Rave & Cruise

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Rave & Cruise - ein Mythos: die Traumreise durchs Mittelmeer, der fliegende Raveländer. Alles was Rang und Namen hatte, war an Bord.
Vom Captain Spoon bis zur Leichtmatrosin Spuli Spuletta, 50 DJs inklusive Afrika Islam, 2500 Liter Jägermeister, 5000 Stangen Zigaretten und etwa 3 Rollen Fisherman Friend. Von den angekündigten Prominenten fehlte nur Keanu Reeves, dafür waren die fantastischen Vier zu zweit. Dazu gabs eine Crew, die noch nicht ahnen sollte, was ihr bevorstand. Schluß mit den Legenden: hier ist der knallharte Tatsachenbericht von "Smutje" Tilman (Frontpage).


RAVE AND CRUISE - die 3 Tage Odyssee

20.5..96

Schon die Busfahrt nach München lädt zum Feiern ein, ganz bauarbeitermäßíg sind wir Berliner mit unserem Ford-Transporter nach Süden aufgebrochen.

Irgendwie war die Busfahrt dann doch etwas zu weit, oder wir waren zu breit, denn als wir in München angekommen sind, konnte ich mich schon an nichts mehr erinnern. Kein Eintragen in irgendwelche Listen, kein bestickter Seesack und keine " Bin-ich-wichtig-Karte".
Anstatt all diese Formalitäten zu erledigen, fand ich es besser im Tempel ersteinmal so richtig abzusaufen und Flaschen vom Tisch zu kicken. Als mir das dann auch zu langweilig wurde, bin ich auf die glorreiche Idee gekommen, mit einem Pulverfeuerlöscher das Partysanen Büro zu verwüsten. Überall 2 cm weißes Pulver, völlig ungiftig - aber auch unnötig. Sorry, ich kann mich an nichts mehr erinnern...
Zum Glück bin ich erst im Bus nach Genua wieder erwacht, wo mir gleich nahegelegt wurde, lieber etwas zurückhaltend zu sein, nach der ganzen Sache von heute Nacht.
Die Ankunft in Genua war ziemlich unspektakulär, Sonne, Hafen und Warten auf die Zoll- und Reiseformalitäten. Erste Kontakte werden mit Mitreisenden aus anderen Städten geschlossen. Absprachen, der Austausch von Zimmernummern und Musiklieblingsstilen waren angesagt. Gewinner der Hinfahrt: DJ Woody, der bereits auf der Hinfahrt
seine Plattenkasten verloren hat. Ebenso weit vorne: Belly Cloud Legende Babbes (Ex-Karla), der leider die Buspause in der Schweiz verpaßte und mit dem Taxi die letzten 300 Kilometer nachfahren mußte (umgerechnet DM 500,-).

Lang-Pict Der Luxusliner, eigentlich 1986 gebaut, oder vielleicht auch nur vor 10 frisch gestrichen, dieses Schiff also sah innen aus, wie man sich so ein Schiff so verstellt. Ewiges Einchecken. Extrem wichtig im Hintergrund: ein nörgelnder Roy. Ströbel (Ravers Nature), seines Zeichens Hotel-Erbe, der weinte, daß er keine Top-Deluxe-Suite erhascht hat. Die hat natürlich der Löffel, der dort auch bis zu seinem Landgang in Ibiza verweilte.

Und jetzt: Leinen los. Anker rein. Erstmal in den Speisesaal inklusive Diskussion über Sitzordnung. Dem Personal kam die Raverbande ziemlich suspekt vor. Eigentlich gab es nur zwei Kategorien von Bediensteten auf diesem " Traumschiff". Zurückhaltende Asiaten, die mit ihren Handys auffällig durch die Gänge schlichen und darauf warteten zu lächeln; und dann gab es da auch noch die Kellner, die etwa so aussahen wie eine polnische Keglermännertruppe aus Warschau.
Ach und überhaupt, den allerwenigsten war zum Essen zumute, und die Speisezeiten waren auch sehr feierunfreundlich. Wer steht nach der Nachtschicht schon für totes Brot mit klebriger Marmelade auf?

Am Abend die erste Party in Schiffsatmosphäre. Der Wind wurde zum Sturm und der Sturm war ganz schön heftig. Die DJ's konnten nur mit geschlossenen Plattenspielern und Windjacke auflegen. Das tat dem Vergnügen aber keinen Abbruch, abgefahren war die Nebelmaschine on board, die manchmal eine Optik wie auf einem Geisterschiff aufkommen ließ. Monster im Nebel. Fackeln im Sturm.

Zwei Pools, einer auf dem Mitteldeck und ein Whirlpool auf dem hinteren Unterdeck verschafften Erfrischung. Der obere, größere hatte die Form eines umgestülpten Zylinders und war .gefüllt mit Seewasser, das eigentlich immer zirkulieren sollte. Nach 2 Tagen tauschte sich da nichts mehr aus, es wurde aus dem Pool eher ein Topf mit Raverbrühe. Eklig Egal - Hauptsache nass und kalt. Daß Reitschulen Robert Sakic (auch schon im Vorjahr witzig) immer neue ungewaschene Raver ins Becken schmiß, half da auch nicht.

Das Becken war 3 meter tief. Es waren ein paar Meter zuviel für diejenigen, die ihre Brillen, Schlüssel oder auch Gürtelschnallen darin verloren haben. Angst vor dem Tiefenrausch hinderte sie wohl daran selbst hinabzutauchen, so konnte ich mir als Flipper noch ein kleines Taschengeld hinzuverdienen.

Getränke gab es wie im Freibad an einer kleinen Bar hinter dem Pool. Es war eigentlich immer eine dicke fette Schlange vor der Suffausgabe und man mußte tierisch aufpassen, daß die emsigen Kellner nicht den zehnfachen Betrag unterschreiben ließen. Das am meisten konsumierte Getränk war wohl Jägermeister, der aus lauwarmen Literflaschen in praller Sonne konsumiert wurde.

König: Armin Mostoffi pisst Video-Artist Brad Baker ahnungslos in die Kajüte. Dieser filmt das ganze in real-time high-definition true colours sensoric media live on da next mayday in einer Faszination aus Schrecken und Interesse.

Barcelona City

Endlich wieder an Land, in der Ex-Olympiastadt. Die Stadt ist richtig mittelmeerartig, mit Palmen und Wäsche in den Straßen. Überall viel Kunst, Kultur und Touristen. Wir haben unsere beiden Ex-OctoPussys mit Rollerblades in der Stadt getroffen, daran würde ich nie auf einem Schiff denken, oder haben sie die hier in Spanien gekauft? Mobile Mädchen.
Eigentlich stehe ich nicht so auf Kirchenbesichtigungen, aber was hier gebaut wurde ist die Kirche und die Häuser von Gaudi. Wer dort ist, der sollte sich wirklich das mal anschauen. Vorläufer der Church of Acid.

Wir haben sogar noch etwas Gutes zum Essen gefunden, so schien es Anfangs, dann aber wurde uns bald klar, das der nette Senòr Kellner uns abgesuoakt hat. 100 Makk pro Person, das kommt mir spanisch vor.
Am Abend dann ins "Polyester", der In-Club in Barcelona, ganz kellerartig, ging es dann in 3 verschiedenen Clubs ab, Frankfurtsound, Berlingroove und House. Die DJ's haben gute Arbeit geleistet, Marusha hat pure Electro aufgelegt, na und. Die Party war eine Visitenkarte für uns Feiertouristen. Leider mußten wir schon um 5 Uhr wieder an Bord, aber das schien nur anfangs ein Nachteil, denn was da noch abging, das kann man eigentlich nur nachvollziehen, wenn man dabei war. Wir haben ein paar Spanier aus Barcelona miteingeladen und sie konnten ganz unbürokratisch mit uns in Richtung Ibiza feiern. Die haben sich vielleicht gefreut.... Bei voller Fahrt aufs offene Meer geht die Sonne auf. Wie auf 16:9 mit Dolby surround, ganz filmig. Eindrücke - Ausdrücke. Nach mehren Stunden Abfahrt auf hoher See war Land in Sicht!

Ibizzza. Die Feierinsel, vielgepriesen und hochgelobt. Eigentlich habe ich immer nur gehört wie toll und netti es hier sein soll. Die Einfahrt in den Hafen mit lauter Musik war schon ganz geil, gut für den Rave&Cruise Promotionvideo, gut für Tom Novys Video, das von einem lästigen Hubschrauber, der uns dauernd umkreiste, gedreht wurde.
Angekommen und ab in den Bus zum Strand, am Strand ersteinmal in den weißen heißen Sand. Ibiza, so wie man es kennt, das Wasser etwas zu frisch im Gegensatz zum Pool aber angenehm. Die Stunden vergingen wie Minuten und bald war der Abend da und wir mußten uns rüsten für das "El Divino". Ein großer schicker Club gleich am Hafen, wo wir ganz Venedigmäßig mit einer Barkasse hinschipperten. Der Club kostet für normale Menschen umgerechnet 40 Mark, zum Glück sind wir hier als Raverreisegruppe mit Freifahrtschein und brauchen so nichts zu zahlen. Der Club, großzügig mit Open-Air-Area und blondem Service, hatte eigentlich das Ambiente einer Yuppietanzstelle. Die Leute, die als Stammpublikum zu erkennen waren, sahen so aus als ob sie aus einem Fellinifilm entsprungen sind. Viele Mutanten, die als Strandgut der Nacht bezeichnet werden können.
Wir lagen auf unseren bequemen Matratzen ( sauber) und beguckten uns das Treiben. Drinnen war es so voll, daß man besser nicht aufs Klo ging. Die Menge kochte und die Stimmung war gut, so wie man das aus dem Fernsehen kennt. Wir sind natürlich bis zum Schluß geblieben, denn wer fährt schon nach Ibiza, um früher von einer Party zu gehen?

An Bord wieder Szenen des Schreckens. Raver A, wie wir ihn mal nennen möchten, schlief leider noch im El Divino, als wir ablegten, seinen Rausch oder was weiß ich was aus. Raver A hatte 500 Einheiten bekannter Tanztabletten an Bord, weswegen seine Kajüte von einigen Vandalen geplündert wurde, was der Stimmung an Bord keinen Abbruch tat und eine vollkommen neue Form des Murmelspiels ermöglichte. Über Raver A sagt man, er sei schon ganz schön sauer, könne es aber irgendwie verstehen.

An Bord letzte Versuche, eine letzte Erziehungsmaßnahme, um die Gäste wieder zu resozialisieren: Das Kapitänsdinner, eine Mischung aus Karneval, Maskenball und Geburtstagsfeier war ein hochoffizieller Anlaß, bei dem die Gäste, also wir, in formaler Abendgaderobe erwartet wurden.
Es war das zweite Mal in meinem mittellangen Leben, daß ich einen Anzug trug. Das erste mal war zur Kommunion, ist ja auch schon wieder 20 Jahre her. Also mir wurde gesagt, daß das unbedingt notwendig sei, passend gekleidet zu sein, dem Kapitän eine Ehre erweisen blabla... Das Essen hat dem Cpt. bestimmt keine Ehre gemacht, die Langusten waren wohl im Hafenbecken gezüchtet worden.
Ich fand es ganz geil, wieviel Kleider doch immer wieder aus Leuten machen, besonders aus Tom Novy, der als Frau zurechtgemacht war, vielleicht gehört das ja auch zu seinem neuen Video?
Der Kapitän wurde am späteren Abend völlig entnervt in Begleitung seiner Offiziere in irgend einer kleinen Bar gesichtet, eine halbvolle Whikeyflasche neben sich. Der hat wohl kein Bock mehr auf uns. Die anschließende Party an Deck hat ihm und der Besatzung dann wohl den Rest gegeben. Tanith, West und A. Islam (Ice T. soll auch mal wieder an Bord gewesen sein) haben gezeigt, daß man keinen dunklen Club braucht, um gut drauf zu sein. So wurde wieder in den (an)brechenden Tag gefeiert und es wurde eigentlich immer irgenwie und irgendwo reingefeiert, wenn nicht in den Tag, dann in die Nacht. Wenn die letzen aufgestanden sind, dann waren die ersten schon wieder im Bett, dadurch wurde die Ravermasse ständig umgewälzt, immer frisches Fleisch am Deck. Es gab aber auch Raveveteranen, die scheinbar nie müde wurden, ihre Batterien hielten einfach ewig. Robert S. aus M., der Anführer dieser kleinen Gruppe von Spezialisten, hatte stets einen kleinen Scherz in der Hose(ntasche). Gelacht wurde jedenfalls sehr viel.
Eigentlich sollten wir ja noch nach Formentera und Mailand fahren, um dort auch einmal gewesen zu sein, aber daraus wurde nichts, angeblich wegen der so frühen Sperrstunde in Mailand. Komisch, denn überall ging es ja auch nur bis 4 Uhr. Jetzt fahren wir doch einen Tag früher nach München, um noch etwas vom UNION-Move mitzubekommen, der am Samstag abgeht. Schade-Scheiße, aber höhere Gewalt.
Die Ankunft back in Genua war fast filmreif. Nach durchmachter Nacht waren nicht nur Seekranke an Bord. Es gab kritische Fälle, die ärztlich versorgt worden sind, von Psychatern war sogar die Rede. Das lustigste: einer weigerte sich auszusteigen und schrie immer nur "will weiter", bis die Tür aufgeschweißt wurde. Wir mußten außerdem unsere Getränkerechnung bezahlen, d.h. unsere Karte abrechnen lassen. Es kam zu komischen Szenen. Einige Experten haben für die 4 Tage nur 60,-DM bezahlt, auf meine Frage wie so etwas denn möglich sei, antworteten sie mir nur:" Man muß sich halt mal einladen lassen"

Unser gesamtes Gepäck wurde über ein Fließband in die Zollabfertigungshalle befördert. Leider gab es dort auch noch die Hafenpolizei, die mit ihren Hunden gezieltes Interesse an uns gezeigt hat. Der Captain hatte wohl einen Verdacht geschöpft und ein paar Infos in fließend italienisch gepetzt. Plötzlich entstand ein Feeling wie bei einer richtigen Grenzkontrolle. "Schnell raus hier! "- Dachte ich mir und so flohen wir mit unserem überladenen Wagen auf italienischen Boden. Andere Mitreisende hatten es schlechter. Sie hatten die Hosen voll ( womit auch immer?!) Taschen wurden zerbissen und Personalien aufgenommen. Nach stundenlangem Warten konnten wir die Heimreise im Bus antreten. 8 Stunden Richtung Heimat.
In München angekommen, kamen uns schon sämtliche durchnäßte Ordner vom Union-Move entgegen. Die Stimmung scheint trotz Regen ganz gut gewesen zu sein, oder "Suppanett", wie die Münchner sagen würden. Mir war überhaupt nicht mehr nach Party, lieber im Hotel ersteinmal baden und ab ins Bett. Tja, Rave and Cruise, wie immer sehr schön und auch ein bißchen anstrengend, Herzen wurden gebrochen, Tränen vergossen, Liebe verschenkt, Sonne getankt, Anker geworfen, Getränke verschüttet, Stühle zerbrochen, Witze erzählt, schallend gelacht, hat Spaß gemacht.