Moby
Der schöne Ausdruck der Virtuosität, der ein künstlerisches Improvisationstalent beschreibt, wird zunehmend durch den Begriff der Virtualität, der nur eine künstlich geschaffene Räumlichkeit benennt, ersetzt. Der phonetische Gleichklang beider Worte
vermag aber nicht die abgrundtiefe inhaltlichen Unterschiede zu überbrücken.
Moby, der in New York lebende Komponist und Produzent, versucht die Brücke zwischen beiden Begriffen zu schlagen.
Seine musikalische Experimentier-Freudigkeit im Studio, mit der er die Fachwelt erstaunt und den Laien amüsiert, ist unbestritten. Stücke wie "Move", "Go" (der Twin Peaks Remix) und sein schon fast legendäres "Thousend" (ein Track mit 1020 BPM) festigten seinen Ruf als Grenzgänger der Electronic Body Music der neuen Generation, wurden von der nach Neuheiten verlangenden Techno-Gemeinde begeistert aufgenommen, und zumeist war er selbst ambitionierten Kollegen um Monate, wenn nicht Jahre, voraus. Die Klangfarben seiner Stücke wechseln bei jeder neuen Produktion, und so ist ein erstmaligen Hören einer neuen Platte von Moby immer ein spannendes, weil unberechenbares Erlebnis.
Das mit Live-Auftritten nicht gerade verwöhnte Techno-Publikum überrascht Moby bei seinen Gigs mit einer musikalischen Mischung aus Techno, Ambient und Speed Metal, während er selber als hyperaktiver, elektrischer Derwisch die gesamte Bühnenbreite ausnutzt - mit kurzen Pausen in Jesus Pose. Nebenbei wirft der von englischen Journalisten-Kollegen als "Iggy Pop des Techno" beschriebene ein eigens auf die Bühne gestelltes Keyboard durch die Gegend. Beim Interview zeigte sich Moby aber von seiner friedlichen, sehr ausgeglichenen Seite und versprach "interessante" Neuheiten für sein wahrscheinlich im Februar erscheinendes Album "Everything is wrong" (Arbeitstitel).
Das Interview mit Moby führte Jörg Dahlmann
- FP:
- Dein Album sollte eigentlich schon in diesem Jahr erscheinen. Warum die Verzögerung?
- Moby:
- Ich habe schlicht und ergreifend zu viel Material für ein Album. Als es darum ging, eine Auswahl zu treffen, konnte ich mich nicht entscheiden, was ich nehmen wolte. Also habe ich beschlossen, ein paar Sachen noch einmal neu aufzunehmen. Zudem spiele ich mit dem Gedanken, auch mal eine Internaktive Sache zu machen. Aber bei diesem Album wird das wohl kaum möglich sein.
- FP:
- Inwiefern Interaktiv?
- Moby:
- Ich verbinde Musik immer mit einem Raum.
Ich würde gerne diese Räume, die ich durch meine Musik sehe, visuell umsetzen. Derjenige, der vor seinem Computer sitzt, soll auch Teilnehmer sein. Er soll mich verstehen lernen, und das kann er am besten, wenn er auch in das Geschehen eingreifen kann.
- FP:
- Glaubst Du, daß durch die CD-I nicht die Grenze zwischen Künstler und Betrachter, zwischen Schaffendem & Konsumierendem verwischt wird?
- Moby:
- Ach was, 99 Prozent der Käufer einer CD-I
werden zwar am Anfang diese Sache nutzen, später aber das Interesse verlieren und sie wie eine normale CD einlegen und konsumieren. Die Formate und Dinge ändern sich zwar
laufend. Aber es gibt auch Sachen, wie das menschliche Verhalten, die bestehen bleiben. Es wird z.B. immer Emotions-betonte Songs geben, auch wenn die immer seltener werden.
- FP:
- Woran liegt das deiner Meinung? Kategorisieren wir vielleicht zu viel nach Gut oder Schlecht?
- Moby:
- Die Kategorien, was gut oder was schlecht ist, sind speziell in der Dance-Szene äußerst fragwürdig.
Ich verstehe Menschen nicht, die sagen: "Ich mag kein Heavy Metal, weil es Metal ist." Was soll das? Die Leute sollen nicht eine Musik mögen, sondern die Musik als solche. Außerdem: Jemand, der Musik macht, möchte sich ja auch durch diese Musik mitteilen. Er möchte etwas vermitteln, ein möglichst ernsthaftes Anliegen. Da kann man Kategorien ansetzen. Zumindest moralische.
- FP:
- Reflektieren die Menschen nicht genügend über einen Künstler?
- Moby:
- Wir sollten uns überhaupt mehr für die Menschen neben uns interessieren, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß wir diesen Planeten mit fünf Milliarden anderer Menschen teilen. Aber noch zu deiner Frage: Gibt es denn noch Künstler in der Techno-Szene? The Prodigy vielleicht. Aber das meiste klingt gleich und sieht gleich aus.
- FP:
- Wie kannst du von einem 16jährigen erwarten, daß er sich für den Menschen hinter der Musik interessiert, wenn alles dasselbe ist?
Bringt diese Entwicklung der austauschbaren Protagonisten die Szene letztendlich nicht um?
- Moby:
- Ich denke ja. Da ist vieles falsch, was ich täglich sehe. Im Moment finde ich diese Welt schon ziemlich verrückt. Vielleicht habe ich meinem Album deswegen den Arbeitstitel "Everything is wrong" gegeben. Auf der anderen Seite finde ich es genauso schädlich, wenn ein einzelner Künstler idealisiert wird. Nicht nur als Leitbild, sondern auch musikalisch. MancheSänger oder Gruppen, die plötzlich so gehypt wurden, glaubten, sie wären was besonderes, und sie haben dann dementsprechend ihre Umwelt behandelt. Ich sage immer: "Behandle andere Menschen, so wie du selbst behandelt werden willst, es sei denn du bist Masochist."
- FP:
- Was wird in deiner Zukunft passieren?
- Moby:
- Erstmal wird mein Album erscheinen, und dann...Ich habe ein paar konkrete Ideen, aber dafür ist es noch ein bißchen zu früh.
- FP:
- Moby krempelt sein Image um?
- Moby:
- Ich bin was ich bin. Vielleicht ändert sich meine Msuik, was ich im Moment nicht glaube. Ich kann mich nicht so schnell verändern.
Copyright © 1995, Technomedia GmbH