KIRK degiorgio
James T. Kirk. Richard H. Kirk. Und nun wieder ein
elektronischer Zeitgeist: Kirk DeGiorgio
Kirk DeGiorgio gehört zu den Begründern ernsthafter
elektronischer Tanzmusik, auch wenn man sich da für
seine Füße was ganz Besonderes ausdenken
muß.
Mit zwei gigantisch guten EPs unter dem Namen "Philosophy
of Sound & Mashine" und seiner Mitarbeit beim
B12-Label setzte er Maßstäbe, aus denen
sich Warp ihrem Überbau zusammenbastelten.
Beim NewElectronica-Label fand er als AS ONE ein Zuhause
und "Reflections" sowie das Remixalbum geben
der Szene und den Menschen den Soul zurück. Dann
ein Remix für Nicolette und erst kürzlich
ein Album auf Clear-Records, dem Newcomer der vergangenen
Monate. So enjoy
this trip; and it is a trip...
- FP: Viele werden mit dem Namen Kirk DeGiorgio zuerst
nichts verbinden können, eine deiner Platten aber
sicher im Plattenkoffer rumtragen... Erklär kurz,
unter welchen Namen du bisher veröffentlicht hast?
- Kirk DeGiorgio: Meine erste Platte war auf dem englischen
Label B12 dieFUTURE/PAST, wo Tracks unter dem NamenAS
ONE auf der anderen Seite zu finden waren. der zweite
Release war dann die ersteA.R.T., die wir auch anPLANET
E lizensiert haben. AufA.R.T. folgte auch die Serie
mit Platten unter NamenPhilosophy of Sound & Machine,
und daraufhin unterschrieb ich beimNewElectronica-Label
unter
AS ONE mit Alben wieReflections und dem RemixalbumReflections
on Reflections. Dort erschien auch mein letztes AlbumCelestrial
Soul. Letztes Jahr signte mich auchR&S aus Belgien
und dort wird jetzt die erste FUTURE/PAST-EP erscheinen.
- Deine erste Platte kam Anfang '92 raus. Was war für
dich der Grund, zu dieser Zeit eine Platte rauszubringen?
- Alles andere war einfach schrecklich. Es gab vielleicht
ein paar Platten aus Detroit, die mir noch gefielen.
- Wenn dieses wenige aus Detroit kam, gab es da nicht
die Gefahr, lediglich einen bestehenden Sound zu kopieren.
Anders gefragt:
Was ist der Unterschied zwischen diesen Einflüssen
und deinem Sound?
- Detroit ist gar nicht mal so wichtig für mich!
Ich höre mir seit meinem elften Lebensjahr Soul-
und Jazzmusik an und somit war Detroit-Techno nur ein
Teil der Musikentwicklung für mich. Wenn andere
darin eine Revolution in der Musikgeschichte sehen,
dann ist es für mich nur ein weiterer Zweig am
Baum dieser Entwicklung; genauso wie Elektro oder Disko.
Der einzige Unterschied für mich als Nicht-Musiker
war die Tatsache, daß diese Stilform auch für
mich im produktiven Sinne offen war. Detroit-Techno
nahm ich mehr im theoretischen Sinne war und somit
gab es nicht die Gefahr, etwas zu kopieren.
- Du bis jetzt 28 Jahre alt.
Was waren deine ersten Platten, die du dir gekaufst
hast?
- Die ersten, die ich mir gekauft habe, waren frühe
Disko-Platten, Herbie Hankock mit You bet your love
oder Tell everybody; Funkadelic mit One nation under
a groove oder Chic. Mit 11 Jahren kann man sich allerdings
nicht sooo viele Platten erlauben. Ich habe viel vom
Radio aufgenommen und machte auch jeden Monat meine
eigenen Charts & paßte immer darauf auf,
jede Top-20-Platte wenigstens auf Tape zu haben. Auf
der Schule mochte jeder David Bowie oder SoftCell,
Bad Manners oder Madness. Ich mochte dagegen nur Soul
und Jazz.
- Ist für dich am Ende Jazz oder Soul die bessere
Musik ?
- Jazz kann ja auch elektronisch sein und somit sind diese
Stilformen nicht unbedingt ein Gegensatz. zum Beispiel
frühe 70er Herbie Hancock oder Tracks von George
Duke; Joe Handerson, der mit Patrick Leason in den
Anfängen der 70er zusammenarbeitete. Ich würde
also schon sagen, daß Jazz auch elektronische
Wurzeln hat. Es gibt also keine bessere Musik.
- Wie sieht ein typischer Tag im Leben des Kirk DeGiorgio
aus?
- Normalerweise stehe ich erst später auf & fange
mit meiner Musik meistens nicht vor dem späten
Nachmittag an. Wenn ich dann anfange, versuche mit
völlig klarem Kopf an eine Idee heranzugehen und
möglichst wenig festen Regeln zu folgen. Ich stelle
mich also nicht vor mein Keyboard und sage: "Jetzt
möchte ich einen jazzy track machen!" Ich
arbeite recht schnell & kann einen Track dann in
3-4 Stunden fertig machen. Zur Nacht hin höre
ich dann mit der Musik auf und lese fast regelmäßig
noch 2-3 Stunden.
- FP: Was sind deine bevorzugten Autoren?
- Im Moment lese ich eine Menge Geschichtsbücher.
Und im Bereich Fiction Autoren wie Nod Hamton, Tony
Morrison oder Dostojevski.
- Warst du schon mal sehr enttäuscht von einem bestimmten
Buch?
- Ja, das neue Buch von Umberto Eco hat mir gar nicht
gefallen. Im Vergleich zum Faucault'schen Pendel und
Name der Rose war es schwach. Auch Milan Kundera hat
in den letzten Jahren wohl nichts mehr zum Schreiben
gehabt.
- Du würdest dich sicher zu den gebildeteren Erdenbürgern
zählen. In der elektronischen Musik haben wir
diesen unglücklichen Begriff des "Intelligent
Techno"...
- Ich würde diesen Begriff nicht benutzen, ich würde
mich nicht mit denen indentifizieren, die Musik unbedingt
intellektualisieren wollen; und im Bereich von Technomusik
gibt es davon viel zu viele. Vielleicht liegt es daran,
daß es bei dieser Musik auch viel um Maschinen
und Theorie geht. Für mich geht es bei der Musik
um billige Disko-Bands, die damals ausgelacht wurden.
Ich finde sie dagegen großartig, denn Musik sollte
entweder traurig oder uplifting sein, sie sollte einem
eine Gänsehaut über den Rücken jagen
oder schlichtweg glücklich machen. Und das hat
relativ wenig mit "Intelligenz" zu tun...
Bei Soulmusik geht es thematisch fast immer nur darum,
daß jemand sein Girlfriend verloren hat! Erst
im Jazz und mit Platten von Wayne Shorter oder Bobby
Hutchinson und deren Blue-Note-Covern gab es eine gewisse
Ernsthaftigkeit, die einem mit der Musik und dem Artwork
vermittelt wurde. Ich versuche jedoch, diese Einflüsse
so gering wie möglich zu halten.
- Gibt es in deiner Musik etwas, daß von deinem
Leben in London herrührt?
- Drum & Bass ist ein typisches Ostlondon-Ding, weil
es Rave, Soul, Raggea und Hip-Hop zu einem neuen Ganzen
mischt. Jungle konnte einfach nur aus London kommen.
Ich selbst habe seit 18 Jahren einige Stilarten und
Abzweigungen von Tanzmusik mitbekommen und sehe Drum
& Bass eben dann nur als eine weitere Ausformung.
Persönlich zählt nur die Energie, die ich
vom Leben in London für mich nutzen kann und ich
glaube, daß generell für Musik London immer
noch die beste Stadt ist. Irgendwie fängt hier
immer alles an oder wird von hier aus in eine neue
Richtung gebracht.
- Denkst du beim produzieren schon an ein bestimmtes Label?
- Ich sammle erst mal Tracks und bestimme dann je nach
Charakter, ob es unter dem Namen AS ONE oder FUTURE/PAST
erscheint.
- Welche Überlegungen hattest du, als das Album #######
auf CLEAR-Records erschien?
- CLEAR kamen auf mich zu, weil sie Fans von meinen früheren
Platten waren. Am Anfang war ich über die Releases
eher skeptisch & ich mochte auch den Gedanken nicht,
Electro in der Art der Jedi-Knights so zu pushen oder
zu kopieren. Andere Platten waren mir auch zu quirky
und ich bin bezüglich meiner Musik dann doch eher
ernsthaft eingestellt.
Als ich dann einiges zusammen hatte, sollte eigentlich
bei MO'WAX erscheinen, aber CLEAR waren am Ende besser
organisiert und auch im Stil passender. Ich habe die
Tracks jedoch in keiner Weise für CLEAR maßgeschneidert.
- Mir gefiel die Clatterbox-LP am besten.
- Ja, es ist irgendwie Fun-Musik und auch unauffällig
und deswegen würde ich darüber nicht gleich
in Begeisterung ausbrechen. Es erinnert mich natürlich
auch an Electro; noch nicht einmal wegen der Sounds,
sondern diese Art, kurze und intensive Stücke
zu produzieren, ist sehr typisch.
- Hindert dich dein Musikwissen nicht manchmal, eine neue
Platte ganz spontan wahrzunehmen und eben auch mal
was "Billiges" gut zu finden?
- Du hast Recht, dieses Problem hatte ich das erste Mal,
als ich selber anfing, Musik zu machen. Man fing an,
Musik anders zu beurteilen und ich habe seitdem versucht,
nicht in die Falle dieser ständigen Analyse von
jedem Bruchteil von Musik zu tappen. But I still get
that hit, when I hear a good track !
- Wie sieht das dann beim Produzieren aus; wie schnell
gefällt dir ein Track?
- Meistens gefällt mir der erste Versuch am besten.
Das Herumdoktorn liegt mir wirklich nicht, da ich ein
eher schlechter Studiomensch bin. Ich habe das ja nicht
irgendwo gelernt! Ich glaube daran, daß ich mit
meinem musikalischen Background immer selbst erkenne,
wenn ich etwas Gutes produziert habe. Wenn ich zu lange
an einem Track arbeite, ist das für mich meist
ein Zeichen, daß daraus nicht mehr viel wird.
- FP: Mit welchen Geräten hast du das Produzieren
begonnen?
- Mein Studio bestand am Anfang aus einem Akai S-950 Sampler
und einer Roland R-8 Drummachine. erst kürzlich
habe ich mir einen Waldorf Wave und einen Pulsar gekauft,
da ich bisher niemals einen Monosynth benutzt habe.
Ich wollte eigentlich immer einen Pro One haben, aber
dazu fehlte meist immer das Geld.
- Experementierst du generell mit Equipment oder bleibst
du bei einem gewissen Grundbestand?
- Ich muß sagen, daß ich Euipment eigentlich
nicht mag. Ich sammle also keine Keyboards und stelle
mir die Wohnung mit Raritäten voll. Am Ende brauche
ich ein Gerät, daß gut funktioniert und
dann beschäftigt mich das schon völlig ausreichend.
Auch beim sampeln bin ich eher faul und freue mich
wie ein kleines Kind, wenn z.B. ein Breakbeat-Loop
gut gelungen ist.
- Wie steht es um Live-Auftritte?
- Wenn man Jazz-Musiker beim Impovisieren beobachtet und
weiß, daß es davon immer weniger gibt,
kann einem das wirklich zu Denken geben. Rock-Musik
hat mich nie interessiert, da ich diese Idealisierung
von Personen nicht ertragen kann. Ich selber könnte
mir nicht vorstellen, auf einer Bühne irgendwie
begeisternd auszusehen.
- Hast du schon einmal einen guten Techno-Liveact gesehen?
- Ja, B-12 waren wirklich sehr gut. Sie spielten im FUSE/Belgien
in einer Stunde fast alle ihre Tracks und paßten
sie dem Ort entsprechend in Tempo und Character an.
Mir gefiel besonders die Abwechslung in ihrem Set,
denn kein Track lief länger als 3 bis 4 Minuten.
Ich habe einmal Kenny Larkin live spielen hören,
doch er ließ einen Track fast 20 Minuten durchlaufen,
ohne das dabei viel passierte. Das war wirklich gähnend.
- Welche Rolle nehmen Samples in deiner Musik ein?
- Das verhält sich etwa 50/50. Früher hatte
ich ja sehr wenig Speicherplatz und das hat sich zum
Glück geändert. Meistens sample ich von Platten
und ich passe bei den Samples dann verdammt auf, daß
man die Ursprungsquelle so nicht mehr erkennt; anders
würde es mich auch nicht zufriedenstellen.
- Dann müßtest du ja auch ziemlich gut im Sample-Spotting
sein !
- Ja, das stimmt schon. Meistens wird ja eh immer das
gleiche gesampled; mal ein Lonni Listen-Smith, das
A-Man oder Apachi-Sample. Ausnahmen sind für mich
nur Steve Pickton von Stasis und Rupert alias Photek;
die haben einen ähnlichen Ansatz wie ich. Bei
Photek merkt man auch, daß Musik sein Leben ist
und er nimmt es trotzdem nicht ganz so bierernst. Genau
wie ich mag er Musik von John Coltrane oder Norman
Conners und diesen Ansatz zum Jazz merkt man in seiner
Musik. Das ist auch der Unterschied zwischen ihm und
Squarepusher; letzterer ist in seiner Musik einfach
nur amateurhaft.
- Was hältst du von diesem üblichen "Kraftwerk-war-für-mich-der-Anfang"-Satz?
- Von solchen Leuten bin ich normalerweise umgeben; für
mich ist "Planet Rock" allerdings immer noch
genial. Auch "Trans-Europa-Expreß"
und einige Tracks von "Radioaktivität"
sowie das "Electric-Café"-Album sind
sehr gut. Den Rest finde ich eher unteressant. Besonders
die frühen Sachen sind eher beschämend.
- Was weißt du über deutsche elektronische
Musik bzw. Techno?
- Ich kenne lediglich Moritz und Basic Channel. Was ich
sonst mitbekomme, interessiert mich musikalisch nicht
besonders.
- Wie siehst du die Zukunft von Techno?
- Je größer etwas wird, desto kürzer wird
seine Lebensdauer. Das läßt sich auch mit
Techno nicht vermeiden und der Underground wird da
dann wieder etwas neues zu Tage bringen. Intelligent
Techno war vor zwei Jahren wirklich schrecklich und
Drum & Bass hat da zum Glück für die
nötige Abwechslung gesorgt. Techno ist wie Disko
nun ein weltweites Ding und ich befürchte, daß
es auch genauso untergehen wird. Gute elektronische
Musik wird es allerdings immer geben...