Westbam

Der Selbstterminator

Alle zwei Jahre gibt es in Frontpage ein Westbam-Interview. Das letzte Mal hatte er mit "Celebration Generation" ein Zeitalter eingeleitet in dem sein Label Low Spirit mit fast jeder Veröffentlichung hoch
in den Charts stand und mit ihrem charakteristischen Ravesound über anderthalb Jahre die Verkaufs-Hitparaden prägte.

Auf Low Spirit folgte die Scooter-Generation, die Dunes dieser Welt und nicht zuletzt die ganze Karawane der Euro-Trash Acts, die immer noch nicht verschwunden ist.
Der DJ Altmeister Westbam zog sich zurück, veröffentlichte seit anderthalb Jahren gar nichts mehr, legte kaum mehr in Deutschland auf, und ging auf Welttournee. Erst jetzt erschien
mit "Terminator" seine neue 12", ein harter Electro-Track, der alle, die raveigen Techno erwarteten, ziemlich vor den Kopf stoßen dürfte.

Wofür steht Terminator? Was wird eigentlich terminiert....

Westbam: Mein ganzer Act hat immer darin bestanden, irgendwann Dinge aufzubauen & sie dann wieder zu zerstören, um dann wieder was neues aufzubauen. Zerstörung ist immer ein kreativer Akt und der Anfang zu etwas Neuem. Im Terminator-Video wird die gesamte Berliner Innenstadt zerstört. Nicht weil ich Berlin nicht mag, sondern weil dann in der Innenstadt Platz wäre, was Neues hinzustellen....

Was also willst Du Neues in die Berliner Innenstadt bauen?

Danach fragt der Terminator nicht..... Zerstört wird vor allem mein Image...

Welches Image denn?

Das Image wird immer geprägt durch die letzten 3 Singles.

Also, >Celebration Generation, >Wizards of the Sonic und >Bam Bam Bam, das liegt ja alles schon recht weit zurück. Fast 2 Jahre...

Genau, deswegen wirds Zeit für ein neues Image....

Nach 200.000 verkauften Celebration Generation werden es beim Terminator eher wieder 20.000...

Das kommt genau dabei raus, wenn man versucht, in seiner Karriere eine Diskontinuitiät zu schaffen. Ich bin damit ja schon einige Male fertig geworden. "The roof is on fire" hat sich ja auch schon 200.000 Mal verkauft und "Let yourself Go" zwischendurch mal gerade 5.000. Übrigens läuft der Terminator doch gar nicht schlecht. Ich höre eben gerade, daß er mehr verkauft als "Das Modul" und "Mental Theo".

Belächelst Du die Mental Theos dieser Welt.....

Aber, aber. Ich wünsche allen Künstler alles Glück der Welt... (verzieht sein Gesicht) mit IHREM Produkt.

Was ist mit den Künstlern, die Jahre später noch auf den Ravetechnozug aufsprangen??

Naja kommt darauf an. Du erinnerst Dich an mein Zitat zu Scooter Hyper Hyper > die schlechteste Platte der Welt. Inzwischen muß man Scooter doch zugestehen, daß sie eine gewisse Erhabenheit erlangt haben, so einsam und unbeirrt sie ihren Weg gehen....

10 Jahre Low Spirit, 5 Jahre Harthouse, 10 x Mayday, 8 x Love Parade, 30ste Geburtstage wohin man nur schaut. Geht Dir das nicht auch manchmal auf den Sack....

Die Revolution ist in die Jahre gekommen. Ständig irgendwelche Geburtstage... Langsam setzt auch hier auch der Kalk der Tradition an, man kommt aus dem ganzen Jubiläumsgefeier nicht mehr raus. Das behindert ungemein...

Im letzten Frontpage Interview haben wir über die Raving Society gesprochen....

Der Begriff hat damals eingeschlagen wie eine Bombe. Wer von einem Wort glaubt, daß es die Insel der Glückseligkeit verkörpert, ist eh ein Spuast. Im Moment macht es nicht viel Sinn mit diesem Begriff zu operieren. Der Begriff hat seine Aufgabe erfüllt.

Wie siehst Du die Raving Society heute....

Die ravende Gesellschaft hat den Punkt markiert, in dem Techno ein Phänomen der Gesellschaft wurde. Darüberhinaus hat das Wort, als es erstmal da war, diesem Prozeß einen entscheidenden Schub gegeben. Heute ist die ravende Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit, deswegen macht es keinen Sinn ständig auf ihr herumzureiten. Ich diskutiere ja auch nicht ständig über die Republik Deutschland. Ich lebe in ihr.

Zurück zur Musik. Welchen Track hast Du in der letzten Zeit als wirklich NEU empfunden...

Als wirklich neu habe ich die Platte "Take me Baby" von Jimi Tenor empfunden. Mein Erinnerungsvermögen reicht natürlich lang genug zurück, um zu wissen, daß dieser Track einen totalen New Wave Einschlag hat. Aber in diesem Kontext und auf die Leute, auf die es heute trifft, empfinde ich das als etwas erfrischend neues. Übrigens, bleibt das Leben ja auch immer spannend, weil man soviel vergißt und weil man sich freut, wenn irgendetwas wieder in einem anderen Zusammenhang auftaucht. Deswegen könnte man auch 600 Jahre alt werden und es würde einem nie langweilig. Die Gnade des Vergessens.

Sind wir also bei New Wave. Der Retro-Kreis schließt sich....

Ich empfinde das nicht als Retro. Als Retro empfinde ich, auf ein Konzert der Sex Pistols zu gehen. Die Tracks, die mir gefallen haben schon etwas mit New Wave zu tun, aber sind kein New Wave. Sie treffen auf völlig andere Menschen und wirken völlig anders.

Wohin gehts?

Ich spüre wieder einen stärkeren New Wave/Punk-Einfluß. Weg vom 4/4 Ding > 4 to the Floor. Das ist ja der gemeinsame Nenner aller Moden im Moment, daß sie eine stärkere Betonung auf der 2 und der 4 haben, ob Jungle, Trip Hop oder Elektro > alles 2 und 4 Musik. Ich bin jetzt 31 und mit ganz verschiedenen Beats und Tempi aufgewachsen, aber ich stelle mir vor, für einen der jetzt 20 ist, und der durch Techno sozialisiert ist, muß das ein ungeheurer Flash sein, die zwei und die vier. Ein völlig neues Rhythmus-Gefühl.

Was hat das für Auswirkungen....

Die Musik wird wieder spannender, weil ja heute kein Producer mehr weiß, wie das geht. Das muß neu erfunden werden. Dadurch kommt es wieder zu Irrungen und Wirrungen. Die machen ja das Aroma einer spannenden Zeit aus. Hinterher kannst Du Dir die fünf großen und wahren Klassiker im Museum angucken. Aber was sind sie für sich. Ein kleiner Haufen Scheiße. Erst im Ensemble mit diesem wirren Quatsch zeigen die ihren Wert. Wenn ich mir im nachhinein meine ganzen alten Trax und House Platten von 85/86 anhöre, sind die, die mir am liebsten sind die, die absolut nirgendwo hingeführt haben....

Die Gegenbewegung ist dann Neo-Anasthasia....

Ja, schön erkannt. Für viele ist das, was die heutigen Endzwanziger als Techno-Revolution erlebt haben, bloß Aufguß der Disco-Kultur. Wenn man die Zyklen paar Mal mitgemacht hat, empfindet man vielleicht vieles als fader.

Auf der letzten Mayday war der große Hype, das angeblich Ice T. da wäre. Raver und Technos, die vorher noch nie etwas von Ice T. gehört hatten, waren ganz begeistert. Auch das Set von Afrika Islam mit dem Drummer von Body Count und dem Gitarrist von Red Hot Chili Peppers kam gut an. Ist die totale Fusion der Fortschritt?

Jeder Fortschritt ist immer eine Fusion. Nicht jede Fusion jedoch ist Fortschritt.

Wo sitzt sie, die Generation oder der Sound, von dem wir 1992 erwarteten, daß sie 1996 all das wie eine Welle hinwegspülen würde. Das große neue Ding....

Das sehe ich noch nicht. Stattdessen kommen Teenies an und erzählen einem etwas von House Musik.

Warum gibts keine neuen DJs, die groß rauskommen....

Tja, das frag ich mich auch. Man hört immer von Statistiken, in denen gesagt wird, daß 30 % aller Schulabgänger DJs werden wollen. Tja, wo bleiben sie? Altväterlich könnte ich feststellen: Viele Talente sind heute so autistisch, daß sie gar nicht mehr schaffen, irgendetwas rüberzubringen an andere Menschen. Und aus Sicht der alten DJ-Riege: DJing ist eine Erfahrungssache & so ist es schwer für einen Teenie-DJ, jemanden aus dem Sattel zu heben, der schon seit 10 Jahren auflegt. Die neuen DJs müssen mit einem frischen Sound kommen, mit dem sie uns alten DJs so richtig in die fett gewordenen Ärsche treten. Irgendetwas, das von den Älteren wirklich keiner mehr so richtig checkt.

Wärs dann Zeit für Dich, abzutreten?

Na das wär doch ein schwaches Bild, wenn äußere Umstände dazu führen würden.

Oder ist es vielleicht so, daß DJ-Kultur am Ende ist... Die DJs als Verwalter des Vorhandenen, die ständig neu die Wiederkehr des Immergleichen zelebrieren....

Ich glaube nach wie vor, daß wir im "Age of the DJ Mixer" sind und das auch das nächste Ding irgendwas damit zu tun hat. Genau wie in der Rock'n'Roll-Ära Punk noch etwas mit Elvis zu tun hatte. DJs setzen aus dem Bekannten des Neuen zusammen. Das Neue ist immer eine Synthese des Alten.

Wie könnte es ausschauen, das neue Ding....

Es wäre jetzt eine gute Zeit, auf eine Weltreise zu gehen, so ganz Malcolm-Mc-Laren-mäßig, um es zu entdecken. Wahrscheinlich gibts das schon, das neue Ding. Irgendwo. Ich frage mich die ganze Zeit, ob ich es erkennen würde, wenn es vor mir stünde. Ein Kennzeichen für mich ist, daß es wahrscheinlich das erste Ding sein wird, was nicht aus Amerika kommen wird. Was Tanzkultur angeht, ist Amerika die alte Welt und Europa die neue. Die Amis schleppen zuviel Dance-Tradition mit sich herum. Amis fragen mich: But don't you play classics on Mayday?" und ich antworte: Nein. So etwas wie ein gemeinschaftliches, musikalisches Dance-Kulturerbe > so etwas gibt es in Europa nicht. Wenn DJ Dimitri in Miami morgens um 7 "Set it off" von Strafe auflegt, weiß da jeder 16jährige Raver, was gemeint ist. Das behindert natürlich ungemein.

Hierzulande kennt kaum mehr einer irgendeinen Track, außer die großen Hits. Ist das ein Fortschritt?

Nein, aber das ist die Unwissenheit, die immer eine Macht ist. Die meisten großen, historischen Taten werden nicht aus Wissen gemacht, sondern aus Unwissenheit und Ignoranz. Deshalb konnte in Europa diese ganze Dance-Kultur so groß werden.

Nicht vielleicht deswegen, weil die Europäer das erstmals als "ihr" Ding angesehen haben?

Sie haben es zu ihrem Ding gemacht & gerade weil sie nicht diese ganze Disco-Kultur mit all diesen Klassikern mit sich rumschleppen mußten, konnten sie viel fortschrittlicher sein & gradliniger damit umgehen...

Welche Parties gefallen Dir im Moment am besten....

Sowas wie Rave & Cruise. Die Veranstaltung ist so ein Zeichen von Untergang, es ist dekadent. Mit so einer Kreuzfahrt geht ja nichts los, da geht was zu Ende. Versteh mich nicht falsch. Das ist kein Dissing. Alles was den Untergang herbeiführt, steht ja schon für das neue....

Wie bewertest Du in diesem Zusammenhang Mayday nach Folge 10....

Auch Mayday hat schon viele Dinge entstehen und vergehen lassen. Was man sich unter Mayday vorstellt, muß man sich jedes Mal neu vorstellen. Der Automatismus, bei dem die Leute da standen und wie gebannt auf das Ravesignal warteten, ist vorüber. Das war eine zeitlang lustig, eine zeitlang auch geil, hat sich dann aber überlebt. Und dann heißt es Abschied nehmen von einer alten Vorstellung von Mayday. Termination und dann Platz für was Neues...