Marktforscher schätzen, daß es inzwischen 1,5 bis 6 Mio. Menschen sind, die im weitesten Sinne "Techno-Publikum" sind, d.h. Tonträgerkäufer oder Leute, die diese Musik konsumieren. Letztere sind eher noch mehr, denn 1994 konnte man sich via Dauerbeschallung aus vorbeifahrenden Automobilen, Supermärkten, Jahrmärkten und sonstigen Plätzen, an denen Schallerzeugung stattfindet, kaum dem Beat entziehen… …selbst wenn man wollte!
Eine andere Ziffer läßt mindestens ebenso aufhorchen: Über 60 % der 12-18 jährigen geben an, daß Techno ihre Lieblingsmusik sei. Ein Blick auf die Verkaufscharts der Tonträgerindustrie bestätigt das Bild. Von Woche zu Woche steigt der Anteil der Dancetitel, die Techno-Elemente enthalten, auch eine beachtliche Menge reiner Rave- und Technotracks schafft den Sprung in die Charts.
Und nun? Besteht Grund zur Freude? Was bedeutet diese Situation z.B. für ein Magazin wie Frontpage, das vor 5 Jahren dafür gegründet wurde, Leute für diese Musik zu interessieren und zu begeistern. Ist das nicht die "Raving Society", von der wir gesprochen haben.
>>>mission fulfilled?
Natürlich nicht. Grund zur Freude besteht nur in einem Punkt, und der wird allmählich ziemlich langweilig. All jene, die uns seit Gründung unseres Heftes mit der These >Techno sei bald tot, nervten, schweigen still bzw. haben ihre Meinung längst geändert, um auf dem fahrenden Zug noch dabei zu sein. Viele, die man dort noch vor gar nicht allzulanger Zeit erwarten durfte, versuchen nun die Szene zu prägen und ihr ihren Stempel aufzudrücken.
Die Situation ist paradox, denn die These, daß es um Techno gar nicht so großartig stehe, kommt heute oftmals aus entgegengesetzter Richtung. Heute sind oftmals gerade einige Aktivisten und Technofans der ersten Stunde, die angesichts des Massenphänomens Techno sehr pessimistisch sind und dem Boom hilflos bis angewidert entgegensehen. Parallelen zu der Endphase anderer gescheiterten Musik- und Jugendbewegungen werden gezogen. Sätze wie "es ist alles zu schnell gewachsen, wurde zu groß und explodierte dann wie eine Seifenblase" bis "was Politik, Rock´n´Roll Industrie & Drogenpolizei trotz großer Anstrengungen nicht gepackt haben, liefert nun die Techno-Szene selbst: sie killt sich") machen die Runde. Einige ziehen sich ganz zurück, andere versuchen unter Einsatz aller Energien und Vernachlässigung jeder Prinzipien ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Es herrscht ein Klima zwischen aufrechter Depression und hektischem Ausverkaufsfeeling. "Es ist wie das Gefühl, von rechts überholt worden zu sein." …
Und das drückt auf die Stimmung…!!
Eins ist klar: Der offensichtliche Mainstream-Erfolg von Techno und ähnlichem verändert die Situation und Ausgangsbasis. Nachdenken ist angesagt, nicht nur für Frontpage. Die Szene ist im Umbruch, man braucht sich nur mal in den Clubs, auf den Raves umzusehen.
Was ist da passiert? Was haben wir gewollt und was ist dabei herausgekommen? Ist da was falsch gelaufen? Und was für Schlüsse sind daraus zu ziehen? Was wird aus Techno?
Tja, Techno: Techno - als Überbegriff für eine Musikrichtung taugt dieser Begriff heute weniger denn je.
Von der Herstellungsweise (Computer, Sampler, Studio) ist heutzutage fast alle Musik "techno" bis auf MTV-unplugged. Sogesehen sogar Phil Collins und Konsorten, die die Computer und Sound-Technologie dazu nutzen, so rock'n'rollig, natürlich or whatever zu klingen.
Das Spektrum dessen, womit wir uns befassen, nämlich die Musik, die auf Maschinen/Computer und elektronischen Sounds und Beats beruht ist inzwischen praktisch groß wie die Bandbreite der Musik insgesamt.
Vom superharten 250-BPM-Gabbersound der vollständig aus Preßluftbohrern besteht, bis zum zuckersüßen, aus Delphinbabygeräuschen generierten Ambient-Muzak kann heute alles dem Begriff Technozugeordnet werden.
Was den Begriff Techno zu einem "dirty word" (Laurent Garnier) macht, ist vor allem die Tatsache, daß dieser Begriff im häufig für Euro-Dancefloor-Musik mit minderhirnigem Anspruch verwendet wird, welche ja von unsereins als Dance-Techno, Kommerztechno, Deppentechno abgegrenzt wird. Von U96 bis Snap, von Dr. Alban bis Magic Affair, von Pharao bis was sich da noch so alles tummelt. Früher gab es eine magische Trennlinie auch für die Technoszene, was ist Dance (böse) und was ist Techno (gut). Warum das heute nicht mehr so ist steht im häßlichen Kasten "Overground Attack" >>
Jeder verbindliche Wertmaßstab fehlt. Und das ist kein Wunder bei der Menge von Menschen, die sich inzwischen dafür interessieren. Der 14 jährige Charttechnokäufer, der 20 jährige Raver, der 28 jährige Szenekenner, der 54jährige Energy Drink "Red Piss" Verkäufer - alle sehen sich selbst als Technofans - und da gibts eben keine Gemeinsamkeiten und keine Unity einer kleinen Szene von damals mehr. Und wir behaupten: Gut so. Denn jetzt werden die Karten neu gemischt und wir müssen uns alle mal überlegen was wir überhaupt wollen! )
Nehmt das Beispiel Frontpage. Für wen machen wir denn das Magazin?
Für den harten Kern, für die dies ernst (???) meinen, für denen es ernst mit "Techno" ist - OK. und wie soll das entschieden werden, nachdem sich der Begriff Techno inzwischen vollkommen unfunktional herausgestellt hat?
Für uns als als Techno-Magazin müßte die Erkenntnis, daß man mit dem Begriff Techno heute keinen Blumentopf mehr gewinnen kann, eigentlich ziemlich desillusionierend sein. Doch wir haben für uns Techno für uns immer anders definiert.
Wir haben Techno über die Musik hinaus immer als Movement gesehen, als kulturelle Bewegung, die über die Sounderzeugung technoider Geräusche weit hinausgeht.
Das Movement selbst basierte auf gemeinsamen Roots, Ideen und Ideale, die auch noch heute ein Wertmaßstab für "Techno" sein können.
Für Frontpage war es immer wichtig, Leute zu finden, die diese Ideale mit uns teilen. Gerade in der Zeit einer explodierenden Szene, wo bei einigen Älteren die Erinnerung verblaßt und bei vielen Jüngeren kein Vorwissen vorhanden ist, ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, was das Ganze eigentlich soll. Was waren die Ideen, die uns über der kickenden Bassdrum Anfang der 90er an Techno und House fasziniert haben und die damals revolutionären Charakter hatten? Nochmal für uns alle: Was steckt hinter Techno als Movement?
1. Grundlage für die Techno-Revolution war die Unzufriedenheit mit der gesamten musikalischen Szenerie, insbesondere die Ablehnung der Rock'n'Roll Kultur. Erstmal weil Rock musikalisch ausgereizt war und nichts Aufregendes mehr zu bieten hatte. Zweitens, weil die Rock'n'Roll-Kultur mit ihren Images (z.B. Guns & Roses) und ihren fest eingefahrenen Regeln und Rollenklischees (z.B. Verhältnis Star/Publikum etc.) unzeitgemäß und ablösenswert geworden war. Um so mehr, als daß Computertechnologie in jeder Hinsicht ganz neue Möglichkeiten bot.
2. Genauso war Club- und Ravekultur die Auflehnung gegenüber der klassischer Discotheken- und Ausgehkultur, deren Klischees genauso überkommen waren.
Dagegen setzte Techno
3. > die Freude an neuer Musik und den Anspruch, die Musik zur Gegenwart mit den Mitteln der Gegenwart zu erstellen. Dabei ging es darum, die neuen technischen Möglichkeiten für eine neue Musik umzusetzen. Die Idee von Techno als Soundtrack zu unserem Leben (Tanith in FP 12/91) war geboren.
Creating New Frontiers for Sound Exploration war eins der frühsten Frontpage-Mottos, ebenso Forcing the Future.
Das Brechen von musikalischen Konventionen, das Überbordwerfen althergebrachter Musik-Regeln, die Suche nach neuen Klängen, Strukturen und die Änderung überkommener Hörgewohnheiten stand auf dem Plan. Fortlaufende Innovation und Freude und Begeisterung für diesen Fortschritt war Teil der "Techno-Ideologie".
4. Techno ist Teil eines gesellschaftlichen, kulturellen Fortschritts zugunsten des Individuums. Techno demokratisiert die Musik. Jeder hat die Gelegenheit (zumindest potentiell) eigene Tracks zu produzieren und sich seine eigene Musik zu erschaffen. Und das ganze sogar international. Techno kann überall produziert werden und ist somit soetwas wie die erste wirklich internationale Weltmusik.
5. Techno ermöglicht ein radikaleres, intensives Erleben von Musik, eine Öffnung der Sinne. Das führte u.a. zu einer neuen Art zu Tanzen und einer neuen Art Parties zu feiern, die auch die Alternative unserer Generation zu dem derstellte, was wir nicht mehr wollten (siehe Pkt. 1/2). Techno ist die Befreiung von jahrelange Normen und Konventionen und der Weg unserer Generation, seinen eigenen Weg zu definieren.
6. Das Glücksgefühl, das Techno bei vielen in diesem Party- zusammenhang auslöste, ist der Grund für den Erfolg dieser Bewegung und war damals Grundlage für das Techno-Movement. Es herrschte ein neuer "Spirit": Die Freude des gemeinschaftlichen Erlebens von Techno-Musik (Unity) die freundliche Atmosphäre, die Abwesenheit von Rassismus, Sexismus, Gewalt; die Freiheit sich so zu geben, wie man ist und sich auszuleben bzw. andere zu tolerieren, die das auch tun; das Entwickeln seiner Individualität gegenseitiger Respekt und Offenheit.
7. Als sichtbar wurde, wie sehr die Musik Techno und die Parties, das Leben, das Verhalten vieler Techno-Fans veränderte, wurde klar, daß Techno mehr sein konnte als nur die Musik und die Parties. Techno führte dazu, daß viele ihr bisheriges Leben und die Umstände, unter denen sie dieses Leben geführt haben, mal mehr mal weniger radikal hinterfragten und ggf. Rückschlüsse zogen. "Techno" wurde für seine radikalsten Anhänger ein Lifestyle, der über den Party/Freizeit-Zusammenhang weit hinausging. Das Ideal war, Techno-prinzipien, -haltungen -wertvorstellungen und -umgangsformen in das ganze Leben einfließen zu lassen: Techno wurde zur Idee ein besseres, glücklicheres und bewußteres Leben zu führen. Das "Techno-Movement" hat in diesem Zusammenhang als Mikrokosmos in der Gesellschaft eine Vorreiterposition. (mehr dazu in Frontpage 3.08 im Artikel zur Raving Society....)
Soweit zu den uns (als Anhänger des Movements) verbindenden Idealen. Seit 1991 ist viel passiert, ja sogar seit Mitte 1994 ist unglaublich viel passiert, so daß es hier mal an der Zeit sein soll, diese Ideale und Vorstellungen mit der Realität zu vergleichen.