Formic Records
<DJ Tom Hero >

FP: In der Vergangenheit habt Ihr harten Acid und Techno gemacht,
mit eurem eigenem Label hat sich das drastisch geändert...
BB: Was Formic Rec. jetzt repräsentiert, ist ein Prozeß
vieler Jahre. Man kann von keinem Musiker erwarten, daß mit der
Technik, die er sich heute kauft, er morgen schon eine ultimative
Platte machen kann. In dem Prozeß kommt es sicherlich
zwischendurch zu Stücken, die einen am meisten selbst
verwundern. Im Laufe der Zeit kommt man aber zu einem technischen
Verständnis. Man hat auch keine Lust, das Manual zu den
Geräten zu lesen...
Ist das der einzige Grund für eure Veränderung?
BB. Ja, je weiter man fortschreitet im Erkenntnisstand, desto eher
erkennt man, daß weniger auch mehr sein kann.
RP: Wir haben allerdings auch schon in der Vergangenheit ruhige
Stücke gemacht, die nur keiner rausbringen wollte. Es war zu
der Zeit Hardcore angesagt, und wenn Du für andere Label
arbeitest, mußt Du dich etwas danach richten, was das Label will.
Wir machen jetzt Musik für uns und keinen Dritten.
Auf Communism, einem Sublabel von Force Inc., hast Du mit
"Middle Income" auch schon
ruhige Stücke veröffentlicht!
BB: Das war anscheinened ein nur kurzlebig angelegtes Label, auf
dem nur eine Handvoll von Platten erschien.
Gemeinsam habt Ihr nach Formicula 4 kein Acid mehr gemacht, es gab
Soloprojekte...
BB: Ja, ich habe auf Structure die
"Twindrive" gemacht und auf
Monotone die "Slime Slurps".
Zusätzlich gibt es noch eine Platte auf Aural Audio von
mir.
"Slime Slurps" war Free
Jazz!
BB: Ja, aber electromäßig angelegt mit ungerader Bassdrum.
Du (DJ Rootpowder) hattest auch Soloprojekte?
RP: Ich habe eine Platte auf Rhinebeat mit dem Namen
"Autopsy" gemacht und hatte
ein eigenes Stück auf der Kölner Frequency
Compilation.
Du bist ja besonders als DJ schon früh in Erscheinung
getreten!
RP: Ich habe seit '88 aufgelegt und tue das auch jetzt noch gerne.
Wir haben uns nie angebiedert oder sind jemandem
hinterhergelaufen. Wir hatten auch oft Pech und im letzten Moment
sind Sachen abgesagt worden. Ich habe die erste Acidparty im Rave
1988 organisiert, das lief eine ganze Zeit ziemlich gut und
konkurrenzlos. Irgendwann wurde der Club dann an eine Versicherung
verdealt und ein Aktenkeller. Das ging alles sehr schnell. Der
Club lief ca. zwei Jahre lang. Die bekannten Chicagoer wie
Marshall Jefferson und eine Menge anderer waren da. Wir hatten
damals ganz guten Kontakt zur EMI über eine Person, die bei
uns auflegte und so kamen die Kontakte zustande. Kraftwerk
gehörten auch zum Publikum und haben immer vor der Box
getanzt.
Wie ist der Bezug zwischen Formicula 4 und Formic, da gibt es zum
einen die Ameise...
BB: Formicula heißt Ameise. Die Ameise, die wir auf unseren Logos
haben, ist eine ganz spezielle Ameise, denn sie sondert auf dem
Bild gerade ein Sekret ab, was sich Acid nennt. Das ist Formic
Acid. Man muß allerdings dazu sagen, daß Formic ein neues Projekt
ist, was so direkt zur Vergangenheit keinen Bezug hat, wir haben
wieder bei Null angefangen.
RP: Formicula 4 war unser gemeinsames Projekt mit Mike Ink und
Burger und das beste, was wir 91/92 gemacht haben. Davor haben wir
eine Platte unter Dog Star Man mit den beiden gemacht.
Ihr habt nach Formicula 4 nur noch auf Soloprojekten Acid gemacht,
zusammen aber nie mehr. Warum?
BB: Wir hatten noch nie eine 303, wenn wir eine benutzt haben,
dann, weil wir sie für zwei Stunden ausgeliehen hatten. Wir
haben dann eine Sequenz geschrieben und daraus ein Stück
gemacht. Das Thema 303 ist mehr oder weniger passiv- aktiv an uns
vorbei gegangen, weil wir nie bereit waren, die Preispolitik
mitzumachen. Wenn Du einfach mitbekommst, das Gerät kostet
300 DM und nach kurzer Zeit schon 500 DM, fast das Doppelte....
und dann kam die Lust natürlich doch noch auf das Gerät
und da kostete es schon 1000 DM und da war es aber definitiv zu
teuer für einen Synthie. Wie man bei unseren neuen
Stücken unschwer feststellen kann, haben die alle keine 303
und man kann sich selbst überzeugen, daß es auch ohne
geht.
Eure neuen Platten sind alle sehr minimal, aber dennoch passiert
eine Menge im Hintergrund.
BB: Es ist eine kreative Komponente, die wir erst dann durchsetzen
können, wenn der Computer aus ist. Die Erkenntnis kommt erst
nach längerer Zeit, aber wenn sie einmal da ist, dann
fühlst Du viel besser, was du machst. Es gibt einfach keine
Starttaste, die dich behindert.
RP: Früher hat man mehr mit dem Computer gemacht, Schritt
für Schritt, heute ist es eine Session. Es ist nicht so
direkt wiederholbar, obwohl wir das jetzt schon ziemlich gut
können.
Eure neuen Platten werden oft mit Detroit-Platten verglichen. Ihr
gehört zu den wenigen deutschen Acts, die auch
dementsprechende Stringsounds verwenden.
BB: Das wird oft gesagt, daß unsere Platten nach Detroit klingen,
aber das istpersönlicher Geschmack. Es ist aber auch viel
abhängig davon, welchen Synthesizer man benutzt. Man muß es
den Leuten überlassen, den Sound zu benennen.
Auf Live Gigs hat man immer bewundern können, dass Ihr auch
mit dem Plattenspieler arbeitet.
BB: Das ist eine andere Arbeitsweise mit dem Schallplattenspieler
auf der Bühne, als wie der DJ das macht. Die Platten, die wir
spielen, hört man nicht als Lied, sondern als Effekt, es ist
ganz einfach ein zusätzliches Soundmodul. Die Platten, die da
laufen, sind natürlich keine Technoplatten. Was da
läuft, ist ein Geheimnis von uns, aber so viel können
wir verraten: Es sind Platten, die in den meisten Köpfen der
heutigen Technojünger noch nichtmal in deren Kinderstube
hätten gehört werden können. Die Platten sind
mindestens zwanzig Jahre alt. Wobei natürlich viele Leute gar
nicht wissen, daß es zu der Zeit Musik von experimenteller Natur
gab, die vergleichbar ist mit heute.
Was war denn Euer bester Live Auftritt bzw. Eure beste Party?
BB: Wir sind 1992 im Quartier (Berlin) auf einer Delkom Party als
Formicula aufgetreten und haben geDJed, was super angekommen ist.
Es war zu dem Zeitpunkt, als Acid out war und Belgiensound in war
und wir haben stundenlang nur alten Acid gespielt. Die Location,
ein altes Kino mit schräger Tanzfläche, hat
natürlich auch dazu angeregt. In der Schweiz sind wir dann im
Rahmen von Force Inc.-Veranstaltungen im Planet E in Basel
aufgetreten. In Köln waren wir oft in der Osterrather
Straße/Schlachthof und im Elevator Club, den ich und Klaus Bachor
gemacht haben, das war meine stärkste Zeit als DJ. Die beste
Party, die wir dort gemacht haben, war eine Amok Party, auf der
eine Fetisch Performance eines bekannten Kölner
Künstlers parallel zur Musik stattfand. Die Kombination war
ein einmaliges Erlebnis, das wir versuchen, zu wiederholen. Wir
werden mit demselben Künstler nächste Woche auf einer
seiner Vernissagen auftreten.
Was wird als nächstes auf Formic Rec. erscheinen?
BB: Die Formic 004 wird von Puke Slaughter sein, hinter dem
Projekt steht Sebastian, der vor kurzem selbst Stücke auf
seinen Labels Fixed System und UAR veröffentlicht hat. Die
Formic 005 wird wieder von uns sein.
Zukuftspläne?
RP: Wir werden nächsten Monat mit unserem Elektro Label
anfangen, was sich Electrichords nennen wird. Auf dem Label werden
nur 100%ige Electro Stücke erscheinen. Die Platten werden in
einer kleinen Auflage gepreßt.
Was ist für die momentane Electro-Begeisterung
verantwortlich?
RP: Keine Ahnung, bei uns ist sie ungebrochen seit 1984. Unsere
erste Lieblingsband war Nucleus. 1983/84 war ein Sternjahr der
Musik, da ging es los und nicht nur mit uns.
<DJ Tom Hero >
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