Cajmere


Cajmere, der Labelchef von Relief und Cajual, ist einer der wichtigsten Personen, die dafür sorgten, daß sich der Sound in den deutschen Clubs immer mehr zu dem entwickelt, was wir heute Phunky Techno nennen:

Viele seiner Tracks unter Pseudonymen wie Green Velvet oder Underground Goodies sind die Hauptgründe, warum Techno-DJs immer häufiger nach neuen Wegen in Richtung House suchen. Es wurden plötzlich Brücken geschlagen, in denen vorher niemand auch nur eine Gemeinsamkeit vermutet hätte. Ob es ohne "Preacher Man" und "U Got Me Up" jemals dazu gekommen wäre (wenn auch auf Umwegen über Richie Hawtin, Carl Craig und andere) ist fraglich. Old School und Techno kommen mittlerweile wieder miteinander aus, und selbst die jazzigsten Tracks wie der Underground Goodies Mix von "U Got Me Up" gehört mittlerweile im Bewußtsein eines jeden Ravers zu den Hits des letzten Jahres. Und mit den immer forcierteren Chicagosounds von Djax Up und den sich potenzierenden Releases auf Dance Mania und der Wiederauferstehung von Trax wurde auch der Chicagoer Underground wieder immer wichtiger.

Und dann kam Relief, und der Chicago Underground hatte endlich die eigene Plattform für Releases aus der eigenen Stadt. Chicago hatte zum ersten Mal ein Label für die unbekannteren neuen Producer, die ihre Tracks in ihrer eigenen Stadt unter die Leute bringen konnten, ohne bei Labeln zu landen, deren Zahlungsmoral so ziemlich gen Null geht.

Und was sich da auftut an neuen Ideen, ist wirklich mehr als verblüffend und ein Grund mehr, endlich ein Interview mit Cajmere zu führen.

FP:
Warum hast du - nachdem du mit Cajual doch ein erfolgreiches Label hattest - noch eins gegründet? Was war der Grund und das Konzept für >>> Relief?
Cajmere:
Ich wollte unbedingt etwas mit den mehr experimentellen Tracks machen. Deshalb habe ich Relief gemacht. Viele von den Leuten, die die Cajual Sachen sehr gut fanden, waren wie ich mir zumindest dachte, mit dem Chicago-Undergroundsound, der experimentellen Seite von Chicago, die ich zwar immer versucht habe, in die Cajual Sachen miteinfließen zu lassen, nicht so sehr vertraut. Auf Relief gibt es mehr künstlerische Freiheiten. Es sind ja auch andere Acts auf Relief.
FP:
Woher kommen all diese neuen Namen? Man hat von denen vorher noch nie etwas gehört.
Cajmere:
Die kommen alle aus Chicaco, jeder einzelne.
FP:
Es ist schon irgendwie seltsam, daß es einfach erst ein neues Label gibt und plötzlich die Acts wie Pilze aus dem Boden schießen oder?
Cajmere:
Das ist auch einer der Gründe, warum ich das Label gegründet habe. Ich wollte, daß viele der unbekannteren Künstler hier in Chicago eine Chance haben, ihre Tracks rauszubringen. Und das vor allem auf einem Label, das ihre Tracks ernst nimmt und sie nicht nur einfach rausbringt, um irgendeine Platte auf dem Markt zu haben und sie dann zu vergessen. Ich wollte, daß die einzelnen Releases etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen. In Chicago ist es eher üblich, daß Plattenlabel die Künster übervorteilen, um nicht zu sagen, sie ziehn sie über den Tisch. Ich wollte eine faire Basis für schaffen.
FP:
Besonders Trax ist ja berühmt für diese Methode.
Cajmere:
Stimmt schon.
FP:
Welche Musik ist dir lieber, wenn du selber Tracks machst, die housigeren Sachen für Cajual oder die experimentelleren Tracks für Relief?
Cajmere:
Es ist abhängig von der Stimmung, in der ich jeweils bin. Deshalb mache ich dann mal Sachen als Green Velvet, mal als Cajmere. Ganz wie ich mich fühle, das kann man nicht gut erklären. Ein Gefühl halt.
Manche Sachen auf Relief entfernen sich extrem von allem, was man noch als Dancefloor bezeichnen könnte, und das ist ja der eigentliche Gedanke bei House, Musik zum tanzen zu sein. Besonders bei der Farris Wheel EP…
Stimmt schon, aber die Leute tanzen trotz allem dazu.
FP:
Was passiert in nächster Zeit mit Relief?
Cajmere:
Das wichtigste ist, noch mehr Chicagoacts rauszubringen. Da gibt es noch jede Menge, die niemand kennt, und viele sind unglaublich gut. Da ist dieser Typ, Markee, der hat diese Tracks, die sind extrem verrückt, aber sehr gut. Und andere mehr. Hast du eine Ahnung, warum der Chicagosound so einzigartig ist, und warum er obwohl ja ziemlich viele sehr verschiedene Tracks rauskommen, immer dieses sehr spezielle Chicagoelement hörbar ist. Für mich ist es einfach ein anderes Gefühl in der Musik. Manches von den bekannteren Sachen, wenn man die nach einiger Zeit nochmal hört, dann vermittelt das einfach so ein gutes Gefühl, das hyped einen so sehr, daß es für mich, der ich ja aus Chicago komme und trotzdem wirklich Schwierigkeiten habe, das richtig zu erklären. Es ist einfach irgendwie bewegend, wenn ich all die Tracks von damals und jetzt höre. Aber es gibt so viele verschiedene Arten von Sound, aber alle haben diesen harten Groove.
FP:
Es klingt immer irgendwie so, als wäre Chicago eine der wenigen Szenen, die von außen kaum oder gar nicht beeinflußt wird.
Cajmere:
Das stimmt auch. Viele von den Leuten hier lassen sich nicht mal auf lokaler Ebene beeinflussen. Alles entwickelt sich von selbst. Aber definitiv ist Chicago anders, als alles, was von einer anderen Stadt dieser Erde kommt. Ich will, daß der Chicagosound nicht ausstirbt. Als ich zuerst ausgegangen bin und wirklich into the music war, war alles in Ordnung, aber nach kurzer Zeit schien die Szene irgendwie abzusterben. Nach der Larry Heard, Lil Louis, Marschall Jefferson Ära ging es berggab.
Jetzt kommt Chicago wieder. Zumindest in Deutschland.
FP:
Ja, hab ich gemerkt, Preacher Man war wohl ein Hit bei euch…
Cajmere:
Allerdings. Und U Got me Up war ein Hit überall.
FP:
Obwohl ich glaube, daß Perculator eigentlich der größere Hit war. Das läuft hier immer noch, und immer noch wollen das Leute kaufen.
Cajmere:
Davon gabs dann ja auch endlose Versionen. Ich habe nur eine gemacht, und nie einen Remix. Hier gab es letzte Woche eine Platte mit Perculator und Pressure Cooker Samples auf einem Track. Ich versuche eher, selbst wenn ich Sachen sample, etwas mehr original zu sein, deshalb mache ich auch so gerne die Green Velvet Tracks. Die sind einfach absolut original und geben mir Raum, verschiedene Sachen auszuprobieren. Sich einfach nicht drum kümmern zu müssen, ob das nun jemand mögen wird oder nicht, einfach davon ausgehen zu können, daß wenn man es selber mag, eigentlich das Wichtigste schon geschehen ist. Das ist ein gutes Gefühl. Natürlich hofft man, daß wenn man es selber mag, jemand anderes es auch mag.
FP:
Was war die beste Reaktion, die du je auf deine Tracks bekommen hast?
Cajmere:
Was mich motiviert, weiterzumachen, ist, wenn mir jemand sagt, daß ihm die Sachen sehr gefallen haben. Alles ist ziemlich tough für mich hier in Chicago, weil es viele Leute hier gibt, die nicht unbedingt wollen, daß man Erfolg hat, aber ab und zu kommt auch jemand, der einem viel Glück wünscht…
FP:
Hattest du Ärger, als du dein Label gegründet hast?
Cajmere:
Nein, aber als ich angefangen habe, Musik zu machen, da hatte ich wirklich Ärger. Für die ersten Goodies habe ich nicht gerade viel Geld bekommen, eher mal nichts. Das ist in Chicago wohl ziemlich die Regel. Ein Grund mehr, ein eigenes verläßliches Label zu machen.
FP:
Du DJst auch oder? Wo legst du auf.
Cajmere:
Ein bißchen überall, aber am liebsten sind mir die College Parties, die sind irgendwie energetischer, und die Sachen, die ich spiele, sind auch sehr energiegeladen. Das ist für Leute über dreißig nicht gerade angenehm. Die jüngeren stehen ziemlich auf House. Besonders die schwarzen Collegekids, die hören eigentlich alle House. Die Weißen stehen mehr auf Raves im Moment. Auch wenn die etwas rar sind zur Zeit, eher so auf einer Afterhour Schiene. #
FP:
Du warst auch schon in Europa oder?
Cajmere:
Ja, sogar schon in Deutschland, aber ich weiß nicht mehr so genau wo, ich war wohl etwas betrunken, aber ich erinnere mich noch ziemlich gut an das Ministry of Sound in London.
FP:
Was war für dich der größte Unterschied?
Cajmere:
Ich glaube, die Leute in Europa sind um einiges offener, die hören einfach besser zu und reagieren auch, wenn nicht ständig Hits gespielt werden.
FP:
Was ist dein Lieblingslabel?
Cajmere:
Ich stehe ziemlich auf Freeze.
FP:
Lebst du gerne in Chicago?
Cajmere:
Ja, auf jeden Fall. Es ist zwar nicht gerade die beste aller Welten, aber ich mag es, und ich denke, daß wir hier viel Arbeit vor uns haben, und je mehr wir uns bemühen, desto besser wird es werden.
FP:
Mit welcher Art von Musik bist du groß geworden? Jazz?
Cajmere:
Nein, ich würde sagen Funk war es. Parliament, James Brown, Sly Stone, das habe ich immer gehört.
FP:
Woher kommt der Jazz-Einfluß?
Cajmere:
Keine Ahnung. Naja, ich habe schon immer auch Jazz gehört, aber nie so intensiv wie Funk.
FP:
Was werden die nächsten Platten sein, die auf Relief kommen?
Cajmere:
Es gibt eine Gemini, Boo Williams, eine von Lou Bell und eine von Markee.


Copyright © 1995, Technomedia GmbH HomeBattnSm2 HomeBattnSm1