist) "die ganze Rap-Kiste ist doch abgegessen" (ihre Konzerte wollen ja in der Tat mehr hip als Hip Hop sein) "man sieht auch gar keine Breaker mehr auf dem Ku'damm." Zitat Ende. Was aber habe ich mit den blonden, blauäugigen Breakern vom Ku'damm zu tun?
Record-Art ist "minimal music", sie ist unpopulär und unkommerziell. Die "Breaker vom Ku'damm" würden dem Death-Mix von Afrika Bambaataa wahrscheinlich die Goldenen Vampire vorziehen.
Record-Art ist alles andere als nett, sie ist "bad, hard and mean"; aber im Gegensatz zu Gruppen wie T.G. steht man als Record-Artist nicht vor einem Haufen wohlwollend interessierter Kunststudenten, sondern vor einem desinteressierten, betrunkenen "balzenden Pöbel" (wie ein Freund mir neulich schrieb).
Aber darin liegt zugleich die Größe dieser Kunst: Sie provoziert noch jemanden, sogar dieselben, die sich von Genesis P-Orridge ins Gesicht pissen lassen würden und es großartig fänden, fühlen sich von meiner Musik gequält. Nach derem konservativen Musikverständnis macht man Avantgarde-Musik eben mit Synthesizern und nicht mit Platten.
Auch Avantgardisten haben ein Bedürfnis nach Ordnung: Auf der Bühne wilde Männer, die mit Eingeweiden werfen, in der Disco Schergen, die den Schrott von Section 25 auflegen und danach Nag,Nag,Nag, unzensiert, sauber. Es ist wirklich so grotesk: man will vernünftige, ordentliche underground Musik; noch einmal Monka D.:"Ich möchte jetzt "Birthday Party" hören, aber ungescratcht!".
Ich habe mich daran gewöhnt, daß es den Verstand der Menschen überfordert, in einem Disc-Jockey einen Musiker zu sehen, sonst müsste ich mir bei solchen Gelegenheiten vorkommen wie Blixa Bargeld sich fühlen müßte, wenn jemand zu ihm käme und verlangen würde, er solle doch mal "NENA" spielen. Andererseits amüsiert mich das allgemeine Unverständnis.

Die Chronik





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