Plastic


Eine geistige Beziehungs"kiste" zwischen dir und der 303?

Naja, körperlich dürfte das auch schwer machbar sein…

Das perfide Spiel, seine Identität zu wechseln, wie andere Leute ihre Hemden, gehört zum kreativen Rüstzeug eines Künstlers.

Teils wird dieses Spiel angewandt, um den eindimensionalen Vermarktungsstrategien mancher Label Paroli zu bieten, zum Teil wird es aber auch benutzt,um den unterschiedlichen Seiten der eigenen Kreativität eine Form zu geben…

Richie Hawtin nutzt beide:

Die Liste seiner Pseudonyme ist lang, aber unter Cybersonic, Fuse und Plastikman hat der Mann ohne Arbeitspausen für einiges Aufsehen gesorgt. Seine erste Veröffentlichung liegt gerade mal 4 1/2 Jahre zurück.

Ein Bleeptechno-Stück unter dem sicher nicht gerade epochemachenden Pseudo States of Mind, aber dafür schon mit seiner heißgeliebten 303, der mittlerweile so fest mit seinem Herzen verwachsen ist, daß er mit ihr glatt eine Beziehung ersetzt. Daß seine bevorzugten Instrumente 303, 606, und 909 nicht nur Aphrodiasikum, sondern auch Amphetamin-Ersatz ist, wird allein durch seine zweiseitige, eingedruckte Discographie deutlich. Allein 24 Veröffentlichungen im Jahr 1993 sind schon eine Menge Holz. Nebenbei betreibt der gebürtige Kanadier zusammen mit seinem Partner John Aquaviva das Plus 8 Label, auf dem er fast ausschließlich sein Roland-Unwesen treibt.

Schwierig bleibt der Umgang mit ihm, denn Plastikman und Richie Hawtin sind nicht zwingend ein und dieselbe Person, so ganz frei nach Goethes Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust. Richie Hawtin, der intelligente Geschäftsmann, etwas nachdenklich, und Plastikman, der völlig in seinem Roland vertiefte Künstler, der hemmungslos seinen Launen freien Lauf läßt, und sie seinem Publikum um die Ohren schlägt. Jörg Dahlmann traf den Mastermind of Detroit sitzend auf seinem Bett, in einen Spex(!) Artikel über Jungle vertieft…

FP:
Magst Du Jungle?
Richie Hawtin:
Überhaupt nicht. Ich hasse diese dämlichen High-Speed-Break-Core Orgien. Aber ich mag die Dub-Elemente. Ihr Europäer habt manchmal schon komische Ideen.
FP:
Was ist denn zur Zeit in Amerika angesagt?
Richie Hawtin:
Oh, Grunge ist weiterhin ....
FP:
Ich meinte eher so deine Szene betreffend.
Richie Hawtin:
Hey, Grunge ist cool, jedenfalls so ein paar Sachen. Vielleicht ein bißchen zuviel Sound und zu wenig Inhalt. Was war Deine Frage?
FP:
Die Musik-Szene. In Detroit, Chicago und so weiter.
Richie Hawtin:
Techno und House werden richtig groß. Nicht so groß wie hier in Europa, aber es macht sich. Besonders die illegalen Partys. Der Detroit, dieser richtig harte Drum-Sound, setzt sich ein bißchen durch.
FP:
George Morel erzählte mir vor ein paar Wochen, daß man in New York eher ein Crossover zwischen der New York School und alten Chicago Elementen hört.
Woher kommt der immense Unterschied in den Sounds in den USA?
Richie Hawtin:
Das hat geografische Gründe. Die Szenen sind einfach noch nicht groß genug, zuweit von einander entfernt, und entwickeln sich unabhängig. Daß New York eher funklastiger ist, liegt einfach daran, daß diese Szene die weicheren Sounds favorisierte. In Detroit werden Strömungen wie Techno oder House aufgegriffen und solange verdreht, bis hinten was neues und furchtbar gutes herauskommt. Alle anderen Szenen haben Trends immer nur wiedergespiegelt. New York und Detroit haben die Szenen nachhaltig beeinflußt und bestimmen die Richtung.
FP:
Dein neues Album "Music" ist sehr spacy geworden?
Richie Hawtin:
Spacy?? Cool!! Hat noch keiner gesagt. >>> Spacy!>!>! Halt kein prügelnder Acid, sondern eher Ambiente.
FP:
Prügelnd?!?
Richie Hawtin:
Meine Sachen sind nie hart, finde ich. Sie sind eher intensiv, nicht so gewaltätig wie "hart" es ausdrückt. Diesmal, bei meinem neuen Album sind die Beats zu Gunsten der Atmosphäre in den Hintergrund getreten. Ich glaube aber auch nicht, daß dieses Album weniger intensiv ist als der Vorgänger > langsamer vielleicht.
FP:
Einfach, weil Du mal was Neues ausprobieren wolltest?
Richie Hawtin:
Ja, weil ich gerne mit dem Bewußtsein, den Gedanken der Menschen rumspiele. So ein vorsichtiges Spiel. Nie sofort und knallhart zuschlagen.
Ja, hm, macht das Sinn?
FP:
Du meinst, daß Du Dich wie eine Schlange . . .
Richie Hawtin:
Ja, das ist es. Langsam anpirschen, vielleicht noch einmal um den Kopf herumwinden, und dann > direkt mitten ins Gehirn.
FP:
Wird es mehr dieser Alben von Dir geben?
Richie Hawtin:
Nö, glaub ich nicht. Ich mag es nicht, mich zu wiederholen.
FP:
Ist es nicht einfacher im Geschäft zu bleiben, wenn man sich in gewisser Weise wiederholt?
Richie Hawtin:
Sicher ist es einfacher, eine Sache, etwa einen Loop, immer und immer wieder zu wiederholen. Aber irgendwann ist dieser Loop völlig am Ende, und du mit ihm. Es mag schwerer sein sich immer weiter zu pushen, aber auf lange Sicht ist es besser und motiviert dich auch mehr.
FP:
Du hast mal gesagt, daß die 303 für Dich sexy ist.
Richie Hawtin:
Jede Maschine kann sexy sein, wenn du dich lang genug mit ihr beschäftigst. Bei mir ist es die 303, weil ich dieses Ding halt lang genug kenne. Ich kann meine Gefühle da hinein stecken und es kommt sogar wieder etwas raus… so als ob ich mit ihr kommuniziere…
FP:
Eine geistige Beziehungs"kiste" zwischen dir und der 303?
Richie Hawtin:
Naja, körperlich dürfte das auch schwer machbar sein… Hier in Deutschland redet man zur Zeit viel über die "Raving Society". Ritchi verdreht die Augen: Die Leute, die davon sprechen, hätten gern eine Raving Society, damit die nächsten Maydays auch noch ausverkauft sind…
FP:
Was macht dich da so sicher?
Richie Hawtin:
Also es gibt zwar eine Menge Leute, die zu den Parties gehen, aber eine ganze Gesellschaft ist das noch lange nicht. Ich habe das Gefühl, daß man sich nur bemüht, den Leuten einen weiteren Anreiz zu schaffen, damit sie weiter zu den Parties laufen. Nach dem Motto: Schau, wenn du dahin gehst, gehörst du zu etwas ganz Besonderem.
FP:
Mal abgesehen von dem Werbe- und Kaufpotential, was da natürlich angesprochen wird, ist es nicht legitin, der Szene ein geistiges Rückrat zu verpassen, mit dem sich auch ein kreatives Umfeld besser entwickeln kann?
Richie Hawtin:
Es gibt doch schon immer diese kreative Szene am Rande. Da wo Leute mit Computern und Virtual Reality rumexperimentieren. Wenn die "Raving Society" so gemeint ist, daß sie diese Szene ist unterstützt, dann ist das gut. Bis jetzt habe ich aber meist nur Aufrufe gehört, daß die Leute auf möglichst viele Partys gehen sollen. Und da kann man ja schlecht was malen oder schreiben.
FP:
Die Raving Society - ein Synonym für die Käuflichkeit einer Szene?
Richie Hawtin:
Ein Promotion-Gag, um die Szene kommerziell zu beleben. Es ist utopisch, anzunehmen, daß sich Techno auf diesem hohen Level standardisieren läßt.
FP:
Wie weit glaubst du werden CD-Rom und die CD-I in diese Entwicklung eingreifen.
Richie Hawtin:
Das ist ein interessantes, aber auch riesiges Gebiet, das sich nur schwer einschätzen läßt. Mit Sicherheit werden aus diesen ganzen interaktiven Geschichten neue Impulse kommen. Ich habe gehört, daß Moby an sowas bastellt.
FP:
Was passiert als nächstes bei Plus 8?
Richie Hawtin:
Das neue Album von Speedy J wird erscheinen und es ist ein absoluter Hammer. Es ist wirklich verdammt gut.
FP:
Ist das eine Drohung?
Richie Hawtin:
Worauf du dich verlassen kannst! Das letzte Album war schon unglaublich. Nachdem wir es veröffentlichten, kamen tonnenweise Leute auf den Markt, die den Sound kopierten. Und jetzt ist es noch besser geworden. Ich glaube, es ist das beste Album, was Puls 8 jemals auf den Markt gebracht hat.


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