CARL CRAIG


Für manche ist Carl Craig ein Gott, eine unantastbare, anonyme Figur aus Detroit mit viel Vergangenheit. Für andere ist er die Person, die mit "Throw" sogar die Discohymne der 90ger geschrieben hat. Für die restlichen ist er ein unbeschriebenes Blatt und man dachte, das sollte auch so bleiben, bis plötzlich sein 69-Projekt auf R&S erschien und sein Name in allerlei Munde war.

Schnell sprachen einige voreilig vom Ausverkauf des best gehüteten Geheimnisses in Detroit: 69.

Fakt ist: Was Carl Craig bisher angefaßt hat, ist zu Gold geworden. Einen Namen machte er sich in der Vergangenheit durch seine unglaublichen Stringsounds, phantastischen Drumloops und seine new-wavige Schrägheit, die sich auf Labeln wie Transmat, Fragile, Retroactive und Planet E ausdrückten. Seiner Popularität ist zuzuschreiben, daß man neuerdings auch Mixe von ihm auf englischen Labeln wie Open oder Big Life findet.

Speziell in England gibt es eine große Fangemeinde, unter anderem auch von Musikern, die sich von ihm inspirieren ließen und seinen Stil weiterentwickelten. "Intelligent Techno" nannte die englische Presse schlichtweg diese neue Erscheinung, die von Formationen wie Black Dog, B12 und ART eingeleitet wurde.

Was viele nicht wissen ist, daß Carl Craig an Derrick Mays Klassiker Rythm Is Rythm "Strings Of Life" beteiligt war und somit ein Stück Techno-Geschichte schrieb, gleichsam aber auch seine Vorliebe für die Zukunft auf den Punkt brachte; Stringsounds.

Warum die Person, die mit "Jam The Box" und "Throw" in Deutschland zwei Clubhits ablieferte, nun nach langer Zeit das Schweigen bricht, auf Raves seit ca. eineinhalb Monaten in Deutschland und England auflegt, Interviews in diversen Zeitungen gibt und sich jetzt in die Schußlinie diverser Interessengruppen begibt, interessierte uns schon seit längerem.

Carl Craig betritt das Delirium in Frankfurt nach einem dieser großen Raves am Vorabend, auf dem er auch diesmal wieder hoffnungslos am falschen Platz war. Er ist ein smart aussehender junger Schwarzer, sportlich gekleidet, mit weißem Barett, gleichfarbigem Tennispullunder und Joggingschuhen und hat eine verblüffende Änlichkeit mit Malcom X. Dem Klischee des ruhigen Intellektuellen, wie es in Puristenkreisen gerne gesehen wird, entspricht er nicht. Vielmehr zeigt er sich redselig und gewand im Umgang mit Worten.

FP:
Das letzte Interview mit dir für Frontpage habe ich vor c.a. 1 1/2 Jahren gemacht. Damals hast du mir gesagt, daß du dich auf einen Live Act in Toronto vorbereiten wolltest. Was ist daraus geworden?
CC:
"It sucked". Die Party war so schlecht, daß ich erst gar nicht aufgetreten bin. Ich war dort mit Kenny Larkin und John Aquaviva. John hat aufgelegt. Als ich mit dem Aufbau fertig war, habe ich mir gedacht "Nein!" und bin abgehauen.
FP:
Passiert das bei dir öfters?
CC:
Eigentlich nicht. Das war seit langem das Schlimmste.
FP:
Wie sieht ein Liveauftritt von dir aus?
CC:
Ich lasse mir meistens das Equipment am Auftrittsort ausleihen. Ich bin aber wirklich noch nicht an dem Punkt angekommen, wo ich etwas Extravagantes hinlegen kann. Dafür ist es noch etwas zu früh. In Sachen Popularität bzw. Verkaufszahlen ist es noch nicht so weit, daß es einen Unterschied machen würde, ob ich ein umfangreicheres Set abliefere oder nicht. Es würden wahrscheinlich nur 200 Leute anstatt 2000 kommen.
FP:
Du bist in letzter Zeit viel unterwegs, legst hier und da auf, warum?
CC:
Ich glaube, daß wenn es Aktivitäten gibt wie diese, dann ist es, um mein Projekt Paperclip People zu unterstützen. Abgekürzt meint das "Paperclip People is on air". Ich mag es aufzulegen, ich finde es macht Spaß. Aber ich glaube nicht, daß ich ein außergewöhnlich guter DJ bin. Ich überlasse das eher den bekannten guten DJs. Ich konzentriere mich auf andere Dinge.
FP:
Wie gefiel es dir, auf Raves in Deutschland aufzulegen. Du hast einmal gesagt, du würdest gerne nach Deutschland kommen wollen.
CC:
Auf Raves aufzulegen ist natürlich nicht meine Idee vom Auflegen. Das erste Mal habe ich vor c.a. 1 1/2 Jahren in Deutschland aufgelegt. Ich habe dort mit Rene von Hardwax in einer alten russischen Kaserne aufgelegt. Es war cool, aber unglücklicher Weise waren die Platten, die ich gespielt habe, speziell zu diesem Zeitpunkt, viel zu housig. Das Publikum wollte dagegen mehr Techno, Techno! Das Mal davor hatte man mir einen Houseraum für vier Stunden gegeben, was aber noch immer ein Konflikt war, weil Leute kamen, die gesagt haben: "Spiel Happy House, spiel Happy House!". Warum soll ich das tun, wenn ich das mache, was ich mache. Ich wurde praktisch gezwungen, das zu spielen, was ich hasse. Als ich jetzt in Düsseldorf auf dem Unity Rave aufgelegt habe, war es OK. Das einzige mal, daß mich jemand nach etwas gefragt hat, war nach Vokal-House, und das habe ich nicht, also konnte ich es nicht spielen. )
FP:
Mit 69 hast du dich aus der Gerüchteküche in Detroit immer herausgehalten, mit den DJs in anderen Städten gerätst du aber in eine andere Gerüchteküche. Wie siehst du das selbst?
CC:
Ja, das ist ein Problem, aber eines Tages wird es die Fähigkeit haben, sich zu schließen. Das ist wie mit dem "Schwarzen Loch".
FP:
Von dir gibt es einen Mix auf Mo Wax von "Ravers Suck Our Sound". Ein Statement?
CC:
Ich bin nicht mit nur einer Art von Musik aufgewachsen. Ich bin nicht nur mit Marvin Gaye und Steve Wonder aufgewachsen und das war es. Ich bin mit Funkadelic, Frank Zappa, Led Zeppelin, Genesis, Kraftwerk, Cybertron, Miles Davis, Herby Hancock und vielen anderen aufgewachsen. Ich finde nicht, daß es für einen wichtig ist, immer dasselbe zu machen, wenn du nicht vielleicht wirklich davon seriös leben kannst. Man erwartet von mir nicht normal zu sein, Stücke zu schreiben, die z.B. wie "Bug In A Bass Bin" klingen. Aber wenn man meine Stücke mal vergleicht, sind alle verschieden!
FP:
Man hört immer wieder, daß du gerne in England bist. Du hast in letzter Zeit dort mehrere Mixe produziert. Ist es für dich interessant, in großen Studios zu arbeiten?
CC:
Das letzte Mal, als ich in England war, bin ich in das "Butterfly"-Studio von System 7 gegangen was cool war. Aber es liegt etwas außer meiner Reichweite und ich bin keine Person, die gut unter Druck arbeiten kann nach dem Motto: "Du hast zwei Stunden Zeit, nun leg los". Man hat mir zwar mehr als 24 Stunden gegeben, aber ich kann so nicht arbeiten.
FP:
Wirst du in absehbarer Zukunft für englische Labels Mixe machen?
CC:
Die Paperclip People ist ja auf Open erschienen, dem Ministry Of Sound Label. Das ist wirklich sehr lustig, weil die Underground-Leute fragen, warum man auf diesem Label erscheint. In deren Augen war das so eine überhastete Aktion. Ich fand das cool, weil ich das Sound System von Ministry Of Sound mag. Abgesehen davon werden Remixe von "Throw" in ein paar Wochen auf Open erscheinen. Ein Remix ist von K-Hand.
FP:
Du hast ehemals viel mit Kirk von ART und Black Dog zu tun gehabt. Was ist daraus geworden?
CC:
Ich mag Sachen die Kirk und Black Dog machen. Ich mag das Genre. Aber es ist jetzt ein wenig anders als zu Beginn. Wir haben uns immer gegenseitig geholfen. Ich habe Stücke für ART gemacht und umgekehrt. Das hat unserem Profil gutgetan. Ich würde gerne wieder mit ihnen zusammenarbeiten. Wir haben uns "körperlich", was das Musik machen angeht, zwar nicht ausgetauscht, aber Stücke u.s.w. Die Platten von ART und Black Dog sind noch komplizierter und abstrakter geworden. Ich finde, das ist gut, weil du Leute brauchst, die zu ihrer Ideologie stehen. Ich stehe zu meiner, die sich alle zwei Jahre oder alle fünf Jahre ändert.
FP:
Was hältst du von Jungle, wie er in den UK gerade boomt?
CC:
Mich erinnert das stark an das, was Shut Up & Dance früher gemacht haben. Ich habe mir ein Tape gekauft mit Junglestücken, wo die Mixe allerdings total schlecht waren. Das hat mich desillusioniert. Ich bin dann allerdings durch Camden gelaufen und da lief eine Platte, die ich mir unbedingt kaufen mußte. Ich interessiere mich normalerweise nicht für Musik, die so schnell ist - 155>160BPM - aber die Platte war einfach zu gut. Ich mag also schon manche Stücke. Für mich hört sich das generell nach Miami Base mit Reggeaeinflüssen an.
FP:
In der letzten Ausgabe des NME war ein Photo von dir als gekreuzigtem Jesus. Wie kam das zustande?
CC:
Das war ich nicht. Kein Kommentar.
FP:
Wie ist das zu verstehen mit deinen Produktionen auf Planet E im Kontrast zu denen auf R&S?
CC:
Ich glaube daran, daß du als Musiker, DJ oder was auch sonst, jedesmal dein Bestes geben sollst. Wenn du mit einer Sache nicht zufrieden bist, sollte sie nicht herauskommen. Wenn ich mit etwas, das ich auf R&S herausbringe, nicht so zufrieden bin, wie mit etwas, das ich auf Planet E herausbringe, dann sollte es nicht herauskommen. Das heißt, daß die Stücke auf deinem eigen Label auch auf R&S erscheinen könnten? Der Stil unterscheidet sich dennoch bei den R&S-Platten im Vergleich zu denen auf Planet E.
FP:
Sie sind europäischer?
CC:
Ja, sie könnten auch auf Planet E erscheinen. Dummerweise denken Leute, daß die Platten, die auf R&S rauskommen, kommerzieller sind. Von der Intention her sind die Platten auf R&S natürlich nicht ausschließlich für den europäischen Markt gedacht. Man wollte Remixe von "Jam The Box", die dann auch rausgekommen sind. Bei 69 mußt du verstehen, daß es ein Projekt ist, das alle zwei Jahre einmal erscheint. Das erste war Four Jazz Funk Classics, das zweite - zwei Jahre später - Sound On Sound. Plötzlich gab es mit "Jam The Box" und den Remixen zwei Platten hintereinander. Obwohl die Remixe eine andere Note tragen, die nicht 69 typisch sind, merkt man das bei den Remixen, die straight auf den Punkt gebracht worden sind, was bei Remixen machmal so sein sollte, viel Mühe dahinter steckt. Ich mag sie noch immer sehr.
FP:
Warum hast du R&S gewählt?
CC:
Richtiger Zeitpunkt, richtiger Platz. Zu dem Zeitpunkt, wo meine erste Platte auf R&S veröffentlicht habe, wurde diese bekannter, als sie jemals auf Planet E hätte bekannt werden können. Die Leute in New York sind meinen Produktionen auf Planet E und anderen kleinen Labels immer ignorant gegenüber gewesen. Junior Vasquez und Frankie Knuckles kannten sie nur durch die Importversion, haben aber die US-Pressung gespielt. Der einzige, der die Ministry-Of-Sound-Pressung aufgelegt hat, war Danny Taneglia von Tribal America. Es ist witzig, aber "Throw" ist in New York noch immer underground. Es wird zwar oft gespielt, aber es findet in Magazinen, wie DJ Mix Mag USA, keine besondere Würdigung. "Throw" wird jetzt als Soundtrack für den New Yorker Low-Budget-Film "Party Girl" dienen, was ich cool finde.
FP:
Es ist das selbe Spiel wie immer: Werde bekannt in Europa, und der Erfolg wird sich auch in deiner Heimat einstellen.
CC:
Exakt. Das war nicht unbedingt die Strategie dahinter, um das noch mal zu betonen. Im Grunde genommen ging es um eine bessere Distribution weltweit.
FP:
Throw ist ein Discotrack, also auf jeden Fall auch was für die Girls. Wie ist das mit deinen anderen Stücken?
CC:
Throw ist mehr ein "girl thing", das stimmt. Bei meinen alten Sachen war es immer was für Männer. Das BFC-Publikum war immer eins, das in der Ecke saß und mit dem Kopf genickt hat. Es war nie wirklich auf dem Dancefloor. Ich bin sicherlich auch von Disco beeinflußt worden. Aber nach "Throw" ist es so, daß die Leute mir im Plattenladen eine Scheibe mit den Worten in die Hand drücken "Die magst du!" …und es immer eine Discoplatte… Manche Platte sind heiß, aber ich stehe nicht nur auf Discohits.
FP:
Throw auf Planet E hat auf der Rückseite noch einen Basic Channel Mix. Wie sind da die Reaktionen?
CC:
In Chicago versteht man diesen Mix nicht, wogegen die Leute in Detroit den Track verstehen.
FP:
Ich kann mir vorstellen, daß als deine 69 auf R&S rauskam, es diverse Anrufe von Leuten gab, die es nicht verstanden haben, oder?
CC:
Ich war in einem Ort etwas außerhalb von Amsterdam und ich bin von vielen Leuten bzw. Labels angerufen worden, die mich gefragt haben: "Warum bist du auf R&S rausgekommen, wir hätten dir dieselben Konditionen geboten!" Wenn du irgend etwas gegen ein Label hast, aus persönlichen Gründen, dann ist das eine Sache. Aber wenn du eine Platte magst, dann solltest du die Platte nicht wegen dem Label ablehnen.
Ich finde es cool, wenn Leute ein Label supporten, wie das bei Planet E der Fall ist. Es gibt Leute, die meinen, daß die Musik desto besser ist, je mehr du dem Hungertod nahe bist. Ich hab vorher in einem Copyshop gearbeitet, was straight war. Ich konnte meine Rechnungen bezahlen und mich um meine Eltern kümmern. Ich habe mir aber gedacht, daß ich Geld verdiene mit dem, was ich am besten kann. Die finanzielle Seite muß auch stimmen, damit dir es bei einer weniger guten Platte nicht das Rückrad zerbricht. Ich habe weder eine Mayor-Company, die meine Platten vertreibt, noch viel Geld.
FP:
Deine Platten, sei es die auf Fragile, Retroactive oder Planet E, waren immer Gesamtkunstwerke. Das Logo Design gehörte auch dazu. Was ist passiert, daß das heute nicht mehr der Fall ist?
CC:
Mit vielen Artisten, mit denen ich in der Vergangenheit zusammengearbeitet habe, ist es zu Konflikten gekommen. Wir sind noch immer Freunde. Aber ich weiß es nicht mehr zu schätzen, wenn so viel anderes passiert. Es macht es schwieriger zu arbeiten.


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