Wenn man von deutschem Hardcore spricht, in welcher Hinsicht auch immer, dann meint man als Symbol damit immer auch Force Inc. Und, zuletzt waren sie auch stark an der in Deutschland aufkeimenden Intelligent Techno Szene beteiligt. Immer jedoch wurden musikalische Neuerungen nicht einfach als neues Marketingfeld gesehen, als Feld möglicher Absahnerrei und kollektiver Profitmaximierung, sondern, entgegen den typischen kleinmajor Handlungsweisen der sich immer wieder gerne als Underground bezeichnenden Trancelabel, trotz Risiko und möglichem Unverständnis auf Seiten der Raver, auf ihre Radikalität hin interpretiert und auf ihre Wirkung hin konzipiert werden.
Diese in der deutschen Raveszene gefürchtete Haltung zusammen mit den immer kompromißlosen Aussagen Achim Szepanskis haben viele eine zeitlang dazu gebracht, Force Inc. aus ihrem Partygeklüngel so gut sie konnten, denn trotz allem waren die Erfolge der Acts nicht immer wegzuleugnen, auszuschließen. Vielleicht zum Glück. Denn so konnte sich ohne an die (scheinbar notwendigen) Erfordernisse und Verwässerungen von Massenveranstaltungen gebunden zu sein, ein relativ eng zusammenhalter deutscher Underground halten, der immer noch für mindestens die Hälfte aller ernstzunehmenden nicht auf Charterfolge schielenden deutschen Veröffentlichungen verantwortlich ist und mittlerweile ein relativ großes Netz von Acts, DJs und Labeln umfaßt.
Um das irgendwie zu verstehen muß man vielleicht noch einmal zurück zu der Zeit in der Techno oder irgendeines seiner Derivate noch nicht in seiner speziell auf Massenkompatibilität ausgerichteten Version, die zurecht keine Unterscheidung mehr macht zwischen Marusha, Doop und 2Unlimited, aus jedem fetten Autohifi blökte. Techno war damals angetreten um der Kommerzialität in seinen Grundgesetzen entgegenzuwirken und war selbst mit seinen Partys oft am Rande der Illegalität. Techno zu sein war nicht eins unter vielen Ausgehverhalten spätkapitalistischer Teenies, die noch nicht begriffen haben das wir längst in einem neuen Zeitalter leben, sondern ein direktes Zugehörigkeitsgefühl einer radikalen Bewegung. Vielleicht erinnert ihr euch: Techno war damals angetreten um nicht nur Dinge wie Starkult, Copyright, Popstrukturen, Machtverhältnisse der Musikindustrie, das Verhältnis von Künstler und Werk und die sozialen Amusementstrukturen zu verändern.
Angesichts solcher Aussagen von Seiten Westbams und Spoons, die die tatsächlich existierenden radikalen Differenzen zwischen Underground und Industrie zu verwischen versuchen, indem sie sich zumeist mit der sehr billigen, sehr zynischen Aussage, daß Millionen Deppen sich nicht irren können ihrer eigenen Zugehörigkeit zu einem von ihnen bis ins letzte ausgebeuteten und verratenen Undergrounds auch noch versichern wollen, kann man eigentlich nur noch den Kopf schütteln und sich fragen für wie dumm halten die einen. Die großen Stars der Technoszene bekommen so langsam an ihrer Basis, und das sind speziell auch immer diejenigen die schon etwas länger dabei sind und nicht die auf jeden neuen Hype uniform mit der Sicherheit Pavlovscher Hunde reagierender Bravo, Cut etc. Leser, mehr und mehr das Image das deutsche Politiker bei der Mehrzahl der deutschen Bevölkerung haben, nämlich über ihre Köpfe hinwegzuarbeiten und nur in die eigene Tasche zu wirtschaften.
Eindeutig findet bei Techno heute eine Rekonsitution und eine erneute Wiederbelebung des Subjekts statt, die nach dem allseits bekannten Muster des Starkults funkioniert und letztendlich ein Ausdruck von Macht, von Beherrschung eines zugegeben noch sehr kleinen ökonomischen Feldes ist. Das bedeutet jedoch nicht wie es gerne gesehen wird, daß der "unschuldige Underground" einer viel mächtigeren Musikindustrie zum Opfer gefallen ist, sondern in dieser speziellen Technosituation, daß sich Techno dem Ausverkauf anbietet, auf ihn hinarbeitet (und das mehr als jede andere musikalische Gegenbewegung bisher) und sich nicht zu schade ist nur mühsam durch eine technologische Patina überzogene billigste Schlagerstrukturen als innovativ und zeitgemäß Großkonzernen anzudienen.
Die Stars und ihre Bilder werden gleich mitgeliefert. Bürgerliche Ideologien wie Heim Hof & Familie und der dazugehörige Bürokratiewahn, die Demokratie der Großindustriellen, kurz, alles was den Urlaub von Helmut Kohl am Wannsee (oder wo auch immer) zu einem so vergnüglichen Fernsehnachmittag macht, haben im Vergleich dazu die noch schwere Aufgabe sich rechtfertigen zu müssen, sich zu begründen. Dies alles fällt bei Techno weg. Es darf geraved werden, gefeiert, bezahlt, aber nicht nachgefragt, oder Ansprüche gestellt werden. Oder nur in einem gewissen Maß. Man kommt nicht drumherum, die Friede-Freude-Eierkuchen-Love-Peace-Harmonie-Ideologie, an der schon die verhältnismäßig radikalen Hippys gescheitert sind, als reines Vertuschungsmanöver zu sehen, das es einem erlaubt, die friedliche Herde von Ravern einfacher zu händeln.
Diese wie auch immer verstandenen und gerne auch fälschlich und vereinfachend im Konflikt Under-/Overground zusammengefaßten Probleme wollen Force Inc. auf ihre spezielle dezentralisierte Art angehen. Für Force Inc. ist jede Musik eine Region die den Anschluß an andere Regionen fordert, ein Plateau ein Windstoß, der etwas bewegt aber auch vergeht. Es ist das Einsehen der Notwendigkeit, daß alles im leeren Raum der Akustik wiederkehrt, und dem daraus resultierenden Zwang zur Innovation. Force Inc. setzen statt auf den Einsatz von schierer Macht, der sich in der Technoszene immer mehr breit macht, auf ein differenziertes, gezielteres Einsetzen und versetzen etablierter Strukturen und Minidiskurse. Auf eine multidimensonale Ästhetik, die der Realität unseres informationellen Zeitalters (wo die Beherrschung der Medien und der Informationen wichtiger ist als die Verteilung der Güter) einerseits Rechnung zollt, andererseits aber auch entgegenwirkt, durch eine Vielzahl kleiner Strategien des Widerstandes.
< Tom Clark Sam Jennings >