what's next?
Musik aus Strom
"53 Tracks, das soll uns erst mal jemand nachmachen." Die ersten Erfahrungen mit Musik aus Strom und Funkstörung konnte man Anfang des Jahres mit ihren 6 LPs auf Bunker & Acidplanet machen. Erstaunlicher Output für einen Monat. Der umtriebige Punk Ference brachte auf einmal 18 Platten in einer Auflage von 100 Stück raus und viele davon waren von Chris De Luca und Michael Fakesch aus München. Sie ärgerten sich ein wenig, weil das Material schon 2 Jahre alt war, als es erschien, aber die lange Wartezeit hat nicht zuletzt dazu geführt, daß sie ihr eignes Label, Musik aus Strom, gegründet haben. "Das war wohl keine Strategie, sondern einfach eine Geldfrage." Die Musik machen sie immer selber, mal Chris mal Michael, mal beide zusammen, sie haben ein kleines Studio, in dem sie ständig an Tracks arbeiten. Natürlich fällt einem sofort die Ähnlichkeit zu Aphex Twin, und mehr noch, Autechre auf und tatsächlich sind sie nicht nur Fans von ihnen. "Wir hatten schon Tracks, die scheinbar nach Aphex klangen, nachdem ich zum ersten Mal wußte, wer er war. Es gibt keine beabsichtigte Ähnlichkeit. Aber das ist ja auch keine Beleidigung." Zukunftsmusik. Musik aus Strom hat keine Regeln. Die letzte Platte hatte viele Drum&Bass-Einflüsse, aber mit der strikten Regelhaftigkeit der Szene wollen sie nichts zu tun haben. Viele Leute spielen ihre Platten auf der falschen Geschwindigkeit. Nicht unbedingt ein Nachteil für sie. Sie sind Fans von Autechre und da ist es natürlich das Beste, wenn plötzlich aus deren Richtung eine Reaktion zustande kommt. "Das beste Kompliment was wir bekommen haben, war bei Skam Records. Andy Maddox, der das Label leitet, hat uns nicht nur gleich gesigned, sondern will jetzt mit uns zusammenarbeiten." Die nächste Musik aus Strom wird dann auch gleich in zwei Teilen gleichzeitig auf beiden Labeln erscheinen. Teil eins auf Skam, mit Remixen von Jega, Dylan, ein Inder, laut Michael ein Topmodel und Bowler. Teil zwei auf Musik aus Strom wird mit Gescom und Freeform-Remix rauskommen. "Das war eine Ehre und ein Kompliment für uns. Gescom (für alle, die es noch nicht wissen, Autechre) wollen uns remixen. Seitdem sind wir total motiviert. Und es wird eine EP von Freeform bei uns kommen, die so geil ist, daß wir uns gar nicht trauen, sie rauszubringen, weil die unsere Platten so in den Schatten stellt. Man kommt sich so klein vor." Autechre, die bis zu 5.000 £ für einen Remix bekommen und Freeform, noch immer auf dem Weg zum Star. Howie B benutzt ein Majorsample von ihm für seinen U2-Remix. Seltsame Verbindungen. Aber Musik aus Strom wollen sich vor allem weiterentwickeln. Panasonic ist für sie genau der falsche Weg.
Strom mißt man in Volt/Ampere und die Platten von Musik aus Strom sind über Disko B/München erhältlich.
Consta*
Wann immer ein neues Label aus Wien kommt, denkt man sofort an den sensationellen Erfolg von... Cheap. Die Gespenster von Pulsinger & Tunakan schweben durch die immer noch pittoreske Stadt. Wer dort neuanfängt, muß sich an ihrem Vorbild messen lassen. Pomelo, Sabotage, alle hatten an diesem Effekt zu knabbern. Ob ob sie wollen oder nicht. Und mit dem Release der ersten Consta* tauchte wieder eine Platte auf, die mehr konnte als das nur zu versprechen. Man ahnte sofort hinter dieser Platte eine ganze Bande von übertalentierten Wienern und genau so war es. Ihr Headquarter ist in der Bendelgasse in Wien, eine weitere Techno-Kommune in der Stadt. Konrad Schober und Michael Sellis sitzen auf ihrem neugegründeten Freestyle-Imperium. Drei Label. Consta* ihr Hauptlabel für experimentelle elektronische, funkige, electroide Tracks. Sub, ihr Houselabel und finanzielle Stütze. Bass, ihr mittlerweile für jeden Labelneugründer fast obligatorisches Drum&Bass-Label. Wer zuviele Ideen hat, kann einfach nicht mehr nur ein Label machen. Warum auch. In der Bendelgasse treffen sie sich mit ihren Freunden Hagen Kant, Klaus Volkner und Cheapheld Gollini. Fast jeder von ihnen veröffentlicht auf fast jedem ihrer Label, sie ergänzen sich einfach gut. Ihre Freunde bei Sabotage besitzen mit ihnen ein Büro. Es ist eine kleine Stadt, in der man sich ständig begegnet. Sie jammen tagelang, weil sich das ausgehen in Wien einfach nicht mehr lohnt. "Wir sind irgendwie eine Band, das ist orgineller, macht mehr Spaß & so entstehen Supertracks. Wien hat eine unglaubliche Musikerszene, aber Ausgehen lohnt sich hier nicht. Es gibt zwar ein paar ganz gute Clubs, aber da ist nicht viel los." Jeder kennt sich, alle verstehen sich, alle langweilen sich, wenn sie keine Musik machen. Fast so wie in Köln. Aus dieser relaxten Sicht und ihren quasi universellen Vorlieben wie Mike Ink, Hawtin, Electro, entwickeln sie einem Stil, der sich wieder mal (und für Advanced-Seiten wohl typisch) nicht festlegen läßt. Natürlich ist er aber ebenso charmant und easy wie der von Cheap, die sie natürlich alle auch mögen, er ist ebenso vielseitig, aber gleichzeitig hat er auch etwas vollkommen eigenes. Man kann ihren Aufstieg in den nächsten Monaten jetzt schon absehen und ihr Studio wird vermutlich genau wie das von Pulsinger und Tunakan in der nächsten Zeit seinen Sound in alle Clubs der Welt entlassen. Have a good flight!
Consta* sind im Oktober mit Ectomorph in Deutschland und Österreich auf Tour.
Arj Snoek
Die seltsamste Houseplatte dieses Jahres kommt mit Sicherheit von Arj Snoek. Ladomat behandelt ihn wie einen Schatz, wann immer er in ihrem Büro auftaucht, wird es still. Albert Gabriel, bescheidene16, vor einiger Zeit von Hamburg nach Kürten gezogen, was irgendwo in der Nähe von Bergisch Gladbach, irgendwo in der Nähe von Köln liegt. Aufs Land. Wenn Whirlpool Freunde der eigenen Eltern sind, was liegt da näher als Housemusik zu machen. "Justus Koehnke hat mich dazu gebracht Musik zu machen. Er hat mir viele Tips gegeben." Mit 16 natürlich sehr früh, aber schon jetzt kann er sich nicht mehr vorstellen aufzuhören. "Inzwischen gehe ich auch in Clubs. früher konnte ich nicht, weil ich zu jung war." Aber jetzt ist er schon DJ. legt im Hallmackenreuter, Päff, Roseclub, auf, in den kleinen Läden, die die Kölner Houseszene tragen. Und natürlich auf Ladomatpartys. Seine Samples spielt er teilweise selbst auf seinem Akkordeon ein, teilweise sampelt er sie von "Französischen Schallplatten". Für ihn und alle anderen auch ist seine Musik abgefahren, einzigartig, auch wenn er sie nicht extra so produziert, die anderen Housesachen sind eher normal. Er nennt es, wenn man ihn dazu zwingt: "House, Untergruppierung: Abstrakt. Weil die Musik im Vergleich zu anderen Housesachen eher komisch, seltsam und anders ist. Ich kann nicht soviel House hören, zu Hause macht das oft keinen Sinn. Disco und Hip Hop schon." Für Disco eigentlich noch zu jung, kann er es ohne Nostalgie nachvollziehen und mag er es, wenn auch Funk für ihn wichtiger ist, essentieller. Daß Ladomat ihn nimmt, ist für ihn eher selbstverständlich. Die Schule ist das Problem seines Lebens. Wenn er zwischendrin noch Zeit findet, arbeitet er im Groove Attack, einem Kölner Plattenladen, dessen Label demnächst eine Platte von ihm mit Beats herausbringen wird. Ihm gefällt der Gedanke das Backing für neue deutsche Rapper zu machen. Nicht zuletzt, weil er selber mit Freunden jammt. Es ist nicht nur etwas neues, sondern er findet es auch wesentlich nützlicher eine nicht fertige Platte zu liefern. "Eigentlich sind es sogar Stücke". Wenn es nur im entferntesten an seine Debut-EP auf Ladomat erinnern wird, dann sollte man sie suchen. Die Reaktionen auf seine Tracks liegen für ihn noch im dunkeln, Ähnlichkeiten zu Workshop schließt er jedoch nicht aus. Arj Snoek ist nach H-Musik und Disco genau das, was der deutschen Houseszene jenseits von Ladomat immer gefehlt hat. Humor im Umgang mit sich selbst.
Arj Snoek macht in zwei Jahren seinen Führerschein und seine Platte ist bei Ladomat/Hamburg erschienen.