Wagonchrist


Er gilt als das neue Talent einer Sparte von Musik, die in England gerne als Trip Hop bezeichnet wird.

Luke Vibert aka Wagonchrist. >>> Was nun genau Trip Hop ist, das wissen die wenigsten.

Auffällig ist, daß so ziemlich jeder, ob er nun Ambient, Acid oder House macht, diese langsam tuckernden, gesampelten Hip Hop-Dub-Beats und trippigen Sounds für sich als zusätzliches Betätigungsfeld nutzen möchte:

Aus Japan scheint diese "neue" Richtung nach London geschwappt zu sein. Die außerordentlich gut funktionierende Acid Jazz Szene dort hat so bekannte DJs wie DJ Krush hervorgebracht, der unter anderem auf dem Londoner Label Mo Wax produziert. Just ist das erste englisch-japanische Trip Hop Co-Label Smoking Japanese Babes gegründet worden, die dem Austauschprogramm von englischen und japanischen DJ's einen Rahmen verpaßt.

Als eines der Trip Hop Meisterwerke momentan gilt die englische LP Bastard Trax. Nach näherem Hineinhören meinerseits mußte ich allerdings feststellen, daß sich auf dieser Platte neben den Standard-Ambientstücken, die so gar nichts mit Trip Hop zu tun haben sollten, sonst nur Stücke befinden, die der kalten und geschmacklosen Produktionsweise von ProgressiveHouse nahekommen.

Alles nur ein englischer Medienhype?

Luke Vibert von Wagonchrist will von Kategorisierungen gar nichts wissen und findet Trip Hop eher schlapp. Er macht Musik, die auf wenige Quellen zurückgreift, dafür aber jongliert er mit diesen auf eine atemberaubenden Art. Manchmal in asiatische Badehausmusik abgleitend, manchmal ambiente Schwingungen zelebrierend, immer aber total entspannend und geradezu rührselig. Unter dem Namen Wagonchrist hat er auf Rising High 3 Platten veröffentlicht. Stilistisch sind seine Stücke auf der "Phat Lab Nightmare" LP völlig verschieden von seiner, mehrere Stile vereinbarenden jazzigen "At Atmos". Eine Platte, die man getrost als Meisterwerk bezeichnen darf, einer Form von Musik, für die man bis jetzt noch keine passende Bezeichnung gefunden hat. >Triple R sprach mit Luke Vibert.

FP:
Bist du Purist?
Luke Vibert:
Nein, ich bin total das Gegenteil! Ich gebe ein Scheiß darauf!
FP:
Du bist ein analoger Klangtüftler. Beats sind dir relativ egal ?
Luke Vibert:
Ja, genau. Ich interessiere mich für Sounds und es ist mir egal, woher ich sie nehme. Als ich die LP gemacht habe, hatte ich noch vier Analogsyntheziser. Deshalb klingt die Platte auch so elektronisch und bedroom-mäßig. Nach und nach sind sie aber kaputtgegangen. Jetzt habe ich mir gerade einen digitalen Sampler gekauft. Es macht sehr viel Spaß, aber ich muß mir wieder neue analoge Keyboards kaufen. Meine Platten variieren mit dem Equipment was ich mir kaufe, aber ich glaube, das was ich jetzt mache, ist das, was ich immer machen wollte.
FP:
Dein Platte klingt selbst wärmer und simpler als viele Intelligent Techno Releases aus England. Was hältst du von z.B. Black Dog?
Luke Vibert:
Black Dog sind eine meiner Lieblingbands. Ich finde aber, daß sie eher untypisch funkig sind für den Rest der Bands, die sich als Intelligent Techno bezeichnen. Sie benutzen viele verschiedene Arten von Musik. Sie sind weniger puristisch als andere.
FP:
Manche Tracks auf der LP klingen asiatisch. Warum?
Luke Vibert:
Ich habe mir eine Drum-Maschine gekauft, mit der ich auch Stringsounds machen konnte. Sie war nur 14 Pfund teuer und ich dachte mir, irgendwann werde ich den Sound verwenden - so kam das.
FP:
Die Titel deiner Stücke sind oft "zerstückelt", scheinen keinen Sinn zu machen. Machen sie Sinn?
Luke Vibert:
Nicht immer, aber manchmal. Bei Phat Lab Nightmare, dem Titel der LP, habe ich Phat mit "ph" geschrieben aus einer alten Tradition heraus. Das mag wiedermal eine Cornwall Sache sein. Wir haben früher sehr viele Acidtracks gemacht und bei den Titel "f" immer durch "ph" ersetzt. Man machte das eben so. Jetzt ist das ja wieder schwer im kommen und ich hätte mir gewünscht, das bei meinem Album nicht gemacht zu haben. Definitiv ist es das letzte mal, das ich "ph" verwende.
FP:
Wie bist du an Rising High gekommen?
Luke Vibert:
Es ist nicht ein Label, bei dem man die Musik, die du machst, erwartet!
Ich bin mit einer Frau ausgegangen, deren Vetter die eine Hälphte von MLO ist und der meine Tapes hörte, die im Stil der Platte auf Rephlex waren. Das war die Connection. Dann, nachdem ich die erste Platte auf Rising High herausgebracht hatte, fragte man mich, ob ich schon Ambientstücke gemacht hätte für eine kommende LP. Ich log, sagte "Ja" und produzierte alle Stücke innerhalb einer Woche. Ja, sie kamen zu mir. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihnen Stücke zu schicken, weil mein Zeug so anders ist als alles, was auf dem Label erscheint. Rising High hat vor, mehr verschiedene Stile zu featuren. Es wird bald auch Djungle veröffentlichen. Ich habe gerade vor ein paar Tagen einen Break Beat Mix von Project Ones "I Like To Smoke Mariujana gemacht." Es ist ein 170 BPM schneller Djungle Track, der auf Project Ones nächster Platte erscheinen wird.
FP:
Was war deine erste Veröffentlichung?
Luke Vibert:
Meine erste Platte auf Rising High in diesem Jahr war Sunset Boulevard, eine sehr ruhige Platte. Danach kam das Album und dann die rote EP. Für Februar habe ich eine weitere LP und EP geplant.
FP:
Wenn man deine Tracks hört, könnte man meinen, daß du Tangerine sehr gerne magst?
Luke Vibert:
Ja, das ist auch der Fall. Ich mag solche Musik viel lieber als das, was man heute so hört. Fast alle meine Platte sind aus den 70gern.
FP:
Aus welcher Stadt kommst du?
Luke Vibert:
Ich wohne seit drei Wochen in London, aber ich komme aus Cornwall.
FP:
Das ist eine Gegend, aus der eine Menge Kreativität zu kommen scheint?
Luke Vibert:
Wenn du auf den Aphex Twin anspielst, den kenne ich seit dem 15. Lebensjahr. Er wohnte eine Meile die Straße von mir entfernt.
FP:
Ein Zufall?
Luke Vibert:
Ich weiß nicht. Ich kenne vier Leute, die so ähnliche Musik machen wie wir. In Cornwall ist es sehr ruhig und es gibt keine Schallplattenläden dort. Du muß eben deine eigene Musik machen. Richard und ich haben beide Musik gemacht, bevor wir uns in einem Club in Cornwall zum ersten mal trafen. Es gibt nur einen Club dort, das "Bowdie", was übersetzt Kuhstall heißt und wenn du dich für Dance Music interessiert hast, mußtest du zwangsweise dorthin gehen.
Dort habe ich auch angefangen zu DJen. In den selben Clubs, wo auch Richard auflegte.
FP:
Welchen Stil spielst du ?
Luke Vibert:
Ambient.
FP:
Arbeitest du immer alleine?
Luke Vibert:
Wenn du Wagonchrist meinst, dann stimmt das. Ich habe schon mit vielen Leuten zusammengearbeitet, aber die einzige Veröffentlichung, die ich rausgebracht habe mit jemand anderem, war die Vibert/-Simmens-Weirds auf Rephlex. Die Platte hätte vor 1 1/2 Jahren herauskommen sollen. Das Material ist älter, als das älteste Wagonchrist Material und ist 1991 aufgenommen worden. Ich habe zudem viele Stücke mit Richard James aufgenommen, die im neuen Jahr erscheinen werden.
FP:
Von Aphex Twin weiß man, daß er Jungle mag. Wie ist deine Einstellung zu dem Hype?
Luke Vibert:
Ich habe Jahre lang versucht zu leugnen, daß ich es mag. Es hat mich letztendlich gepackt. Es ist eines dieser Sachen, wozu ich Jahre gebraucht habe. Früher habe ich gedacht, daß Jungle so etwas ist wie Gabba, eben viele Samples, aber nicht viel mehr. Aber was jetzt zur Zeit erscheint, ist zum Teil so experimentell! Richard legt ab und zu "Dark"-Break-Beats auf.
FP:
Hast du Pläne für die Zukunft?
Luke Vibert:
Mo Wax haben mich angesprochen, ob ich nicht Interesse hätte, auf einem neuen Sublabel von ihnen Platten zu veröffentlichen. Mo Wax ist gerade aufgekauft worden von Virgin, und London Records hat ihnen mit "Smoke Filled Forth" ein neues Sublabel geschenkt. Sie werden aber noch immer machen können, wozu sie Lust haben.


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