Mijk van Dijk
Ich will meine Instrumente befragen...
>Gespräch mit Mijk van Dijk
Er ist praktisch seit dem ersten Tag dabei, gehört
zur Techno-Szene Berlins wie Westbam, Dr. Motte oder
Jonzon,
veröffentlicht Jahr für Jahr neue Platten,
und außerhalb der Stadt kennen ihn viele Raver
von seinen Live-
Auftritten - anders gesagt: Es wurde höchste Zeit,
sich einmal ausführlich mit Mijk van Dijk zu unterhalten.
Der sympathische Mann hat sein Studio in einer Dachgeschoßwohnung
in der City. Hier bastellt er an seinen Tracks, "befragt"
seine Instrumente, wie er es selbst bezeichnet. Wir
unterhielten uns mit ihm über die
Anfänge, über Maschinen, übers Produzieren
und - na klar - über seine Pläne.
- FP: Mijk, Du bist nun schon verdammt lange dabei. Wann
hat das bei Dir mit "Teschno" angefangen?
-
MvD: Angefangen habe ich 1986. Ich habe früher
in Bands Bass gespielt und so um '88 herum habe ich
angefangen, mich für elektronische Musik zu interessieren.
Es ging dabei hauptsächlich um Elektro-Funk. Dabei
erwachte mein Interesse für Computer. Das erste
Gerät war ein Yamaha CX5M...
Ich habe das Ding noch immer und spiele nach wie vor
damit rum...
(lacht)...das Ding hat wahnsinnige 32KB Arbeitsspeicher
und man kann einen Sequenzer drauf laufen lassen. Das
war der Einstieg für mich. Ich habe den Hannes
Talirz kennengelenrt, der jetzt Platten auf MFS als
"Pisitive Thinking" macht. 1988 haben wir
uns gemeinsam den ersten Sampler gekauft. Damit haben
wir rumprobiert....
- Was war das für ein Teil?
-
Ein TX 16 von Yamaha, der für damalige Zeit das
beste Preis/Ram-Verhältnis hatte. Die erste Platte
war 1990 und die kam bei - Low Spirit, die erste LoopZone.
Bei der Zehn-Jahres-Compilation von Low Spirit ist
ein Stück drauf, "Les enfants du paradies".
Die FP-Besprechung war jetzt auch ganz erstaunt, daß
damals schon bei Low Spirit Mijk van Dijk und Cosmic
Baby - nach den Namen ganz dicke Ausrufe-Zeichen -
Platten machten. Na ja, Low Spirit war damals das einzige
Label, in Frankfurt gab's noch welche...
- Mit welchem Equipment hast Du diese Platte gemacht?
-
Ach Gott, damals hatten wir so eine Art Studio-Kommune.
Da schmissen mehrere Leute ihre Sachen zusammen und
jeder hatte dann ein paar Stunden im Studio. Hauptsächlich
war das der TX 16, einige Keyboards und ein Mischpult.
- Das hatte aber noch nichts mit dem späteren Low
Spirit-Studio zu tun, also Klaus Jankuhn war nicht
dabei?
-
Ne ne, das "Kommune"-Studio hatte mit dem
Label gar nichts zu tun. Der Tarliz war dabei, dann
der Hannes Wörl und ich. Die Produktion lief in
einem anderen Studio...
- Wie ging's dann weiter:
-
Es ging weiter mit Tanith. Da kamen ein paar Platten
bei Bash-Rec. 1990/91 ging ich dann zu MFS. Da kamen
die ersten Microglobe-Sachen, 1993 ging es weiter auf
Superstition. 1994 dann die erste LP bei MFS, '95 diverse
Sachen und 96...
- ... reden wir noch ausführlich drüber. Und
welche der Platten verkaufte sich am besten?
-
Klar, das war "Schöneberg" zusammen mit
Marcos Lopezund zwar mit Abstand. Die hat sich zu einem
Klassiker entwickelt und wird übrigens gerade
in England noch einmal releast. Für die Engländer
ist die Platte wohl irgendwie wichtig, für das,
was die da New Energie nennen, und wohl so eine Art
englischer Aufguß von deutschem Hardtrance ist.
- Dein Studio ist im Laufe der Jahre gewachsen ist. Was
waren bei diesem Wachstum die Ecksteine, so die wichtigsten
Neuerwerbungen?
-
Ganz zu Anfang war es sicherlich der Cubase-Sequenzer.
Mit dem Yamaha
CX5 habe ich mir immer Zettel geschrieben. Denn du wußtest
zwar bei dem Gerät, daß da Pattern drauf
sind, aber was die machten und wie lange sie waren,
das mußte man sich merken oder notieren. Ich
malte mir immer solche Balken - und die sehe ich dann
plötzlich auf dem Bildschirm bei Cubase.
- Komisch, viele Leute aus dem Techno-Bereich kommen ja
eher aus der Notator-Ecke, weil hier doch eher dem
Pattern-Prinzip gehuldigt wird...
-
Ja, aber ich hatte als ersten Sequenzer den "Pro
24" von Steinberg und zwar auf dem Atari. Und
ich habe noch immer den Atari und arbeite da noch immer
mit dem Cubase 2.0. Ich möchte mir zwar auch mal
einen Mac zulegen, auch wegen Harddisc-Recording. Aber
ich glaube, ich bleibe auch dann bei Steinberg. Ich
kenne das Programm einfach. Ich lese nicht gerne Bedienungsanleitungen...
Wir reden schon die ganze Zeit über den Sequenzer.
- Welche Rolle spielt er bei Deinen Produktionen?
Spielst Du die Sachen sofort ein, und wenn wie, live
oder step by step?
-
Drums normal im Drum-Editor, über Tastatur oder
auch über ein Drum-Pad. Meist wird übers
Keyboard eingespielt. Ich arbeite auch viel mit Samples
und sehe zu, daß sie interessant klingen.
- Reden wir noch etwas weiter
über Geräte.
Was ist Dein bevorzugter Synthi?
-
Das ist der Nordlead. Das Ding war für mich sowohl
vom Sound als auch von der Live-Performence her ein
absolutes Aha-Erlebnis. Bei diesem Gerät bist
Du nicht auf Sound-Namen fixiert sondern du hast einfach
eine Nummer, die einen Sound repräsentiert....
- Wirklich ein interessantes Gerät, völlig digital
aber mit einer analogen Oberfläche. Analog - digital,
interessiert Dich so was?
-
Mich interessiert der Klang. Ich weiß von meinen
kleinen Freunden hier
im Studio, zu welchen Leistungen sie fähig sind.
Und wenn ich nun eine Arppegiator-Bass-Line suche,
dann werde ich nicht im MU 80 von Yamaha rumsuchen
sondern mir den SH 09 zur Brust nehmen, nicht, weil
der so eine breite Klangvielfalt hat, aber eben genau
das kann, was ich suche. So sehe ich die Instrumente
in meinen Studio an. Ich muß wirklich nicht immer
die neuesten Sachen kaufen. Sagen wir mal so: Ich merke,
wie ich ein Gerät einschätze nach der Häufigkeit,
wie ich es benutze, wie ich es befrage...
- Und welches Gerät wird von Dir zur Zeit am häufigsten
befragt?
- Der Nordlead, noch immer.
- Und andere, die Du immer wieder benutzt?
-
Ich stehe auf Drum-Maschinen. Klar, die sind heute fast
alle abgesampelt, aber ich habe die wichtigsten Sachen
immer direkt am Mixer liegen und da brauche ich sie
auch. In der Vergangenheit habe ich viel mit Samples
gearbeitet, habe mir aber jetzt so ein 32-Mackie (Mixer)
gekauft und seit her benutze ich die 808 wieder mehr.
- Mijk, die meisten FP-Leser dürften Dich besonders
von Deinen Live-Auftritten her kennen. Wie bereitest
Du Dich auf die Auftritte vor, spielst Du also das
Set mehr oder weniger komplett in den Sequenzer ein,
kurz, wie läuft das bei Dir?
-
Ich habe schon sehr viele Live-Varianten ausprobiert.
Zur Zeit benutze ich als Sequenzer einen MC 3000, der
dann auch als Drum-Klone dient, weil da eben die Samples
meiner Drum-Maschinen drin sind. Es ist auch ein Pattern-Sequenzer.
Ich überlege mir vor dem Auftritt, welche Stüce
ich so ungefähr spielen will und lade die entsprechenden
Pattern ein.
Jedes Stück ist so ungefähr in zehn bis 15
Pattern aufgesplittet, die als
vier- acht- oder sechzehntaktige Loops funktionieren,
in denen ich mich bewege und so immer einen aktuellen
Remix meiner Stücke biete. Es gibt genug Eingriffsmöglichkeiten,
obwohl ich mir noch mehr wünschen würde.
- Nach welchen Kriterien suchst Du Dir die Stücke
für einen Live-Auftritt aus. Ist es ähnlich,
wie Du auch
deine Plattenkisten packst?
-
Ich gehe vor, als wenn ich meine Plattenkiste packe,
mit der einen Ausnahme, daß ich eben nur meine
eigenen Sachen mitnehme. Ich mag es nicht, drei- oder
viermal hintereinander das gleiche zu spielen. Ich
brauche da 'ne Abwechslung, sonst wird es mir selbst
zu langweilig. Es ist auch für mich selbst ein
Ansporn, den Leuten was Neues zu bieten, auch wenn
sie mich vielleicht ein Jahr oder länger nicht
gehört haben. Es muß der Anspruch sein,
nicht stehen zu bleiben.
- Laß und noch mal auf die Produktion zurückkommen.
Arrangierst Du
die Stücke praktisch fertig im Sequenzer oder läßt
Du viel Spuren laufen und probierst sozusagen live
aus, wie es sich anhört?
-
Ich mache schon eine Menge Sachen so weit wie möglich
im Sequenzer fertig und nutze die Arrangiermöglichkeiten,
die ein Sequenzer bietet. Ich mach das auch, um möglichst
streßfrei abmixen zu können.
- Du nimmst dann auf DAT auf...
-
...und laß das Zeug nachher mastern. So einfach
ist das.
- Über Musik wollen wir ja auch noch was reden. Ist
Dir im letzten halben Jahr eine Platte aufgefallen,
von der Du sagen könntest, schade,
daß ich sie nicht gemacht habe?
-
Ne, eigentlich nicht so. Früher ist das häufiger
passiert, hauptsächlich mit Samples. Ich hatte
also da was zu Hause, hatte auch eine Superidee dazu
und dann höre ich eine Platte, wo genau dieser
Sample drauf ist. Klar, ich war da einfach zu spät...Ich
bin mal irgendwann ins "Ufo" gegangen und
da hat Jonzon was gespielt, wo genau "mein"
Sample drin war, was ich mir mit wässrigem Mund
von einer Platte runtergezogen hatte...Na ja, die erste
Idee gewinnt. Das war dann auch der Grund dafür,
daß ich meine erste Platte einfach machen mußte..
- Genereller gefragt, wie siehst
Du aktuell die Entwicklungsmöglichkeiten von Techno/House.
Denn wenn ich mir so das Zeug anhöre, was zum Beispiel
täglich in unsere Redkation gespült wird,
da kann man schon mal seine
Zweifel haben...
-
Dieses "Do it your self"-Prinzip, was ja mal
eine Grundidee elektronischer Tanzmusik war, das ist
ja verwirklicht. Die Produktionsmittel sind so billig
geworden, daß wir unabhängig sind von der
großen Industrie. Das heißt, jeder ist
in der Lage, eine Platte zu produzieren. Aber das heißt
natürlich nicht, daß nun jeder ein Genie
und auch "berufen" ist, Musik zu machen.
Jeder soll sich probieren, aber es gibt dann eben auch
viele Platten, die uns nicht gefallen. Entwicklungsmöglichkeiten
sind immer dann da, wenn Leute versuchen, was Neues
zu machen. Als ich angefangen habe, war mir nicht klar,
was eine "909" ist. Ich war völlig begeistert,
als ich in einem Laden auf einer "RZ 1" rumjamte
und feststellte, daß das genau die "Motherfucker"-Maschine
war, die ich auf einer Platte von Steve Poindexter
bewunderte. Heute weiß eigentlich jeder, der
mit Techno anfängt, was die Geräte können,
meint zu wissen, was er braucht. Leider ist dabei etwas
das Prinzip verlorengegangen, daß man seine Ideen
mit eigentlich beliebigen Instrumenten verwirklichen
kann.
- Es gibt mittlerweile so eine Art von Mystifikation von
Maschinen. Sonst sind die Preise nicht mehr erklärbar,
die für sagen wir ne "909" bezahlt werden...
-
Ist klar, mit einer "909" kann man hervorragende
Sachen machen, die man mit anderen Dingen vieleicht
nicht so erreichen kann. Aber wenn man das Ding nicht
hat sondern was anderes, dann soll man sich einfach
überlegen, o.k., was kann ich hiermit machen.
Man steckt so die Grenzen ab, in denen man sich soundmäßig
bewegen kann.
- Letzte und fast schon traditionelle Frage zu Geräten.
Du hast hier im Studio nun so ziemlich alles versammelt,
was schön und gut ist. Trotzdem, wie würde
eine Maschine aussehen, was würde sie können,
wenn sie sozusagen von Dir designet wäre?
-
Ein Gerät, über das ich mich sehr gefreut
habe, als es rauskam, das war der Roland MS 1. Den
nehme ich auch oft zu DJ-Auftritten mit, immer dann,
wenn ein AUX-Send am Mischpult vorhanden ist. Eine
Platte, die mich sehr bewegt hat, das war die "Cycle
30" von Jeff Mills. Das ist die Platte mit den
8 Looprillen. Musikalisch halte ich die nicht etwa
für übergenial, aber von ihrem Statement
her ist es eine revolutionäre Platte. Ein viertaktiker
Loop, der allein als Aussage stehen kann. Viele DJs
haben diese Platte ständig dabei, um ihre Loops
einzumixen. Mit dem MS-1 kannst Du Dir jetzt von jeder
Platte ganz easy "Cycle 30"-mäßige
Loops ziehen. Leider ist der MS-1 in vielen Details
eher "cheap". Eine professionelle Variante
des MS 1 wäre sicher ein Traumgerät für
mich.
- Die letzte Frage. An was arbeitest
Du aktuell, was wird demnächst von Dir erscheinen?
-
Jetzt gerade schließe ich mein Re-Release ab von
der ersten Mijks Magic Marble-Box. Da läuft gerade
ein Stück in der Renault-Werbung. Da haben wir
uns gedacht, wenn die uns schon die Promotion abnehmen,
dann bringen wir das noch mal raus. Ich habe zwei Remixe
gemacht, Steve Bug einen. Dann kommt noch eine weitere
neue Single von mir und im Oktober soll ein neues Album
auf Superstition erscheinen...
Besten Dank für das Gespräch Mijk.
