Als Fernseh-Moderator in Sachen Techno mußte er offensichtlich zum Symbol werden... Die Leute, die ihn Woche für Woche sehen, sind Abziehbilder dessen, was er selbst einst war, und deshalb versteht er sie doch nicht besser.

Zumindest aber weiß er, warum man nichts an den Dingen ändern können wird. Die Struktur des Fernsehens zu revolutionieren, ist keine Sache, die man nebenbei macht. Einfacher wäre da das Radio, das in den Staaten wieder an Bedeutung gewinnt, weil sich hier die Inhalte nicht auf Bilder reduzieren lassen, und die Distanz, die man selber zum Medium einnimmt, individuell bestimmbar ist. In dieser Hinsicht dürfte wahrscheinlich der Cyberspace schon in wenigen Jahrzehnten, mit seiner Belagerung sämtlicher Sinnesinputs zu einer der langweiligsten Zukunftsvisionen mutieren. Bleibt eigentlich nur noch der Glaube an die eigene Fähigkeit zumindest für sich selber alles zum besten zu wenden, und daran glaubt zumindest Mate Galic. Alles wird sich von selber einpegeln, und die Zeiten, in denen irgendeine Art von Teacher die eigene Macht gegen die des Systems austaxieren könnte, sind vorbei. Wir leben in einem Wust von Mikrokosmen in denen selbst eine saumäßige Regierung nur noch ein kleiner Teil des Übels sein kann. Wir werden vielleicht noch eine Art Religion des Internet auftauchen sehen, mit den 10 Geboten der Nettiquette als Ersatz für jede Art von Verhaltenskodex, oder diverseste andere Mythologien, aber die Antworten wird nach wie vor jeder für sich selber finden müssen.

Mate Galic: Jeder soll seine Sachen so machen, wie er meint. Alles liegt an einem selber. Ich verzeihe jedem. Ich habe mich zwar eine zeitlang über Sachen aufgeregt, aber ich war ja selber auch nicht besser. Man muß sich seine Nische suchen, in der man sich geborgen fühlt und den Rest an sich vorbeirauschen lassen.

Mit Jeff Mills liegt man da immer ganz gut.

Ja, das ist einer der Leute, bei denen muß man anerkennen, daß sie von Anfang an eine ganz klare Vision hatten, und die konsequent weiterverfolgen. Bei mir ist das anders. Ich sehe zwar mittlerweile klarer in den Dingen, die ich tun möchte, auch musikalisch bin ich weiter, aber ich denke, das ist auch eine Frage des Alters, der Reife und der Gabe. Für mich ist Jeff Mills ein Prophet im Sound. Das findet man in Deutschland nicht so oft. Obwohl ich nicht so ein Amerika-Fan bin. Vielleicht ist es aber auch eine Frage der äußeren Umstände, die die Musik bedingen. Wenn man nicht so straight ist und alles im Kopf so geordnet ist, daß einen nichts von seiner Vision abbringen kann, dann beeinflußt einen die Umgebung einfach. Mich auch. Man läßt sich ablenken.

Ist vielleicht auch eine Frage der Kultur, aus der man kommt.
Ich finde ja auch nicht alle gut. Die Detroiter vielleicht. Jazz, schwarze Musik, Funk und all das. Das ist ein Problem der Groovestruktur. Die Deutschen tanzen ja auch meist nicht wirklich. Für mich liegt der Groove in der Hüfte, die Deutschen hüpfen ja mehr. Meine Einflüsse ganz zu Beginn, vor 86, waren ja eher Italodisco. Und dann mochte ich immer mehr den synthetischen Klang. Das ist eine Frage der gesamten Lebenseinstellung.
Die elektronische Form von Musik, wie aus Detroit, das kickt für mich einfach mehr als dieses trockene Humane. Ich habe vielleicht aber auch einfach einen Hang zu Synthetischem im allgemeinen. Das ist bei Drogen oder Bier nicht anders als bei der Musik.
Es gibt zur Zeit immer noch eine Art Krise, sowohl in der musikalischen Selbstbestimmung von Techno überhaupt, als auch bei der Partykultur. Die Atomisierung greift immer weiter um sich, Mainstream-Techno steht vielleicht kurz vor dem Ende, die Megaraves floppen einer nach dem anderen. > Wie betrifft dich das? Ich habe mittlerweile kein Problem mehr damit. Vor einem Jahr dachte ich noch, ich müsse für irgendwas kämpfen. Mich haben Leute zur Love Parade befragt und ich wußte gar nicht, was ich dazu sagen sollte. Ich selber stand die ganze Zeit etwas abseits, hab mir alles angesehen, und die Bestätigung bekommen, daß ich, obwohl ich dazugehöre und mittendrin stehe, eigentlich persönlich nichts mehr damit zu tun habe.
Vermutlich auch weil sich niemand für Musik interessiert...
Das würde ich nicht sagen, aber die sind wohl einfach bei den 300.000 Leuten untergegangen. Aber das ist in den Clubs ja nicht anders. Selbst im Ultraschall hat das Interesse für das, was Techno eigentlich mal war, nachgelassen. Dabei ist die Musik besser und vielschichtiger denn je. Nur reicht das irgendwie nicht. Vor einem Jahr bin ich diesen ganz krassen Film gefahren und habe völligen Psychokram aufgelegt, weil ich partout durchsetzen wollte, daß die Leute jetzt einfach mal gute Musik zu hören bekommen. Das hat wohl einige Leute verärgert. 90% der Leute gehen doch aus, um unterhalten zu werden. Die Musik ist Nebensache. Ich glaube, die Zukunft liegt darin, sich Gleichgesinnte zu suchen.
Veranstalter und DJs werden wohl dazu übergehen müssen, Qualität gegen den Willen der Leute durchzusetzen. Das erfordert natürlich Mut. So eine gewisse Haltung der Unverfrorenheit. Die Schwachköpfe die jetzt auf Techno abfahren, werden dann schon verschwinden und wieder Grunge oder was auch immer hören und irgendwann sind wir wieder bei einem Stadium, das man vielleicht wieder Underground nennen könnte. Natürlich kann man auch totalen Mainstream fahren.
ECSTASY >>> NEIN DANKE!
Was soll man eigentlich noch zu Drogen sagen? Manche Leute nehmen sie, manche nicht, beides hat Vor- und Nachteile, und natürlich ist Mate Galic genau derjenige, von dem man Antworten erwartet, weil seine Drogenkarriere so bekannt ist, wie alles, was er in den letzten Jahren gemacht hat. Natürlich ist es ein bißchen feige, genau dieses Thema anzuschneiden. Und wir werden dabei auch noch ertappt. Drogen sind eine persönliche Geschichte. Mate: Die ganze E-Nummer hat nichts mehr mit dem Gefühl zu tun, das MDMA vielleicht einmal vermitteln konnte. Das ist doch nur noch Zugedröhne. Ich sehe in den Clubs 17-18jährige, die in der Ecke rumhängen und niemand von denen tanzt. Es ist doch schon seit Jahren so, daß viele Exstasy schmeissen, obs nun um Techno geht oder nicht. Exstasy ist für mich einfach nicht gut. Es bringt einen musikalisch nicht weiter, man agiert wie ferngesteuert.
Man darf eh nie Drogen nehmen, weil einem nichts besseres einfällt!
Drogen sind ein schwieriges Thema. Wie so vieles: Interviews zum Beispiel, man verliert schnell die Essenz dessen, was man sagen will. Im persönlichen Gespräch sagt man zuviele Dinge, die gedruckt nicht die Situation, aus der heraus man etwas gesagt hat, rüberbringen. Das wirkt schnell oberflächlich. Auch wenn es das nicht war. Das System, Interviews einfach nur so runterzutippen, ist überholt. Man geht dabei nie in die Tiefe. Viele der interessanten Themen fallen unter den Tisch.
FUNKTIONSMUSIK
Mit Techno bewegt man sich mehr denn jeh in einem Feld von Produktion, in dem wenige Grenzen wirklich noch gelten, andere allerdings ganz natürlich von Branchen übernommen werden, die man gerne als längst überholt abtut. In dem Sog zwischen Kommerzialität und Underground sieht sich selbst ein Label mit einer Auflage unter 2000 Stück wie z.B. Junkfood, auf dem Mate Galic zur Zeit Platten veröffentlicht, gezwungen, gewisse Sichtweisen einer Käuferschicht zu übernehmen, oder zumindest mit ihnen eine Art Kommunikation einzugehen, in der radikale Änderungen des Stil unmöglich werden.
Es ist nicht unbedingt mangelnder Charakter dessen, der sein kleines Label macht, sondern ein Zwang aus Spartendenken, Spezialisierung und mangelnden Ressourcen, die manchmal das Leben eines neuen Labels nach nur ein paar Veröffentlichungen durch einen einzigen Flop wieder verschwinden läßt. Die scheinbare Offenbarung von Techno, daß alles möglich ist, bewahrheitet sich genau in dem Punkt Musik am wenigsten. Die ganze Welle aus reiner Funktionsmusik, Industriepromos die langsam zu einem echten Entsorgungsproblem werden können, das System aus medialer Vermittlung und tatsächlichem Gebrauch deckt sich immer weniger. Wenn sich eine ganze Branche wie die Raveszene darauf verschwört zur reinen Funktionalität überzugehen, wird man sich bald, denn bis heute sind davon erst die ersten Ansätze zu erkennen, in einer Art Supermarkt wiederfinden um die besten Stunden seines Lebens darin abzufeiern.
Ohne kulturelle Basis könnte Techno zu einer Abfertigung werden. Zu einer Fleischbeschau. Der einzige Gegner solcher Tendenzen ist tatsächlich die Musik, und vielleicht sind es sogar diese Wiederprüche und drohenden Visionen, die viele der wirklichen Künstler unter den elektronischn Musikern erst zu dieser musikalischn Tiefe gebracht haben die sich heute mehr denn jeh findet. Als ich Mate getroffen habe kam er grade mit der Axis 11 aus dem Plattenladen. Nicht etwa der 11, 12 und 13.

Mate: Ich bin gerade umgezogen, und ich habe endlich eingesehn, daß ich diesen ganzen Müll an Schallplatten, den ich seit Jahren mit mir herumschleppe, loswerden muß. Alles wird aussortiert, was für mich nicht wirklich zeitlos ist. Ich kaufe mir auch nur noch Schallplatten die mir wirklich etwas sagen. Ich kaufe nicht mal mehr Platten die OK sind. Ich höre mir alles drei mal an bevor ich es kaufe. Allein die ganzen Promos die ich bei mir rumliegen, das ist die reinste Vinylverschwendung. Ich werde das alles verschenken.

Könntest du dir vorstellen, daß Musik machen eines Tages zum wichtigsten für dich wird?
Ich habe durch die ganzen Sachen, die ich früher gemacht habe, ein bißchen den Glauben an mich verloren, aber von Rob und anderen Freunden habe ich glücklicherweise, nachdem sie die Sachen gehört haben, die ich gemacht habe, bestätigt bekommen, daß ich weiter machen soll. Vorher war alles ja nur ein Kompromiß. Mehr die Person als solches, das Idol Mate, als die Musik. Freunde die jetzt verfolgen was ich musikalisch mache sehen schon eine klare Linie. Auch wenn es auch noch entwicklungsbedürftig ist, alles Step by Step funktioniert. Notzucht war die erste Stufe. Ich wollte es nicht herausbringen, aber Robert meinte daß hätte so eine unverdorbene Naivität an die Musik heranzugehen.
Vieles was ich mache ist ja eher Dancefloor unkompatibel, was nicht heißt daß man dazu nicht tanzen könnte. Ich mag es wenn alles entgegengesetzt ist, ein geordnetes Chaos, wenn man sich bei der Musik befreien kann, das kickt. Und in dieser Richtung würde ich weitergehen .Bei Robert ist es das erste Mal daß ich mit jemandem einen gemeinsamen Nenner finde. Wir ergänzen uns gut.
Hättest du dir vor drei Jahren vorgestellt, daß man so Musik machen könnte?
Mit sechzehn war der einzige Gedanke, daß ich eine Platte machen wollte. Das Party-Ding halt. Richtig angefangen, mir über die Produktion von Musik Gedanken zu machen, habe ich erst, als ich mir das erste Equipment gekauft habe. Und da geht es mittlerweile stetig vorran und ich habe schon einiges angesammelt. Das ist viel besser als sein Geld für alen möglichen Unfug auszugeben. Andere Leute merken auch die Entwicklung. Das letzte Jahr lief alles eigentlich immer mehr darauf zu daß ich wenn ich mal Zeit habe, ich mich zuhause hinsetze und an der Musik arbeite, anstatt rauszugehn. Das kickt nicht mehr so. In gewisser Weise bin ich Partymüde.
DIE ULTIMATIVE PARTY Es gibt die einfachsten Dinge die auf Partys falsch gemacht werden können. Von den einstündigen DJ-Sets, die fast auf jedem Rave mittlerwiele die Regel sind angefangen. Damit ist die Stimmung eigentlich schon gestorben. Eine Party muß immer ein Fest sein. Etwas vollkommen außergewöhnliches. Etwas daß sich aus dem normalen Leben heraushebt und Leute in einem Erlebnis verbindet, daß sie so tief trifft, daß es sie für die nächste zeit nicht mehr losläßt, und sie mit den Problemen die das Zusammenleben nun mal mit sich bringt wieder in Frieden setzt. Zu den wichtigsten Dingen gehören neben der Energie, die die einzelnen mit sich bringen auch die Möglichkeit und die Offenheit sich immer wieder überraschen zu lassen. Es darf keine Begrenzungen geben.
Es muß multikulturell sein. Man darf sich auf nichts von vorneherein festlegen. Alle Kontexte, alle Gegebenheiten müssen wie magisch zusammenfallen. Das ist auch der Grund warum man im Grunde niemand mehr etwas vorwerfen könnte. Mate weiß das genau. Auch wenn er mit Housefrau in einer Situation wäre in der er das Technogeschehen in die Hand nehmen könnte, seine Macht dazu verwenden könnte Dinge nach seiner Sicht zu verändern, ist es genau das worauf er eigentlich keinen Wert legt. Der ganze Starrummel den man um ihn macht entfernt ihn nur von sich selber und den Menschen die ihn machen, und, da das wichtigste tiefste Erlebnis immer noch die Party ist, kann man nicht einfach vorherbestimmen wollen was geschehen soll.

Mate: Ich hab ja schon die heftigsten Sachen mitgemacht, und letzte Woche war eigentlich so eine Art Klimax, auf der mein Party- und Kulturverständnis ins unendliche gesprengt wurden. Alles auf der Open Air-Party war auf das Deliriumerlebnis ausgelegt. Ein Kraftfeld ging durch alle Leute. Alles war unendlich krass. Sehr viele Leute hätten das auch nicht verkraftet, weil der Input einfach zu groß war. Das ging sehr tief, um einen selber und wie weit man da mitgehen , und auch in sich gehen kann. Das war allerdings auch etwas was mich total überrascht hat und was man beim besten Willen nicht jedes Wochenende machen kann. Da denkt man sehr lange noch dran und das zu verarbeiten alleine dauert schon.

Könnte Jeff Mills auf so einer Party auch auflegen?
Der ist zwar stocknüchtern, aber es ist einfach nur dieser Acidsound. Für mich ist das nicht die 303, sondern das Gefühl. Ein heftiges Stück von Soundgarden ist für mich genauso Acid. Wenn ich diese Gänsehaut bekomme oder einen alles durchbohrt, dann ist es richtig. Jede Musik hat ihren gewissen Zeitpunkt. Den zu treffen das ist der einzig wichtige Punkt. Das klingt einfach, aber geschieht nur zu selten!





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