mike ink

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Techno in einer Krise? Ach was. Glücklicherweise gibt es ja Mike Ink, Ritchie Hawtin und das Basic Channel, Chain Reaction-Imperium. Da sind Krisen ausgeschlossen. Sie alle arbeiten intensiv an der Fortführung und Weiterentwicklung dessen, was Techno mal war und bedeutete und nirgendwo auf dieser Welt gibt es ein Thema, das jeden, der an Techno als die Musik der geraden Bassdrum geglaubt hat, mehr interessieren würde als die Outputs, Hintergründe und Motivationen dieser Leute. Mike Inks Label Studio 1 (gesprochen: eins) ist nicht nur die zum Label gewordene Verkörperung der heiligen geraden Bassdrum, sondern die gründlichste Beschäftigung mit dem Groove der Gradlinigkeit. Nach seinem eher persönlichen Labelprojekt Profan rettet Mike Ink mit Studio 1 wieder mal Techno & alles, was uns immer lieb und teuer war, rettet den 4/4-Takt. In Zeiten absoluter Zerstreuung die überzeugenste Methode, so etwas wie eine orginär deutsche Form von Techno wieder zum wichtigsten Element der internationalen Szene zu machen. Studio 1 gilt schon jetzt in der ganzen Technowelt als Legende und als wichtigste Fortführung und Präzisierung des Technogedankens.

Warum gibt es Studio 1?

Mike Inc: Weil, die Welt drauf gewartet hat. Und ich hatte es und wollte nicht gemein sein und es ihr vorenthalten. Warum gibt es Studio 1. Also in meinem persönlichen Fall war die klarste Antwort immer die, das Profan das nie war. Alle haben natürlich immer mit Recht gedacht, Profan sei ein Technolabel, weil das ja Mike Ink ist und das war ja nun leider nie der Fall, sondern es war immer irgendwas anderes, was meistens zurecht nicht immer verstanden wurde. Auf der anderen Seite wurde mir aber auch zurecht unterstellt, daß ich primär ja bekannt bin für so etwas wie geradeaus Musik. Und es kam natürlich eine Menge Kritik von denjenigen, die von mir eine verbindliche Technoplatte erwarteten, warum ich das nicht mehr mache & warum immer Spinnereien rauskamen; oder sagen wir mal zumindest Sachen, die schwer vermittelbar waren. Irgendwann war dann der Punkt erreicht, wo ich dachte, dieses Hickhack muß jetzt mal voneinander getrennt werden. Ich machte ein Sublabel & da kommt einfach verbindliche essentielle Musik raus. So ist Studio 1 entstanden.

Also als wichtigstes die gerade Bassdrum.

Ja definiv. Studio 1 hat verschiedene Komponenten. Einmal ist es ein 100% Bekenntnis zur graden Bassdrum, gegen die vielleicht berechtigte Entwicklung von Techno weg. Die einen sagen Electro kommt, die anderen TripHop, ich glaube das beides nicht und das interessiert mich auch überhaupt nicht. Ich glaube nach wie vor, das Techno das wichtigste ist und Studio 1 ist ein sehr individueller Versuch, das was für mich Techno in der Essenz ausmacht, rauszufiltern und auf den Punkt zu bringen. Das heißt stringent zu sein, minimal zu sein und einfach versuchen, eine Ästhetik zu definieren, um die ich eigentlich immer gekreist habe, seit ich diese Musik mache. Die ich aber aus verschiedenen Gründen nie so entschlossen in der Konsequenz durchgezogen habe. Es mußte sein und seitdem funktioniert's auch sehr gut.

Und seitdem ist Studio 1 das konsequenteste Technolabel, daß du dir denken kannst.

Das nicht, aber es entspricht innerhalb dessen, was es darstellt, dem Stand der Dinge. Ich kann schon sagen, daß ich mich stark damit identifizieren kann. Wobei wichtig ist, auch hier die Bezüge zu erklären, nach denen immer gefragt wird. Studio 1 ist für mich so etwas wie ein Bekenntnis zu deutschem Techno mit deutschen Wurzeln. Das hat mit Detroit überhaupt nichts zu tun, zumal mich Detroit auch immer weit weit weniger interessiert hat, als unterstellt wurde. Für meine persönliche Idealvorstellung für Wurzelforschung oder dergleichen mehr sind die Bezüge mehr Marsch- , Volksmusik, von mir aus auch sowas wie deutscher Reggae, oder wie ich es manchmal sage, Funk auf Krücken.

Was ist deutscher Reggae?

Gute Frage. Es gibt in der deutschen Diskokultur, die sich natürlich auch mit so dumm pausbackenem, englischem Diskogesang an angloamerikanischen Vorbildern orientiert, eine eigentlich deutsche Rhythmik, die sich an Reggae orientiert, zumindest was ihre charmante Unbeholfenheit betrifft. Und daneben gibt es eine andere Komponente von Kifferbands, wie Dunkelziffer, frühe Relikte aus den frühen Achzigern, die noch aus der Can-Tradition kommen. Minimale hypnotische Musik, wo sehr wenig passiert, die sich ästhetisch ein bißchen an Reggae bedient, aber natürlich kein Reggae ist, nichts mit Jamaika zu tun hat und auch nichts mit Dub, sondern nur einen Off-Beat in Soundklischees, die irgendwie gehen wie Reggae ausdrücklich betont. Wenn du nach Soundquellen bei Studio fragst, dann sind es im wesentlichen Sounds, die schon 91 auf dem MI 5 waren. Dazugekommen sind definitive, mikrobisch kleine Schnipsel aus Reggaesounds, Gitarren, Orgeln, die aber hier extrem scharf geschnitten sind. Bei Studio 1 geht es ja auch um Schärfe, Transparenz. Weder bei Profan, noch bei Studio 1 ist irgendein einziger Synthesizer involviert. Es lebt sehr sehr stark von Samplingtechnik und verschiedenen charmanten Fehlertechniken, wie Loopknacken oder Dopplereffekte, was manchmal diese leicht chemische Ausstrahlung ergibt. Studio 1 ist eine serielle Sache, erscheint regelmäßig, verbindlich, in Konsequenz und verdichtet sich immer mehr. Keine Aussetzer, sondern Zuverlässigkeit. Da soll nicht mehr drauf und da paßt nicht mehr drauf. Die Inspiration zum Namen kommt von einer superalbernen ARD-Sendung, die jeden Tag läuft. Zuerst sollte es Polka Tracks heißen, so wie jetzt der Warp-Release.

Warum wird Studio 1 immer in Zusammenhang mit Concept und Basic Channel (oder Chain Reaction) genannt, obwohl diese Label in eine ganz andere Richtung gehn?

Ja, das ist interessant, aber mein Interesse daran wird auch grundsätzlich eher überschätzt. Es ist absurd. Vom musikalischen Ergebnis her ist es ein bißchen weit hergeholt,und ich könnte mir vorstellen, daß Richie Hawtin das auch nicht anders sieht, auch wenn er immer Studio 1 betont und er immer sagt, daß er es zusammen mit Concept auflegt. Studio 1 ist viel direkter, mehr In Your Face, wohingegen Concept viel langsamer, transparenter, spartanischer und vor allem unglaublich hallig und wahnsinnig auf Keller gemacht ist und in dem Fall auch verständlicherweise, viel amerikanischer ist. Was ich akzeptieren würde ist der Punkt, daß wir beide ähnlich lange und ähnlich intensiv an dem Thema Techno arbeiten. Er natürlich konsequenter. Nach 6 Jahren produzieren hat man wirklich alle soundtechnischen und ästhetischen Winkel ausgelotet. Bis vor kurzem ging Techno immer weiter, schneller, höher und forward ever und für mich heißt Studio 1 jetzt eben, nach innen gehen, auf die Essenz, auf den Punkt kommen, das absolut wesentliche herausfiltern, Techno ausziehen, bis auf die Bassdrum und dann neu aufbauen und das aufblasen bis zum geht nicht mehr. Da sehe ich eine Parallele zu Concept, aber ansonsten ist das nichts, was sich musikalisch bedingt. Es wird mit Sicherheit in der näheren Zukunft immer mehr Sachen geben, die versuchen, auf diese Stringenz hinauszulaufen. Man sieht, das Studio Platten, oft nur mit sich selbst funktionieren, weil sie eine so eine konsequente Ästhetik und Groovedynamik anbieten, die in the Mix nicht gehen will. Ich bin selbst überrascht, daß bestimmte Leute, die sich immer in Richtung Minimal Techno verstanden haben, DJs wie Roland Caspar, nicht so schnell darauf eingestiegen sind, wie ich ihnen bei allem Wohlwollen zugetraut hätte. Das war denen zu hypnotisch, zu monoton, zuwenig Snarewirbel. Eine Studioidee ist ja auch die Enteuphorisierung des Dancefloors. Schluß mit Pathos und hypnotisch sein auf eine andere, coolere Weise.

Aber du machst ja auch nicht nur das.

Nein, was bei Profan passiert oder passieren soll, ist eine noch konsequentere Schnitttechnik. Da geht es im Moment wirklich darum,. so etwas wie Flanging, Loopknacken und digitale Dropouts zum grooven zu bringen. So essentiell wie irgend möglich, aber in einem Popkontext, das alles so selbstverständlich wie möglich erscheinen zu lassen. Also eigentlich mit technischen Ideen zu arbeiten, die aber soetwas wie Volksnähe bringen sollen. Es geht nicht um experimentelle Elektronik. Es soll kein advancetes Programm sein, sondern schon in einer zugänglichen Technotradition verstanden werden.

Bleibt noch Love Inc, das was am ehesten als dein Raveprojekt bezeichnet werden kann.

Ja, da bin ich auch still noch in Love mit. Ich würde es mein Glamrockprojekt nennen. Wer sämtliche Love Inc Platten kennt, der wird wissen, daß sie immer schon kitschig waren, klebrig, immer ein bißchen peinlich und immer ein bißchen poppig oder wie auch immer. Rave ist ja für mich so nicht mehr existent. Es will immer ein bißchen sein wie Pet Shop Boys, aber dabei möglichst Underground bleiben und konstatiert Widersprüche, die an sich nicht vereinbar sind. Die Technostücke sind absichtlich eher traditionell, bewußt eher sagen wir mal schön altmodisch gehalten. Nur lehne ich mich hier diesmal viel weiter in Richtung Popsample, bis hin zur expliziten Copyrightverletzung aus dem Fenster, was ja auch klar auf der Platte definiert wird. Teilweise sind die Samples sehr offensichtlich. Viele Zitate aus der Popgeschichte der 70er, 80er ganz klare Zitate bezüglich Bee Gees, T.Rex oder Queen. Aber nicht alles, was an Plattencovern auf der LP abgebildet, ist wird auch gesampelt. Das ist eher als Hommage zu verstehen. Da muß man durch. Vielleicht geht es mit dieser Platte darum, davon zu kommen.


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