Helmut Ahrens

<Chromapark                                                        Zille >

Helmut Ahrens ist einer der führenden Soziologen Deutschlands und einer der wenigen, der sich für Techno, Drogen und ihre Vor und-Nachteile interessiert bzw. realistisch mit diesem Themengebiet auseinandersetzt.

Angefangen hat seine Forschungsreihe Techno um 1992, als er für das Bundesgesundheitsmini- sterium mit einer Studie beauftragt wurde, die er dann später in einem sechsseitigem Zeitdossier erörterte. Heute tritt er in Fernsehshows auf (live aus der Alabama Halle, Ilona Christensen etc.) und versucht neben vorurteilsbehafteten und vorurteilsbestätigenden Studiogästen (schönen Gruß an die verpeilten und peinlichen Raver bei Ilona) aufklärerisch tätig zu sein. Frontpage bietet dem engagierten Forscher, der sich auf der Suche nach der Wahrheit in die verschiedensten Lebensituationen von jungen Leuten führen läßt, den Raum dafür und hofft, daß dieser Raum auch nutzt. Helmut Ahrens ist niemand, der den Zeigefinger hebt. Aber er führt vor, was nicht und niemandem passieren muß. Be Aware!

Es gibt Tage, an denen ich Zweifel habe: soll man Drogenkonsum verdammen oder kultivieren? Seit zehn Jahren beobachte ich privat innerhalb von Freundeskreisen in wechselnden Partyszenen der Metropolenstädten in Europa und beruflich quer durch alle Berufsgruppen des Mittelstandes eine sozial unauffällige Form von Weekend-Drogenkonsum.
In den 80ziger Jahren tauchten die synthetischen Drogen auf, und als ich mich in den Jahren 93/94 soziologisch mit Fragen zur Bedeutung des Drogenkonsums in der Diskotheken- und Dancefloorszene beschäftigte, war ich nicht überrascht, daß zu Cannabis, Amphetamin und Kokain, Ecstasy hinzugekommen war. Sogar LSD brachte es zu einem Revival. Für die drogenexperimentierenden Teile der Dancefloorszene wurde mit dem Aufkommen der Acid-House-Parties und den nachfolgend neu entstehenden Technoclubs ein neues Kapitel in der Partykultur und in der Drogengeschichte in Deutschland aufgeschlagen: Erstmalig gab es eine Droge, die von ihrer stimulierenden wie magischen sowie kommunikativen Wirkung her sich optimal in das setting von Tanzparties einfügte.Zugleich mußten keine sozialen Auffälligkeiten bei den Usern befürchtet werden.

Während zu Beginn der 90er Jahre der Konsum von Ecstasy unter Teilen der tanzenden Jugendlichen in Technoclubs und auf Raves noch endemisch verbreitet war, ist auch bei der Beachtung regionaler Unterschiede inzwischen ein weitgestreutes Ausdehnungsmuster zu beobachten. Dabei weiß gegenwärtig exakt niemand, wieviele Jugendliche und Erwachsene schon mal Ecstasy probiert haben oder wieviele es regelmäßig nehmen.


Rufen wir uns die Zahlen über Drogengebrauch bzw. Drogenmißbrauch kurz ins Gedächnis. Im Jahrbuch Sucht 94 - herausgegebenen von der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren - werden folgende Zahlen genannt:

  • 5% aller Deutschen gelten als suchtkrank.
  • 2,5 Millionen Deutsche sind alkoholabhängig,
  • 1,4 Millionen Bundesbürger sind tablettenabhängig,
  • 150.000 Deutsche gelten als heroin- bzw. kokainabhängig,
  • 17 Millionen rauchen,
  • 3 Millionen gelten als Cannabis-User.

    Über die gesundheitlichen Risiken von Drogenmißbrauch geben diese Zahlen einen Eindruck:

  • 90.000 Deutsche sterben infolge des Tabakkonsums,
  • 40.000 Deutsche sterben unmittelbar durch Alkoholmißbrauch.
  • über 1.700 Drogentote wurden 1994 gezählt.

    Wieviele Tausende von Bundesbürgern im Jugend- und Erwachsenenalter Ecstasy, Designerdrogen wie DOM, DOB, DET, PCP, LSD sowie Pilze, Amphetamine, Schnüffelstoffe, Crack oder Guarana nehmen, das weiß zur Zeit niemand. Wir wissen nur eins durch unsere Feldforschung: Die psychoaktiven Wirkstoffe mit stimulierender Funktion, die Art des Konsums und der Umfang der Verbreitung sind in ein vielgefächertes Konsummuster eingebettet.

    Der Drogenkonsum-Schwerpunkt liegt unter Ravern zweifelsohne bei Cannabis (Haschisch), Ecstasy und Speed sowie anderen Wachmachern, wie Guarana, das coffein- und vitaminhaltige "Naturprodukt" aus dem Reformhaus. In geringerem Umfang spielt LSD eine Rolle. Unter einigen Diskothekenbesuchern kommen auch Schnüffelstoffe (z.B. Poppers) wieder auf. Kokain ist nach szeneinterner Beurteilung in den Metropolen auf dem Vormarsch. An der Peripherie der drogenkonsumierenden Teilgruppen der Weekend-Dancefloorszene wird vereinzelt von Crackgruppen berichtet. Dabei handelt es sich überwiegend um junge Erwachsene aus den sozialen Brennpunkten der Städte Frankfurt, Berlin, Köln und Hamburg. Wahrscheinlich ist es unsinnig und realitätsfern, im Zusammenhang von "Techno- und Partydrogen" lediglich von Ecstasy zu sprechen. Nach Durchsicht von nahezu tausend Seiten Interviewmaterial, die im Rahmen einer Pilotstudie 1993/94/95 zusammenkam, fand ich unter 80 Befragten von 100 keinen einzigen, der nur Ecstasy konsumiert. Um es im Soziologenslang zu formulieren: Die Praktiken der heute drogenkonsumbereiten Bevölkerungsgruppen sind durchwegs polyvalent und die Techniken des Konsums sind instrumentell hoch differenziert.Es gibt dabei nicht lediglich das chemische Design der Stoffe, die bei der Herstellung synthetischer Drogen wie beispielsweise Ecstasy gebraucht werden. Es gibt vielmehr ein drogeninduziertes "Design" von "Körperfeeling und Stimmungslagen". Anders gesagt: Bei den privaten oder öffentlichen Parties finden wir ein Set oder Settings, die der jeweiligen Situation angepaßt werden. In diesem Sinne können wir von einer soziokulturell bedingten Ästhetik von Party und Drogen sprechen.

    "Sie schlucken Ecstasy, Speed und LSD. Und sie hören Tekkno. Die Disco-Kids der Neunziger kaufen Glücksgefühle aus dem Chemielabor. Die Gefahren werden unterschätzt." Mit diesen Sätzen wurde ein Dossier von Manfred Kriener und Walter Saller in der "Zeit" (Nr. 37, 10.9.93) eingeleitet. In der fachlichen Beratung zu diesem Artikel mit den beiden Journalisten waren wir damals aufgrund von Szenebeobachtungen darüber im klaren, daß das Rad der Geschichte von Jugendmusikkulturen und Droge nicht mehr zurückgedreht werden kann.

    Wir waren uns aber auch einig, daß es neue Drogenprobleme auf höherem Risikoniveau geben würde, als es bis dahin aus der Zeit der Rockmusikgeschichte und der Popkultur der vorhergehenden Jahrzehnte drogenspezifisch (Cannabis, LSD, Kokain, Heroin) bekannt war. 1993 wurden uns unabhängig voneinander in Gesprächen und Interviews mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in den sozialen Krisenbrennpunkten der Städte Berlin, Frankfurt, Köln, München, Hamburg leben und die in Einzugsbereichen von "In-Diskotheken" auch Technoparties besuchten, von Einzelfällen berichtet, in denen Crack, PCP, Glass (in Säure gelöstes Speed, das zu rauchbaren Kristallen verkocht wird) und Key (Ketamin) in kleinen Gruppen konsumiert wurde.

    Seit sechs Monaten sitze ich stundenweise in der Woche am Drogeninfotelefon von "Eve & Rave". Dabei erfahre ich auch - nach Beantwortung von Standardfragen zu den Risiken und Nebenwirkungen beim Konsum von Cannabis, Amphetaminen, Ecstasy, LSD und Kokain - etwas über private Chrackparties, psychische Abhängigkeit von Glass, Unfällen und Schlägereien im Zusammenhang mit PCP-Konsum und der Abhängigkeit von Ketamin. An den Infoständen von "Eve & Rave" berichten Raver häufiger von Abhängigkeitsverhalten durch regelmäßigen Drogenmischkonsum (meist Ecstasy und Speed) und in einigen Fällen auch vom Fixen von Amphetaminen und in einigen Fällen auch von Opiatgenuß (Inhalieren, Rauchen).

    An der Peripherie der Technoszene wird in Subgruppen der drogenkonsumierenden "Ravesociety" ein Übergang in Raverarmut und Drogenelend beobachtet. Das nun kann in keinem Fall die Perspektive eines kritisch gedachten Drogen-Akzeptanzstandpunktes zum sozial und kulturell integrierten "weichen" Drogenkonsums (Cannabis, MDMA) sein.


    Vor zwei Jahren habe ich mit den Eve & Rave-Aktivisten der ersten Stunde das Amphetamin- und Kokainproblem einiger Besucher in Technoclubs diskutiert. Um die Partykultur zu erhalten und den positiven Technospirit weiterentwickeln zu können, ist die Gesundheit, die soziale Integration und die Förderung einer Ekstasekultur, die auch ohne Drogenkonsum auskommt, notwendig. Höchstwahrscheinlich sind es durchschnittlich 30 - 40% der Besucher von Technoparties und Raves, die manchmal oder häufig mit "Partydrogen" mit dem Schwerpunkt Ecstasy und Speed situativ Probleme haben. Davon wiederum sind ca. 5- 10% durch regelmäßigen Drogenmischkonsum sucht- und abhängigkeitsgefährdet. Der Anteil derjenigen drogenkonsumierenden Raver, die in eine langzeitliche "Drogenkarriere" abrutschen können, liegt bei geschätzten 3%.

    Am Ende kommt es jedoch auf die Gesundheit und die Lebensqualität jedes Einzelnen an und deshalb können nicht die "leichten Fälle" oder die akuten "Unfälle" allein zum Kriterium für die Bewertung der Notwendigkeit von Drogenaufklärung vor Ort und für die Inhalte der Beratungsarbeit gemacht werden.

    Es gibt sowohl einen drogenspezifischen Aufklärungs- und Beratungsbedarf unter Raver/innen. Noch größer scheint indessen der "Selbstheilungsbedarf" zu sein.


    Der Drogenaufklärungsbedarf im Sinne von "Safer use" bezieht sich auf Situationen, wie sie z.B. Pia erlebt hat.

    "Mir gings schon mal total schlecht. So in der Anfangszeit, wo du mit den ganzen Sachen noch nicht gut umgehen kannst. Da kommst du schon mal in die Gefahr, zuviel zu nehmen. So ist es mir passiert, daß ich in einem Club umgekippt bin. Ich bin reingegangen, habe mich hingesetzt und ich dachte noch, ich pack das irgendwie mit den Stroboskobblitzen nicht - und zack weg war ich. Da haben sie mich rausgetragen und da hab ich wohl ne Viertelstunde nichts von mir gegeben. Und im Auto bin ich wieder aufgewacht und hab nur gefragt: Was?! Wir wollen schon gehen? Also voll der Blackout. Das sind dann schon unangenehme Szenen, wenn du auf Droge bist und zuviel genommen hast... Ich habe jetzt mehr Respekt vor meinem Körper, den Drogen, und ich denke vorher nach, was die Situation jeweils hergibt und was nicht." (Interviewauszug Pia, 20 J. Techno-studie im Auftrag BMG, Ahrens/Hauschild 1993/94.) Der Aufklärungsbedarf - beispielsweise durch Qualitätskontrollen, also dem Testen der Drogen vor Ort - bezieht sich zu erst auf Situationen, wie sie Maren erlebt hat: "Früher habe ich mir darüber nicht viel Gedanken gemacht, von wem ich Drogen kaufe. Da habe ich egal von jedem, der angeboten hat, welches Alter der auch hatte, also so habe ich gekauft. Da habe ich schlechte Erfahrungen mit gemacht. Da habe ich auch von Kids vor der Disco Drogen gekauft und mir war nicht klar, daß die ziemlich viel strecken und panschen, weil sie eben Geld brauchen. Ich hatte daher mal eine Vergiftung, war im Krankenhaus, lag im Koma. Hatte völliges Körperversagen eine Woche lang... Ich kauf heute auch nicht mehr so gierig, egal was da ist. Brauchen und müssen muß garkeener. Das war ein typischer Anfängerfehler, der fast daneben gegangen wäre..."


    Es gibt szene- und drogenspezifische Schutzillusionen über die Gefahren des Drogenkonsums und es gibt Unterlassun-gen einer angemessenen Drogenaufklärung. Bei der Drogenaufklärung hat dies sicherlich ihre Hauptursache in der offiziellen Drogenpolitik und ihrer Hauptdoktrin. Diese Doktrin besagt, daß oberstes Ziel der Drogenaufklärung die völlige Drogenenthaltsamkeit sein muß. Das bedeutet, daß Drogenkonsum- und Lebensstil-akzeptierende Aufklärung bzw. schadensbegrenzende und risiko-minimierende Aufklärungsarbeit nur als "zweitrangige" und "suchtbegleitende" Maßnahmen vor Ort toleriert werden. Diese aus rein politischen Gründen vorgegebene Doktrin führt fast zwangsläufig zu einer Steigerung individuell vorhandener Risikokonstellationen im Zusammenhang von Drogenexperiment und Partyleben. Der Kreislauf von Verbot, Verfolgung, Angst, Streß, Konsum wird die Ent- wicklung eines sinnvollen Umgangs mehr behindern als fördern.


    Die Jugendtherapeutin Eva Winizki befürchtet: "Wenn man Ecstasy so verfolgen würde wie Heroin und Kokain, hätte das für die Konsumenten ähnlich verheerende Folgen wie die Verfolgung der Heroinkonsumenten." Man kann davon ausgehen, daß es mittlerweile für Randbereiche der Szene selbst ein Therapiebedürfnis gibt. Er bezieht sich auf Situationen, wie sie Peter in einem Interview schildert:

    "Ein guter Freund von mir ist halt wegen Ecstasy auch in die Psychiatrie gegangen. Der hat also 3 `E's genommen pro Party. Ich kenn zwar Leute, die noch mehr nehmen, aber bei ihm hat das nach einiger Zeit dazu geführt, daß er völlig ausgerastet ist. Er hatte auch Probleme zu Hause, war in der 13. Klasse und stand vor dem Abitur. Da hat er alles hingeschmissen: die Schule verlassen und ist von zu Hause ausgezogen. Der hatte Paranoia, d.h., er sah schon Dinge, die nicht da waren. Dann haben ihn seine Eltern in die Psychiatrie eingewiesen. Nach einigen Wochen war er wieder ok. ...Ein anderer Freund von mir hat geglaubt, er sei der King. Er hat auf Ecstasy Hausaufgaben gemacht und weil er sich für Physik interessierte, meinte er in seinen Überlegungen, die Weltformel gefunden zu haben. Dann wollte er nach Hamburg zur Uni fahren und das alles mit dem Präsidenten der Uni besprechen. Er ist auch in Hamburg angekommen, aber dann ist er in die Psychiatrie gekommen. Nach einem halben Jahr wurde er wieder entlassen und redet und denkt wieder normal. Er hat mit Drogen aufgehört. Wahrscheinlich das Beste für ihn, schätz ich mal..."


    Die Gefahr der Herausbildung sogenannter drogeninduzierter halluzinatorischer Psychosen wird in der internationalen Literatur mit 0,3 bis 0,5% derjenigen angegeben, die Ecstasy und teilweise auch LSD konsumieren. Es darf andererseits nicht überraschen, daß mit Ecstasy und LSD in der Psychotherapie bei Depressiven und bei psychotischen Patienten experimentiert wurde. Beide Substanzen aktivieren das Dopamin, ein Neurotransmitter, der für die Aktivierung von Phantasie und Kreativität sorgt. Ecstasy erhöht situativ zusätzlich den Sterotoninspiegel, der bei Depressiven in der Regel im Vergleich mit ansonsten psychisch "gesunden" Menschen durchwegs niedrig ist. Das bekannte depressive "Entzugssyndrom", das manche Ecstasykonsumenten bei Abklingen der Rauschwirkung erleben, dürfte hier einen Ursache-Wirkungszusammenhang haben. Neben anderen Ursachen dürften die Neutrotransmitter-Reaktionen ein Anhaltspunkt für einen "Selbstheilungs-Effekt" sein, den Ecstasy-User häufig schildern:

    "Ich kann sagen, daß ich beim Tanzen auf Ecstasy schon mal in ein totales Glücksgefühl reingeschlittert bin, was in Orgasmus-Nähe kam. Das war wirklich der Hammer." Anita 21 Jahre.

    "Drogen haben meine Entwicklung positiv beeinflußt...Ich bin dann (beim Sex) wesentlich offener. Auch mein Partner. Wie soll ich das beschreiben? Das ist wirklich schwer zu greifen. Es fallen völlig....äh, Verkrampfungen weg, die ich vielleicht im nüchternen Zustand habe oder bei Leuten, die ich nicht so gut kenne. Ich hab zum Beispiel eine Phantasie im Kopf, möcht die gerne machen. Da ich aber nicht weiß, wie mein Partner darauf reagieren könnte, traue ich mich nicht. Bei Ecstasy hat man zwar auch noch den Gedanken, das man nicht weiß, wie der andere reagiert. Aber es fällt leichter, es auszusprechen. Das gehört auch zu den Erfahrungen mit Ecstasy. Warum das im nüchternen Zustand so schwer ist, weiß ich auch nicht..." Buddy, 29 J.

    "Drogen und Techno haben mein Leben verändert. Es ist irgendwie ganz anders. Nicht daß man von Wochenende zu Wochenende lebt, sondern daß man ein ganz anderes Lebensgefühl bekommt. Und das nur dadurch, daß man alle Aggressionen und Ängste durchs Tanzen abbauen kann. Ich war sonst immer ein depressiver Typ, aber seit ich auf Techno-Parties gehe und Ecstasy kennengelernt habe, geh ich mit allem leichter um..." Karsten, 24 J.

    "Also eine Freundin von mir, die hatte Depressionen. Die hat dann Drogen genommen, obwohl sie schon weiß, daß sie keine nehmen soll. Die ist noch nicht so lange dabei. Da gab es wirklich Probleme, so mit Selbstmordversuch... Die Persönlichkeit verändert sich immer durch Drogen, soweit ich beobachtet habe. Auf Koks haben sich die Leute extrem verändert. Das Problem habe ich leider nicht, äh, d.h. was heißt leider...Koks ist für mich keine Partydroge. Sichtbar verändert durch Musik und Drogen hat sich, daß ich mich überwiegend in schwarzes Lack und Gummi kleide. Das ist für mich so eine kleine Spaltung, würde ich sagen. Ich empfinde mich angenehm da drin, wohl weil ich auch spüre, wie Leute auf mich gucken. Beim Tanzen sitze ich nicht mehr wie das häßliche Entlein in der Ecke und gucke, was andere machen. Ich mache jetzt mehr, was mir gefällt, wozu ich Lust habe. Das tut meinem Selbstbewußtsein gut. Ich liebe es, neue Menschen kennenzulernen, Kontakt zu haben, das hat sich sehr verändert. Ich muß nicht im Mittelpunkt stehen, aber sich einfach mit sich wohl zu fühlen. Das gibt mir selbst eine andere Ausstrahlung und das wird auch wahrgenommen, ja, so verändert es eben. Sagen wir mal so: Wenn ich Tanzen gehe, dann tanze ich mich frei. Das ist Musik für die Seele. Das Tanzen ist für mich so, wie wenn andere Leute Joga machen. Für mich ist das dann das Tanzen - Urlaub für meine Seele." Gudrun,24J.

    Die Beispiele belegen eine Tendenz in der Dancefloorszene, zumindest bei Teilen dieser Szene: Drogenkonsum wird als Selbstheilungsversuch betrachtet. Die spezifische Atmosphäre von "Love, Peace & Unity", das Tanzen zu einer "Urknallmusik", die Räumlichkeiten und das Licht - all das regt eine innere Zwiesprache mit sich selbst an, sensibilisiert manche mit und ohne Drogen für einen Blick "nach innen". Man erkennt sich selbst und lernt versteckte Ängste, Agressionen, Sehnsüchte und Leidenschaften zu akzeptieren. Der Blick ins Innwändige der Psyche erweitert den persönlichen Bewußtseinshorizont, und insofern haben Drogen eine katalysierende Wirkung auf Einstellungs-, Verhaltens- und Bewußtseinsveränderungen. Diese Erfahrung ist grundsätzlich nicht neu und gibt keine Rätsel auf. Es geht jedoch um mehr, als um einen "Kick" auf der oberflächlichen Schicht von Kommunikation und Psyche. Es geht vielmehr nach neuen Sichtweisen im Verhältnis Ich und Welt. Es geht um die Suche nach neuen Ekstaseantworten in einer immer "schneller werdenen Kultur". Und es geht schließlich auch um Moratorien, Ruhepausen und Freiräume für Jugendliche, die sich auf dem Weg zum Erwachsenenwerden für sich eine Zeit der selbstformenden Reifung verlangen. Ein Raum, der ihnen anderswo verwehrt wird oder der ihnen in den Lebenswelten Gleichaltriger nicht zusagt.Es geht schließlich auch um die Umcodierung und Neubewertung alterstypischer Entwicklungsaufgaben. Wir leben in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs und des soziokulturellen Wandels: dem Übergang von der Industriewirtschaft in Informationswirtschaft und der Übergang von der Konsumgesellschaft in die Erlebnisgesellschaft (G. Schulze 1992).

    In einer solchen Phase der Unsicherheit kann es nicht überraschen, daß es Anpassungsprobleme von Jugendlichen gibt. Und die findet man sowohl bei Teilen der Mittelklasse wie der unterpreveligierten Bevölkerungsschichten. Jugendliche beantworten diese Anpassungsprobleme mit "normbrüchigen" Lebensweisen, in denen Drogenkonsum eine oberflächlich sinnstiftende Rolle spielen kann. Es kommt jetzt darauf an, die Erfahrungsprozesse, die auch in jeder "Ravergeneration" als neu erlebt und durchlebt werden durch kritisch akzeptierende Information und Aufklärung zu begleiten, wenn gesundheitliche, soziale oder kulturelle Gefahren-situationen bewältigt werden sollen. Vom juristischen Standpunkt her ist jede Form von Drogenkonsum bestensfalls als eine nicht anerkannte Form von Selbstschädigung definiert. Wer Drogen besitzt oder mit Drogen handelt, begeht eine Straftat. Die Antidrogen-Prohibi- tion in Deutschland wie in anderen Ländern hat es indessen nicht verhindern können, daß sich z.B. neben der legalen Droge Alkohol die Verbreitung von Cannabis, Ecstasy, Amphetaminen, LSD und mit Einschränkungen auch Kokain in den drogenkonsumbereiten Teilgruppen der Mittelklasse wie in unterpreveligierten Schichten durchgesetzt hat.Gegenwärtig beobachte ich, daß das pharmakologische Designen von emotionalen Stimmungslagen, von körperlicher Fitneß, von geistiger Aufmerksamkeit, von künstlerischer Kreativität - kurz die drogenspezifische Stimulierung von Erlebnis- und Leistungsbereitschaft in unterschiedlichen Milieus und Gruppen zu einem selbstverständlichen Bestandteil alltäglicher Anpassungsleistungen geworden ist.Manche Jugendliche, die ich in der Techno-Szene kennenlerne, scheinen unter einer Art "River Phönix-Komplex" zu leiden: Leben auf der Überholspur der Karriereleiter, Lust auf Parties und diverse Vergnügungen, Absturz mit Drogen, nicht im "Viper Moon" sondern in einer Technodisko. Dazu steht nicht im Widerspruch, daß diese Jugendlichen sich gesundheitlich bewußt orientieren und Werte vertreten, die den Eltern dieser Kinder ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht zaubert, wenn sie anderen vom Erfolg ihrer Sprößlinge berichten.Aus soziologischer Sicht handelt es sich um den Versuch, auf Basis eines allgemeinen Konsens zum vorherrschenden technologisch/instrumentellen Fortschrittsbegriff den heutigen Modernisierungsanforderungen in den Teilwelten Arbeit und Freizeit die "natürlichen" Grenzen unserer Leistungs-, Denk- und Erlebnisfähigkeit durch Indienstnahme chemischer Substanzen zu erweitern.

    Seit zwei Jahren beschäftige ich mich bei "Eve & Rave", ein Raverprojekt für Gesundheit, Kultur, Bildung und Arbeit, zur Förderung der Techno-kultur und Minderung der Drogenproblematik in der Partyszene sowohl praktisch als auch theoretisch mit der Verbreitung und den Praktiken des Drogenkonsums unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In einer Informationsveranstaltung mit Podiumsdiskussion in Bayern wurde ich kürzlich mit folgender Situation konfrontiert. Der Therapeut einer Entzugsklinik und Drogentherapieeinrichtung für Alkoholiker und Opiatabhängige schilderte den Fall eines "Ecstasyabhängigen", der wegen Depression und völliger Desorientierung bei ihm in Behandlung war. Die Symtomatik wurde mit den gängigen Erklärungsmustern des traditionellen Suchtmodells vorgestellt: regelmäßiger Ecstasy- und Amphetaminkonsum im Partysetting. Abhängigkeitsbildung durch Gewohnheit an das Partyleben und "Abgleiten" in eine Suchtkarriere im Konsumschwerpunkt Ecstasy und synthetische Drogen. "Flucht aus der Realität" und Zusammebruch der sozialen Bindungen außerhalb der Szene. Diagnose: Realitätsverlust und akut psychotisch/paranoische Reaktionsbildung und dissoziierte Persönlichkeit nach Einnahme von Ecstasy. Als die Diskussion für das Publikum im Saal freigegeben wurde, befand sich zur Überraschung aller der "Behandelte" im Saal und ging couragiert ans Mikrophon. Er gab folgendes Statement ab: "Sie haben mir überhaupt nicht geholfen. Sie wußten nicht, was ich wirklich hatte und ich selbst wußte es nicht. Sie haben mich mit Alkoholiker und Junkies in eine Entzugsstation gesteckt, obwohl die Wirkung der Droge längst vorbei war. Sie wissen genauso wenig wie ich, ob es Ecstasy war, was ich genommen hatte. Ich glaube ihnen kein Wort, weil sie nicht einmal wissen, was Technomusik und tanzen wirklich bedeutet. Sie kennen Ecstasy nicht, sonst hätten sie gemerkt, in welcher Stimmung und Verfassung ich war. Ich habe mir selbst geholfen, nachdem ich ihre Klinik verlasse habe. Aber ich weiß bis heute nicht, was wirklich mit mir passierte." Danach herrschte eine beklemmende Stimmung im Saal. Es gab keine Nachfragen oder Erläuterungen der Experten auf dem Podium. Schließlich stand eine Mutter, die sich in einer Elterninitiative gegen Drogen engagiert hatte auf, und forderte zur Hilfe für Süchtige und zur Abstinenz auf. Die ersten Raver verließen den Saal. Ein ca. 18jähriges Mädchen begann mit einer "Gegenrede".

    Kurz vor Ostern sprach ich bei einer "Eve & Rave"-Veranstaltung in einem Jugendclub in Brandenburg mit 14 - 18jährigen Ravern, die Jörg Kaiser vom mobilen E & R-Clubteam und mich zu einem Gespräch über Drogenerfahrungen und Gesundheitsgefahren bei Ecstasykonsum eingeladen hatten. Obwohl ursprünglich abgeklärt war, daß keine "Betreuer" dabei sein sollten, fragten dann doch zwei inhaltlich am Thema interessierte um Erlaubnis, bleiben zu dürfen. Niemand war dagegen. Jugendliche, Erzieher, Pädagogen und Eltern sind gleichermaßen ratlos über das neue Phänomen: Begeisterung für Technomusik, Raven und Konsum von Partydrogen. Vier ältere Jugendliche trauten sich, von ihren Drogenerfahrungen und ihrem Alltagsleben zu erzählen. "Die" Realität in der Kleinstadt für "die" Jugendlichen wurde folgendermaßen skizziert: Ca. 40% Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen. Es gibt eine größere Diskothek, in der alle Drogen zu kaufen sind, die einer haben will. Die meisten haben aber ihre "privaten connections", weil die Polizei beobachtet und befürchtet wird, daß demnächst Razzien durchgeführt werden.

    Einzelne Jugendliche und junge Erwachsene handeln mit Drogen, weil sie so überhaupt Taschengeld haben und am Wochenende aus dem Haus in die Disko gehen können. Die Eltern der meisten dieser Jugendlichen haben keine Ahnung von der Drogenrealität in dieser Stadt. Mehrheitlich berichten die Jugendlichen von massivem Alkoholkonsum der Eltern. Die Kommunalpoltiker wollen "es" nicht wissen. Der Jugendclub wird demnächst wahrscheinlich geschlossen. Die wenigen Pädagogen und Erzieher bangen um ihren Arbeitsplatz. Einige Jugendliche, die sich als "Ex-Hooligans" bezeichneten, schildern, daß sich ihre Einstellung zur Gewalt, seitdem sie Technoparties besuchen und "E"s nehmen, verändert hat. "Ich habe gemerkt, was es heißt, einen anderen zu verletzen". Die älteren Jungs berichten im Beisein von zwei betroffenen Mädchen, daß sie sehen, "wie ihr draufgeht". Sämtlich bekannten sexuell motivierten Rituale, wie das Ausgeben von Alkohol zum Zweck der Anmache der Mädchen durch Männer haben sich auf die Praktiken des Drogenkonsums verschoben. Einer Einladung zu einer Line Speed oder Koks folgt im Laufe des abends die Einladung für eine "bessere Optik" zu Hause.

    Drogenkonsum steht in dieser Gruppe auf der Tagesordnung. Alkohol gehört selbstverständlich dazu. Über die Folgen wird kaum nachgedacht. Ein Mädchen ist sichtbar betroffen, als ich aus einem anderen Gespräch mit einer jungen Frau berichte, deren Monatszyklus völlig durcheinander kam, während sie regelmäßig Ecstasy und Speed nahm. Erst nach einer "Pillenpause" im doppelten Sinn regulierten sich Organismus und "Hormon"haushalt wieder.

    Im Verlauf des Gesprächs trauen einige Jüngere aus der Gruppe auf und fragten nach Cannabis und LSD. "Was kann passieren, wenn ich `Mikros' nehme?" "Macht Haschisch süchtig?" Oder: "Mein Bruder macht eine Anabolikakur und will am Wochenende `Pep' nehmen. Ist das schädlich?" Das fragt mich beim Verlassen des Clubs ein Jugendlicher.

    Die Realität dieser Jugendlichen in dieser Stadt ist eigentlich allen Anwesenden klar: keine Perspektive. Viel Kraft und Energie muß aufgebracht werden, um durchzuhaltewn. Die Party am Wochenende ist die einzige Abwechslung im tristen Alltag und die Drogen, die im Umlauf sind, sind das eigentlich neue Erlebnis. Er erscheint sinnlos in dieser sozialen Lage, in der sich die Jugendlichen befinden, von Drogengebrauch oder Mißbrauch zu sprechen. Drogenkonsum wird zu einer situativen Überlebenstechnik.

    Diese Jugendlichen, die klar erkannt haben, daß ihre Lebensrealität ihnen zum gegenwärtigen Zeitpunkt und manchen auf Dauer keine soziale Perspektive eröffnet, suchen in einer Szenerie, die ihnen vordergründig Halt und Schutz gibt, im Alkohol - oder Drogenkonsum nichts weiteres, als körperlich sinnlich unmittelbar erfahrbare Aufregung, Entspannung und Anerkennung. Kaum einer der mittelständischen Jugendlichen und Erwachsenen plant sein Leben als Ganzes und dennoch wird an Jugendliche, die unter desolaten sozialen Umständen Drogenkonsum betreiben, der Anspruch formuliert, alles im Griff zu haben: sich nichts anmerken zu lassen, was einem Frust zufügt oder was an persönlicher Verletzung "tiefer geht", wie es ein 18jähriger Azubi einer Bank in einem Telefongespräch mit mir ausdrückte.

    Die meisten jugendlichen Raver, die ich auf Parties treffe oder die mir über die "Rave -Safe- Drogeninfoline" bei Eve & Rave ihre Fragen stellen, haben die gleichen oder ähnliche Probleme. Ihre Fragen zielen meist auf Folgen von Drogenmischkonsum, betreffen ihr intensives Partynachtleben und die damit teilweise in Widerspruch stehenden Anforderungen von Schule oder Ausbildung, es sind Verständigungsfragen in dem Ab-lösungsprozeß von Eltern sowie an das Leben allgemein.

    Im Spannungsfeld von Arbeit und Freizeit unter der Bedingung von Partyleben, Raven und Drogen-konsum am Wochenende gibt es drei Verhaltenstypen.

    Kürzlich kam ich auf einer Bank in der Chill-Out-Area einer Berliner Disko mit einem 32jährigen Mann ins Gespräch, der mir von seinen ersten Acid-House-Parties in Berlin Ende der 80iger Jahre und dann von den "E"-Parties in kleinen Clubs berichtete. Er sei seit sieben Jahren "dabei" und habe nie Probleme wegen Drogen gehabt. Jetzt habe er jedoch einen siebenmonatigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik hinter sich, nachdem er eine Ecstasy genommen habe. Sein ganzes Leben sei ihm unter der Wirkung der Droge "hochgekommen". Er habe nichts mehr "verdrängen" können. In seiner Familie habe es innerhalb kürzester Zeit mehrere Todesfälle gegeben. "Ich dachte, ich hätte das ganz gut abgepackt, aber dann habe ich sieben Monate mit einem Psychologen der psyiatrischen Abteilung Gespräche gehabt". Jetzt sei es das erste Mal, daß er wieder eine Party besuche. "Ohne Drogen" versicherte er mir. "Komaklotsch" nannte ein 20jähriger Interviewpartner, der seit einem Jahr dabei war, die Situation, in der er kein Ende der Party und kein Ende des Drogenkonsums finden konnte. Für ihn gehörten "Techno und Droge" vor zwei Jahren zusammen, weil er dachte, daß er nur so das "richtige Technogefühl" bekomme. "Jetzt, nachdem ich eine Pause eingelegt habe, sehe ich die Leute anders. Ich tanze immer noch gern und komme gut drauf, weil ich die Musik, die light-show, die Atmosphäre in mir aufgesogen habe. Ich habe da meine family." Später im Verlauf des Interviews räumt er ein: "Der Entzug von Ecstasy war echt hart. Ich war tagelang depressiv und gereizt. Ich konnte keine Leute ertragen. Ich habe nur Tee getrunken, die Wohnung geputzt und das Haus drei Tage nicht verlassen. Dann hab ich Spaziergänge gemacht, über mich nachgedacht und wohin das führt. Ich wollte kein Partyjunkie werden." Ein 25jähriger Mann, der sich selbst als "Technoskin" bezeichnete, berichtete mir ebenfalls von einer Party- und Drogenpause. Akute Krankheitsgründe waren ausschlaggebend: "....ich war jetzt zwei Monate gar nicht weg, weil ich krank war. Hepatitis. Ich mußte auch im Kopf mal ein bißchen aufräumen ein paar Wochen lang. Weil ich halt meine, durch das ganze Feiern bleibst du völlig kleben und du bist desorientiert. Aber es ist gar nicht schlecht, weil sonst kommst du nie dahinter, wer oder was du eigentlich bist und wieso du dieses Zeug frißt und weiß der Teufel was. Aber wenn man drauf kleben bleibt ist man ständig auf der Suche: Was will ich eigentlich? Und man ist ständig auf der Suche und dann kommt man durch Drogen ganz durcheinander."

    "Abklotschen" heißt: im Kopf loslassen und sich körperlich/psychisch auszupowern.

    Raven heißt: tanzen, toben, phantasieren, rasen. Techno und Droge auf Dauer zu einer Einheit verschmelzen heißt, den Absturz ins Bodenlose vorzuprogrammieren. Das gilt nicht für alle gleicher-maßen, die Technoparties besuchen und Drogen nehmen. Aber es gilt vor allem für diejenigen, die sich fortlaufend überdosieren, die sich keine Grenzen setzen können, die sich selbst im Netzwerk ohne Boden verlieren, die sich von Drogenwirkungen die Antworten auf alle Fragen im Leben erhoffen oder auch für die, die sich bis zur Besinnungslosigkeit mit Partyfeiern und Drogenkonsum "zuknallen", um "alles" zu vergessen.

    Technopartykultur heißt:

    "Technomusik" gibt uns beim Tanzen in einer Atmosphäre sensibler Kommunikation die Möglichkeit in die Hand, unsere innersten Gefühle, unsere Gedanken und Phantasien ungezwungen auszudrücken und spielerisch mitzuteilen. Die Kunst der Kommunikation im Technokunstraum besteht darin, das Tasten nach innwändiger Zwiesprache mit sich selbst und die jeweils empfundene Nähe und Distanz zu anderen auszubalancieren und gegebenenfalls Spannungen auszuhalten.

    Manche finden Technomusik beim Tanzen als "Urknall"musik und dementsprechend heftig werden ihre Bewegungen. Andere hegen den Wunsch, daß ihre Körper und ihre Psyche so perfekt und präzise wie Maschinen oder Apparate, aus denen die Schall- und Lichtwellen kommen und auf den lebenden Organismus treffen, funktionieren möge. Die subjektiven Erwartungen unter Partybesuchern in Technoclubs und auf Raves sind individuell höchst unterschiedlich und dementsprechend sind die Erlebnisqualitäten und die Erfahrungen mit "Techno" verschieden und teilweise widersprüchlich. Die Gleichung "Techno = Droge", wie sie die Pop/Rocky-Redakteurin Gudrun Renner in einem "Bravor"Artikel "Ecstasy, die Killer-Pille" kürzlich in einem Sciencefiktion-Szenebericht vor Ort in Frankfurt als Präventionsmärchen für Teenager ausmalte, trifft nicht mal auf diejenigen zu, die Technoparty, Tanzen und Drogen untrennbar verbinden. Es handelt sich bei solcherart deformierten Gedanken um eine aus paranoischen Ängsten und geistiger Umnachtung über das, was Realität ist, geborene Gesinnungsphantastereien. Wieviele geistige Vergiftungen der zitierten Art (Bravo-Artikel) verträgt ein Mensch? Wie wirken reißerisch aufgemachte "Ecstasyreporte" auf Jugendliche, die nach neuen Unterhaltungsformen und Zerstreuung suchen?

    Die Unfähigkeit zur Kommunikation, zur kritischen Wahrnehmung von Realität ist überall gegenwärtig. Als realistisch gilt einer, der sich den Anpassungsleistungen der jeweiligen Realität in seiner Lebenswelt stellt. In den Gesprächen und Interviews mit Jugendlichen und Erwachsenen, die sich selbst als zur Technoszene zugehörig bezeichneten, haben ich niemand getroffen, der die Drogenrealität unter Teilgruppen in der Partyszene vorbehaltlos gutgeheißen hätte. Die Intensität, mit der Zugehörige der Technoszene ihre individuellen Risiken beim Drogenkonsum durchkalkulieren, läßt auf eine hohe Risikoakzeptanz schließen.

    Wir finden eine Bereitschaft, die risikoreichen Praktiken von Drogenkonsum und Partyfeiern wahrzunehmen und zu minimieren. Jugendliche und Erwachsene wollen eine Drogenaufklärung haben, die nicht vor aller konkreten Erfahrung die "Verbotsbrille" aufsetzt und die die ganze Vielschichtigkeit der Gefahren und Risiken lediglich aus der Sicht der schwersten Fälle, wie sie Ärzte, Psychologen und Drogentherapeuten in ihrer klinischen Praxis sehen, eindimensional verengt. Jugendliche, die heute mit Drogen experimentieren, wollen auf der anderen Seite aber auch keine Jubelberichte hören, die Schutzillusionen über tatsächlich gegebene Risikosituationen im Zusammenhang mit Drogenkonsum erzeugen. Sie wollen bedürfnis- und problemnah korrekt informiert werden, um sich einen eigenen Standpunkt für subjektive Verträglichkeitskonzepte im Umgang mit Drogen zu erarbeiten.

    Um das zu ermöglichen, ist eine Situation des kommunikativen Lernens notwendig. Das muß in einer Atmosphäre der Normalisierung und der Entmystifizierung von Drogenkonsum passieren. Die gegenwärtig vorherrschende Zweiweltensicht in der Bewertung von Drogen -diese Pro- und Kontradebatten, von Drogenverdammung und Drogenakzeptanz - führt uns nicht weiter. Sie wirft uns vielmehr zurück und verstellt die Sicht auf die tatsächlichen Zusammenhänge zwischen Drogenkonsum und die dabei entstehenden Phänomene.

    Was die Sache der Prävention und der Drogentherapie im Einzelnen ist, kann nicht abseits von aller konkreter Erfahrung definiert werden. Vielleicht hilft uns hier ein Ratschlag weiter, der bereits vor rund 2.000 Jahren von Hippokrates in einem Lehrbuch der medizinischen Schule von Kos so formuliert wurde: "Wenn du als Fremder in eine Stadt kommst, so betrachte die Lage, die Winde, das Aufgehen der Sonne, die Gewässer, den Boden und die Art und Weise, in der die Einwohner leben und welchen Zielen sie nacheifern - denn wenn du diese Kenntnisse hast, wirst du verstehen, welche Krankheiten für diesen Ort typisch sind, sowie welche Ausprägung verbreiteter Krankheiten du hier finden wirst."


    <Chromapark                                                        Zille >

    Copyright © 1995, Technomedia GmbH HomeBattnSm2 HomeBattnSm1