der tresor

DJ Sneak >

Interview: Karin Kruse

FP:
Dimitri, vier Jahre Tresor, Dein Resumee?

Dimitri:
Heute, vier Jahre nach der turbulenten Eröffnung des Clubs im März 91, steht Tresor immer noch als ein Symbol für Innovation, Spirit, Mut und Qualität im Technogenre. Die ersten acht Monate bleiben Musikgeschichte. Wie jeder Club hat auch der Tresor viele Talsohlen überlebt, aber auch extreme Highlights intensivst gefeiert. Der Stellenwert des Tresors als Technoclub mit all seinen verschiedenen Zonen (Bonito-Bar, Globus, dem neuen Ambientcafés Aurora und natürlich des wunderschönen Wildgartens) bleibt wesentlich für die Clubkultur in Berlin. Was zählt, ist, daß der Tresor lebt und i. A. wieder aufblüht wie in seinen ersten Tagen. Ich hoffe, der Senat erkennt die Wichtigkeit dieser Location und hilft mit, sie am Leben zu halten. Mein ehemaliger Partner Achim K. sagte treffend: Berlin mit Tresor ist auf jeden Fall besser als ohne....

FP:
Restaurant Markthalle und Goldener Hahn, Tresor Records, Fischlabor, wieviele gastronomische Betriebe und Companies hast Du noch in Petto? Hast Du sie alle durch den Publikumserfolg des Tresors der ersten Jahre finanziert?

Dimitri:
Die Frage könnte den Eindruck vermitteln, ich sei der Großmogul der Berliner Gastronomie. Dem ist nicht so. Das Geld aus dem Tresor konnte Schulden aus frühen Abenteuern ausgleichen. Ich glaube, keiner würde es verstehen, wenn ich die Unsummen nenne, die der Club für seine Infrastruktur (Wasser/Licht, Technik und Mißmanagement) in den ersten Jahren verschlungen hat. Außerdem bin ich kein Gastronom. Bis heute kann ich keinen Gin Tonic mixen. Dennoch, wen es interessiert, hier ein kurzer historischer Abriß:

Das Fischbüro (86-89), ein abgerutschter DADA-Laden in Kreuzberg, war der Ursprung von allen weiteren Aktivitäten: 1987 eröffnete ich mit Achim K. die offizielle Anlaufstelle für alle Fischagenten in der Stadt, das Fisch-Labor, das ich inzwischen verlassen habe. Im Keller des Fisch-Büros haben wir '89 das UFO gestartet mit ca. 30 bis 40 Housefreunden der ersten Stunde. Das Amt schloß den Club. Die Mauer fiel, der Tresor öffnete '91 seine Pforten. Ende '93 konzipierte ich die Idee für das zeitlose Weltrestaurant, das ich mit drei Freunden '94 endlich realisierte. (augenblickliche finanzielle Belastung DM 500.000)

Der Goldene Hahn ist ein kleiner Club, der vielleicht an guten Tagen dreißig Gäste zählt, aber dennoch einer meiner liebsten Ausflugziele bleibt. Summa Sumarum: viele Arbeitsplätze

FP:
Kult und Kommerz, läßt sich das ohne Abstriche vereinen?

Dimitri:
Ich arbeite an meinen Ideen und das besondere dabei ist, daß ich sie meistens auch realisiere. Wenn eine Geschichte vom Volk angenommen wird, und der Rubel rollt, ist das in Ordnung. Fragst Du mich, was mit dem Geld passiert? Ich sag es Dir: ganz einfach.... Ich investiere es wieder in die Szene, produziere Platten, öffne wieder eine neue Location oder fahre einmal im Jahr in die USA, um mich ein wenig inspirieren zu lassen. Mein Job ist es, Dinge in Bewegung zu halten.


FP:
Wie kommt es, daß Du alle Genies des Technogenres rund um den Erdball signen konntest? Und warum hat man das Gefühl, daß sie exclusiv bei Dir sind?

Dimitri:
Oberste Maxime bei meinen Unternehmen bleibt: Wahrheit. Meine Verträge zu Künstlern sind klar, hart und künstlerfreundlich. Ein Vertrag zählt nur dann, wenn das Vertrauen zwischen Künstler & Company auf ehrlichem Fundament steht. Wenn ein Künstler nicht mehr bei Tresor Rec. bleiben will, kann er gehen. Gegen Unstimmigkeiten gibts die Möglichkeit eines klärenden Gespräches. Außerdem habe ich eine gute Seele.

FP:
Krieg und Frieden in der Berliner Szene, wie bleibt man da cool?

Dimitri:
Krieg ist erwiesenermaßen der falsche Weg, Frieden ist der richtige. Also mach Dir die Feinde zu Freunden oder sei der beste Freund deiner Feinde. Die meisten Auslöser für Feindseligkeiten sind Mißverständnisse. Bevor man's Kriegsbeil ausgräbt, bitte noch mal nachfragen!

FP:
Geht Dir das Nachtleben nicht langsam auf die Nerven?

Dimitri:
JA!

FP:
Was tust Du, Dich davon zu entspannen?

Dimitri:
Nachtspaziergänge. Ich empfehle einen Besuch einer anderen Kunstgattung, dem Theater zum Beispiel. Oder Du fährst raus aufs Land in eine andere Welt, z.B. Tschechien im Riesengebirge. Du buchst dich privat irgendwo ein, rodelst tagsüber und wartest abends, daß Rübezahl ans Fenster klopft


FP:
Underground und Overground, für Dich ein Konflikt?

Dimitri:
Nein, wenn ein Undergroundtrend bzw. -produkt von der Masse entdeckt wird, und die Qualität trotzdem weiterbesteht, ist der Wechsel zum Overground nur eine Frage der Zeit. Wenn Jeff Mills 200.000 Alben verkauft, finde ich das völlig o.k., weil der Inhalt stimmt, und man sich freuen kann, daß die Menschen einen guten Geschmack zeigen. Ich meine, was gut ist, sollte sich verkaufen können.

FP:
Wie kommt es zu den ständigen konzeptionellen Wechseln, die leichte Verwirrung bei den Gästen auslösen. (z.B. Donnerstag Acid Jazz, HipHop am Samstag etc.) Hat der Techno-Pioneer-Laden das nötig?

Dimitri:
Konzeptionelle Wechsel betrafen nur den Globus, nie den Tresor Club. Seit Herbst letzten Jahres ist der Globus ein House-Club und dabei bleibt es. Die Wechsel haben die Unruhe im Club widergespiegelt.

FP:
Was hast Du in Zukunft vor? Weiter Nightlife Agent?

Dimitri:
Ich arbeite an einem Script für ein B-Movie, einen sogenannten Milieufilm, der u.a. die Welt dokumentiert, in der sich Techno abspielt. Irgendwann gibt es diese historischen Locations (E-Werk, Tresor, Love Parade) nicht mehr. Der Streifen soll dieses Jahr gedreht werden. Ich habe mich kurz mit Dr. Motte unterhalten, der mir sein Interesse an einer Mitarbeit signalisiert hat.

FP:
Internet und intermediale Welt, Deine Prognose?

Dimitri:
Im Grunde eine tolle Sache. Jeder findet irgendwo auf dieser Welt einen Gleichgesinnten. Habe ein wenig Angst vor der Vereinsamung und Isolation des Nutzers. Ich bin nicht von der intermedialen Welt, ich stamme noch aus der alten Welt, aber trinke gerne Space Beer.

FP:
Wohin fährst Du in Urlaub, nach Chicago?

Dimitri:
Nein, nach Detroit. Blake Baxter und ich überlegen, eventuell in Detroit einen TRESOR-Club zu eröffnen. Wir werden uns dort nach Locations umsehen. Wenns klappt, lade ich Euch alle dort zur Eröffnung ein.

FP:
Dein Lieblingsgetränk? (Was ist mit dem Schlangenschnaps aus der Markthalle?)

Dimitri:
Grappa + Carokaffee. Der Schlangenschnaps stammt aus Vietnam, Piers, ein Partner, hat ihn mitgebracht, aber ich trinke das Teufelszeug nicht. Es heißt, man wird sexuell besonders ideenreich und zügellos. Alle, die einmal davon tranken, habe ich nie wieder gesehen. Die liegen wahrscheinlich immer noch im Bett und forschen.

FP:
Dein Motto?

Dimitri:
Für die schweren Augenblicke im Leben, Trennungen und Abschiede: "Neue Wege - Neue Begleiter"

DJ Sneak >

Copyright © 1995, Technomedia GmbH