< Octopussies München Vinyl of the month >
Rauschen 9 (Force Inc)
Der inzwischen neunte, regelmäßig erscheinende Überblick über die jeweils aktuellen Force Inc-Releases bewegt sich entsprechend der momentanen Veröffentlichungspolitik des Frankfurter Labels zwischen House und Acid und enthält erstmalig wirklich die stärksten Tracks der zuletzt releasten E.P.'s von Pooley, Love Inc., Ultrahigh, Vogel, Biochip und Richard Benson. Kein einziger Ausfall, absolut lohnenswert. (*** ***) JAM
Self-transforming machine elves - Steve's green thing (Nova Zembla)
Kleine, leichte Häppchen intelligenter Elektromusik, die nicht wirklich zu den essentials der Unterhaltungsmusik zählen, dazu sind sie zu vorsichtig. Mit Ausnahme des Titelstücks, das durchaus sowas wie einen Aufbau vorzuweisen hat, plätschert der Rest so ein bißchen rum, um dann einfach wieder zu verschwinden. Kein Abräumer.(*** *) dis
Oval 94 Diskont (Mille Plateaux)
Die zweite Oval folgt dem Vorgänger, weil nichts daran falsch sein kann. Schwingungen und Wärmeempfinden, wie in der Nähe eines Lüftungsschachts. Oval ist künstlich geschaffene Natürlichkeit, mit einem dokumentatorischen, wissenschaftlichen, fast klinisch keimfreien Ambiente. Eine moderne Art zu chillen, völlig frei von Pathos. Eine CD, die beängstigend realistisch ist. Wieder ein absolutes Meisterwerk! (*** *** 1/2) RRR
Very Synthetic Virtual Noise (Rather Interesting/EFA)
Auf den Kopf gestellt, liest sich das wie Nasa und hat eins der schönsten Cover, die ich seit langem gesehen habe. 8 Tracks, die sich frech zum Ziel gesetzt haben, neue Räume zu erschließen und das dann auch noch immer dann tun, wenn man gerade nicht damit rechnet. Die Kommunikation zwischen den einzelnen Kanälen ist stellenweise mehr als abenteuerlich und läßt einen vermuten, man hätte sich ein sehr wählerisches Diaphragma zwischen die Gehirnhälften geschoben. Dezent bleepy im wendigen 70ger/80ger Design und erfrischend wie eine Karaffe voller Quench. Wir gehen jetzt mal nicht weiter ins Detail (ca600MB), sondern überlassen das dem, der das Glück hat, diese CD noch irgendwo zu bekommen. (*** ***) Bleed
VA - Hardcoremembranterminator (Pikosso)
Fette Verpackung, langer Name, große Worte im Presseinfo. 17 deutsche "intelligent" Hardcoreproduktionen, geliefert im Doppelpack mit Hologram-singleCD. Der Labelchef und ein Freund liefern gleich 11 Titel unter verschiedenen Namen selber, auch nicht doof. Dank massenhaftem TV-Werbeeinsatz werden sich bestimmt einige Kopien dieser limitierten Liebhaberausgabe auch tatsächlich verkaufen. Allerdings sind gerade die drumterror-trax auch wirklich gut geworden und benötigen eigentlich den vorliegenden Informationsoverkill nicht wirklich.(*** **) dis
Dots (Rather Interesting/EFA)
Noch eine dieser interessanten Reisen in die abenteuerlichen auralen Welten von Rather Interesting, das spätestens jetzt jedermanns Lieblingsexperimentallabel sein sollte . Das wäre vielleicht gerade mal so teuer wie eine Bahncard und würde einen definitiv weiter bringen. Beginnt mit dem freundlichen Cortex, dann kommen die Punkte, dann das Seegras und die auswärtsdrehenden Segmente. Wir sind längst mittendrin in einer extrem heiteren Ambient/Dub/Wasauchimmer/Musik-CD, die vielleicht nur deshalb so heißt, weil sie so farbig klingt. Das Auftauchen neuer Elemente bedeutet hier immer ein Spiel, ein Nachlaufen oder Verstecken oder auch Sandburgen bauen aus akustischen Illusionen der Vergänglichkeit. Ist nämlich gar nicht so, wie wir seit der Chaostheorie wissen, denn wenn ein Schmetterling die Chinesen grün anlaufen lassen kann, dann kann der Schall allemal Gewaltigeres. Unglaublich. (*** ***) Bleed
Redagain P - Gigantochelonia (Source/EFA)
Mir scheint, daß diese CD das pathetische Projekt verfolgt, aus der hinterletzten Neubausiedlung einen Ort zu machen, von dem jeder nur mit Ehrfurcht redet. Vogelstang, das ist 70ger Städteplanung, ein Display in strahlendstem Bunt, durchzogen von ein paar funkelnden LEDs. Fassaden aus Waschbeton und eine Tönung aus Neongrau. Hier werden die Kriege entschieden, die das Leben und die Zukunft entscheiden. Ausgelagerte Ballungsräume sterbender Wohnlichkeit. Der Soundtrack dazu ist bedrohlich, intensiv, eine Nähe halluzinierend, die schlürfenden schritts die nächste drohende Vergewaltigung ist. Die Ebene der Darstellung wird nicht mehr verlassen, im Gegenteil, die Verlassenheit ist ein Müllschlucker, die zerreißenden Aufzugstränge, eine längst in der Seele installierte Weltraumkapsel, die das Innen Milliarden Meilen weit wegbefördert hat. Redagain ist einer derjenigen, die Ambientjungle erfunden haben und jetzt am Konkreten ersticken. Versteht das nicht falsch, auf keinem der Tracks wird geballert oder eine Pose simuliert. Alles ist Betrachtung, alles Darstellung. Der Soundtrack zum Tod einer ganzen Generation. Die zur Kenntnisnahme einer hinter den Gardinen verborgenen Kriegsführung gegen uns alle. Ein Soundtrack, zu dem Rentner reihenweise aus dem Fenster springen. (*** **) Bleed
4 Hero - Parellel Universe (Selector/EFA)
Mal ganz abgesehen davon, daß sie von Anfang an dabei waren. 4 Hero sind nach wie vor eine der treibenden Kräfte, wenn es um Innovation geht. Es geht bei ihnen nicht einfach um die Beherrschung eines extrem komplex gewordenen Sounds, sondern um die immer wieder wie aus vollen Regalen gesammelten, konzentrierten, elementar neuen Bedingungen, die sie schaffen. Jeder der 14 Tracks würde sich extrem gut als 12" machen und birgt in sich auch noch mehr Ideen als viele der Platten, die dann erscheinen. 4 Hero sind nicht einfach ein Act, sondern ein Laboratorium. Das Ideal einer Wissenschaft , die, so streng sie auch sein mag, niemals den Menschen aus dem Auge verliert. Wer wissen will, was Jungle ist und diese Platte nicht kauft, sollte das Maul halten und erschossen werden. Genial, 14 Mal. Unglaublich. Platte des Jahres. (*** *** *) Bleed
Hi Ryze - Sodium (GPR/Neuton)
Genaugenommen habe ich ein Herz für Hi Ryze. Neben all den anderen Spinnern sind sie mir bei GPR, zusammen mit Germ am liebsten, nicht zuletzt wegen ihrer legendären ersten frühen kubistischen EP`s, auf deren Sound sich ja auch Leute wie Sweet Reinhardt beziehen. Mittlerweile sind sie um einiges weniger minimal, sondern suhlen sich geradezu in Sounds, machen das allerdings immer noch in dieser sehr querlaufenden Art, die immer wieder alle Intelligentneurosen durchbricht. Sehr quirlige, eigenwillige Tracks, die zwar gerne mal auf die falsche Taste drücken, beziehungsweise einen megaouten digitalen Sound vernichtend klar und in einleuchtender Dummheit herausstellen, aber damit dann glücklicherweise durch die Feinheiten wieder durchkommen. Die digitale Welt birgt nunmal ganz andere Gefahren und Verführungen als die durchgenudelte analoge, und wir werden wohl noch ein bißchen warten müssen, bis Geschmack sich da eindeutig festmachen kann. Dezent groovy und auf einigen Tracks einfach unschlagbar funky. TripHop ist dagegen Gewäsch. Dies hier sind die wirklich Durchgedrehten.(*** **1/2) Bleed
Roupe Strom (Input Neuron/Neuton)
Beim Durchskippen wirkt diese CD eher mal nervig, aber nach und nach entfaltet sie ihren ganz eigenen Charme. Hier wird an keinen Grundfesten genagt, sondern eher versucht, das, was sich über die zweite Generation von Detroit Techno in England zu Intelligent Techno entwickelt hat, irgendwie weiter zu führen. Eher traditionell, wie der stählerne Plumpudding auf dem Cover, aber mit endloser Liebe zum Detail und einer erfrischend unaufdringlichen Selbstlosigkeit zusammengezwitscherte Tracks, die so fett Listening Music auf jede Sekunde ihrer Dauer geschrieben haben, daß man sie gerne im Supermarkt hören möchte. Läßt man sich auf diesen Sound ein, dann kann er einen ziemlich erfüllen. Niemals wurden Experimente verdaulicher durchgeführt als heutzutage. Im Grunde ist das alles extrem alberner Kinderkram in sehr auffälliger Perfektion. (*** **) Bleed
Move D - Kunststoff (Source/EFA)
4 von diesen Tracks sind als 12" auf der von uns im letzten Heft sensationell unterbewerteten 5th Freedom EP ausgekoppelt, und wer sie sich trotzdem besorgt hat, der dürfte es nicht abwarten können, mehr davon zu hören. Vom brilliant designten Sessel bis hin zum letzten Ton ist alles auf dieser CD so unglaublich angenehm kalt und präsent emotional zugleich. `The Rebirth Of Cool'. Da finden sich nebeneinander Sounds, die jede Art von Jazz und Swing, die jede andere Art barathmosphäre einfach und für lange Zeit hin obsolet machen. Man sollte sie Stewardessen zur Schulung vorspielen und die Welt wäre wieder ein angenehmerer Ort. Design hat ganz andere Dimensionen, als man gerne wahrnehmen möchte. Wer Stil hat, oder soetwas in seinem Leben vermißt, der sollte sich diese CD holen. Man kann sie sich sehr gut in einem leeren Zimmer vorstellen, zusammen mit einem Stuhl wie auf dem Cover und einer unsichtbaren Stereoanlage. Das ist Indoors Music. Musik, die selbst aus der schäbigsten 4 qm Wohnung einen Raum macht, der durch seine vernünftig durchdachte Anwesenheit und perfekte Aufteilung besticht. Schluß mit den Halbwahrheiten. Wer die 70ger will, will die 60ger, die 50ger, die 90ger und alles, was sie hätten werden können. (*** ***) Bleed
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