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"Box", "Terrordrome" und harte, schnelle Mucke - das ist die Nordcore-Welt. Nordcore wiederum sind Thomas Böttcher, Marco Hartmann & friends. Im Hamburger Vorort Jenfeld haben sie ihr kleines Studio. Da saß man zusammen, ruhig und gepflegt, bei Kaffee und Keksen.

Hamburg im Winter: Raus aus der Stadt, Autobahn, Hinweisschild "Jenfeld". Die Plattenbausiedlung made in West verliert bei dem miesen Wetter selbst den wenigen Charme, für die im Sommer vermutlich die Grünflächen sorgen, die zwischen den Blocks angelegt sind. Rein in den Aufzug(das Ding funktioniert sogar) und wir sind in der Wohnung. Die Mama begrüßt uns und Papa bietet Kaffee an. Durch den Flur, wir sind im "Studio", einem zweckentfremdeten Kinderzimmer, zwei mal vier Meter klein. Hier wohnt Marco, hier ißt Marco, hier kifft Marco. Und hier macht er Musik. Wir sind im amtlichen Nordcore-Studio. Hier entstehen und entstanden die Hardcore-Titel, mit denen sich die Hamburger innerhalb von etwas über zwei Jahren einen Namen in der deutschen, selbst in der europäischen Hardcore-Szene erspielten.

Marco ist in den 20ern, ziemlich schlaksig und trägt natürlich Glatze. Auf den ungefähr dreitausend Fotos, die die Wände in dem Kabuff zieren, ist seine persönliche Geschichte abzulesen. Das Foto mit der Band, Bilder, die während der Bundeswehrzeit aufgenommen wurden. Er zeigt auf die Soldatenszene: "Eigentlich war's o.k. beim Bund, gute Kameradschaft, wir hatten 'ne Menge Spaß." Spaß nicht nur bei der Bundeswehr. Auch sonst ein Schlüsselwort im Leben von ihm und Thomas. "Ich stand kurz davor, einfach zu verspießern", erzählt Thomas Böttcher, neben Marco der Frontmann der Hamburger Truppe. "Aufgelegt habe ich schon seit Jahren, lange vor der Technozeit. Na ja, und irgendwann dachte ich schon, so Junge, jetzt mußt du aber seriöser oder wie auch immer werden. Und dann hörte ich das erste Techno-Stück. Ich weiß nicht mal mehr, was das überhaupt damals war. Ist auch egal. In jedem Fall: Mit dem Verspießern war das dann ganz schnell zu Ende. Ich hatte was gefunden, wonach ich eigentlich nicht mal direkt gesucht hatte..." Nicht viel anders lief das auch mit Marco, der übrigens nebenbei bemerkt auf den schönen Familiennamen Hartmann hört. Nomen est Omen! Er allerdings war kein DJ. Er machte das, was Hunderte vor ihm auch machten, er spielte in einer Schülerband und zwar Keyboard. "Wir spielten andere Sachen, das hatte überhaupt nichts mit Techno zu tun."

Irgendwann lernten sich Marco und Thomas kennen und entdeckten auch recht schnell Hardcore. "Der erste Hardcore-Titel, den ich hörte, war auf einer Compilation. So holländisches Zeug eben. Die hatte einfach einen geilen Stil. Es war hart, es war schnell - eben genau richtig", erinnert sich Thomas. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Am Anfang wurden Parties organisiert. Als es in den Clubs immer schwieriger wurde, Gabba zu spielen, wurde die Idee eines Gabber-Clubs geboren. Bis zur Realisierung verging allerdings noch etwas Zeit. Aber irgendwann war es dann soweit: Im April 1994 eröffneten die beiden in der Hamburger Spaldingstraße nur ein paar Fußminuten vom Hauptbahnhof entfernt die "Box" . Heute ist der Club Historie oder besser gesagt: Legende. Eine Legende wie beispielsweise auch der Berliner "Bunker". Zwei Clubs, ohne die Hardcore in Deutschland nicht da stünde, wo er heute steht. Die "Box" war ein Betonverlies, klein, eng und laut. Und jeder, der hier mal abgefeiert hat, wird den Laden vermutlich nie wieder vergessen. Wegen der Räumlichkeiten nicht und schon gar nicht wegen der Posse. Denn Gabber, oder Hardcore oder Speedcore ist nicht einfach nur eine der zahlreichen Abarten von Techno. Gabber ist nach wie vor eine eigene Welt mit eigenen Stars, mit eigener Posse, mit eigenen Groupies übrigens auch. Posse - die wird in der Gabberwelt meist noch immer "Hacke" genannt und das Wort ist gleichzeitig Schlachtruf. Für all das und natürlich auch für den typischen Nordcore-Sound stand die "Box". Und da die Gabbers nicht gerne nur mit ihrer eigenen örtlichen Posse feiern, waren auch bald die ersten Kontakte nach Berlin und Frankfurt geknüpft. Der Partytourismus begann hauptsächlich zwischen Berlin und Hamburg. Die Berliner Gabba-Nation legte bei den Friends an der Elbe auf und die Gastspiele wurden erwidert. In Berlin traf man sich "Bunker", die jeweiligen Love-Paraden wurden zu amtlichen Treffs der internationalen Hardcore-Szene. Die Stimmung bei den Parties ist kaum zu beschreiben. Alles war heftig: die Musik sowieso, die Location, die Leute, die Drugs auch. Die Details sind für Zeitungsseiten völlig ungeeignet. An die erinnern wir uns besonders gerne, wenn auch mit einer gehörigen Portion Grauen... Oh Gott, wurde es uns besorgt, fuhren wir ab, waren wir verstrahlt, sozusagen volle PulleTschernobyl in den Schädeln!

Man merkt sowohl Thomas als auch Marco an, daß auch sie sich gerne an die "Box"-Zeiten erinnern. "Muß man doch gar nicht sagen, aber es ist natürlich ein himmelweiter Unterschied, ob man in einem normalen Club auflegt oder ob man seinen eigenen hat. In Clubs muß man irgendwie immer Kompromisse schließen, kann längst nicht alles das machen und spielen, was einem selbst vorschwebt. Bei einem eigenen Club muß man zumindest in dieser Hinsicht keine Rücksichten nehmen. Und das allein ist schon viel wert. Klar, es gibt auch Sachen, die nicht so unbedingt Spaß machen. Ärger gibt es immer", erinnert sich Thomas. Das Line-Up der "Box" liest sich wie das "Who is who" des internationalen Hardcores. Laurent Ho aus Paris fand hier eine Heimstatt, die Holländer waren da - natürlich die echt harten und nicht die Weicheier - , die Frankfurter und die Berliner GabbaNation um Sascha und Cut-x selbstverständlich auch. Wie das Leben so spielt, es gab Streß mit dem Inhaber, dem Hauptmieter oder war es der Hausmeister? Egal: Die "Box" mußte schließen. "Nebenbei" hatte sich Thomas und Marco aber noch ein anderes Standbein geschaffen, das eigene Label. Ist es schon schwer, für "Null-8-15"-Techno ein Label zu finden, für schnellen Hardcore ist es fast unmöglich.Und so war das eigene Label nicht nur Wunsch, es war Zwang, wollte man veröffentlichen. Die Release-Liste der Nordcore GmbH umfaßt mittlerweile eine gute Anzahl diverser Titel. Vieles erschien zuerst auf "Terrordrome-Compilations" und gerade die Nordcore-Veröffentlichungen heben diese Compilations ziemlich weit über das hinaus, was so gewöhnlich in dieser Richtung releast wird. "Es war nicht so einfach, sich gegen die Holländer durchzusetzen," erzählt Thomas. Er muß es wissen, denn das Label der "Terrordrome" trat schließlich an die Hamburger Jungs heran und ließ Nordcore compilieren. Diese Editionen zählen mit Abstand zum Besten, was in dem Rahmen in den letzten Jahren auf die Silberscheiben gebrannt wurde. 3mal Vinyl, das ist die bisherige Bilanz des eigenen "Nordcore-Labels". Die neueste Veröffentlichung ist noch warm, so frisch kam sie aus der Plattenpresse. Vertrieben werden die Sachen von der Frankfurter Firma der PCP-Leute.

Was macht nun den typischen Hamburger Nordcore-Sound aus? "Eine fette Kick braucht man, einen durchschlagenden Bass und gute Samples," faßt Thomas die notwendigen Bestandteile eines guten Hardcore-Titels zusammen. Leiden viele Gabba-Veröffentlichungen an einer manchmal schon grauenhaften Einfaltslosigkeit, Nordcore-Stücke hören sich anders an, obwohl der Sound typisch und sofort wiederzuerkennen ist. "Genau beschreiben kann ich das so gar nicht. Man sitzt eben im Studio zusammen", berichtet Marco über seine Produktionsweise. "Manchmal habe ich nur einen Sprachsample, manchmal habe ich eine Kick zusammengebschraubt. Und dann probiert man eben so rum." Das Studio ist nicht gerade typisch für Gabba-Leute, arbeiten viele doch nur mit Trackern. Der PC übernimmt bei Nordcore die Sequenzer-Arbeiten, ansonsten entstehen die Sounds bevorzugt in Synthis oder im Sampler. Wortsamples gehören zu einem guten Gabba-Titel wie das berühmte Weihwasser in die Kirche. Was bei den Nordcore-Titeln auffällt und sie auch von dem üblichen Happy-Kram aus Holland unterscheidet, ist die Darkness. Da wird nicht zum 397sten Mal "mutherfucker" eingesampelt. "Man tut uns nichts. Man sperrt uns nur in die Hölle des ewigen Nichts ein" - das ist so eines der typischen Nordcore-Sätze und steht als Anfang von "Operation Nordcore", einem jüngst auf der Bunker-CD erschienen Titels. Die musikalische Fortsetzung ist konsequent, industrial-lastig, düster, schnell und - das macht die Qualität aus - sie groovt noch dazu und zwar ziemlich höllisch. Womit wir bei der Frage sind, die allenaselang von Schlaubergern gestellt wird. "Kann man bei den BPM-Zahlen überhaupt noch tanzen?" Thomas lacht: "Als ginge es darum. Auf Gabba tanzt man nicht, auf Gabba fährt man ab." Wie man auf Gabba abfahren kann, das bewiesen die Nordcore-Leute in den vergangenen Wochen bei mehreren Parties quer durch die Republik, nicht zuletzt bei ihrem Heimspiel am 11. Januar in Hamburg. Bei ihrem Deutschland-Gastspiel suchten sich Johnny Violent und "Delta 9" die Hamburger Jungs und noch ein paar deutsche Hardcore-Leute als Begleiter aus. Es waren einfach gute Events.

Wenn es denn um die Zukunftpläne geht, da wird der selbst sonst immer coole Marco schon fast nervös. "Für den 26. April ist alles klargemacht. Da steigt endlich hier in Hamburg in der Markthalle noch mal so ein richtig großes Ding, unsere Party mit unseren Leuten. Das Line-up", jetzt gerät Thomas aus dem Häuschen, "das steht. Und es ist genial: PCP, XOL DOG 400, Speedfreak, nur um ein paar zu nennen und live wird Neophyte vom Rotterdam-Rec. dabei sein. Es wird fett werden..." Irgendwann am späten Nachmittag bringt mich Thomas zurück in die Stadt. "Ihr in Berlin seid einfach schlecht dran. Immer nur Döner. Wir haben hier die Läden mit den leckeren Sandwiches. Du mußt mal einen probieren...." Der Croque war klasse, so heißen die belegten Backbrote hier in Hamburg, und "wenn es keinen Hardcore mehr gibt, mache ich so einen Laden in Berlin auf...." Wir Berliner werden weiterhin Döner essen müssen. In jedem Falle besser, als auf Nordcore-Stuff zu verzichten...

Nordcore GmbH Releases
1. Robocop>Nordcore Rec.
2. Bewegt Euch>dito
3. Power of Darkness>dito
4. Little Katharina>Quindoor
5. Pelle ist Hakke>dito
6. Microburst>Neuwerk
7. Limbus>Trash Enemy HQ
8. Stairway To Hell>Nordcore G.M.B.H.
9. Active Gerät>dito.
10. Hardcore will never die>Liquidator
11. No more happy Hardcore>Nordcore
12. Sound of Hamburg>Allfix
13. Fuck pussy>Liquidator
14. Pump up the Bass>Quindor
15. Can You Tell Me>Liquidator
16. Mother Fucker>Stereoid
17. Planet Hardcore>Nordcore
18. Nordcore Hölle>dito.
19. Full Energy Flash>Quindor
20. Wap Bam Boggie>Liquidator
21. System>Stereoid
22. Psycho>Liquidator
23. Power of Darkness Part 2>Nordcore
24. 666>dito.
25. Hartcore City>dito
26. Nordcore Mix>DJ Hartmann
27. Beta Test 2>Nordcore
28. Dexosed>dito.
29. Asshole>dito.
30. Operation>dito.
31. Nordcore Hölle Part 2>dito.
32. ...auf die Votze wichsen>dito.
33. Freddys Strafe>dito.
34. Stricher Remix>dito.

1 - 7 sind auf "Terrordrome 5"
8 - 17 sind auf "Terrordrome 6"
18 - 26 sind auf "Terrordrome 7"
27 - 29 sind auf "Terrordrome 8"
30 - 31 sind auf der "Bunker one"
More Info: Thomas Böttcher > 040) 491 84 25


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