Funki Porcini
Funki Porcini ist einfach. Und kompliziert. Er ist
gern Steinpilze, reiste jahrelang durch die Welt, lebte
lange in Italien, lange in den Staaten und
jetzt wieder in England. Er benimmt sich wie ein Leben,
daß man nur genießen kann. Für ihn
ist die Welt etwas, daß für ihn da ist;
jedenfalls kann man sie nehmen, nach Dingen durchsuchen,
die einem gefallen, ob es Essen ist, Bilder, Stimmen
oder Musik, man muß sich nur in ihnen bewegen
können. Funki Porcini liebt Bewegung.
Ideen, die
andere in ihrem Leben durcharbeiten, an denen sie ihren
Stil festmachen, verarbeitet er in einem Track. Alles
muß ständig im Fluß sein, in einer
gebrochenen Bewegung, in der jeder mögliche Einfluß
auftauchen muß, weil das System so offen geplant
ist, daß sich alles ergibt. Um Videos zu machen,
wirft er vergafferte 8mm Kameras aus Fenstern, die
beste Kamerafahrt für ein paar Pfund. Bei dem
Interview schlief er fast noch, ich auch. Dinge mußten
getan werden.
-
Piep Piep; so, daß ist jetzt eine kleine Pause,
er geht um eine Tüte zu finden, und wenn er es
schafft, ist ihm vergeben. Piep Piep, flöt, piep,
bubbububub, piep. .......usw. Aleee. >>> ###
Ich habe gerade deinem Tape erzählt, daß
wenn du mit einem Joint wiederkommst, alles vergeben
ist. Worüber willst Du mit mir reden?
FP: Über deine neue LP.
- Porcini: Na gut: Sie ist anders. Rhythmischer. Weniger
Loops, weniger Langeweile. Strenger. Weniger Instrumente,
weniger Vocals, alles zurückgenommen. Um in die
Dynamik hineinzukommen. Es hat noch eine sehr filmische
Qualität, wie alles was ich mache und da ich alles
selber lerne, wird zwar alles sehr langsam, aber auch
sehr Eigen. Man beeinflußt sich selber und bestimmt
die Beeinflussung, der man sich unterzieht. Der Computer
hat mir dabei viel beigebracht.
- Die letzte bewegte sich um Dub, jetzt sind es Breaks.
- Ja, Dekonstruktion der Langeweile. Auch das. Ich hätte
nicht gedacht, daß das jemand mag.
- Es gibt ja zur Zeit eine neue Bewegung von Leuten, die
sich mit Breaks beschäftigen, eine vollkommen
neue Szene von Beats, die man so noch nie hatte. Aber
die Beats, die du machst, sind innerhalb des Tempos
noch verdrehter.
- Porcini: Einige Leute tun es. Es gibt Leute in England,
die ich sehr bewundere. Ich würde mich nie mit
ihnen vergleichen wollen, aber es gibt diese Vergleiche.
Squarepusher und Luke Vibert (französishce Aussprache).
Sie interessieren sich mehr für die Jazz-Seite,
auch wenn ich das jetzt nur aus Mangel an einem besseren
Wort Jazz nenne. Es beinhaltet Jazzelemente. Polyrhythmik,
freier Ausdruck. Es ist nicht einfach Tanzmusik, sondern
stimuliert das Gehirn, man will tanzen und denkt noch
mehr. Das ist die größte Totalität
für mich, wenn es um Musik als Ausdrucksform geht.
Die Kraft die Musik hat, die Malerei und Skulpturen
nicht haben können. Ich mache einen Rhythmus,
um einen denken zu lassen, erst bewegen, dann Breakdown.
Military-Jazz von der Plug 2 von Luke Vibert war für
mich das wichtigste Erlebnis, was Musik betrifft. Das
hat meine Denkweise vollkommen geändert. Da spielt
er sehr mit dem Timing. Und ich habe immer schon Jazz
geliebt. Mein Vater liebte Jazz. Obwohl meine Eltern
unglaublich unmusikalisch waren. Nie mehr als 50 Platten
im Haus und die hörte ich dann immer. Er war mal
in Chicago und dann ganz enttäuscht, daß
es nirgendwo Jazz gab. So wie wir uns Detroit vorstellen
müssen. Es ist immer einfacher für jemanden
außerhalb der Gesellschaft, in der etwas passiert,
daß festzustellen was dort geschieht. Jazz wurde
erst über Paris berühmt, Detroit eigentlich
erst über Techno auf dem Kontinent; diese Wechselwirkung
zwischen Amerika und Europa zeigt sich immer wieder.
Auch die zwischen schwarzer und weißer Musik.
Schwarze Musik tendiert dazu, irgendwie faul zu sein,
Weiße dazu, eher eingezwängt zu wirken.
Swing, der Beat, der ein bißchen spät kommt
gegen das supertighte. Eine eher graziöse Bewegung
gegen eine strenge. Es gibt in meinen Tracks beide
Einflüsse, den europaischen eher über die
Melodie.
In englischer Kultur ist der Gedanke an Romantik sehr
stark mit Traurigkeit verbunden. In Deutschland gibt
es auch diese Melancholie und das passiert in der Musik
auch; selbst Bands wie U2, die Gitarrenakkorde, alle
Stücke, die da funktionieren können, arbeiten
wie ein weites offenes Feld, mit einem Sinn für
Verlangen und das ist in England sehr beliebt. Die
italienische Konzeption ist eher Unverständnis:
Warum will man sich traurige Musik anhören, fragen
sie einen. Laß uns eine gute Zeit haben. Italian
House ist nur Up. Wenn Engländer Ladidadida hören,
dann ziehen sie sich zurück, das ist ihnen peinlich.
Wenn man in verschiedenen Kulturen gelebt hat, dann
ist es interessant festzustellen, wie verschieden sie
sind und das kann man erst dann feststellen, wenn man
fest in ihnen lebt. England und Italien ergänzen
sich, weil sie Dinge haben, die sie jeweils nicht haben.
Die Italiener lieben die englische Art der Gerechtigkeit,
die Organisation, und den Humor; die Engländer
lieben die Art der italienischen Ausdrucksfähigkeit
und ihre mangelnde Arbeitsethik.
- Wie lange hast du an deiner LP gearbeitet?
- 6 oder 7 Monate, aber nicht so konzentriert wie an der
ersten LP. Da saß ich jeden Tag im Studio, jetzt
bin ich an einem Punkt angelangt, wo ich nicht jeden
Tag eingesperrt sein will, halt in diesen eigenen Raum,
in den man sich zurückzieht, man braucht das Außen,
nicht so wie in einer Dunkelkammer. Manche Tracks kamen
sehr sehr schnell, andere haben sich über 10 Tage
hingezogen. Der letzte war auch der, der am längsten
gedauert hat. Es ist mein Lieblingstrack. Er läßt
mich jedesmal einschlafen, das ist doch nett von ihm.
Als ich die LP zusammengestellt habe, bin ich jedesmal
bei Hydepark und Going Down eingeschlafen. Da dauerte
es natürlich etwas länger, alles zusammenzustellen.
Es sind auch weniger Dinge in der Musik, ich wollte
es klären, sehen wo der Kern hingeht. Ich brauche
Verschiedenes, sonst langweile ich mich. Ich habe keine
Gewohnheiten.
- "Purrfect" linkt die beiden LPs ja irgendwie
ganz gut.
- Stimmt, daß sollte eigentlich ein Remix für
Unitone Hifi werden, aber es entwickelte sich einfach
ein eigener Track. Meine Musik ist immer sehr spontan,
etwas das ich wahrnehme, etwas das mir passiert. "I'm
such small Thing" ist so ein Stück. Ich hatte
ein kleines neues Mischpult gekauft, richtig winzig,
steck es ein, halte es hoch und der ganze Körper
stand von dem Ding unter Strom. Ich konnte es nicht
loslassen, die Elektrizität raste durch meine
Arme und mein Gesichtsfeld fing von den Seiten an,
schwarz zu werden. Ich dachte mir Scheiße, ich
muß dieses Ding loswerden und das muß ich
wohl getan haben und das ziemlich energisch, weil ich
alles hinter mir zerstört habe. Der Stecker war
kurz und ich lag auf dem Boden. Dachte nur noch Fuck
und war superbewußt in diesem Moment, daß
ich knapp davon gekommen bin. Ich überlegte schnell,
was man bei Schock macht: Beruhigen, warm halten, einen
Joint rauchen, das Fernsehn einschalten. Das tat ich
und das erste Bild war gleich eine Dokumentation über
Blitze. Ich fühlte mich, weil ich gerade dem Tod
entronnen war so, als würde ich plötzlich
in die geheime Bewegung der Welt eingegliedert sein;
ob Koinzidenz oder nicht, aber ich habe natürlich
sofort den Soundtrack aufgenommen. Es gab da eine Frau,
die vom Blitz getroffen wurde und sie sagte mit dieser
wundervollen Stimme diesen wundervollen Kommentar:
"I'm such a small thing and the sky is so big.
Dazu kam noch eine Stimme, die versucht einen Toten
aufzuwecken, auf spanisch glaube ich und ich dachte
mir, daß es alles ein bißchen düster
wird. Also nahm ich noch andere Kommentare dazu, eins
aus einem anderen Film, ein Science-Fiction: Mann als
archäologisches Experiment eingefroren und viel
viel später wieder aufgetaut; ein ziemlich dummer
Film und als er aufwacht, läuft er durchs Office
und da hängen die Meisterwerke der bildenden Kunst.
Und er, vollkommen dumm, sagt: Wow, Leonardo Da Vinci,
Rembrand, it's incredible. Alles Dinge, die an diesem
Tag im Fernsehen waren. Alles schnell geschnappte Dinge.
Das Fernsehn läuft immer, wenn ich Musik mache;
eine großartige Quelle für Audiomaterial.
Manchmal nehme ich allerdings auch meine eigene Stimme
auf, verfremdet, dann ist man jemand anderes und erkennt
sich nicht. Musik machen ist wie eine Konversation.
Wie Sprechen. Wie Fernsehen, Dinge in die man involviert
sein kann oder aber eher nicht. Spontanität, Außenseiten.
Ich habe keine Regeln. Auf "12 Points Off Your
Licence" hatte ich einen Freund eingeladen, der
Flöte spielen kann. Ich gab ihm ein Glas Vodka,
und er fing an, daruf zu üben. Dann haben wir
die Flöte vergessen und der hat auf dem Glas gespielt,
komplett live und ungeheuer schnell. Beeindruckend.
Ich bin gut darin, Dinge zu manipulieren. Auch wenn
ich Saxophon spielen kann. Das hilft gar nicht. Wenn
mir etwas gelingt, bin ich stolz. Aber Manipulation
ist wichtiger. Etwas schreiben zu können und hinterher
hören, daß ist mir wichtig. Ich will immer
etwas durchschneiden, rearrangieren, daß wird
wohl immer so bleiben.
- Ninja Tunes ist ja das perfekte Heim für dich.
- Ja, jeder der da mitmacht, weiß was er tut und
was er tun will. Es gibt keinen Kampf der Egos, alles
ist sehr relaxt. Und da jeder glücklich ist mit
dem was er tut, ist alles was erscheint auch besser.
Wir müssen keinen kommerziellen Markt bedienen
und schaffen es trotzdem. Sicherzugehn, das das Leben
keine verdammte Arbeitsästhetik bekommt. Das ist
wirklich wichtig.