Atomu Shinzu
Atom Heart oder Atomu Shinzu ist einer der wenigen Producer, die es verstehen, jeder neuen Platte und jedem Projekt eine so einzigartige Identität aufzuprägen, daß man
sich wundert, wie er es schafft,
so unterschiedliche Charaktere wie »Dr. Müller« (ein Hardcoreprojekt auf PCP) oder »Lisa Carbon« (auf Rephlex und Pod) so überzeugend zu verkörpern, ohne dabei schizophren zu werden. Er gehört nicht zu der Art von Musikern, denen es reicht, an der Drei-Null-Drei zu drehen oder die Presets seines Synthesizers gut in Schwung zu bringen. Es reicht ihm auch nicht, einen klaren Sound auszubeuten, der ihm eine wie auch immer korrekte Identität verschafft. Er sucht immer neue Soundwelten
in denen er sich vorübergehend verankern kann. Er setzt seine Projekte wie Figuren in einem Theaterstück, und die Dramatik wird einem sicher nicht entgehen, wenn man nur nicht den Faden verliert, wer eigentlich alles Atomu Shinzu ist…
- FP:
- Was ist nach all deinen Veröffentlichungen auf Pod, das ja bald einen Neustart versuchen wird, eigentlich passiert?
- AH:
- Es hat sich alles ein wenig zerfasert. Es gab Veröffentlichungen auf Delirium, After Six A.M. und verschiedenen Labeln. Aber das ging mir ziemlich auf den Keks und ich habe es deshalb jetzt Richtung Rough Trade, meiner neuen Hauptplattenfirma, wieder gebündelt. Zumindest was Atom Heart angeht.
- FP:
- Was ist eigentlich mit Olaf von Pod?
- AH:
- Der legt jetzt wieder los, von England aus über PlasticCat.
- FP:
- Rephlex sind auch so Parttimetechnos, Deine neue Lisa Carbon erscheint ja auf Rephlex. Das sind doch ziemliche Witzbolde oder?
- AH:
- Ja ja…
- FP:
- Wie gehst du mit deinen Tracks im allgemeinen um? Wie verteilst du alles? Was machst du auf die Label?
- AH:
- Das mache nur teilweise ich, jeh nachdem, ob meine Managerin Katja, die die Leute besser kennt und weiß, wo es hingehen könnte oder ich übernehme halt eben die Verteilung der Tracks.
- FP:
- Gehen deine anderen Projekte die ganze Zeit weiter?
- AH:
- Es gibt zumindest einige. Das sind immer gleich ganze Geschichten, z.B. Urban Primitivism. Da ist der Markt einfach auch ein bißchen schwierig und es ist auch die Sache, ob man da Lust zu hat. Damals war das so, aber jetzt wohne ich wieder hier, nachdem ich die ganze Zeit im Ausland gelebt habe. Aber zur Zeit interessieren mich andere Sachen.
- FP:
- Welche?
- AH:
- Also kein Hardcore. Ich finde Fusionen und House und andere Sachen zur Zeit interessant. Um Hardcore zu machen, muß man den Drang haben, den Klang zu zerstören. Das fehlt mir im Moment. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die Leute auf Rephlex hätten zum Beispiel gerne eine neue Atomu Shinzu gemacht, aber da habe ich einfach keine Inspiration zu im Moment. Denen gefiel der Stil.
- FP:
- Im Moment wird ja gerne auf House-Elemente gesetzt.
- AH:
- Es macht ja auch keinen Sinn, schneller zu werden. Man hat sich vor einiger Zeit noch einfach nicht so gerne auf Fusionen von Sounds eingelassen, sondern lieber die extremeren Wege genommmen. Aber ich denke, man war da auch am Ende. Man denkt dann einfach wieder nach, was man aus bestehenden Elementen noch anderes machen könnte. Ich verfolge allerdings wenig von dem, was tatsächlich passiert. Ich habe ja nicht mal einen Plattenspieler.
- FP:
- Warum?
- AH:
- Weil er zuviel Platz weggenommen hat. Das ist nicht unbedingt mein Medium. Ich habe manchmal einen Hang zum Minimalismus, speziell in meinem Studio, und da es einfach keinen 19 Zoll Plattenspieler gibt, ist er rausgeflogen. Es macht mir keinen Spaß, Platten zu hören, allein schon das Umdrehen, das wiederstrebt mir. Ich hätte am liebsten alles in 19 Zoll, Waschmaschine, Kühlschrank, Fernseher. Ich habe alle analogen Synthies aus meinem Studio verbannt.
Ich habe mich schon lange mehr für Digitales interessiert. Wenn man schon zehn Jahre mit analogen Geräten gearbeitet hat, dann weiß man automatisch, was man da rausholen kann, auch wenn die einen an guten Tagen dann doch noch überraschen können. Aber ich habe gemerkt, daß ich die Musik im Kopf schon zusammensetzte, alles schon im voraus berechnet habe. Dadurch geht aber der Reiz verloren, und ich zwinge mich gerne in neue Gebiete. Also alles Analoge ausgestöpselt, eingepackt und auf den Speicher gestellt, und dann hat man dann plötzlich nur noch einen Sampler und muß damit Musik machen.
- FP:
- Das ist alles?
- AH:
- Ich hab noch zwei so andere Kisten, aber der Sampler hat schon ziemlich viel Speicherplatz, und ich benutze ihn ja eh eher als Soundgenerator. Man hat alle Parameter wie sonst auch. Das ist auf digitalem Gebiet eine ganz andere Ästhetik. Das fordert einen. Das bietet mehr Möglichkeiten. Die Ästhetik ist ja immer bestimmt auch von dem, was das Instrument von dem, was man eingeben möchte, wieder herausgibt, und das ist bei einem Sampler einfach ganz anders. Die Fehler sind auch ganz anders. Mischpulte, Effektgeräte und der Sampler sind eigentlich gleich wichtig.
- FP:
- Es ist schade, daß sich im Effektgerätebereich so wenig tut,
- AH:
- Alle haben halt diese Standards, aber was für verrückte Algorythmen man schreiben könnte, das überlegen sie sich nie. Aber es gibt ziemlich seltsame Geräte, besonders alte.
- FP:
- Wie trennst du die einzelnen Projekte voneinander?
- AH:
- Das sind verschiedene Parameter, die die einzelnen Sachen irgendwie bestimmen. Aber man geht da auch nicht so ran. Ich erinnere mich an den ersten Atomu-Shinzu-Track. Da hatte ich plötzlich das Gefühl, etwas völlig neues gemacht zu haben. Das war halt dieser Breakbeat und die Flächen und eher hart und ohne viel Veränderung. Aber man zählt das nicht so vorher ab. Atom Heart ist eher eine Mellow-Geschichte. Jedesmal wenn ich eine neue Idee hab, wie etwas klingen könnte, dann fält mir auch gleich eine Idee dazu ein, ein Name, ein Image, sogar schon das Cover; Bilder ist vielleicht der beste Begriff.
- FP:
- Atom Heart ist ein ziemlich zentrales Bild oder? Du übersetzt es ja auch in andere Projekte wie das japanische Atomu Shinzu oder das französische Coer Atomique.
- AH:
- Es gibt auch Projekte, da mache ich eine Platte, denke mir, daß ich vielleicht später noch etwas in dieser Richtung mache, aber weiß irgendwie auch, daß mir mehr dazu im Moment nicht einfällt. Es geht auf jeden Fall von der Idee aus, was erlaubt ist und was nicht. Dieses gucken was passiert, ist dann an einer anderen Stelle wichtig. Manchmal wenn man etwas machen möchte, holt man auch einfach aus keinem Gerät etwas heraus. Dann läßt man es besser.
Manchmal will man eine LP fertig machen, aber der fehlende Track kommt einfach nicht, dann muß man unter Umständen lange warten. Dieses Unerwartete spielt da dann wieder eine große Rolle. Oder wenn die Maschinen abstürzen, oder wenn Fehler passieren, die zwar manchmal echt mies sind, aber eben auch oft drin bleiben, weil sie einfach gut passen und abstrakter werden.
Wenn eine Maschine etwas macht, was ein Mensch nie machen würde, zumindest jemand mit einem Klangempfinden, dann muß man persönlich mit seiner Beurteilung zurücktreten und versuchen, das ganze neutral zu hören, wenn man nicht mehr weiß, wie es eigentlich genau klang, so wie wenn man etwas zum ersten Mal hört. Und wenn ein so abstraktes Element dann in der Musik ist, stellt man sich automatisch den Typen und sein Gehirn vor, der sich so etwas ausgedacht haben könnte und dann wird es richtig gut. Welcher Idiot hat sich so etwas nur ausgedacht, obwohl es sich eine Maschine noch nicht einmal ausgedacht sondern es einfach gemacht hat. Auf der Morphogenetic Fields sind ein paar solcher Sachen drauf.
- FP:
- Viele wagen so etwas gar nicht erst, sondern versuchen Fehler auszubügeln.
- AH:
- Ich kenne auch wenige, die sich persönlich zurücknehmen. Das mußte ich allerdings auch lernen. Sehr lange Zeit bin ich ziemlich starr an die Titel herangegangen. Ich finde es witzig: Rauschen, Fehler, das sagt ja dann auch wieder etwas über die Person aus, die das macht. Wenn man sich mal alte Detroitsachen auf CD anhört, dann ist es im Gunde einfach unglaublich, wie die rauschen. Man fragt sich einfach, woher die überhaupt soviel Rauschen bekommen haben. Wenn man das dann sauber nachprogrammiert, ist alles weg, wie ein nachcolorierter Dick-und-Doof-Film.
- FP:
- Oder die xte Basic Channel Kopie.
- AH:
- Man muß sich so etwas erlauben. Viele Leute, die jetzt Techno machen, die sind eigentlich eingestiegen, weil sie zu Hause ein Studio haben und ihr Studio bezahlen müssen. Vorher haben sie alle ganz andere Sachen gemacht. Deshalb gehen sie natürlich etwas uncool an die Musik ran. Die verstehen die Freiheit nicht, die in dieser Musik steckt. Man muß es beherrschen, sich mit dem Wissen, was man hat, nicht nur zu limitieren, sondern sich auch Freiräume zu schaffen. Es ist auch wichtig, einen sauberen Klang machen zu können.
- FP:
- Welche Platten werden von dir kommen in der nächsten Zeit?
- AH:
- Erst mal die Lisa Carbon, dann eine Platte bei Hyperium, die erste Bitnicks. Dann gibt es eine neue auf Fax, Softcore, eine die ist grade in Verhandlung, die heißt Almost Digital. Das war die erste, die ich mit rein digitalem Equipment gemacht habe, und ab September gibt es mein eigenes Label, Rather Interesting.
- FP:
- Du scheinst gerne abschwächende Titel zu machen…
- AH:
- …abschwächend? Das geht aber auch in beide Richtungen. Auf Pod kommt natürlich noch die nächste und die DOM, von mir und einem Frankfurter. Ich muß mich leider ziemlich limitieren mit der Zusammenarbeit, weil ich so schon genug zu tun habe. Die ganze DJ-Kollaborationen... So etwas mache ich eigentlich nicht mehr. Ich veröffentliche so schon genug.
- FP:
- Passiert es dir, daß du eins deiner eigenen Stücke nicht wiedererkennst?
- AH:
- Oh ja, vor ein paar Tagen habe ich MTV gesehen und es lief ein Stück von Ongaku, von dem ich zwar wußte, daß es ein Video gibt, aber ich hatte es noch nie gesehen. Mein Neffe rief mich an und meinte, ich solle den Fernseher anmachen, dort liefe ein Lied von mir. Ich mach ihn an und sag ihm, nee, das ist nicht von mir. Aber mein Neffe, der ist 5Jahre, meinte, doch das ist von dir, und ich mußte erst eine Minute richtig zuhören, um mich zu erinnern. Das seltsamste allerdings, was mir passierte ist, daß mal eine Platte von "mir" auf Solid Pleasure erschienen ist, die ich nie im Leben gemacht habe, und von denen nicht mal die Titel stimmen.
- FP:
- Gibt es Sachen, die dir immer wieder gut gefallen?
- AH:
- Ja. Meistens wenn ich jemand frage, was das für ein gutes Stück ist, dann ist es von Carl Craig…
Es ist traurig, daß viele Tracks einfach vergessen werden und nie wieder gehört werden.
Tja… Dafür kann man immer wieder neue Sachen entdecken… Es ist wie ein live: Etwas passiert, dann verschwindet es für immer und man kann es nie wieder finden.
- FP:
- Was ist eigentlich mit deinen Acid Ramcash Platten?
- AH:
- Oh, die sind unglaublich schnell gemacht. Im Grunde habe ich für die Platten jeweils kaum länger gebraucht, als die Musik dann auch tatsächlich dauert. Das einzig aufwendige daran war, die Bögen für die Gema auszufüllen, weil die aus irgendeinem Grund keine Nummern mögen, und die Titel ja alle aus einer ziemlichen Reihe von Zahlen bestehen. Ich mußte die dann alle in Buchstaben eintragen, damit die glücklich sind. Die Gema ist ein seltsamer Verein. Und ich bin ein Feind des Copyrights. Alle meine Platten tragen jetzt das Zeichen "¢ für Macos"
>>> Musicians Against Copyrights Of Samples. Es erlaubt jedem, von meinen Platten zu sampeln, was er will. Die Idee, jemand hätte Rechte an einem Klang, ist irgendwie nicht in Ordnung. Wer immer da noch beitreten will, soll sich bei mir melden…
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