Hans Nieswandt


Gibt`s was neues? Wie war Dein Mix für Strictly?

Hans Nieswandt: Ganz nett. Ich bin ins "it" gefahren, dem Club, in dem ich früher aufgelegt habe, damit ich das auf einer richtigen Anlage hören konnte, schön laut und so. Das ist eine echt heikle Sache, wenn man weiß, daß man 70 Minuten lang keinen Fehler machen darf, macht man garantiert dauernd welche! Ich hab zweimal angesetzt, und dann war es mir irgendwann scheißegal, und jetzt, nach dem Abhören, bin ich ziemlich zufrieden damit. Das sind nur Strictly-Platten, und das ist so ähnlich, wie wenn ich in einem Club 70 Minuten spielen würde.

Legst du viel Strictly auf?

Nicht wenig. Das liegt daran, daß ich viele Promos kriege von denen. Und da sind meist gute Sachen dazwischen. Man kann die immer gut spielen, aber es ist oft egal, welche man nimmt. Ansonsten erfreue ich mich sehr an meinen ganzen alten NuGroove-Platten. Das kann man so alle halbe Jahre wiederentdecken. Ich habe jetzt gehört, daß irgendein englisches Label so NuGroove-CD-Editionen rausbringt, wo die Trax so nach Stilrichtungen sortiert sind, also Trip Hop, Techno, House undsoweiter. Sonst gibt es nicht soviel Neues, wir sind alle so ein bißchen versprengt, alle machen an ihren eigenen Sachen rum, ich warte nicht zuletzt auf das Baby, das da kommt in zwei Wochen oder so.

Wißt Ihr schon, was es ist?

Ja, ein Mädchen. Und da bin ich natürlich nicht wenig nervös. Meine Frau hat schon ein Kind, mit dem ich schon seit drei Jahren lebe. Wenn es das nicht gäbe, hätte ich mich mit dem Gedanken bestimmt nicht so einfach anfreunden können. Aber trotzdem macht einen das ziemlich fertig, manchmal. Man gerät manchmal in so tiefes Fahrwasser über das Wunder des Lebens und der Fortpflanzung, aber das sind dann ganz andere Themen als die Veröffentlichungspolitik von irgendeinem Label. Ich finde, das ist eine ganz wichtige Balance im Leben, gerade wenn man immer in Clubs zu tun hat. Ich fühle einen neuen Einklang mit der Biologie in mir. Das hat so eine tiefe Befriedigung, also, man fühlt, daß man etwas getan hat, das sich eben so ganz und gar richtig anfühlt (lacht). Ich mach das auch zum ersten Mal durch…

Wie war eure Tour für Euch?

Ne tolle Sache. Aber sauanstrengend. Ein Ding war, daß wir in diesem Minibus zusammengepfercht waren. Uns ist vorgeschlagen worden, weil das überrraschenderweise finanziell ziemlich erfolgreich war, daß wir das im Oktober oder so wiederholen sollen und ich hab da schon einige Änderungsvorschläge. Also nicht mehr in so nem komischen Minibus mit allem Scheiß zusammengepfercht und dann immer in so doofen Hotels, nach vier Stunden wieder raus, weil man ja erst um 7 angekommen ist, sondern das nächste Mal mit einem Magic-Bus, ein Riesenbus, in dem man schlafen kann. Hotels haben sich als das Überflüssigste überhaupt erwiesen. Wirklich furchtbar, diese Auscheck-Zeremonie, wenn man total fertig ist. Dann lieber im Bus, wo man rumlaufen kann, weil man in so nen komischen Dauer-Tran-Zustand gerät und den kann man zwar nicht verhindern, aber viel angenehmer oder produktiver gestalten. Und das Musik machen, das war zwar alles ziemlich live, was wir da gemacht haben, aber irgendwie noch nicht live genug. Wir haben im Prinzip unser Studio auf die Bühne gestellt.
Mit dem normalen DJ-Mixer als Master mit vier Eingängen, zwei Plattenspielern, auf denen wir ganz normal gedeejayt haben und auf einem Kanal kam unser 16 Kanal-Studiomischpult an, da hing wiederum der Computer dran, die ganzen Soundgeber, Keyboards, usw. Dann konnte Justus, der das ganze operated hat, über den Kopfhörer unsre Stücke einpitchen. Die Idee ist, daß es nicht auffällt oder, daß es schon auffällt, weil die Musik plötzlich besser ist, im Idealfall (lacht), aber daß die Musik nicht aufhört und alle denken, oh, jetzt kommt ein Live-Stück und dann ist hinterher Zeit zum Klatschen und dann kommt das nächste Stück, usw, weil das einfach doof ist. Da gehen wir ganz von unserer persönlichen Meinung aus, was wir so erlebt haben. Weil das einfach Scheiße ist, wenn man so tanzt und dann kommt der Liveact und alle bleiben stehen und hören zu. Das wäre was anderes, wenn wir z.B. singen würden oder wir alle tolle Diven wären. Aber das alles kommt schon sehr stark vom DJing und vom Jammen und vom Abtrippen und deswegen ist es überhaupt nicht nötig, daß das alles unterbrochen wird.

Warum singt ihr denn nicht?

Keine Ahnung (lacht) Es ist aber durchaus geplant, daß wir uns in Zukunft auch mal öfter selber samplen.

Ihr hattet kaum Vocals auf der neuen Platte?

Ich bin auch nicht son wahnsinniger Gesangsfreund, was Tanzmusik angeht. Ich mag gerne Stimmsamples als Sounds oder als Stimmung. Aber der Inhalt ist im Grunde genommen relativ unwichtig. Das kann sich aber auch noch ändern, eine Aufgabe, die wir uns selber gesetzt haben, ist es, eine Sample-Platte zu machen. Samplen gefällt mir eigentlich am besten.

Ihr samplet Euch viel von Platten aus deinem unergründlichen Archiv...

Das macht mir großen Spaß. Ich arbeite gerne mit externen Anregungen. Das ist so ähnlich wie beim Texte schreiben, fiel mir auf. So wie ich auch gerne Artikel schreibe, wenn mir jemand sagt, schreib doch mal darüber, das ist dann eine Anregung, durch die das Denken dann in Gang gebracht wird, finde ich Samplen eine sehr angenehme Weise, auf so einer Art weißen Schreibmaschinenseite oder Leinwand etwas vorzugeben. Davon bleibt am Ende auch meist nicht viel übrig. Aber eine Assoziationskette wird in Gang gesetzt. Vor allem, wenn man ein Sample nimmt, es komisch EQt, eine gerade Bassdrum drunterlegt und das plötzlich funktioniert, so, wie wenn man unter ein Auto Räder setzt und es zu rollen anfängt, aber ansonsten nicht viel hermacht oder zu nicht viel zu gebrauchen ist. Deswegen gefällt mir Samplen besser, als an analogen Maschinen rumzudrehen. Das erinnert mich immer an Solo-Gitarristentum. So wie wir arbeiten, das ist eher wie Komponieren-Arrangieren.

Wie ergänzt sich das dann?

Du suchst Dir einen Groove raus, der als Muster funktioniert.

Wie gebt ihr dann die Sequenzen dazu, wie entscheidet ihr, was noch fehlt?

Das funktioniert eben, wenn diese Assoziationskette in Gang gesetzt ist. Dann beginnt ein manchmal schmerzhafter Demokratieprozeß, wenn dann jeder mit seinen Ideen ankommt, obwohl wir da Wege gefunden haben, daß keiner sich zurückgestellt fühlt.

Wie macht ihr das?

Wir arbeiten oft nur zu dritt zusammen, wenn wir ein Stück mastern, weil dann jeder seine kleine Aufgabe hat. Entweder am Mischpult rumdrehen oder Platten noch live dazu mischen. Also z.B. dieses Stück "Harvest", da ist ganz viel live von Platte dazugemischt, immer zurück gedreht, und die ganzen Bauernhofgeräusche und so. Einer von uns hat am Equalizer zu tun, der andere mutet am Computer. Insofern sind die gemasterten Sachen auch alles Unikate. Während ein Stück aufgebaut wird, ist es oft so, daß wir das nur zu zweit machen, alleine oder eben in wechselnden Konstellationen. Wir haben nach einer Weile gelernt, daß das zu dritt einfach nicht so gut geht. Man muß auch mal ein weites Stück alleine gehen.

Daraufhin schneidet mein Diktiergerät einen Teil des Bandes in zwei Hälften, in der Pause, die ich brauche, um ein neues Tape einzulegen, erzählt Hans, daß ihm Richie Hawtin einmal erzählt hat...

Was war mit Richie Hawtin?

Der hat gesagt, daß Leute ihn immer ansprechen: "Hey laß uns mal zusammen Musik machen", und er hat da gar keinen Bock zu. Er sagte: "Ich bin am liebsten allein im Studio. Ich mag das weder, bei anderen Leuten zu gucken, was die haben, noch wenn andere Leute gucken kommen, was ich so habe." Und das kann ich ganz gut verstehen. Ich bin in unserer Band auch nicht derjenige, der vorschlägt, mal das oder das Gerät zu kaufen. Es ist nicht so, daß mich das nicht interessiert, es ist nur so ähnlich, wie mich die Grafikcomputer oder die Software dafür nicht interessiert. Mich interessiert, wie die Seiten hinterher aussehen, aber wie die Maschinen aussehen, die das machen, ist mir egal. Ich nehme lieber das,was da ist, oder was der Justus mir vorschlägt, was wir noch brauchen und ich glaube ihm das dann. Das ist dann wiederum das gute Team, insofern kann man das mit einer Zeitungsproduktion vergleichen. Jeder ist zuständig, es gibt keine so extreme Aufgabenverteilung, sondern eher sich überschneidende Kreise. Ich bin also eher für Öffentlichkeitsarbeit und die Samples rauszusuchen zuständig. Das macht mir großen Spaß, nach Feierabend.

Machst Du das gezielt oder wunderst Du dich, was auf den Platten eigentlich drauf ist und hörst es dir dann an?

Ich höre alle Arten von Musik. Und das ist eine gute Ausrede dafür. Manchmal, wenn ich gefragt werde, ob ich nicht so einen Dienstagabend-Kneipenabend machen will, wo ich dann nur alte Platten spiele, da nehme ich mir gerne einen Zettel mit und schreib mir auf, was mir auffällt. Aber das findet hauptsächlich bei Platten statt, die ich schon sehr lange habe. Ich hab wahnsinnig viele Platten, die kennne ich auch nicht alle auswendig.

Passiert es Dir, daß Du ein Sample lange mit dir rumträgst, aber es passt einfach nirgendwo rein?

Das kommt öfter mal vor. Zum Beispiel wollten wir mal so ein Lenny Bruce-Track machen, dadür hatten wir diverse Samples von Lenny Bruce, das sollte unter dem Titel "Poetry + Jazz" laufen, und das hat's total nicht gebracht. Das liegt immer noch irgendwo rum und ist irgendwie so halbgut, eines tages, vielleicht... Im Grunde fällt so was tonnenweise an, das muß sogar so sein. Das ist sowieso meine Einstellung zu Ideen im allgemeinen, man sagt ja oft, wenn man eine Idee hat und viel darüber redet, daß das nur Geschwätz ist. Aber ich finde, gerade, wenn man Musik macht, oder sich in dieser Grauzone bewegt, daß man ganz selbstverständlich eine gewisse Ausschußquote dazurechnen muß. Von zehn Ideen ist es natürlich nur eine. Davon darf man sich halt nicht deprimieren lassen, sondern man muß das als Selbstverständlichkeit hinnehmen, so wie man beim Kochen Abfall hat.

Das ist beim DJing auch so, ich glaube, manchmal ist es besser, eine gute Platte nicht zu spielen.

Ja ja, das ist vollkommen richtig, auch, damit man sich hinterher nicht so ein bißchen schmutzig fühlt.

Woher kommen die Samples auf der Platte? Zum Beispiel das von "De Groove You Spezial"?

Das ist von einer alten Jazzplatte, das ist ein ganz langes Stück und nach vier Minuten hört das auf, der macht dann diese Ansage und dann geht das Stück weiter. Der Rest der Ansage ist auch noch irgendwo auf der Platte drauf. Das ist das, was er sagt, bevor er "de groove you special" sagt, wenn er das überhaupt sagt. Wir haben das einfach angenommen, da gab es auch diverse Meinungen, wie wir das Stück nennen sollen, eine Weile lang hieß das Stück De Groove You Fazer, aber das sah irgendwie so doof aus. Das kann man sich einbilden, zu verstehen. So wie Kinder englische Popsongs hören und irgendwas mitsingen. Das ist in Brasilien auch so, der DJ-Markt besteht praktisch nur aus Bootlegs. Offenbar gehr einer hin und kauft sich die Originalmaxi aus Amerika, und die wird dann auf so miesen Vinyl mit irgendwelchen anderen Stücken aus völlig anderen Musikrichtungen auf eine Maxi gepreßt, das kann man als Fächer benutzen, so dünn ist das, mit so einem selbstgedruckten Label, wo dann die Titel in so einem Phantasie-Englisch draufstehen. Wenn man das dann liest, dauert es eine Weile, bis man weiß, welches Stück die meinen. Ich hab mir auch ein Paar gekauft, das war schön anzusehen. Das war eine interessante ethnologische Betrachtung.

Fließt die auch in eure neue Platte ein?

Das ist schwer zu sagen, wir planen das eigentlich nicht. Es war auch bei der LP so, daß wir nicht richtig wußten, was wir für Musik machen wollten. Viele Leute denken, daß wir eine Konzeptplatte machen wollten. Aber es war eher so, daß nachdem alle Stücke fertig waren, haben wir die in eine Reihenfolge gebracht, die einfach konzeptmäßig war. Also, wenn wir ein Konzept verfolgt haben bei der Platte, dann sehr intuitiv und nicht vorausgeplant. Das einzige Paradigma, was wir hatten, war, daß eine LP ist und daß wir gezielt auf die speziellen Hörmöglichkeiten einer LP eingehen, also sich das zu Hause anzuhören, usw. Daß es halt kurzweilig ist und etwas reisehaftes hat. Es war schon so, daß wir gesagt haben, wir müssen noch soundsoetwas machen, was sich dann am Schluß wie "In the land of my Birth" angehört hat, um das zu komplettieren.

Ist der Eindruck beabsichtigt, daß viele verschiedene Räume zu hören sind?

Es ist eher so, daß als die Platte fertig war, daß uns dann erst Sachen daran auffielen. Ich finde es immer besser, abzuwarten, oder sagen wir besser, ich habe noch nie von einem Musiker erwartet, daß er alles weiß über die Musik, die er macht. Das ist nicht der Sinn der Sache. Und ich nehme mir das gleiche Recht auch für mich raus. Ich liebe es ja, Musik zu analysieren, aber nur bei der Musik von anderen. Aber es gefällt mir auch sehr gut, wenn andere meine Musik analysieren. Das ist das sozusagen erotische Verhältnis zwischen Musiker und Kritiker. Das merke ich auch jetzt erst am eigenen Leib, daß man das, wenn man Platten macht, sehr gut gebrauchen kann, um sich über sich selbst besser im klaren zu werden und das, was man da tut. Deswegen kann ich jetzt noch weniger verstehen, wenn Leute was gegen Kritiker haben.

Danke


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