grooverider

Groove-Pict

Während Goldie in den Medien rumpoltert, aus seinem Arbeitsverhältnis zu Björk
ein Liebesverhältnis macht und für Jungle generell die Trommeln wirbeln läßt, beschäftigen sich seine Hinter- und Vordermänner damit, ihm den nötigen Stoff für sein Drum-&-Bass-Pulverfaß zu mischen. Einer der Vordermänner ist DJ Grooverider, der Godfather einer ganzen Generation von Jungelisten. Ein Vordermann in dem Sinne, daß er Goldies Entwicklung geprägt, ja sogar bestimmt hat.

Und das Goldie ohne Grooverider nicht hätte existieren können, weiß Goldie allzu gut und bekennt sich bei jeder Gelegenheit dazu. Denn war es nicht in DJ Fabio & Grooveriders Club RAGE im Londoner Club Heaven, wo Goldies Liebe
zu Hardcore 1991 durch seine damalige Freundin Kemi
(DJ Kemestri) katalysiert wurde?...

Überhaupt war das "Rage" eines der wichtigsten Momente in der britischen Musikentwicklung: zum letzten Mal wurden die drei Disziplinen Breakbeat, Techno & House, bevor sie sich endgültig voneinander verabschiedeten, in einen Kontext gebracht. Was sich daraus jedoch ergab, war die Verwurzelung des Begriffes "Fabio n' Grooverider" tief hinein in den Wortschatz jedes englischen Ravers sowie der Keim für die Abspaltung der heutigen Jungle-Bewegung, was so also dem ursprünglichen Gedanken widersprach. Zwar bereut Grooverider heute die Trennung verschiedener Genres, dennoch setzt er sich damit auseinander, daß er und Fabio durch ihre Erforschung des Breakbeats, gerade zu dieser Trennung beigetragen haben.
Wie Grooverider diesen Zustand heute verarbeitet, läßt sich in seinen DJ-Sets sowie an dem Output seines Prototype-Labels ablesen. Grooverider schafft es nämlich, ein Gleichgewicht zwischen der "Intelligent Speed- & Blue-Note-Dogmatik und der Vielfalt der britischen Hardstep-Raves zu erhalten.
Auch seine Prototype-Künstler, unter anderem die brillianten Ed Rush, Photek und Dillinja verstehen es, ein breitgefächertes Publikum anzusprechen, ohne dabei ihre künstlerische Integrität aufzugeben. Als Afrika Bambaata kürzlich in London ein Gastspiel gab, war es kein Wunder, daß allein Grooverider die Größe hatte, diesem Urgestein gegenüberzutreten.
Und gerade wegen seiner Anerkennung seines ganzen Spektrums überzeugt Grooverider, wenn er, trotz seiner Wortkargheit, behauptet: "If you wanna anything know about jungle just come & see the godfather!"

FP: Inzwischen ist der Name Grooverider fester Bestandteil der englischen Rave-Szene... Deine Arbeit im RAGE Anfang der 90er gilt als Hauptimpuls für die Jungle-Bewegung; nicht umsonst trägst du den Namen "The Godfather". Wie stehst Du zum Ruf des Jungle-Pioniers?

Grooverider: Das ist Quatsch! natürlich habe ich ein Teil der Pionierarbeit geleistet, aber es sind zu viele Leute involviert gewesen, um einer Person die ganzen Credits zu geben. So funktioniert das nicht. Ich mag zwar einer der ersten gewesen sein, die Jungle spielten, aber ich war definitiv nicht derjenige, der damit angefangen hat. Es war eher eine Kollektivarbeit.

Über die Roots der Bewegung ist man, ähnlich wie in anderen Szenen, zerstritten.
An welchem Punkt würdest Du den Ursprung setzen?

Als ich 1988/89 angefangen habe, auf Warehouse-Partys aufzulegen, gab es schon Tracks mit Breakbeats. Nur hat deswegen keiner groß herumgetönt. Es entwickelte sich halt so, daß mehr und mehr von dem Breakbeat durchkam, während der andere Stuff eher weniger gespielt wurde.
Endgültig 1993, fing diese Veränderungen an, signifikant zu werden.

Mit dem Ende von RAGE wurde das Ende einer Ära verzeichnet: die Szene, die sich so verbündet dargestellt hatte, splittete sich und ging den verschiedenen Stilarten nach: House, Jungle, Techno usw., wobei Du und Fabio Euch schon zu Zeiten von RAGE mehr mit Jungle beschäftigt habt.
Fühlst du Dich irgendwie mitverantwortlich für die Zersplitterung der Szene?

Wenn ich heute noch so eine Querschnitt-Selection spielen könnte, wie ich es '88 gemacht habe, wäre ich glücklicher.
Um die verschiedenen Styles spielen zu können, muß ich in verschiedenen Clubs spielen. Das geht nicht. So bin ich nicht aufgewachsen! Als ich mit DJing anfing, wurde alles zusammen gespielt...

Diese Strömungen gibt es ja auch innerhalb der Jungle-Szene!

Daran sind die Majors schuld, die eine Musikrichtung in die Hände bekommen & dann diese Musik abgrenzen, um sie zu vermarkten. Die wollen nur mehr Geld an den verschiedenen Styles machen. Die kümmern sich nicht darum, welche Platte sie verkaufen, Hauptsache sie wird am Ende verkauft. Mich geht das nichts an, da ich ein Publikum zu unterhalten habe.

Tragen aber nicht Begriffe wie das von Dir erfundene "Hardstep" noch mehr zur allgemeinen Zersplitterung bei?

Hardstep ist lediglich ein Begriff, der meinen Style beschreibt. Es ist auch der Name eines meiner Labels. Aber um zu deiner Frage zurückzukommen: es ist trotzdem cool, daß sich mehr Leute ausschließlich für diese Art von Musik interessieren. Man kann halt nicht alles haben.

Die gesamte Jungle-Szene kann also schon als Einheit betrachtet werden?

Auf jeden Fall. Schließlich machen wir das nicht alles umsonst. Es ist cool, wenn mehr und mehr Leute Jungle hören. Nicht so cool wird es, wenn Jungle zur Massenware verkommt und zu jeder Zeit überall zu hören bekommt. Es wird dadurch immer weniger geschätzt. Zumindest hat sich Jungle eindeutig über das Stigma einer Modeerscheinung hinwegsetzten können. Deswegen hat die Presse auch so einen schwierigen Zugang, denn wir haben unsere eigene Informations-Infrastruktur!

Hat deine Zusammenarbeit mit Fabio auf Grund Eurer musikalischer Unterschiede leiden müssen; Fabio ist ja Resident im SPEED-Club und verfolgt eine wesentlich sanftere Linie ?

Fabio und ich spielen immer noch zusammen. Wir haben früher in demselben Club, dem Mendozas in Brixton angefangen und sind danach auch zusammengeblieben. Daran hat sich nichts geändert. Zudem spiele ich im SPEED wie auch im BLUE NOTE. In mancher Hinsicht sind wir uns nach wie vor musikalisch ähnlich, obwohl wir beide unsere eigenen Styles haben. Natürlich spiele ich etwas härter, aber somit können wir den Sound ausgleichen und dabei das Spektrum wie auch das ganze Land abdecken.

Von deinem ersten Label Hardstep hat man in letzter Zeit eher wenig gehört. Prototype-Releases kann man dagegen auch in Deutschland ganz gut bekommen. Worin unterscheiden sich beide Labels konzeptionell ?

Auf Prototype release ich mehr vorwärts-orientierte Musik. Hardstep war fast schon ein kommerzielles Projekt, mehr in Richtung Jungle. Aber Prototype, daß ist mein Label und dafür interessiere ich mich am meisten. Dafür produzieren u.a. Photek, R-Typoe, Ed Rush und Dillinja. That's the kind of music I wanna deal with!