Interviews 4.08

Hier findet ihr die Interviews der Frontpage 95-03. Ihr könnt die Interviews, die euch interessieren direkt anclicken oder euch, wie in der Printausgabe, von Seite zu Seite durch's Heft arbeiten.
Viel Spaß!

Adam F

Nicht erst seit seiner letzten EP Criminal Active, die eine klare Absage an die vordringende Gewalt in Londoner Clubs war, ist Adam F einer der Geheimtips in der Szene.

Die Releases auf Lucky Spin ließen ihn aus dem Nirgendwo auftauchen und durch seine ersten Section-5-Veröffentlichungen war er neben Roni Size, Dillinja und Photek einer der Meistgenannten der neuen Generation von Drum & Bass-Wunderkindern.
Seine Art, die Beats immer wieder durch neue Elemente zu verschieben und mit Melodien und Tricks auszufüllen, ist einzigartig. Er ist derjenige, der durch eine unmerklich leicht wirkende Hymne jeden in der Szene auf das Wesentliche zurückführt. Ein Mehr an Musikalität, lange prophezeit und von vielen hierzulande etwas vorschnell mit einer Ausuferung in die endlosen Weiten der kitschigen Flächen identifiziert und mit Schrecken erwartet, nimmt mit ihm, Omni Trio und vielen anderen als Vorreitern langsam Gestalt an und wird in seiner Ausarbeitung eigentlich von Monat zu Monat spannender. Wider Erwarten sind es nicht die Flächen, die zählen, sondern frische Melodien, die den ganzen Track in sich einschließen und in denen die Drums und die Basslines, ohne an Intensität zu verlieren, eingegliedert werden.
Jungle geht in eine Phase, die weiter denn je von Ragga oder Techno entfernt ist, weil es sich den Wiederholungen und der immer für notwendig gehaltenen Linearität immer mehr widersetzt und bald in akustisches Design übergehen wird. Hardcore bleibt dabei immer mehr als eine Kunstform, mehr als Effizienz und mehr als Musik. Eine Frage des Überlebens.


Stefan Brügesch

Stefan Brügesch ist mit seinem Superstition Solo-Debut Steve Bug, Mein Bug, Dein Bug und der Bugwahn EP das House-Aushängeschild der Hamburger Szene. Smoothy Chicago Style, von groovy bis trocken, wie der Humor des Produzenten… Kennen könnten ihn in etwa ein viertel der ausgehenden Bevölkerung vom Auflegen, wo er seinem Producer-Stil in nichts nachsteht, ein viertel vom Platten-machen, Goldfinger "Tumble Dry" gab schon in einer Co-Produktion mit Gerret Frehrichs einen Vorgeschmack auf die zu erwartende, stilsichere Bravour, und die letzten zwei viertel der ravenden Bevouml;lkerung werden ihm schon bei sämtlichen Clubevents und allen nachfolgenden After Hours über den Weg gelaufen sein, stets zu ein paar Späßchen bereit (siehe hier auch Dr. T's Fundsachen, "Frühlingserwachen" Rave City Munich After Hour im P1)

Dan Curtin

Er ist einer der wenigen Weißen, die es geschafften, in die Domaine der schwarzen Produzenten einzubrechen, die den Detroit-Sound groß gemacht haben.Er lebt nicht in Detroit sondern in Ohio. Seine frühen Platten auf Metamorphic oder seine Stücke auf dem Panic-In-Detroit-Sampler sind Meisterwerke, die ihn mit seinem Hang zu komplizierten Drumpattern, Stringsounds und jazzigen Arrangements in die Nähe eines Carl Craig rücken:

DJ Sneak

Sneak: schleichen, sich einschleichen. Um die nächste Ecke sein, wenn die anderen glauben, man säße noch am gleichen Tisch. Überall auftauchen, wo man nicht vermutet wird und niemals Dinge zweimal machen.

DJ Sneak kam von Puerto Rico nach Chicago. In die Straßen von Chicago. Er kennt die Straßen noch genau aus seiner Graffitizeit, in der er jeden Winkel genau im Blick behalten mußte, weil überall die Cops auftauchen konnten. Beim kleinsten Geräusch mußte man blitzschnell reagieren.

Genau das spiegelt sich in seinen Platten wieder, eine atmosphärische Dichte, in der alles stimmen muß. Und zur Zeit stimmt einfach alles. Er veröffentlicht eine Platte nach der anderen auf Relief, Cajual, RadikalFear, HenryStreat und natürlich seinem eigenen Label Defiant, und bringt neue Tiefe in die Straßen von Chicago, neue Bilder. Die Szene wird langsam so, daß man sich in ihr wieder wohlfühlen kann. Jahrelange Feinde arbeiten wieder zusammen, man verständigt sich und macht Chicago zu einer der wichtigsten Szenen überhaupt.

Chicago hält zusammen: Sie haben House erfunden und es kehrt wieder zu ihnen zurück. Und genau in dieser Vision einer Stadt findet sich DJ Sneak. In Chicago ist House eine Art zu überleben, kein Wunder also, daß die Musik, die daraus entsteht, einem einem mehr sagt als Musik, die als Freizeitbeschäftigung gedacht ist. House ist, das sollte man nie vergessen, konstante Revolution, musikalischer Widerstand und nicht nur der Soundtrack zum zugedröhnten Wochenende. Man muß sein Leben aufs Spiel setzen für seine Musik, da sollte man vorsichtig handeln. Sich anschleichen.


Formula 7

Roy's Formula 7 ist der bekannteste Act auf Quayside, einem der Labels, die Anfang 91 aus dem Bizzy-B-Umfeld heraus entstanden und mittlerweile eine der großen Hoffnungen für 95 sind.

Ihr Dance With Me ist in den letzten Monaten immer mehr zur Hymne geworden und hat sich selbst ein halbes Jahr nach Erscheinen noch gehalten. Der Track kommt aus einem Umfeld, in dem Hardcore noch direkt mit dem Leben verbunden ist, in dem die Straße noch zählt. Layton, ein kleiner Vorort von London, in dem auch Bizzy B und seine Crew arbeiten und verschiedene Pirates supporten, besteht, wie so viele Vororte, aus nicht viel mehr als einem kleinen S-Bahnhof, einer Straße mit ein paar Geschäften und einer unauffällig aber wirksam agierenden Undergroundszene, die sich nahezu unbemerkt in einem der immer gleich aussehenden Reihenhäuser abspielt. Genau diese Adressen sind es, die Majorcompanies in England immer öfter ansteuern müssen, in denen hinter jeder zweiten Tür ein süßer Killerhund lauert, wo man die Straßen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr gerne betritt, obwohl hier Organisationen wie Neighbourhood-Watch noch funktionieren.

Die Hardcoreszene ist wie eine Flechte, die sich unbemerkt ausbreitet und Vorort nach Vorort erobert und unterwandert. bis ihr nichts mehr standhalten kann. Es wird noch viele dieser Momente geben, in denen Hardcore wieder zum Hype wird und man sich an die Möglichkeuten erinnern will, die das kreative Potential einer eigenen kleinen, musikalisch auf ihre eigenen Gesetze eingeschworenen Gesellschaft eröffnet. Es wird nie gelingen, diese Verschwörung in ihrer Entwicklung aufzuhalten. Wenn sie tatsächlich eine gesellschaftliche Bedrohung darstellen sollte, und ihr die politische Relevanz von Rap zukommt, dann ist es eh zu spät.


Paul Johnson

Spätestens seitdem Saskia von Djax Up auf ihn aufmerksam wurde, ist Paul Johnson jedem ein Begriff. Man verbindet Chicago mittlerweile so fest mit seinem Namen, wie mit dem von Armando oder Marshall Jefferson. Er könnte einer aus der ersten Zeit sein, zumindest ist er einer derjenigen, die es geschafft haben mit ihren endarbeiten auf Dance Mania einen Stil zu entwickeln, den man heutzutage gerne mit Chicago gleichsetzt:

>>>>>>> Basementstyle.

Sehr reduziert, knochentrockene, harte, gradlinige Bassdrums und alles sehr um die Drums herum strukturiert. Mit irrsinnigen Vocals und seltsamsten Geräuschen treibend in einer Art und Weise, die nahezu die Grenzen zwischen House und Techno überflüssig macht.


Muzak

Die Existenz des norditalienischen Labels Muzak muß einem Blackout der internationalen Vernetzung der Techno-Szene zum Opfer gefallen sein. Entschwunden war dieses Label von der Landkarte wie durch ein Loch in der Festplatte, und selbst die, die es kannten, hüteten es wie ein Geheimnis oder waren sich nicht bewußt, was sie dort seit langem mit einem Selbstverständnis ohne gleichen in ihre Plattenkoffer gepackt hatten:

Ein Label mit All-Stars, die keiner kennt

Wir befinden uns in Wien und nur durch einen Tip ging ich zielbewußt auf den Laden zu, in dem Muzak Platten stehen sollten. Man hatte mir gesagt, daß dieses Label mehrere Platten in nüchternem Chicago-Italo-Stil rausgebracht hatte. Mit der zitternden Psyche eines Alkoholikers ließ ich mir von dem Geschäftsführer eine nach der anderen Platte vorspielen, die allesamt ihren Platz in der internationalen Technogalerie hätten einnehmen sollen, neben Plastikman, neben Daniel Bell. Wenig Kitsch, dafür schnörkellos und kraftvoll, oft mit einem Sinn für wirkungsvolle Dancefloorästhetik, aber auch ambienter Musik.

Warum hatte sich zuvor keiner für dieses Label interessiert und warum wurde es von anderen geradezu totgeschwiegen? Konkurrenz auf einem mehr als kleinen Markt?

Merkwürdig auch der Umstand, daß die Lage des Labels mit Udine äußerst günstig ist, wollte man nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten entscheiden. Udine liegt an der Adriaküste in der Nähe von Triest unweit der österreichischen Grenze. Beste Bedingungen sollte man meinen… Im Verlauf meiner Recherchen stieß ich auf Leute, die mir von DJ Gemolotto erzählten, der zahlreiche Platten auf Muzak veröffentlicht und selber mehrere eigene Label hatte (kennst du Night Communication, Omniverse, Riviera Trax?), als denjenigem, der halbtaub auf einem Ohr, mit Monitor-Boxen DJed, die lauter sein sollen, als manche Club-PAs. Gemolotto gehört mit Mr. Marvin zu den drei bekanntesten DJs in Italien, der auf Radio Network seine eigene Radiomegamix-Session abhält. Hinter Muzak schien ein unerwartet großes Potential an italienischer Techno-Tradition zu hängen, und so war es für mich nur selbstverständlich, daß ich mir von Max Farutti, dem Sprecher des Labels, Antworten auf meine Fragen erhoffte.


Re-load

Achtung! Hier kommt ein Label mit großen Ambitionen für die Zukunft, das sich trotz seiner zahlreichen Platten selbst noch als "jung und unerfahren" bezeichnet.

Belgiens Antwort auf den Ruf nach Underground!

Das belgische Label Re-Load dürfte vielen bekannt sein durch seine Lizensierungen und Remixes von Dave Clarks Red I+II und durch seine Felix-Da-Housecat-Veröffentlichungen.

Das Label hat es besonders in letzter Zeit trotz seinem Low-Profile-Kurs zu einem Ruf gebracht, in erster Linie durch seine harten Acid- und Techno-Releases, die in der Form in Belgien einzigartig sind. Hatten belgische Label einst die Nase und Gespür, so große Leute wie z.B. Beltram, die daheim nichts bewegen konnten, groß rauszubringen und damit ganze Trends auszulösen, so scheint das Bedüfnis, Anteil zu haben am Zeitgeist der Technoszene, verlorengegangen zu sein.

Label wie Dance Opera, USA Import, Aum Rec., Target oder Music Man sind völlig untergetaucht oder veröffentlichen selten diskutable Platten. Um so überraschender ist, daß Re-Load es schaffte, an zeitgemäßen Techno, wie ihn Jeff Mills in seiner frühen Phase bei Axis und danach Luke Slater geprägt haben, anzuknüpfen.

Doch das ist nicht alles, denn das Label expandiert und hat sich auch im Ambientbereich viel vorgenommen. Es scheint, als ob das Label im Alleingang all das aufzuholen versucht, was in den letzten Jahren in Belgien nur halbherzig und alleine durch R&S bewerkstelligt worden ist.

Triple R sprach mit Vanmeerhaeghe Laurent von Big Time International und Marc Van Campenhout aka DJ Zeno, A&R Mann von Reload, Produzent von Re-Load-Platten wie Accelerator, Spinning Atoms etc. & Macher des BCM-Recordshops in Mechelen.


Spira Rec.

Seit knapp einem halben Jahr kommen aus London wieder Technoplatten der etwas härteren Gangart: Das Südlondener Label Spira Rec. zeichnet sich dafür mit einem Sound verantwortlich, der von Jeff Mills geknutscht und mit dem nunmehr dritten Release auch von intelligenter, groovender Housemusik geküßt wurde:

Joel Amaretto sprach mit Mark Cheney, einem der Betreiber des Hardacidlabels.


Tresor

Der unangefochtene Kult-Laden des Technogenres und Implikator für den Aufbruch einer neuen musikalischen Generation, mitverantwortlich für die Wiedervereinigung der Jugend von Ost und West-Berlin

Der Rahmen für die ersten Erfahrungen, sich in den Rausch zu tanzen, durch musikalischen Genuß Freiheit zu empfinden und vom gebotenen Musikprogramm wahrscheinlich prägend wie kein anderer Club.

Es gibt keinen DJ, der nicht im Tresor angelegt hat, wenn er in Berlin war, und falls doch, dann war er einfach zu schlecht.
Nie hatte ein Club mehr Mundpropaganda als dieses alte, verrottete rudimentäre Banküberbleibsel, was zur Folge hatte, daß selbst heute kaum noch Flyer gedruckt werden, wenn ausländische Acts anreisen.
Der Club als Grundstein für eines der international wichtigsten Labels unseres Landes, vielleicht nicht immer das veröffentlichungsfreudigste, doch stilistisch immer eindrucksvoll. Anläßlich des vierten Geburtstages des Tresors, wollte Frontpage zunächst den Besitzer Dimitri Hegemann im Pashfragebogen vorstellen. Da die Antworten aber so ausführlich und aufklärend zurück kamen, entschlossen wir uns kurzer Hand dieses Faxinterview komplett zu drucken.


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