Housefrau

von Joel Amaretto


Dank des Musikclipsenders VIVA gibt's jeden Freitag und jeden Dienstag mit "Housefrau" erstmals eine Musiksendung in deutscher Sprache, die sich ausschließlich auf Techno und House spezialisiert hat. Verantwortliche ist Andrea Junker, eine Workaholic aus Hamburg, die bereits seit Jahren die bundesdeutsche Szene - insbesondere den House-Bereich - aktiv mitgestaltet.

Joel Amaretto erwischte die vielbeschäftigte Missionarin nach mehreren gescheiterten Interviewterminen telefonisch in ihrem Hotel in Köln, kurz nachdem sie die Produktion einer weiteren "Housefrau"-Ausgabe abgeschlossen hatte.

FP:
Was mich zunächst mal besonders interessiert:
Wer ist eigentlich die sagenumwogene Housefrau und wer bist Du?
Andrea Junker:
Die Ober-Housefrau bin ich selbst. Mittlerweile habe ich aber ein kleines Team um mich geschart, ohne das ich völlig aufgeschmissen wäre. Ohne meine Mitarbeiter Anja, Marc und Sylvi wäre eine Sendung wie Housefrau auf VIVA gar nicht denkbar. Sie nehmen mir fast die gesamte redaktionelle Arbeit ab und ich kann mich voll und ganz auf sie verlassen. Außerdem habe ich noch einen Musikverlag namens Edition Plutone und die Housefrau-DJ-Booking-Agentur.
FP:
Wie kams zur Housefrau-Sendung auf VIVA?
Andrea Junker:
Auf die Idee hat mich Antonia Langsdorf, die ehemalige Moderatorin von "Tanzhouse" auf Tele-5, gebracht. Sie hatte als Kölnerin ziemlich früh mitbekommen, was VIVA für ein Programm vorschwebt. Sie kam dann zu mir und ermutigte mich, mich um eine Dance-Sendung zu bewerben. Sie sagte: "Du kannst das machen! Du kennst alle! Du hast die notwendigen Kontakte!". Einen Abend haben wir uns dann zusammengesetzt und ein Konzept geschrieben, welches ich später mit meinem Anwalt nochmal überarbeitet habe. Nach einer Weile haben wir dann den Zuschlag für die Sendung gekriegt & seitdem bin ich doppelt im Streß…
Und Antonia Langsdorf ist jetzt die Wetter-Fee beim RTL-Frühstücksfernsehen...
Antonia macht alles sehr professionell. Beim Frühstücksfernsehen ist sie nur, weil sie noch zusätzlich etwas Geld verdienen will.
FP:
Welches Konzept steckt hinter der "Housefrau"?
Wie offen seid ihr für Themen?
Jungle, zumindest in den Medien momentan das Thema schlechthin, wird ja auf VIVA bereits in der HipHop-Sendung "Freestyle" integriert.
Ist das Thema damit für euch gestorben?
Andrea Junker:
Nein, wir haben für "Housefrau" schon einen Jungle-Bericht während des Londoner Notting Hill Carnivals gedreht. Thematisch wollen wir in die Sendung alles integrieren, was die Szene betrifft, d.h. das, was in den Clubs stattfindet, findet auch seinen Platz in der Sendung. Momentan ist das natürlich noch vor allem Technohouse und dieses ganze Trance-Tralala. Trotzdem haben wir auch schon einen Beitrag über Cosmic Music gebracht. Die Sendung soll sich auf jeden Fall mit der Zeit zusammen verändern und offen für neue Entwicklungen sein.
FP:
Nach welchen Kriterien wählt ihr die gesendeten Videos aus? Teilweise sind die Videos ja sehr trashig - um nicht zu sagen - primitiv.
Andrea Junker:
Dazu muß ich zunächst erklären, daß wir gerne mehr eigene Beiträge bringen würden, aber solche Produktionen sind sehr teuer und wir haben kein riesengroßes Budget. Wir sind deshalb vor allem auf Musik-Videos angewiesen, die uns die Leute zuschicken und wir versuchen auch selbst an Videos ranzukommen. Das ist teilweise recht abenteuerlich. Wir sind seit vier Monaten hinter einem Video von Positiva her, deren Platten in Deutschland bei der EMI veröffentlicht werden.
Nur hat leider die deutsche EMI kein Videorecht, was den Engländern scheißegal ist, weil sie auf der Insel keine einzige Platte mehr verkaufen, wenn hier das Video läuft. Die Amis wiederum wußten nicht einmal, daß dieses Video überhaupt existiert. Wir haben das Video jedenfalls bis heute noch nicht erhalten.
Prinzipiell müssen die Videos einen Mindestandard einhalten, d.h. sie müssen auf Beta kopiert und nicht der superbillige Low Budget-Kram sein, den man keinem mehr zumuten kann. Für die Sachen, die man nicht senden kann, weil es kein entsprechendes Video gibt, haben wir den Part mit den Plattenspielern in der Sendung integriert: Das ist zwar wie Radio im Fernsehen, aber anders nicht lösbar.
FP:
Seid ihr für die Sendung selbst verantwortlich oder redet euch die Chefetage von VIVA rein?
Andrea Junker:
VIVA redet uns nicht rein. Ich bin VIVA nur für die pünktliche Produktion der Sendung verantwortlich, weil ich den Redaktionsauftrag erhalten habe. Eine Menge der damit verbundenen Aufgaben leite ich entsprechend weiter, weil meine anderen Dinge, die für mich die Grundlage dieser Sendung sind, nicht zu kurz kommen sollen.
FP:
Wie seid ihr auf die Moderatoren Mate Galic und Sabine Christ gekommen?
Andrea Junker:
Mate ist bei mir im Musikverlag und war mir beim Casting als Interviewgast für unsere Testmoderatoren behilflich. Wir haben wirklich intensiv nach Moderatoren gesucht, aber es gab nicht viele, die drei gerade Sätze sprechen können und sich außerdem mit der Materie auskennen. Die von VIVA fanden schließlich Mate so witzig, daß sie meinten, wir sollen ihn mal als Moderator ausprobieren, weil er souverän wirkt, glaubwürdig ist und sich auskennt. Sabine Christ erfuhr über drei Ecken vom Casting und wollte einfach nur mal so aus Spaß vorbeikommen. Letztendlich war sie vor der Kamera die Natürlichste und die ideale Ergänzung zu Mate.
FP:
Kommt die Sendung beim Publikum gut an?
Andrea Junker:
Wir bekommen zumindest neben "Jam" und den "Charts" die meisten Zuschriften. Es gibt auch immer wieder so kleinere Umfragen, wo wir immer gut abschneiden.
FP:
Gibt es vielleicht sogar schon größere Erhebungen darüber, wer die Sendung sieht?
Andrea Junker:
Nein, aber es wird geschätzt, daß so knapp 300.000 Leute bei der Erstausstrahlung am Freitag um 22 Uhr die Sendung sehen. Durch die Reaktionen auf unsere Gewinnspiele habe ich sogar den Eindruck, daß die Wiederholung am Dienstag um 24.00 Uhr noch viel mehr sehen. Ich meine, VIVA ist kein Quotensender, der auf die Einschaltquoten achten muß, aber ich glaube, daß wir eine Menge Leute erreichen. Vielleicht sogar bald noch viel mehr, denn eventuell wird "Housefrau" bald am Samstagnachmittag wiederholt.
FP:
Du erwähntest, daß du noch allerlei neben Housefrau-TV machst...
Andrea Junker:
Wie gesagt habe ich mit der Edition Plutone noch einen Musikverlag, der Künstler aus dem Deep- und Garage House-Bereich betreut. Irgendwie war es naheliegend, für diese Künstler, auch das DJ-Booking zu übernehmen. Bei Housefrau United Enterprises betreue ich momentan den Hamburger Boris Dlugosch, Sabine Christ und Groovemaster K aus Köln, Tama Sumo und Frankie aus Berlin, den Hamburger Daniel Klein und noch einige mehr. Wobei die Familie immer noch langsam weiter wächst. Kürzlich ist beispielsweise noch das Gum-Team aus Würzburg zu uns gestoßen.
FP:
Welche Idee steckt hinter Freudenhouse, einem weiteren Ding von dir?
Andrea Junker:
Das war so eine Idee, die zur Love Parade entstanden ist. Wir wollten alle zusammen einen House-Wagen machen, doch plötzlich hatte Frankie noch eine Location an der Hand und wir entschlossen uns, eine Party zu machen, weil halt auch DJ´s aus der ganzen Welt da waren. An dieser ersten Party waren dann inklusive der Tür- und Barkräfte 50 Leute beteiligt und wir haben die Einnahmen anteilig geteilt, d.h. jeder hat gerade mal so 250 DM verdient. Die eigentliche Idee ist, daß in einer Location mehrere Dancefloors sind und die Leute von Stock zu Stock wandern können und sie überall eine andere Stimmung erwartet. Ich bin jedesmal voll begeistert, weil die Abende so verdammt schnell vorübergehen. Zukünftig will ich diese Veranstaltungen vor allem mit unseren eigenen deutschen DJ´s weitertreiben, zumal die keinen Deut schlechter sind, als die Amerikaner. Im Gegenteil: Bei vielen Amis schlafen mir die Füße ein. Einige von ihnen, die sich als Produzenten einen Namen gemacht haben, sind gar keine DJ´s und kommen nur nach Deutschland, weil das leicht verdientes Geld ist.
Echte Killer sind nur Masters At Work und Tony Humphries.
FP:
Hast du sonst noch Pläne?
Andrea Junker:
Ich versuche jetzt noch ein Studio einzurichten, um dann im nächsten Jahr mit Boris Dlugosch ein eigenes Housefrau- oder Freudenhouse-Label zu installieren, schon allein, weil es stressig ist, meine ganzen Künstler immer bei anderen Labels unterzubringen. Ich will mich mehr auf den Aufbau einer eigenen funktionierenden Struktur konzentrieren.
Es ist wesentlich effektiver die Promotion selbst zu kontrollieren, als wenn man sich mit 10 oder 15 Labels abstimmen muß.
FP:
Die TV-Sendung, die Booking-Agentur - alles hört auf den Namen "Housefrau".
Was steckt dahinter? Vertrittst du damit gleichzeitig ein feministisches Anliegen?
Andrea Junker:
Nein, das ist echt nur ein Witz. Ein Wortspiel. Vor drei Jahren habe ich aus Jux mal für´s New Music Seminar in New York zwanzig T-Shirts für Freunde mit dem Aufdruck "Housefrau" auf dem Rücken gemacht. Das war nicht so ernst gemeint. Ich hasse es, wenn alles so superwichtig genommen wird, zumal es sich ja nur um Musik handelt. Natürlich fände ich es aber schön, wenns in unserem Business genauso viele Frauen wie Männer gäbe. Aber es ist nunmal überall so, daß Männer nur was sagen müssen und es wird ihnen geglaubt, wohingegen Frauen erst noch alles beweisen müssen. Das ist unser angelerntes Verhalten, weiß auch nicht, warum. Ich fand diesbezüglich sehr schön, was mir George Morel vor einigen Tagen erzählte.
Er sagte: "In den USA ist House etwas, was kulturell und sozial gleichmacht." House ist ja sehr positiv, und wenn man in einen Club geht, sind alle gleich. Alle sind House-Lover!
To Be Done!!!
Ein passendes Schlußwort!
Ein passendes Schlußwort!


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