born and raised on the southside
Das seltsamste an Chicago sind bestimmt nicht die Märchen über endlose Schlachtereien, oder daß bis vor kurzem noch niemand dort wußte, wie ein Fußball aussieht und was man damit macht, sondern, jetzt kommts, daß man über die ganzen Leute, (Robert Armani vielleicht mal ausgenommen, aber viele
denken eh, der wäre Italiener) die genau den Sound erfunden haben, den heute vom hüftenschwingendsten House-DJ bis hin zu ehemals noch stolzen, knallharten Tekkkno-DJ jeder landauf landab spielt, als ginge es darum, das 5-km-Delphinschwimmen zu gewinnen...
Selbst eingefleischte Hardtrance-Goaleger greifen immer häufiger zur neusten Dance Mania Platte. Warum, was ist an diesem kleinen trostlosen verträumten Städtchen, mit einer Arbeitslosenrate von der Mecklenburg-Vorpommersche nicht in ihren schlimmsten Albträumen zu denken wagen, nur so funky, daß jeder plötzlich meint groovy sein zu können wenn er nur die richtige Musik hört?
DJ Skull, dessen erste Platte auf Saber vor drei Jahren ein ziemlicher Flop war (wie alle Saber-Platten übrigens, so brillant sie auch waren) der dann, nach ewiger Pause gegen Ende letzten Jahres plötzlich wieder bei Saskia (Djax Up Beats), die sich der gesamten verschollenen Chicagoclique angenommen hatte, auftauchte um ein paar Platten zu machen (2) und nach seiner ersten Veröffentlichung auf Red Cat, dem Strictly Rhythm Sublabel, nun plötzlich auf einmal in aller Munde ist, mag das alles noch viel seltsamer vorkommen als uns.
Auf jeden Fall aber findet er es gerecht, und umso gerechter als er, wie viele, seinem Sound immer treu geblieben ist, selbst wenn niemand in Chicago das mehr hören wollte. Auf unseren (Frontpage) Jubeljubiläumsfeierlichkeiten im E-Werk wird er zusammen mit der Legende selbst auftreten, Phuture, und, wer auch immer das verpasst, der kann von sich sagen daß er besser die Raversocken an den Nagel hägen sollte, denn an diesem Abend wird dank DJ Skull und Phuture die gesamte Geschichte von Technohouse in einer knappen Stunde wiedererlebbar werden. Nun aber erst mal kurz nach Chicago, einer der zahllosen Städte Amerikas in der es einfacher ist erschossen zu werden als eine ordentliche Flasche Mangosnapples zu trinken.
- FP:
- Wie kommt es eigentlich daß man so wenig über dich weiß? Manche Leute glauben sogar daß du aus Norwegen kommst.
- DJ Skull:
- Oh man. Es ist schon seltsam. Tatsächlich komme ich aus Chicago. Geboren und aufgewachsen in der Southside von Chicago. Als ich Anfang des Jahres in Europa war, stand auf den Flyern DJ Skull aus Norwegen. Saskia meinte, es wäre ein Versehen. Ich weiß nicht, was da passiert ist.
- FP:
- Im Moment bist du ja ziemlich angesagt, aber wie war es als du angefangen hast?
- DJ Skull:
- Es war verdammt hart für mich. Niemand wollte den Style hören, den ich gemacht habe. Hier macht jeder so Clubstyle und Garage, und sowas, da war es für mich schwer auf die Füße zu kommen. Sogar mit meiner Platte auf Saber. Ich konnte nicht mal das auf die Platte machen was ich eigentlich drauf haben wollte. Das war ein Problem für mich. Es war nur ein bißchen von meinem Stil, aber nicht genau das was ich machen wollte.
- FP:
- Das war deine erste Platte?
- DJ Skull:
- Ja, dann bin ich bei Djax Up gelandet.
- FP:
- Dazwischen war eine lange Pause. Warum war dein Stil für viele so schwer?
- DJ Skull:
- Ich weiß es eigentlich gar nicht. Für mich ist mein Stil so......... Ich habe vor 10 Jahren angefangen aufzulegen und ich habe viele italienische Platten aufgelegt. Viele Discosachen und Chicagosound, ein Teil meines Stils kam sicher daher. Meine Basslines.
Jetzt scheinen die Leute das irgendwie hip zu finden.
Es war harte Arbeit, meinen Style rauszubringen.
- FP:
- Wie kam es, daß du jetzt zusammen mit Phuture in Berlin auftrittst?
- DJ Skull:
- Da mein Stil ja basically Old-School ist, und Roy, Felix und der Rest, mit denen ich ja immer rumhänge, das echt gut finden, und sich daran irgendwie anlehnen, hat sich das alles eigentlich schon zu soetwas wie einem neuen Phuture Sound entwickelt. Da haben wir uns einfach verbündet und zusammen Tracks gemacht. DJ Skull with Phuture you know. Und ihr werdet die ersten sein die es hören wenn wir in Berlin auftreten. Danach werden wir dann mal sehen wer es haben will.
- FP:
- Legst du auf?
- DJ Skull:
- Ja, aber nur wenn ich nach Europa komme. Ich lege hier in Chicago nach langer Zeit erst wieder am 3. Dezember auf. Aber ich habe da eine lange Erfahrung mit der Chicago Clubszene, weil ich überall aufgelegt habe, im Powerplant, im Ascot Hotel mit Steve Pointdexter & DJ Rush.
- FP:
- Wie ist die Clubszene in Chicago zur Zeit?
- DJ Skull:
- Die Clubszene ist tot Mann. Aber die Raves kommen grade. Seit einiger Zeit schon hatten hier die Leute gar keine Lust mehr auf den Trax-Sound, ich weiß auch nicht genau warum, aber jetzt geht es wieder ganz gut, das war ein ganzes Stück Arbeit. Die meißten Recordshops hier verkaufen nur noch CDs und Tapes, also haben wir es ziemlich schwer Houseplatten zu verkaufen. Und viele Clubs haben einfach dichtgemacht.
Bei uns hatten Dance Mania und Trax und viele kleinere Chicagolabel immer einen ziemlichen Kultstatus.
Trax haben eigentlich immer nur Probleme gemacht. Die bezahlen niemanden. Für meine Platte jedenfalls habe ich Null Dollar bekommen. Die waren echt ein Problem für Chicago. Wirklich niemand den ich kenne hat von denen jeh Geld gesehen.
- FP:
- Die Szene in Chicago ist doch ziemlich klein und jeder kennt jeden oder?
- DJ Skull:
- Nein, im Grunde nicht, es sind verschiedene Cliquen. Es sind immer die gleichen Leute die zusammen rumhängen. Was meine Clique betrifft, sind es eigentlich nur ich, Roy, der Rest von Phuture und Felix da Housecat. Robert Armani hat mich mal angerufen und wir wollen ein Album zusammen machen, wenn ich mit meiner nächsten EP fertig bin. Die kommt auf Djax, Ende nächsten Monats. »Nuclear Fallout«.
Wie immer ein sehr düsterer Titel.
Das bin einfach ich, die Art von Typ die ich bin, basically Old-School. Ich mag sehr gerne diese hard-hitting Tracks. Alles was kommerziell ist hat mit mir nichts zu tun. Ich kann sowas nicht leiden, deshalb war es wohl auch immer schwer für mich. Ich kann es nicht leiden abhängig zu sein. Ich mache es My Way oder gar nicht. Ich nehme auch immer noch auf Cassetten auf und nicht auf DAT. Ich spiele es erst auf Cassette und ziehe es dann von dem Tape auf DAT. Das macht diesen fetten Sound. Das ist mehr compressed, der rhythm of sound. Damit hat Chicago angefangen. Jetzt ist vieles sehr Hi-tech, aber damit hat sich Chicago einen Platz auf der Landkarte verdient. Zuerst haben viele über diesen Sound gelacht und gesagt das klingt dreckig. Aber jetzt lieben sie genau das.
- FP:
- Wie ist es so in Chicago zu leben?
- DJ Skull:
- Ruff, real ruff. Das ist ein ziemlich ruffes Pflaster Chicago. Das ist einer der Gründe warum wir keine so große Partyszene haben. Es gibt so viele Schießereien und Fights, und all das, weißt du, Chicago ist ein ruffer Platz… Außer vielleicht wenn man im Norden wohnt oder so, aber die Southside von der die meißten DJ`s kommen ist eine richtig toughe Szene. Wirklich hart. Ich möchte da jetzt lieber gar nicht erst anfangen zu erzählen, was hier alles los ist.
- FP:
- Warum das?
- DJ Skull:
- Weil es so ein ruffe Szene ist Mann. Ruff. Ich bin ganz glücklich hier manchmal wegzukommen. Das bringt meinen Kopf wieder in Ordnung und ich kann mich wieder besser konzentrieren auf das was ich machen will. Es ist schwer sich aus Schwierigkeiten rauszuhalten in Chicago.
- FP:
- Wo würdest du gerne hinziehen?
- DJ Skull:
- Ich werde wohl für den Rest meines Lebens hier bleiben. Wenn mir irgendjemand das große Geld anbieten würde käm ich natürlich überallhin, sogar Alaska. Ich will zwar nicht unbedingt hier weg, aber wenn es sein muß bitte.
- FP:
- Was machst du außer Musik?
- DJ Skull:
- Ich schneide Haare, ich bin Friseur. Aber im Grunde ist Musik mein Leben. Ich mache das 24Stunden am Tag, ich esse und schlafe von Musik. Wenn ich nicht grade meine eigene EP mache, dann arbeite ich an jemand anders EP. Vor kurzem habe ich die EP von Akilah Bryant produziert.
- FP:
- Was heißt das eigentlich?
- DJ Skull:
- Oh, das ist meine Freundin. Und die von Terrance Mc Donald habe ich gemacht. und ich werde demnächst noch mit anderen Acts kommen und suche mir grade eine Richtige Gruppe zusammen. Leute die auf die gleiche Art analoger Sounds stehen wie ich.
- FP:
- Du hast noch nie etwas unter einem anderen Namen gemacht, oder?
- DJ Skull:
- Nein, aber ich mache demnächst eine EP unter meinem richtigen Name. Ich habe noch ziemlich viele Tracks hier, aber es gibt sehr wenige zuverlässige Label. Wenn ich die richtige Record Company finde, die Musik ist fertig.
- FP:
- Woher kommt es, daß in Chicago sowenig Leute ihr eigenes Label machen?
- DJ Skull:
- Label haben einfach einen schlechten Ruf, weil sie nicht bezahlen. Ich habe ja auch versucht woanders unterzukommen. Ich will das auf jeden Fall machen und würde jede Woche selber ein Platte rausbringen, mal abgesehen von den Tracks die andere dann noch bei mir machen würden. Wenn ich nur wüßte wie. Ich werde wohl erst mal bei Felix und Roy Sachen machen.
- FP:
- Bist du öfter mit ihnen aufgetreten?
- DJ Skull:
- Nein, noch nie. Ehrlich gesagt, bin ich überhaupt noch nie aufgetreten. Das wird meine erste in Berlin, daß ist so eine Art Last Minute Entscheidung. Wir werden etwas ganz neues zusammen machen, so eine Art DJ Skull Cocain Ding, aber mehr sag ich nicht.
- FP:
- Woher kommt dein Name, DJ Skull.
- DJ Skull:
- Das liegt an der Szene damals in Chicago, so um 88, 89, die war damals sehr sehr hart, und Leute wie Lil Louis hatten alles fest im Griff. Er hat zu der Zeit einen Haufen harter Tracks gemacht, aber alles sehr Underground gehalten. Wir sind damals in Clubs wie das Medusas und so gegangen. Ich war einfach ein Teil dieser harten Szene, wir gingen ständig auf Partys, haben Slam-Dance gemacht und es gab so viele wilde Tracks. Ein paar Leute haben mir diesen Namen irgendwann gegeben, und er ist irgendwie bei mir geblieben. Wir waren eine richtige Gang, die Spastiks. Jeder hat zwar seine individuellen Sachen gemacht. Fast alle haben damals Disco gespielt, sehr kommerziell, deshalb war unsere Szene wohl auch so hart. Chicago halt.
Ruff Place.
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