I wanna see you sweat Essay von Helmut Ahrens "Heute klebt uns die Technologie auf der Haut, sie wird Bestandteil unseres Körpers," sagt der australische Unterhaltungskünstler Stelarc und nennt Beispiele, angefangen von der Uhr bis hin zum künstlichen Herz. Schließlich wird das Ende der Evolution als Perspektive entworfen. "Von nun an ist der Mensch dank der Nanotechnologie dazu in der Lage, die Technologie in sich aufzunehmen. (…) Die einzige Möglichkeit, unser Bewußtsein von der Welt wieder ins rechte Lot zu bringen, besteht darin, die Architektur des Körpers zu verändern". (1) In welcher Phase der Entwicklung befinden wir uns jetzt? Nach der Eroberung des Körpers folgt aus soziokultureller Sicht die Dekodierung des Körperlichen in uns. Der Kolonialisierung von Soma und Psyche folgt die Decodierung der Eingeweide und der Nervenfunktionen. Die Zerlegung der Körperfunktionen in ihre Einzelbestandteile und Funktionen, ihre Zusammenfügung auf einer neuen Stufe der neuronalen Systemfunktionen im Technozeitalter, das bedeutet eine Umcodierung der intentionalen Wegweisungen für die Sprache von Ästhetik und Kultur. Nachdem der Gencode geknackt wurde, ist die Zeit nicht fern, in der wir über ein neues Körperdesign zu entscheiden haben. Das Psychodesign, mit dem viele unzufrieden geworden sind, wurde längst gezielten chemischen Behandlungen zugeführt. Um den wechselnden Anpassungsleistungen optimaler zu genügen, starten viele Unzufriedene durch Einahme von stimulierenden, angstlösenden, relaxenden, verschönernden Psychopharmaka, Stimulatien und Drogen bis hin zu Muskelaufbaupräparaten Selbstheilungsversuche. Die Ideale dauerhafter Jugendlichkeit und Leistungsfähigkeit feiert im Prozeß von selbstinstrumentalisierter Anpassungsfähigkeit durch die Muskelfasern und Nervenendigungen hindurch Erfolge. Der unfreiwilligen Einnahme von Hormoncocktails via Hähnchenbrust & Kalbschnitzel folgt die gezielte Einnahme von Chemococktails zur Optimierung von "Ausstrahlung & Erlebniszuwachs". Bekannt ist der Zusammenhang von Nightlife und Drogen, die wach oder schläfrig und die Seele "weicher" oder "härter" machen. Bekannt ist ebenfalls die seit Jahrtausenden verbreitete Indienstnahme psychedelischer Drogenwirkungen oder die aphrodisiakischen Wirkungen aromatischer Gerüche in ätherischen Ölen & Pflanzenextrakten, die neben Heilzwecken eben auch zum Zwecke der Berauschung und Betäubung der Sinne eingesetzt wurden. Neu ist die zunehmende Verbreitung halb- und vollsynthetischer Drogen neben den Pflanzendrogen. Die meistverbreitetsten Drogen heute sind in diesem Zusammenhang Ecstasy, Amphetamine, Kokain und LSD und einige halogenierte und fluorierte kohlenwasserstoffhaltige Schnüffelstoffe, die hierzulande unter dem Etikett "Poppers" als leichtflüchtige und fettlösliche Substanzen beim Tanzen und situativ beim Sex genommen werden. Vergnügungshungrige "Twentysomethings" und Partypeople im sexuell experimentierfreudigen Alter mit Lust auf Tanzen, Flirten, Schwitzen, Sex & Drogen gibts überall in den Metropolen der reichen westlichen Kulturkreise und in den Elendsvierteln der Städte und Ballungszentren sogenannter Schwellenländer. Die aufdeckende Krankheit AIDS hat in diesem Zusammenhang schon im letzten Jahrzehnt einen subversiven Vermittlungszusammenhang von Nightlife, Vergnügungssucht und Drogenkonsum in Verbindung mit Sex zum Thema auf Parties und in internationalen Präventionsdiskussionen gemacht. An Erinnerung zum Safer Sex und Kondombegrauch hat es nicht gefehlt und an Werbung für drogenfreie Zeit hat es hierzulande nicht gemangelt, doch jede neu als Jugendgeneration in Erscheinung tretende Partygeneration scheint sich durch die Wirrungen des eröffneten Experimentierfeldes von Night-life, Sex und Drogengebrauch neu hindurch arbeiten zu müssen. Überlebensstrategien & risikomindernde Verhaltensstrategien im Zusammenhang von Partynachtleben auf der Suche nach Unterhaltung, Zerstreuung sowie nach Liebe, Freundschaft, Sex und Drogen müssen jeweils neu definiert werden und deshalb ist die Urlaubs- und Sommerzeit wahrscheinlich nicht der schlechtestes Zeitpunkt, sich die Strategien des Survivals im heißen Nachtleben zu vergegenwärtigen. "The gift of life it's a twist of fate. It's a roll of the die. It's a free lunch, it's a free ride but nature's got rules und nature's got laws and if you cross her look out! It's the monkey's paw..." so beschrieb Laurie Anderson 1997 ängstlich in einer Textpassage der LP "Strange Angels" die Ambivalenz zum Break-Out der gezähmten Gefühle und zum Wagnis des Lebens mit Abenteuerlust. 1995 bleibt kaum Zeit, sich solchen lyrischen Betrachtungen hinzugeben. "Dance or Die" - auf diese zugespitzte Überlebensformel reduziert sich im gehypten Space von Night-life-Sex und Drogen im Pleasure Dom die Message, die zur Lust auf mehr Energie beim Tanzen, Flirten und Ekstaseerleben anreizen soll. ZEITSPRUNG UND FUTURWORK AUF DEM DANCEFLOOR Gegenwärtig wird viel über den evolutionären Sprung durch High-Tech-Entwicklung und deren Folgen für "modernisierte Innenansichten" diskutiert, die unser Verhältnis zum Körper und unsere gesamte Sicht von uns Selbst im Verhältnis von Ich und Welt in der Zeit verändern. "Die Anpassung des Körpers und seiner Lebensenergie an das Zeitalter der Teletechnologien und der unmittelbaren öbertragung ist gleichbedeutend mit der Aufhebung der klassischen Unterscheidung zwischen intern und extern zum ausschließlich Vorteil einer letzten Form von Zentralisierung, oder genauer: einer Hyperzentralsierung, die der Zeit nämlich, die einer "gegenwärtigen", um nicht zu sagen,"echten" Zeit, die endgültig die Unterscheidung zwischen der Peripherie und dem Zentrum zunichte macht, so wie ein Aufputschmittel den Wechsel zwischen Wachen und wohltuender Ruhe aufhebt" (2) Diese Entwicklung hat mich veranlaßt, die Rund-um-die-Uhr-Präsens von körperlich/geistiger Aktivität der Tanzenden in Technodiskotheken als ein konstruiertes Paralleluniversum zu beschreiben. Indem die Menschen, die sich darin bewegen, sich nicht nur durch symbolische Entkoppelung gegenständlicher Realitätswahrnehmung von ihrer Wahrnehmung in Echtzeit entfernen, sondern im Zustand gehypter körperlich/sinnlicher Wahrnehmungsprozesse sich buchstäblich in einen Space hineinbeamen. Im Dunst der Nebelmaschinen zum Zeittakt des Technobeats werden reale Zeitsprünge erlebt, die den Tanzenden in einen Zustand der subjektiven Zeitlosigkeit "abschickt", tritt die subjektive Illusion einer Verschmelzung mit einem universalen Geschwindigkeitsprinzip, in dem die Zeit als Differenzerfahrung von sein und möchte sein, von Ich und Welt, von Endlichkeit und Unendlichkeit unmittelbar aufgehoben zu sein scheint. DIE MACHT DER BILDER In dieser Erfahrung ändert sich der Realitätsblick, weil der ganze Aggregatzustand des körperlich sinnlichen Wahrnehmens und des aktiven Handelns gleichermaßen entzeitlicht und entgegenständlicht wird. Andererseits wird dadurch eine Verräumlichung und Plastizität von Wahrnehmungsvorgängen erlebt, die suggestiv alte Bilder durch aktives Imaginieren neu kreeiert. Z. B. tritt beim Tanzen in einem energetisch aufgeladenen "Space", der körperlich/seelisch gespürt wird, das Phänomen von Dancefloor-Futurework in der Endlosschleife von Techno auf, das ein Raver in einem Interview so beschreibt: "Das war für mich ganz merkwürdig. Das war ja damals noch Hardcore Tekkno, wo man eigentlich nicht so richtig nach tanzen kann. Naja, jedenfalls bin ich auf die Tanzfläche gegangen, habe versucht, die Bewegungen zur Musik zu machen und das habe ich dann acht Stunden lang mit keiner Pause zwischendurch. Ich habe da dann vor meinem inneren Auge einen Film mit meiner Phantasie abgefahren, der immer wieder im Zusammenhang mit der Musik stand. Das war schon Futurework. Ich kann mich an ein Bild ganz besonders erinnern: daß ich gerannt, gelaufen bin durch einen unendlichen langen Korridor oder Weg der links und rechts von hohlen Wänden eingerahmt war und irgendwie da Trauerweiden so runterhingen, daß ich mich immer bücken mußte, weil ich rannte da ja durch und gleichzeitig wurde ich von irgendetwas verfolgt. So eine treibende Kraft, die mich immer schneller laufen ließ. Ich hatte dabei das Gefühl, daß ich dabei nicht als Mensch, sondern als Mischwesen, als Mensch-Roboter durchlief. Das Gefühl war einfach angenehm." Egal, ob zu Techno- ,Hardcore-, Trance oder Gabba getanzt wird: Im Geschwindigkeistrausch wird Disparates wie in einem Film durch aktives Imaginieren und ästhetisierende Betrachtung weggeschönt. Das dopamine, gedankenbegleitende Phantasieren im Denken, löst Bilder in funktionale Relationen auf: "Ich habe dabei keine dekorativen Naturbilder mit Sonnenuntergang oder röhrenden Hirschen oder grüne Wälder vor dem Auge, sondern schon ein bißchen globaler: z. B. Planeten im All, der Umriß eines Menschen, der davor steht, solche Bilder sprechen mich an. Ja, es sind schon ziemlich künstlich/abstrakte Bilder, die nicht so platt naturbehaftet sind". Manche Raver beschreiben sich selbstkritisch in Erinnerung an ihre einst von "natürlichen Grenzen" abhängigen Wahrnehmungs- und Bewegungsprozesse mitsamt ihrem Denken in zeitabhängigen Kategorien als strom- und geschwindigkeitssüchtig. Im Paralleluniversum von Technokunstwelten mit ihren gigantischen Apparaten, die ihre Energien zunächst nur aus dem Strom speisen, der aus Steckdosen kommt, hebt sich schließlich beim Dauerttanz unter dem rhythmischen Primat von Technomusik die Differenzerfahrung von zeitbegrenzter Endlichkeit in einer plastischen Vorstellung der imaginierten Bilder von irdisch/kosmischer Unendlichkeit auf. Die katalysierende Wirkung von psychedelischen Drogen spielt dabei im Einzelfall eine Rolle, aber keineswegs allgemein. Das "freie Phantasieren", die ungehinderte Projektion ins Innen- Außen, die Blickverschmelzungen der Tanzenden unter den beschriebenen Techno -Dancefloor- Bedingungen, die automatisch funktionierenden Körperbewegungen beim Dauertanz, die als "echt" und "ungeschminkt" empfundenen Mimiken und Gestik der heftig miteinander Tanzenden, die als intensiv und "direkt" erlebt werden, entspringen dem ganzen optisch/akustischen Reizüberflutungskonzept, das unter denjenigen, deren tanzende Körper schwitzen, Trancen formiert. Die Wege zur Stimulierung körpereigener Psychodelika sind längst bekannt: ">sensorische oder perzeptive Deprivation (Reizentzug, "Isoliertheit in der Wüste", Camera Silens) >konzentrative Meditation >Selbsthypnose >Za-Zen-übungen, andere Monotonisierungsübungen >Fasten >Schlafentzug, Asketisches Wachen >Rituelle Reizüberflutung >Hyperventilation und vergleichbare Atemtechniken >ekstatisches Tanzen. Rhythmisches (Litaneien-) Singen oder ähnliche monoton-rhythmische Stimulationen >Erreichen eines Trancezustandes durch Marathonlaufen oder vergleichbare exzessive rhythmische Anstregnungen >Masturbation und andere sexuelle Stimulierungen >Kathathymes Bilderleben >Versinken in psychedelischer Musik (Grateful Dead, Jefferson Airplaine, Tangerine Dream und andere)" (S 129/30), schreibt Josef Zehentbauer, aktiviert psychedelische, körpereigene Drogen. Nichts anderes produziert heute die Technomsuik beim heftigen Tanzen und insofern steht hinter der Parale "I want to see you sweat" mehr die Aufforderung als artistisch "abzukochen". Es geht um die "Tranceformation der Träume in Bilder- und Körpersprache auf dem Dancefloor und dieses spezifische Erlebnis ist es, was heute Technodiskotheken für viele so attraktiv gemacht hat. EROTIK, KÖRPERLICHKEIT UND GESUNDHEIT Die Interaktion der Tanzenden in Technodiskos untereinander läuft nach dem Muster ab: "Ich sag jetzt mal nichts, ich zeig Dir was", und je nach dem, wie das Gezeigte ankommt, wird der zugespielte Ball angenommen und wie in einer phantastischen Seifenblase in Trancesequenzen weitergegeben, bis die größer und größer werdende Phantasie schließlich im energetischen Zentrum einer heftig tanzenden Partygemeinde oder Partyfamily zerplatzt, um sich umgehend neu zu formieren, bis die Phantasien sich kreuzen und die Körper neu aufeinander zusteuern, ohne sich direkt zu berühren. Unter erotischen Gesichtspunkt haben wir es mit Vorformen des Cybersex durch Blickverschmelzungen in einem technotechnisch konstruierten Kunstraum zu tun. Unter HIVp räventiven Aspekten haben wir ein existentielles Kondom vor Augen, in dem genital zentrierter oder peneitrierenderSex bestenfalls in der Phantasie vorkommt, aber nicht real. Unter gesellschaftkritischen Aspekt haben wir es mit der vorerst letzten Form der Selbstinstrumentalisierung von Leib und Seele unter "Maschinenzeitdiktaten" zu tun. Paradoxerweise wird das Somatische, das buchstäbliche "Abschwitzen" beim Tanzen, die "Gänsehaut, wenn Dein Lieblingslied kommt", zur sprachlosen Einspruchsinstanz gegen Totalentfremdung und gleichzeitig zum Kristallisationspunkt für "Selbstformung" im Interaktionsprozeß von Mensch und Technikkultur. "Die physiologische Körperlichkeit wird plötzlich zum Gradmesser für die Fortbewegung, eine Fortbewegung an Ort und Stelle allerdings, im Inneren des tierischen Körpers, der zum letzten Planeten geworden ist". Für die Selbstbehauptung und körperliche Unversehrtheit der ego- und ergozentrierten Bewegung im Techno-Kunstraum, muß man nicht nur an die eigenen Energiereserven herangehen, man braucht dafür im Sinne Nieztsches "eine große Gesundheit". "Wir Neuen, Namenlosen, Selbstverständlichen" - heißt es daselbst - "wir Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft, wir bedürfen einer neuen Gesundheit, einer stärkeren gewitzteren zäheren verwegeneren lustigeren, als alle Gesundheiten bisher waren" (3) "Die Instrumente haben sich immer außerhalb des menschlichen Körpers befunden, jetzt aber explodiert die Technologie nicht mehr weit entfernt vom Körper, sie implodiert in seinem Inneren. Das ist sehr bedeutsam, und vielleicht ist es das wichtigste Ereignis in unserer Geschichte: Wir schicken die Technologien nicht mehr zu anderen Planeten, sondern wir lassen sie auf unseren Körper niedergehen." (4) KÖRPERBEWEGUNG, KÖRPERÄSTHETIK; MUSIK UND DROGE Der Versuch, den menschlichen Körper mit seinen Bewegungsfunktionen im Zeitalter beschleunigter Geschwindigkeiten dem Bewegungsfortschritt anzugleichen, ist überall spürbar. "Insofern es meine eigenen Erfahrungen betrifft, versuche ich meine Tanzbewegungen optimal dem synthetischen Rhythmus anzupassen. Dabei gehe ich an meine Energiereserven ran und habe dadurch eine Dehnung meiner Arme und Beine durch Streckung erreicht. Beim Tanzen zu Techno brauche ich mehr Platz. Ich hasse rammelvolle Tanzpaläste" Zu seiner sensibilisierten Feinmotorik bemerkt ein 32jähriger Technotänzer: "…eigenartigerweise habe ich an mir beobachtet, daß ich nach einiger Zeit diese Erweiterung meiner körperlichen Bewegungsgrenzen auch ohne Drogen vollziehen konnte. Trifft der DJ mit einer ausgefeilten Percussionmusik meinen Nerv, beginnen meine Finger automatisch wie auf einer Tastatur zu spielen. Sie fliegen im Raum, während ich mir vorstelle, wie Sekretärinnen am Kybord eines PC's Informationen eingeben. Meine Fingerbewegungen sind dadurch feinmotorisch gelenkiger geworden. Das passierte, ohne daß ich jemals auf einer Tastatur gehämmert habe. Wirklich erstaunlich, sowas an sich zu beobachten." Die stimulierende Drogenwirkung in der Kombination mit Technomusik läßt die Neuronen schneller feuern und der Ekstasezustand bringt gestaute Energien in Fluß. "Die Veränderungen meiner körperlichen Bewegungen führe ich auf Ecstasy und Tanzen zur Technomusik zurück. Ich bewege mich graziler beim Tanzen und gleichzeitig heftiger. Ich habe meinen Tastsinn neu entdeckt. Wenn ich meinen Tanzstil jetzt mit meinen Bewegungen auf Rockkonzerten vergleiche, dann möchte ich sagen, daß ich mich kultiviert habe. Ich habe bemerkt, daß ich durch Techno präziser in der Bewegung und ästhetischer in meinem körperlichen Ausdruck wirke. Ich bin nicht mehr so plump körperbetont. Es ist eine Frage der Übung und der Gewöhnung glaube ich und eine Frage, wie du loslassen kannst." Ein 25jähriger Tänzer, der sich selbst als begeisterter Fan von Gaba-Musik und Breakbeats bezeichnet, beschreibt seine Erfahrungen so: "Ich habe mich gefragt, warum ich nicht versuchen soll, meinen Körper in einen Geschwindigkeitsrausch zu bringen. Jedenfalls haben wir da in einer Gruppe getanzt und plötzlich hatte ich den Drang in die Mitte zu gehen und dann habe ich wie elektrisiert meinen ganzen Körper zum Zucken gebracht. Ich mußte aufhören, weil mein Mund ganz trocken wurde und ich Angst hatte umzufallen. Es war ein Adrenalin-Shake oder sowas, jedenfalls bin ich danach zur Theke gestürzt und habe mir das nächste Getränk geschnappt, weil ich Angst hatte, in ein Koma zu fallen. Ich hab' dabei tierisch abgeschwitzt" Diese höchste Anspannung motorischer Bewegung, die höchste psychische Konzentration und Aufmerksamkeit erfordert, um z.B. präzise dem Zeitmaß der Breakbeats und dem Partygroove zu folgen, ist wirklich eine körperliche und psychische Leistung, die eine große Gesundheit voraussetzt. Manche muten sich zuviel zu und stürzen buchstäblich ab. Alkohol- und Drogenkonsum verstärken unerfreuliche Nebenwirkungen wie: >vermehrtes Einatmen von Schadstoffen, >Übergehen der natürlichen körpereigenen Warnsignale bei Überbelastung, >Erleiden von Muskelkrämpfen bei falscher Bewegungstechnik, >Erwerb von Erkältungskrankheiten durch plötzliches Abkühlen in der Zugluft, >Kreislaufkollaps bei Überhitzung und Adrenalin-Shake, >Muskelzerrungen und Krämpfe, >Periphere Polyneuropathien an Armen und Beinen Die nervliche Überreizung im Verein mit körperlicher Überbelastung eines untrainierten Körpers verursacht in Einzelfällen gesundheitlichen Schaden. Hörschäden durch zu hohe Phonzahlen kommen vor und Desorientierung der Wahrnehmungssinne. Manche TechnotänzerInnen leiden unter Einschlafproblemen durch regelmäßiges Partynachtleben und Überreizung durch Stroboskobblitze und Drogennebenwirkungen. Trotzdem herrscht allgemein ein Trend durch streßerzeugende Überreizung vor, den ein KI-Forscher auf einer anderen Ebene als Norm für Anpassung an Leistung und Wettbewerb mit Zeiteinsparung durch Technikentwicklung interpretiert: "Wir werden erbarmungslos zurückfallen, wenn wir nicht unser Wissen schneller akkumulieren können. Das ist wie in den übrigen Bereichen, in der Chemie, wo die Geschwindigkeit, mit der etwas umgesetzt wird, entscheidend ist, das einzig Entscheidende", kommentiert ein KI-forscher die technologische Fortschrittsentwicklung aus Sicht der Computerwelt. (6) Wie kritisch wir den dahinter stehenden Fortschrittsbegriff auch interpretieren mögen, wir leben in einer Zeit der technologisch strukturierten Nanogeschwindigkeiten. Insofern sind unsere Körper und (gehypten) Psychen in den unterschiedlichen Phasen ein und desselben Prozesses durch High-Tech-Apparate und den darin nach dem ökonomischen Prinzip knapp bemessenen Zeiteinheiten in unseren geistigen, körperlichen und psychischen Bewegungen in den jeweiligen Lebenswelten von Arbeit und Freizeit durchstrukturiert. BEWEGUNGSKULT-UND KÖRPERDESIGN Am Fitnesskult der 80er Jahre konnte man bereits die Vorboten der Begeisterung für ein neues Körperdesign an anabolika-gedopten Freizeitkörpern beobachten. Mit dem Aufkommen des Tanzkultes unter Teilen der Diskothekenjugend in den 90ern trat ein Element hinzu: das Designen von grazilen Körperbewegungen und euphorischen Stimmungslagen durch die Indienstnahme unterschiedlicher Wirkungsweisen von Partydrogen, von denen Ecstasy zum Synonym für eine doppelte Wirkung stand: einerseits streßspezifische Stimulierung "körpereigener Drogen" wie z.B. Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin, andererseits angstlösende Beruhigung und Sensibilisierung des körperlichen Berührungsempfindens." "Seine Auftritte zelebriert er wie ein Schamane der Digitalkultur. Sound, Licht und Nebel sind seine Zeichen und seine einzige Botschaft heißt: Exzeß", kommentierte Thomas Hüetlin einst die Auftritte von Sven Väth in Technodiskotheken und Nightclubs. "Ein Club muß heiß, feucht und dunkel sein". (7) S. 215, Der Spiegel 45/1993. Nicht allein durch Tanzen zur Technomusik dreht sich die Tempospirale als Norm über das einzelne Ziel der Tanzenden auf dem Dancefloor. Die geyhypte Psyche im "Pleasure Dom" und Tanztempeln wurde zum Inbegriff der Wirkungsweise des ganzen Ensembles von Musik, Licht und Droge im Dunst tropisch temperierter Clubs, die die heftig bewegten Körper zum Abtropfen, zum Schwitzen auf dem Dancefloor brachten. Mit der Verbreitung von Ecstasy stieg die körpereigene Temperatur mancher DiscotänzerInnen und mit der Verbreitung von Amphetaminen wurden die Partynächte länger, die streßgeplagten Körper wurden anfälliger und im kommunikativen Verhalten traten seelisch-psychische Ambivalenzen offener zutage. HYPER; HYPER Dem einpeitschenden Slogan von Scooters "Hyper, Hyper" im Sommer vergangenen Jahres folgte umgehend die Kritik an der unverhüllt suggestiven Botschaft an alle und dennoch räumt ein notorischer Kritiker von Technokommerz ein: "Wenn die Masse hochkommt und der Schweiß aus allen Poren perlt, kannst Du dich nicht mehr entziehen. Du merkst, daß Du das eigentlich willst: daß das ganze Gift, was du mit der Nahrung täglich zu dir nimmst aus dir rausströmt, daß du den Frust, den du täglich in dich aufnimmst, aus deiner Seele auspreßt, daß du dich reinigst, indem du tierisch abschwitzt." (8) So gesehen wird der durch unbegrenzt erscheinende Manipulation "entweihte" Körper beim Ausschwitzen im Pleasure Dom zum Fetisch für Reinigung durch Exzeß, nach dessen Vollzug sich die Tanzenden im Chill-Out sanft die Wunden lecken. Allgemein wird dieser Vorgang als rekreativ erlebt, insofern eine Partykultur "ambient" gepflegt wird. Diejenigen, die sich bewußt sind, daß der Körper nicht alles mitmacht, was worauf die ungebändigten Phantasien drängen, und die sich dementsprechend bewußt verhalten, erleben tatsächlich "Urlaub für die Seele" und sie können körperlich in Chill-Out-Phasen relaxen. Andere vollziehen eine pradoxe Intervention: unter dem Schlag des schnellen Beats von Techno erzittert, abgeschitzt, gereinigt, klinken sie sich auf der Suche nach Entspannung noch im Chill-Out eine Pille ein, "ziehen sich Amphetamin-Lines rein" und drehen sich erneut in eine Sehnsuchtsspirale von " Lust auf..." und Versagung von etwas, "das dich da hin treibt" hinein. Schließlich endet der nomadisierende Wechsel von einem Club zum anderen an einem Partywochenende als Selbstzweck, den Party-Peers der Mittelklasse rationalisierend nach dem Motto: "der Weg ist das Ziel" cool beschreiben, während schlichtere Gemüter unumwunden einräumen, daß es der "Sex ist, der dich da hin treibt".