Interviews 4.08

Hier findet ihr die Interviews der Frontpage 95-05. Ihr könnt die Interviews, die euch interessieren direkt anclicken oder euch, wie in der Printausgabe, von Seite zu Seite durch's Heft arbeiten.
Viel Spaß!

Blake Baxter

Ruhig und cool wie eh und je latscht mir Blake auf dem Tauentzien entgegen, rund um die Augen profimässig
vollverspiegelt und sichtlich erfreut
am schönen Wetter...

Nach einer kurzen Tour durch unsere atemberaubenden Büroräume sitzen
wir uns schließlich gegenüber,
und ich bin eigentlich soweit, das Diktiergerät einzuschalten, als wir darauf zu sprechen kommen, wie langweilig wir es beide finden, wenn Interviews aus nicht mehr als kleinen Lebensläufen, einer Equipmentliste und ordentlich Respekt für alle Nichtanwesenden bestehen. Und so entwickelt sich unser Gespräch irgendwie
zu einem netten, frühlingshaften Kaffeeklatsch.


Brenda Russel

Ihre Anfänge als DJane liegen,
wie bei vielen anderen erfolgreichen britischen Kollegen, in der ziemlich
weit entwickelten Radiokultur.

Angefangen bei der Zusammenarbeit mit ihrem Freund Colin Faver an
dessen Show auf KISS FM, über ihre eigene Sendung auf dem Satellitennetz von Sky Sports und Cable TV, mit der Brenda Russel ein Publikum von 2 Millionen Hörern erreichte.

Zudem hat sich Brenda durch verschiedene, eher experimentell orientierte Clubnächte unter die großen DJs Englands gemischt. Seit einiger Zeit wird sie auch auf dieser Seite des Kanals gebucht, ohne bisher wirklich einen Namen zu haben, unter dem sich hier jemand ein Gesicht vorstellen kann. Um dies zu ändern, haben wir sie in ihrem Büro in London angerufen.


Claude Young

Endlich mal wieder kommen neue Leute aus Detroit. Nach den letzten Monaten, in denen Chicago fast zur wichtigsten Stadt Amerikas geworden war, zumindest was die Musik betrifft, und unglaublich viele Chicago-DJs plötzlich überall in Deutschland auflegten, bis fast alle glaubten, dass Funky Techno das gleiche wäre wie Chicagohouse, kommt jetzt Claude Young mit seinen etwas düstereren, moodigeren Visionen von Techno aus der Stadt, die immer noch eine Legende ist.

Schon seine ersten, fast heimlichen Tracks wie "Planet Earth" und "Missing Channel" gehörten zu den wenigen Tracks einer Zeit, die viele nie vergessen werden. Und manche auch nach drei Jahren immer noch auflegen. Im Grunde allerdings gehört er zu einer neuen Generation von Producern, deren wichtigstes Ziel es ist, Techno zu immer neuen, anderen Klängen zu bringen und die Entwicklung einfach nur voranzutreiben auf eine ungewisse, aber vielversprechende offene Zukunft hin,
in der alle zusammenarbeiten und Geld wieder mal keine Rolle mehr spielt...


Dave Angel

Der Gewinner des Camel Move Awards in der Kategorie "Bester Videoclip"
ist der beste nicht nur was die Visuals, sondern auch, was den Soundtrack betrifft: X-Mix 4

9 Computerkünstler aus 7 Ländern
lieferten Bilder und einer der besten englischen DJs, Dave Angel suchte Tracks zusammen, die sich weit über den Rahmen "Dancefloor" wagen, aber auch nichts mit der mysteriösen "Intelligent"-Bewegung zu tun haben:

12 kleine Einzelgeschichten, die sich optisch vom mittlerweile zum Standard degenerierten "Techno"-Geflimmer der Hi- Tech-Produktionen absetzen, führen den Betrachter durch noch ungebaute Stadtlandschaften, gewähren Einblick in eine Hutfabrik der Zukunft und lassen in einer besonders gelungenen Sequenz kleine Irrlichter in der Wüste auf Wanderschaft gehen. Besonders faszinierend ist daran, daß die meisten Beiträge nicht auf kommerziellen Großrechnern, sondern zum Teil auf lo-fi-Amiga-Equipment erstellt wurde, was der Vision eine andere Ästhetik verleiht als die der üblichen Virtual- Reality Vorstellungen.
Musikalisch wird diese Reise in eine Ebene versetzt, die auch unabhängig von Bildern funktioniert. In der Vision-Version sind es nur 12 Tracks, auf der CD 17, die nicht nur richtig cool gemixt, sondern schon bestens ausgewählt wurden, das Tracklisting reicht von Kenny Larkin oder Sun Electric über Josh Wink bis hin zu Chez Damier.
Damit dürfte 1995 definitiv das Erfolgsjahr für Dave Angel sein, der mit seinem eigenen Label "Rotation", zu dem es auch eine Clubnight gibt, und z.B. seinem Debutalbum weite Anerkennung gefunden hat. Seit 1991, als er einer der Headliner der ersten Mayday war, hat er sich zu einem der abwechslungsreichsten DJs und Producer der letzten Jahre entwickelt. Grund genug, um ihm via Fax ein paar Fragen zu stellen:


DJ Tom

Welcher DJ Tom könnte gemeint sein, wenn einer der vielen bundesrepublikanischen DJ Toms auf dem Flyer steht?
Was könnte passieren, wenn ein Heidelberger Underground- Projekt seinen Clubhit an einen Hamburger Major weiter gibt?
Was ist, wenn hinter allem DJ Tom und Thorsten Adler von Arpeggiators/Microbots stehen und sie doch eigentlich auf dem Heidelberger Underground-Label Plastic City keine Major-Label Musik machen wollten?

Wie konnte es passieren, daß die kleine, lustige 10"von A.W.e.X. mit ihrem von einer Sample-CD benutzten "It's our future"soviel Erfolg hat, daß das Major-Label gerne einen Carl Cox Mix gehabt hätte, der aber schon lange vorhanden war?
Was ist los, wenn der Vertrieb des Underground Labels nie abgerechnet hat?
Fragen, die für uns Alex Plastic, bürgerlich Alexander Hendorf, der Besitzer von Plastic City, beantwortete.
Interview: Karin Kruse


Formic Records

Ich treffe DJ Rootpowder, einen der beiden Köpfe von Formic Records,
in seinem 16-Quadratmeter-Plattenladen
in Köln, in dem obskurerweise so viele Electroplatten verkauft werden
wie in manchem Detroiter Recordshop.
Warum dem so ist, kann er nicht erkären, aber das eigene Interesse an Electro, das er mit seinem Mitstreiter Bolz Bolz seit 1984 teilt, scheint anzustecken...

Mit Formic Records ist die Kölner Techno- und Acidszene um ein weiteres Label gewachsen. Eine Anlaufstelle unter anderem auch für Nachwuchs-Artisten, die sich mit den etablierten Kräften der Szene nicht haben anfreunden können und einfach ein Label, welches das gesamte musikalische Spektrum Kölns, das ja ausschließlich das Produkt einer Handvoll von Leuten ist, um einen Variante bereichert.

Den Fans der ersten Stunde von Acid, House & Techno ist DJ Rootpowder selbtverständlich ein Begriff, denn er war der erste DJ, der im Kölner Rave, einem der wichtigsten Clubs neben dem Front und dem UFO in Berlin zu diesem Zeitpunkt, 1988 Acid spielte.Von Newcomern also keine Spur, wie man Formic letztlich noch in einem der zahlreichen Szenemagazinen bezeichnete. Im Gegenteil, unter dem Namen Formicula 4 veröffentlichten die beiden in Zusammenarbeit mit Mike Ink und Burger Industries mehrere Platten, die maßgeblichen Einfluß auf die deutsche Acidszene hatten. Die Flut von Veröffentlichungen danach riß nicht ab, und so veröffentlichte man zusammen und in Soloprojekten Platten auf Structure, Force Inc, Communism und Adam & Eve. Gerade die Veröffentlichung Roots - "Racing Cars" auf dem letzterem Label brachte ihnen internationale Beachtung ein. Besonders in New York feierte man die Platte aufs kräftigste ab, wo sie seitdem Kultstatus besitzt.

Vor einem halben Jahr entschied man sich, selbst ein Label zu eröffnen, das sich "Formic" nennen sollte und auf dem man unabhängig jeder musikalischen Richtung nachgehen konnte. Den ersten drei auf ihrem Label erschienenen Platten merkt man dieses neue Bewußtsein an, das sich sehr unbefangen vom Technokontext entwickelt. Jeden Dienstag trifft man sich auf dem Land, um, umgeben von Mutter Natur, Sessions hinzulegen, die manchmal die ganze Nacht dauern.

Was die Stücke auf ihren Platten auszeichnet, ist die fließende Qualität, das Basteln an Details und die Ambition, auch dem Zufallsgenerator eine Chance zu geben, was oft zu fremdartigen Nuancen führt. "Kennst Du die Geschichte, als bei Probeaufnahmen zu der neuen LP von Can ein Hund in das Studio gelaufen kommt und man ihn einfach sampelt...?"
Trick Tracks, ihre neue 5track EP, greift dies zum ersten Mal auch in ihrem Titel auf, und wer genau hinhört, merkt, daß hier das Drumpattern unbemerkt von einem Mal zum anderen einfach wechselt, oder die Drums komplett per Hand wie bei einem Schlagzeug eingespielt werden.
Ein anderes Merkmal ihres Stils ist das ausgeprägte Verständnis für Melodien.
In einer Zeit, wo diese mehr und mehr durch Geräusche und Effekte ersetzt werden, weil einfach schon alles dagewesen zu sein scheint, kommen Formic immer wieder mit neuen Ideen.
Triple R sprach mit Bolz Bolz & Rootpowder.


4 Hero

4 Hero sind Reinforced und eigentlich nur zwei,
Mark und Dego. Nahezu allein haben sie es vor
nun knapp fünf Jahren geschafft, ein Label hochzuziehen,
das immer wieder die Grenzen
dessen ausweitete, was heute Hardcore oder Drum and Bass heisst und kurz vor seiner
Auflösung in noch ungewisse musikalische Bereiche steht...

"No Sleep Raver", ihre "Headhunter EP", aber auch "Matrix" auf Kevin Saundersons Label KMS, oder ihre Tek9 Veröffentlichungen sind bereits Legende. Ihre nun für Europa veröffentlichte LP "Parallel Universe", die bereits vor über einem Jahr entstand, und, als sie im Sommer letzten Jahres in England erschien, einfach zu prophetisch war, um wirklich so aufgenommen zu werden, wie sie es verdient hätte, ist ein gutes Beispiel dafür, wie weit sie wirklich der gesamten Szene voraus sind. Jetzt ist das genau der Stil in Perfektion, hinter dem ganz London her ist; eine Mischung aus Jazz, Drum & Bass und Ambient, die jeden Donnerstag in LTJ Bukeems Speed Club in London jeden aus der Hardcoreszene und vor allem auch aus der immer näher rückenden Techno und Triphopszene auf sich vereinigen kann. In Zeiten, in denen selbst Mo Wax, ein britisches Instrumental-Hiphop-Oberstylee Label, dessen Einfluß auf die Londoner Clubszene nicht zu unterschätzen ist, Junglemixe veröffentlicht, und Mixmaster Morris Ambientjungle auflegt, fallen die zwischen den Szenen lange fast als unumstößlich geltenden Grenzen weiter, und 4 Hero könnten, würden sie jetzt die Miniauflage von "Parallel Universe" wiederbeleben, als Propheten dastehen. Aber ganau das erscheint ihnen immer unwichtiger. Jetzt, wo jeder der namhaften Jungleproduzenten Englands in der Nachfolge Goldies, der seine ersten Platten auch auf Reinforced veröffentlicht hatte, von der Majorindustrie, die ganz anders als in Deutschland Jungle nie als reinen Raggahype verkaufen wollte, um LPs angebaggert wird, sind
4 Hero schon wieder mit ganz anderen Konzepten unterwegs und produzieren ihre Jungletracks wie die auf "Tom & Jerry" eigentlich nur noch, um genügend Geld zu haben, als 4 Hero alle Freiheiten nutzen zu können. Lieber verbringen sie Tag und Nacht in ihrem 8-m2- Dachstudio in Nordlondon und suchen nach noch neueren Wegen, nach einer Auflösung allen Stils und Wegen, die niemand vorher gegangen ist.


Mark Broom

Da hält man es eher mit den Detroitern und verschließt sich. Mark Broom gehört ebenfalls dieser Szene an und ist überhaupt erst dadurch bekannt geworden, daß er als Black Dog-DJ durch England und Europa tourte und auf nun insgesamt drei Labeln Stücke veröffentlicht. Neben Black Dog, ART und einigen anderen gehörte er zu den Leuten, deren Musik man in England als Intelligent Techno bezeichnete. Im Unterschied zu denen hat er sich in letzter Zeit auf mehr Dancefloor-spezifische Tracks einigen können und hat nun sein eigenes Label Pure Plastic gegründet, das sich auch in Deutschland großer Beliebtheit erfreut.Triple R sprach mit ihm.


Nookie

Moving Shadow gehen --
wie auch Reinforced -- immer weiter. Cheung, einer der Acts, die schon seit langem dabei sind und unter den Namen Nookie und Cloud 9 die verschiedensten Tracks und Remixe veröffentlicht hat, scheint sich zu einem der wenigen Acts zu entwickeln, die gleichzeitig Happy Hardcore und Drum- und Bass-Fanatiker auf sich vereinigen kann.

Seine Stücke als Nookie, die immer sehr einfach gehalten sind und die die Musikalität der Hardcoreszene auf die Spitze treibenden Cloud-9-Releases sind einfach schön. Manchen vielleicht etwas zu glatt, aber in ihrer bestechenden Klarheit einzigartig.
Nookie wohnt seit kurzem über seinem Record Shop "Armshouse" in einem ziemlich verträumten Städchen namens Hitchin im Norden von England, in dem einem alles so vorkommt, als wäre man mitten unter Touristen, die einfach nur einen sonnigen Tag genießen. Kaum eine Stunde von London entfernt und schon befindet man sich mitten in der unglaublichsten Idylle, in der nie was Schlechtes zu passieren scheint, alle Menschen jung und glücklich und zufrieden aussehen und Junglerecordshops mitten im Dorfgefüge in einem der älteste Fachwerkhäuser einfach so normal sind wie ein MacDonald in jeder Großstadt. Vielleicht findet Nookie seine Inspiration einfach genau dort, in dieser sehr einfachen, sehr schlichten aber angenehmen Umgebung. Seine Tracks wirken in diesem Licht einfach wie ein weiteres Tröpfchen Tau auf den Feldern.
Wir sitzen in seinem schwarzweißen, frisch bezogenen Häuschen, in dem keine Wand grade ist und plaudern uns mit ein paar Moving Shadow Teetassen durch den Nachmittag.
So schön einfach kann das Leben sein.


Touché

Touché Records geniesst bei weltbesten Dj's hohes Ansehen.
Von Carl Cox bis Laurent Garnier, von Woody bis Hans Nieswandt kann sich niemand
dem magischen Sound des Labels entziehen. Touché scheint mit jeder neuen Platte
einen Clubhit zu kreiieren:

Die beiden Produzenten, Dj Zki und Dobre, die sich hinter den meisten Produktionen verbergen, scheinen die richtigen Clubvibes während ihrer Gigs von Amsterdam bis Japan aufzuspüren, um sie dann in einer Studiosession genial für ihre Label Touché und Fresh Fruit umzusetzen. Karin Kruse sprach kurz vor ihrer Abreise nach Tokio mit dem Business-Kopf Marcel, um ein wenig mehr über die einsamen Soundeinsiedler aus dem Holländischen Gabberland zu erfahren.



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