Kruder & Dorfmeister
Die beiden Wiener gelten neben Patrick Pulsinger
und der Cheap-Posse derzeit als das Aushängeschild
der österreichischen Musikszene & werden
besonders in England als Hottest Shit des
Kontinents gehandelt. Ihre instrumentalen Tracks nähren
sich aus einer Vielzahl musikalischer Genres:
Ob jazzy Grooves, Ambient-Dub oder Drum & Bass >
Kruder & Dorfmeister sind fast überall zu
Hause. Mit einer kaum für möglich gehaltenen
Konsequenz verzichten sie auf Vocals und heben Harmonien
und Melodien auf eine neue Ebene. Jeder neue von ihnen
produzierte oder remixte Track wartet mit einer Überraschung
auf, jüngst war es der Remix von Alex Reece's
"Jazzmaster", der allenorts seine Plattennadel
fand. In der Musik von Kruder & Dorfmeister spiegelt
sich dabei nicht nur eine lässige Stilvielfalt,
sondern auch eine aus langjähriger Rauchertradition
gewachsene Softness, die all ihre Stücke angenehm
durchdringt.
Die Geschichte von Peter Kruder & Richard Dorfmeister
beginnt im Sommer 1993. Beide hatten vorher in unterschiedlichen
Wiener Bands gespielt und taten sich in jenem Sommer
zusammen, um auf ihrem Home-Equipment gemeinsam Tracks
zu produzieren. Im Wohnzimmer Peter Kruders enstanden
in langen, durchrauchten Nächten vier Nummern,
die im März 1994 als "G-Stoned" EP auf
ihrem eigenen Label G-Stone Recordings veröffentlicht
wurden.
Der Release schlug ein wie eine Bombe: Der Erfolg dieser
einzigen EP genügte Kruder & Dorfmeister,
um zu den international begehrtesten DJs, Producern
und Remixern zu avancieren. Fernab von den Londoner
Dynamiken hatten sie sich in Wien mit einfachsten Mitteln
einen Meilenstein gebastelt, der sich bis heute verkauft
wie warme Semmeln. Die vier instrumentalen Tracks der
EP, die trotz exzessivem Samplings mit musikalischer
Raffinesse glänzen und in ihrer atmosphärischen
Mellowness sowohl im Bett wie im Club gleichermassen
funktionieren, standen völlig für sich:
Entrückt,
gleichzeitig warm und luftig und als I-Tüpfelchen
von der vielbeschworenen Wiener Schwermut gezeichnet,
ohne jedoch einer in die vom Bristol-Sound gepflegten
Depression zu verfallen. Neben den spitzenmäßig
produzierten Tracks war es allerdings auch die Verbindung
mit einem smarten optischen Konzept, das das Erfolgs-Debüt
krönte. Die Hommage an das Richard Avedon-Foto
der Simon & Garfunkel LP "Bookends" schuf
den beiden Österreichern ein Image, das aus der
von langweiligen B-Boy-Ästhetizismen geprägten
Post-Acid Jazz-Szene völlig herausstach.
Das Cover
ihrer "G-Stone"-EP diente als coole Visitenkarte
zweier Homeboys, die in der Style-Geschichte bewandert
waren - als ein anonsten unter der Flut von 12"-Releases
völlig unüblichem Bekenntnis zu einer persönlichkeitsorientierten
musikalischen Autorenschaft.
Die Entscheidung, als
Producer mit ihren bürgerlichen Namen und nicht
unter einem Pseudonym zu erscheinen - insgesamt eher
eine Attitude, die üblicherweise von Songwritern
eingenommen wurde - setzte dem optischen Konzept noch
eins drauf. Der Response blieb nicht lange aus. In
der Post-Acid Jazz-Szene Londons wurden Kruder &
Dorfmeister begeistert aufgenommen. Airplay in den
wichtigsten Musiksendungen der englischen Hauptstadt,
sowie eine handvoll DJ-Gigs in den richtigen Clubs
zur richtigen Zeit taten ihr übriges. Seitdem
sorgen unzählige Compilation-Beiträge Monat
für Monat von Tokio bis San Fransisco für
eine breite Streuung und für permanente Kruder
& Dorfmeister-Promotion. Neben den Compilation-Beiträgen
überzeugten schließlich die Kruder &
Dorfmeister Remix-Sessions die letzten Ungläubigen
von den Skills der beiden Wiener. Der Clou: Mit jedem
neuen in Auftrag gegebenen Remix wird im Grunde genommen
ein neuer Track von Kruder & Dorfmeister veröffentlicht,
denn mit der ursprünglichen Version haben die
Remixe nur am Rande zu tun. Stücke von William
Orbit, Bomb The Bass, David Holmes oder Bones Thugs
& Harmony und einer handvoll weiterer Acts zu remixen,
sorgte bislang quasi alle zwei bis drei Monate neben
guten Einkünften Gratispromotion auf anderen Baustellen
und last but not least die Bequemlichkeit, ihren Namen
und ihre Skills von Majorhand bis in den letzten Winkel
getragen zu bekommen. Die Ruhe, mit Hype und Majorangeboten
gelassen umzugehen, hat sich lange ausgezahlt.
Noch
immer liegt alles in ihren Händen, released wird,
worauf sie Lust haben und Remixe werden gemacht, wenn
sie Zeit haben. Neben ihren Producer und Remixer-Qualitäten
sind die beiden supernetten Typen auch als DJs schwer
gefragt. Wochende für Wochenende tragen sie ihre
Plattenkoffer in der Weltgeschichte herum, es gibt
bald keine Stadt, in der sie nicht ihr vielgerühmtes
Set aus Dub, Funk, Trip Hop und Drum & Bass zum
Besten gaben. In Kürze erscheint in der DJ Kicks-Reihe
von K7 eine Mix-CD von Kruder & Dorfmeister, die
die Essenz dieser legendären Sets festhält,
ein weiterer Grund, mit den beiden Österreichern
vorort bei einem Teller Knödel und einem Glas
Weißgespritzte, über Wien, Musik und das
Leben zu plaudern.
- FP: Habt Ihr viel mit Pulsinger, Tukanan und der Cheap-Posse
zu tun oder gibt
es gar eine konkrete Zusammenarbeit?
- PK: Wir kennen uns alle schon total lange. Der Pulsinger
hat früher neben dem alten Studio von Dr. Moreaus
Creatures gewohnt , das war die Band in der ich früher
gespielt habe, und wir haben dort schon ziemlich oft
zusammen rumgehängt.
RD: Also wir sind irgendwo eine große Familie,
die in drei verschiedenen Lagern tätig ist. Wir
respektieren uns alle gegenseitig, aber jeder macht
eigentlich eher so sein eigenes Ding. Eigene Connections,
eigene Musik. Ich glaube auch, daß jeder erst
mal sein eigenes Ding machen will. Aber ideal wäre
so eine All-Star-Band, wo jeder den anderen remixt
und so; das wäre sicherlich eine super Aktion.
- Aber ist diese Wiener Szene nicht erst in den letzten
zwei, drei Jahren entstanden?
- RD: Nachdem wir unsere Platte veröffentlicht haben,
haben sich schon viele Leute auch gesagt, so die machen
wohl jetzt auch eine Platte.
PK: Naja, es ist doch wohl eher so, daß alle schon
gearbeitet haben.
RD: Alle haben so rumgemacht, aber keiner hat Connections
gehabt oder gewußt, wohin das alles gehen sollte.
Und dann haben wir einfach losgelegt, wir wußten
ja auch nicht wie, was und wo. Weil dann plötzlich
einige Leute erfolgreich waren, kam dann die Lawine
irgendwann ins Rollen. Jetzt funktioniert es prächtig,
es hat nur ewig gedauert; vor drei Jahren war hier
in Wien noch tote Hose. Da gab es nur super-kommerzielle
Sachen.
PK: In Wien gab es in dem Sinne auch nie eine gewachsene
Szene, keine Kontinuität. Wir produzieren zwar
allesamt schon ziemlich lange, aber an Plattenveröffentlichungen
hatte sich jahrelang keiner so richtig getraut. Diese
aktuelle Entwicklung, das hängt sicherlich auch
mit diesem recht neuen Independent-Spirit zusammen,
den gibt es ja in der Ecke erst seit drei Jahren, Ninjatune,
Wall Of Sound usw. Die haben es ja quasi vorgemacht,
daß es mit dieser Art von Musik auch außerhalb
der ganzen Industrie-Strukturen funktioniert. Man darf
ja nicht vergessen, daß die Szene, in der wir
uns bewegen, noch recht jung ist.. Es hat zwar schon
Jahre vorher ähnliche Musik gegeben, aber ein
internationales Netzwerk aus Labels, Producern, Mags
usw., das gibts ja alles noch nicht so lange.
- Neben Euren eigenen Produktionen seid Ihr für Eure
Remixe berühmt. Wie kommt Ihr zu Euren Aufträgen?
- RD: Das hat sich alles ziemlich langsam entwickelt.
Wir haben mit Remixen für Wiener Projects begonnen,
erst ein Remix für Sin, dann einer für Count
Basic, das lief noch über private Kontakte. Dann
haben wir den William Orbit-Remix gemacht, dann den
Bomb-The-Bass-Remix. Der hat voll reingehauen. Danach
kamen ständig Anfragen, hauptsächlich aus
England. Gavin Wright, der war A&R-Mann von Island,
der war total begeistert von uns, der kam immer zu
unseren Parties nach Wien, der hat uns dann verstärkt
Remix-Jobs angeboten. Mittlerweile sind wir soweit,
daß wir eine Menge Angebote aus Zeitmangel ablehnen.
Wir haben einfach keine Zeit dafür, wir wollen
zuerst unser Album fertigproduzieren. Diese DJ-Kicks-Geschichte
für K7! war vorerst unsere letzte Auftragsarbeit.
Unser Album soll im Herbst erscheinen, und wir wollen
unsere Energie lieber auf das Produzieren eigener Tracks
richten, als irgendwelche Big-Names zu remixen. Aber
man muß halt auch ein wenig aufpassen, sonst
wird man schnell nur als Remixer gehandelt und das
wollen wir absolut nicht, wir sind Producer und Musiker.
Außerdem wollen wir in erster Linie nur Remixe
für Leute machen, die wir in Ordnung finden und
deren Musik uns gefällt.
- Die Acts, die Ihr remixt, kommen aus ganz unterschiedlichen
Richtungen und Eure eigenen Produktionen sind ja von
einer großen Stilvielfalt geprägt. Es fällt
schwer, Eure Musik in eine Schublade zu stecken...
- RD: Das hängt unter anderem damit zusammen, das
wir immer sehr viel verschiedene Sachen aufgelegt haben.
Wir haben es eigentlich immer abgelehnt, als DJs einer
bestimmten Musikrichtung zu gelten - wir spielen einfach
alles was gut ist, Hip Hop, alte Sachen, Dub, Drum
& Bass. Das macht auch viel mehr Spaß als
DJ mit den verschiedenen Tempi zu spielen und das Publikum
nicht die ganze Zeit zu peitschen.
PK: Dieses Schubladendenken ist einfach völlig
falsch, dafür bewegt sich die Musik einfach zu
schnell. Das sieht man dann immer beim Auflegen, die
Leute fragen, was man denn so für Musik spielt.
Darauf gebe ich eigentlich nie eine Antwort. Ich finde,
wichtig ist einfach die Attitude der jeweiligen Musikrichtung.
Ein Bossa kann genauso dirty und booming sein wie Hip
Hop. Genauso wie Jungle. Diese Attitude, Sachen total
zu zerlegen, umzudrehen und neu einzusetzen. Das ist
cool. Und das reizt uns auch beim Producen viel mehr
als jeden Track stupide auf 164 bpm zu machen. Wir
haben Tracks mit 84bpm und Tracks mit 153bpm gemacht,
und alles was dazwischen liegt; genauso legen wir auch
auf.
- Die Sounds und die Instrumentierung Eurer Tracks klingen,
als wären sie live eingespielt worden. Arbeitet
ihr mit Live-Musikern zusammen?
- RD: Gelegentlich laden wir Musiker ein, über eine
Harmonie oder einen Beat zu improvisieren. Das sind
so eine Art Sessions, die wir machen. Aber sonst samplen
wir eigentlich nur. Wir sind echte Sampler-Kids. Wenn
mich Leute fragen, was für ein Instrument ich
spiele, entgegne ich eigentlich immer, daß ich
Sampler spiele. Ich glaube, daß diese Art des
Samplens nur wenige Leute so exzessiv betreiben wie
wir. Wir machen an einem Track irrsinnig lange herum.
Hören uns alles tausendmal an. Normalerweise kann
man man mit einem Sampler viel schneller arbeiten,
aber das hört man dann auch, also das die Tracks
in kurzer Zeit produziert werden. Und mit den Sounds
- wir verwenden am liebsten Sounds, die nicht elektronischem
Urpsrungs sind, also diese Art, von der Industrie auf
Disketten vorgefertigte Sounds zu verwenden, das machen
wir nicht. Ein Fender-Rhodes, ein guter Drum-Rhytmus,
ein paar Effekte, das reicht im Grunde schon.
PK: Also ich finde, daß wir genauso Musiker sind,
wie ein Gitarrist Musiker ist. Wir können mit
dem Sampler alles machen, Richard kann mit dem Akai
an guten Tagen sogar Espresso kochen... Für mich
ist das mit dem Sampler auch eine logische Entwicklung.
So wie früher aus einem Percussion mit einer Seite
drübergespannt die Gitarre wurde, geht es mit
der Evolution der musikalischen Instrumente Schritt
für Schritt weiter. Heute ist die Technik bereits
so weit fortgeschritten, das eigentlich jeder Musik
und jeder eine Platte machen kann, ohne viel Geld ausgeben
zu müssen und ohne wirklich viel können zu
müssen. Das einzige was in dieser Hinsicht heute
noch zählt, ist halt die geschmackliche Ebene.
Die Auswahl der Sounds und was man damit macht. Das
Technische kriegt jeder nach zwei Wochen hin. Ich
finde, daß ist mit dem Sampling genau das Gleiche
wie mit dem Unterschied zwischen einem Gitarrenspieler
und einem guten Gitarrenspieler. Einer hat Talent und
ist gut, der andere übt viel und ist auch gut,
aber der mit Talent wird immer besser sein. Der, der
Talent hat oder ein gutes Gehör, guten Geschmack
hat, wird immer besser sein als die anderen.
- Ihr werdet seit einiger Zeit von Majorlabels hofiert,
habt aber bislang alle Angebote abgelehnt.
- RD: Wir stehen bei einigen Majors ganz oben auf der
Shopping-Liste. Aber ich glaube, die Zeit ist noch
nicht reif dafür. Wir haben ganz zu Anfang, als
unsere erste EP rauskam, gleich ein Angebot von Talkin'
Loud und Island bekommen, mit Vorschuß und allem
Drum und Dran. Aber es hat auch so prima funktioniert.
Unabhängig zu bleiben ist viel besser. Wir haben
immer noch die Kontrolle über alles, können
releasen, worauf wir Lust haben, stehen nicht unter
einem Veröffentlichungszwang und müssen uns
nicht mit irgendwelchen Business-Typen herumschlagen.
Ich denke, wir müssen den optimalen Zeitpunkt
abwarten und dann einen Vertrag unterschreiben, der
uns die größte Autonomie läßt.
PK: Die Majors schreiben einem dann irgendwann vor,
was man zu tun hat. Da haben wir überhaupt keine
Lust drauf. Auch zum Beispiel was Vocals betrifft,
das ist so ein typisches Major-Ding. Man könne
mit Instrumental-Musik kein Geld verdienen und so,
aber schau mal, Richard Claydermann, der hat doch Millionen
Platten verkauft, und der hat nie mit Vocals gearbeitet.
Die Melodie und die Attitude, das ist was zählt..
- Was plant Ihr so in nächster Zeit?
- PK: Na, wir machen das Album fertig, und dann machen
wir erst mal
Urlaub. Die letzten beiden Jahre waren irrsinnig anstrengend
und wir müssen echt mal einen Break machen. Wir
sind fast jedes Wochenende in einer anderen Stadt gewesen
und haben ständig aufgelegt.
RD: Wir wollen mittelfristig wieder zurück zu unserem
alten Lebensstil. Keine Pläne machen, mal wochenlang
abhängen und nichts tun.
Kruder & Dorfmeister Releases
- "G-Stoned" EP (G-Stone)
- Tosca "Chocolate Elvis" (G-Stone)
- K&D "Young Man" (Wall Of Sound)
- Give 'em enough dope 2 K&D "A Tune For Us"
- (Brownswood/Talkin Loud)
- Multidirections 2 K&D "Shakatakadoodub"
- (Ninjatune)
- Ninjacuts 2 Tosca "Fuck Dub" (G-Stone)
- K&D "Out Of the Blue", (SSR/Crammed Discs)
- Freeezone 3 K&D "Black Baby"
- DJ Kicks: Kruder & Dorfmeister (K7/X-Mix)
Kruder & Dorfmeister Sessions/Remixes
- SIN "Where shall I turn" (Gig)
- Count Basic "Strange Life/Hide & Seek"
- (Spray)
- William Orbit "Strange Cargo" (Warner)
- Knowtoryous "Bomberclad" (Compost)
- Bomb the Bass "Bug Powder Dust" (Island)
- U.F.O. "L.o.v.e." (Brownswood)
- Bone, Thugs & Harmony "1st of the month"(Epic)
- Alex Reece "Jazzmaster" (Blunted/Island)
- David Holmes "Gone" (Go! Disc)
- Lewis Taylor "Lucky" (Island)
Kruder & Dorfmeister Produktionen:
- "Conversions" (SPRAY)
- Jungle-Compilation Waldeck "In Dub" (Spray)
- Hotel Kolbeck (G-Stone)
- DJ Kicks Vol.3: Kruder & Dorfmeister