R&S
Letzten Monat wollten R&S es wissen:
Die etwas untergehende Technoszene Belgiens brauchte neuen Antrieb. Renaat proklamierte
für eine Woche den Freistaat - R&S Republica - machte über eine Frequenz auf Eutelsat eine Woche lang sein eigenes Radio und krönte das Ganze zum Abschluß mit zwei Partys in Gent, seiner Heimatstadt.
Warum das alles, was war geschehen, und was brachte Renaat dazu, die Abschlußparty
ausgerechnet auf einer kleinen Jacht im Genter Miniprivatjachthafen zu machen?
Das gesamte Gelände war von ihnen in Beschlag genommen worden. Im Bootshaus war der Ambient Club, in dem die Eingeborenen sichtliche Schwierigkeiten hatten, den Anblick ihrer Wimpel und Auszeichnungen gleichzeitig zu dem der herumstreunenden Raver zu ertragen. Fehlmann von Sun Electric und Freunde legten ziemlich massiv beruhigend experimentelle Klänge mit diversen CD Playern auf und vereitelten erfolgreich jedes Gespräch über die dicksten Fische. Das Afterhourgefühl stellte sich nach spätestens zehn Minuten ein. Auf dem Rasen davor stand die größte Diskokugel der Erde, und daneben lag friedlich die Jacht.
Nachdem irgendwie nur geladene Gäste erschienen waren,
verließen wir den angeschlossenen Kokonutclub erst mal.
Es war kalt, und einer von Speedjack soll auf diesem weiten Weg gestern schon einmal beinahe ertrunken sein.
Außerdem war der Soundcheck drüben noch nicht beendet,
und die einzige Musik war eine obskure Mischung aus Country und Zuhälterdisko.
Dagegen füllte sich der Bauch der Jacht langsam
und schon kam auch schon ein Highlight nach dem anderen.
Speedjack ließen einen mindestens 20 Minuten auf die Bassdrum warten,
die kam dann aber auch dreimal gleich,
und die Spannung stieg logischerweise ins unermeßliche,
und selbst ich, der kein ausgesprochener Speedjack-Fan bin,
sondern lieber den guten LFO-Tagen hinterhertrauert,
war sichtlich beeindruckt.
Schichten um Schichten lagerten sich klar durchschaubar übereinander
und als es vorbei war,
war man fast ein bißchen traurig.
Dann aber kam Ken Ishii,
der nicht nur unglaublich gut aussieht,
sondern obendrein noch eins der besten Livesets ablieferte,
die ich je gehört habe.
Was immer er da zwischen dem Mischpult und dem Sampler auch herumrasen mußte,
es war bombastisch,
und jeder in diesem Schiff wußte,
daß er etwas Besonderes, etwas Einzigartiges miterleben konnte.
Als danach dann auch noch Derrick May sein Freejazzintro anstimmte,
war allen klar,
daß sie heute vielleicht nicht nur in ganz Belgien nichts besseres hätten tun können als in diesem Freistaat,
auch wenn dieser Freistatt nur aus ein paar Booten bestand.
Nach dem ziemlich furiosen Set war das von Juan Atkins ein Puzzelteil mehr zum absoluten Glück.
Renaat, sichtlich in Fahrt von all dem Trubel und der hektischen Aktivität,
versuchte uns kurz in einem Auto in ein paar Sätzen die Rettung und vor allem die Rehabilitierung von Techno durch ihn selbst zu erklären
und warum alles so kommen mußte.
- FP:
- Erzähl, wie du R&S Republica gemacht hast und warum?
- R&S:
- Es wurde gemacht aufgrund einer großen Frustration mit dem belgischen Radio, den belgischen Medien im allgemeinen und vielleicht sogar den Radios überall. Worldwide Frustration, und auch Frustration wegen der Leute, die sagen, es wäre nicht möglich. Diese Musik sei nur für Junkies, diese Musik sei für ich weiß nicht wen, und überhaupt, intelligente Leute hörten doch eh Rock & Roll. Ich hatte dieses Meeting mit dem Typen vom Jugendprogramm des nationalen Radios und habe zu ihm gesagt: "Du hast doch ein Technoprogramm, das auch noch sehr kommerziell ist, was ich respektiere, weil man ja wohl kommerzielle Musik braucht. Aber warum gibst du mir nicht zwei Stunden Sendezeit? Ich habe gute Kontakte und kann dir sehr sehr schöne Programme machen. Mitten in der Nacht, ich würde niemanden stören…" Aber er meinte nur, er wäre nicht interessiert, junge Leute würden keine elektronische Musik hören. Ich war absolut sprachlos, obwohl ich eher ein Typ bin, der sich zu verteidigen weiß. Aber da war wirklich alles verloren. Ich dachte mir, dem zeige ich es!
Es gab aber noch andere Sachen, die ich beweisen wollte. Das ist nicht nur ein Promogag für in Order to Dance 5. Ich wollte zeigen, daß elektronische Musik nicht neu ist, denn es hat ja schon in den sechziger Jahren begonnen, als Leute anfingen, sich für elektronische Instumente zu interessieren, daß es Kunst ist und daß die Musik auf jeden Fall radiotauglich ist. Es ist extrem schöne Musik. Und jeder, der versuchen wollte, mir das Gegenteil zu beweisen, ist mit mir im Kriegszustand. Ich liebe Rock, ich liebe klassische Musik und Jazz, ich respektiere jede Form von Musik. Aber ich will auch, daß die andere Seite den gleichen Respekt vor Techno hat. Und deshalb haben wir es gemacht, und deshalb ist es uns auch gelungen. Der Grund dafür ist, daß viele Leute vom nationalen Radio kamen und sehr interessiert sind an dem was wir hier tun. Und die Reaktionen, die wir aus ganz Europa bekommen haben, sind so enorm, daß man es kaum glauben kann.
Deutsche, französische, dänische, spanische, holländische, italienische und englische Radiostationen haben sich eingeklinkt. Wir hatten sogar - du weißt das - eine limitierte Ausgabe von "In Order To Dance 5" gemacht haben in einer Box aus Glas. Wenn man sie öffnet, dann leuchtet sie, ein sehr schönes Ding, blablabla… Wir haben es dem Modern Museum Of Art präsentiert. Und da ist es jetzt auch. Das war sehr gut und auch sehr notwendig, denn wir hatten eine ganz andere Medienaufmerksamkeit aus diesem Grund. Leute öffnen sich dadurch elektonischer Musik, und tatsächlich fand der Typ im Museum sogar die Musik gut. Elektronische Musik, oder wie immer man es nennen will, ist ein Teil unserer Gesellschaft, ein Teil der technologischen und elektronischen Revolution, alles ist ein Teil davon.
- FP:
- Wie habt ihr das alles in Gang gebracht?
- R&S:
- Ganz einfach, in einer Woche war alles gemacht. Eine Woche.
- FP:
- Ja, aber wie.
- R&S:
- Wir haben den Satelliten gemietet, Eutelsat, und haben Leute angerufen, ob sie interessiert wären, ein Programm zu machen.
- FP:
- Es ist wohl sehr teuer,
eine Frequenz zu mieten?????
- R&S:
- Ja, es ist unglaublich teuer, verrückt, aber es war notwendig, ein Statement......
Andere haben das auch schon mal gemacht, Green Apple hieß es, ein Pirat, der irgendwie zu Geld gekommen war.
Ich denke, es war sehr wichtig, das zu machen. Es galt zu beweisen, daß wir uns für so viele musikalische Bereiche interessieren, daß es soviele Leute in der Welt gibt, die sich für diese Art von Musik interessieren und sie machen. Alles ist ein Teil davon...
- FP:
- Wer macht da mit?
- R&S:
- Niemand, niemand....
- FP:
- Bei dem Radio?
- R&S:
- Ah, Derrick May, Juan Atkins, Carl Craig, Kenny Larkin, Mixmaster Morris, Future Sound Of Londen, The Orb, Colin Dale, einige DJ`s von hier, John Peel, einige Leute vom Nationalen Radio, die ausgerastet sind, weil sie so viele Freiheiten hatten und ein paar Leute aus Holland, viele Leute. Sven Väth hat ein Programm gemacht…
- FP:
- Sind die alle vorbeigekommen?
- R&S:
- Viele, aber einige hatten keine Zeit und haben Tapes geschickt.
- FP:
- Was genau meint Republica?
- R&S:
- Es ist das ganze Ding, es ist ein Kampf, eine Republik, ich mache das Statement ja nicht nur für R&S sondern für die ganze Welt. Auch was die Medien betrifft. Ich will nicht den Helden spielen, aber ich war so gelangweilt, daß sich jeder beklagte, beklagte und beklagte. Ich habe einfach gesagt, scheiß drauf, ich mache es einfach. Ich kämpfe dafür. Ich mag keine Beschwerden und Lügen, daß Techno nicht bleiben wird, das ist Bullenscheiße. Die Musik ist so wundervoll, daß es unglaublich ist.
- FP:
- Wie gehts R&S im allgemeinen?
- R&S:
- Sehr gut, auch wenn uns diese Geschichte hier den Hals brechen könnte. R&S ist ja auch kein Trend-Label, sondern ein Label, das Künstler bilden will. Dancelabel gibt es wirklich genug, aber warum sollten wir das gleiche machen. Kenny Larkin ist jetzt bei uns, Juan Atkins, Kevin Saudersson, Carl Craig...
- FP:
- Wie kam das?
- R&S:
- Das war sehr einfach, weil ich ihn schon kannte, bevor er Musik gemacht hatte. Wir wollen einfach diese Jungs breaken.
…die gesamte Detroit Clique…
…aber nicht nur, denn bei uns sind ja Acts aus der ganzen Welt, und das ist auch unser Ziel, Grenzen zu brechen. R&S ist eine Vision der Welt, basically.
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