Im Rephlex Headquarter im Norden von London herrscht große Aufregung, und noch größeres Durcheinander. Nicht, weil ich sie besuche, obwohl ihnen das schon ein stilechtes bayerisches Essen wert ist, sondern weil
Rephlex nach einigen Pausen und Verzögerungen gerade richtig durchstarten zu einem Großangriff auf die Plattenläden.
Ihr Release-Schedule für das ganze Jahr ist schon bis oben hin voll mit Leckerbissen, und die Zukunft sieht großartig aus. Einer ihrer Masterpläne ist Squarepusher, alias Tom Jenkinson, der Mann, der die engli- sche Technobranche zur Zeit wie kein andere mit Scheckbüchern wedeln läßt.
Wie's nun mal so ist, ist er leider ein Freund von Aphex
Twin, und so haben sie kein leichtes Spiel. Er sieht
aus wie der Prototyp eines Kurierdienstfahrers und
nennt sich selbst, aufgrund nur heimlich nachvollziehbarer
Ähnlichkeiten, gerne Future Gibbon. Jeder Versuch
Future Gibbon Massala beim Indientaxi zu bestellen
schlug tatsächlich fehl, also muß er es
sein. Zwischen dem bajuwarischen (Grant selber ist
auf dem Weg in die Schweiz, vielleicht hat er ja was
verwechselt, denn ich bin im Angesicht des grassierenden
Rinderwahns kurzerhand Parttimevegetarier geworden)
Gastmahl, ein paar Flaschen italienischem Wein, vielen
Anrufen bei Aphex Twin, einem Fernseher, der TopOfThePops
buchstabieren kann, als hätt's es die Kulturrevolution
nie gegeben, und einem verlockenden Stapel Rephlex-Testpressungen
sitzen Kinesthesia, ein freundlicher kurzsichtiger,
kleiner Mensch, der großartige Musik macht, Grant,
Labelchef, DJ und Hauptkoordinator, Tom, besagter Future
Gibbon, und ich (Papadam knabbernd) herum, und stellen
nach ein paar Stunden Rumgeistern durch die Plattensammlung
und vielen schlechten Witzen zusammenfassend fest,
daß Engländer einfach keinen Alkohol vertragen.
Als ich gehe, liegen alle halb bei Bewußtsein
in den Ecken, auf dem Boden beulen sich ein Salzhaufen
neben dem anderen um die Essensreste herum, und der
gerade frisch eingetroffene Kosmik Kommando sieht aus
wie ein strahlendes Stück Plutonium, daß
über einem Schlammcatcherring schwebt.
TJ: Ist das ein Fuckbox-Track, der mit der Human Beatbox?
Grant: Ja, ja.
TJ: Die sind lush.
TJ: Ich glaube, daß ihnen die Persönlichkeit
fehlt. Eine sehr homogene Szene, jeder könnte
jeden Track gemacht haben. Wenn sie Jazz zitieren,
dann ist das Bullshit, man hört, daß sie
von Jazz keine Ahnung haben. Legt man eine Jazzplatte
auf, weiß man sofort, wer es ist. Aber sie haben
ihre eigene Art Musik zu schreiben erfunden. Aber es
gibt noch soviel mehr, daß man tun kann. Viele
werden mich dafür hassen.
TJ: Ja, vielleicht stimmt das, aber das Element, das
ich meine, gibt es genau so. Viele haben keinen Sinn
für ihre eigene Entwicklung.
TJ: Ich war nie ein Teil der Szene, zu sagen, daß
die einzigen Tunes die ich mag, die von Richard und
Luke sind, wäre schon ein bißchen übertrieben,
weil es Tunes gibt, die einfach unglaublich sind, aber
nur sporadisch. Hit and Miss. Mein Background ist anders,
und ich werde auch wütend, wenn man meine Musik
Jungle nennt. Es gibt ähnliche Elemente, fucking
amen. Grant, hast du noch eine von meinen Schallplatten,
ich mußte mit meiner den Taxifahrer bezahlen...
Grant: Moment mal, du bist ohne Geld ins Taxi eingestiegen?
TJ: Sie bezahlen mir mehr Geld, so daß ich leben
kann.
Grant: Die Frage sollte lauten: Wie kommt's, daß
du eine Platte auf Rephlex machst?
TJ: Warp ist mein Daddy-Label, die haben Cash und machen
verdammt
weltweit alles für mich. Ich werde mir endlich
einen Atari kaufen können. Rephlex sind die Boys.
Das ist mein Brotherlabel. Die machen die besten Platten,
wohnen 5 Minuten von mir entfernt und es ist unglaublich:
Wie können die besten Musiker Englands alle genau
hier wohnen? North London. South London sucks. Das
ist Rubbish, geh da nie hin. Die reden eine andere
Sprache.
Grant: Wir in Nordlondon sind dezent. Es gibt hier in
der Gegend eine Autowerkstatt, und wenn du den Typen
kennst, kannst du hinten Kinderpornos kaufen.
TJ: Bääääää.
TJ: Ich benutze eine Drummachine als Sequencer. Das
braucht den gesamten Speicher für einen einzigen
Track.
Grant: Das muß man sich mal vorstellen. Wie um
alles in der Welt macht man solche Beats mit einer
Drummachine.
TJ: Ist Gewöhnungssache. Ich benutze auch nur sehr
wenige von den Standardbeats, wie Amen und so. Die
meisten sind von mir selber. In der Schule hatten wir
ein Drumkit, und da habe ich endlos viele Drumloops
aufgenommen.
TJ: Ja, wenn es um Jazz geht, mag ich zwar auch Bebopjungle,
Dizzy Gillespie und Charlie Parker, aber 70ies Fusion
ist unglaublich. Chick Corea, Weatherreport, Stanley
Clark usw., die Szene. Nicht die Funkecke, auch wenn
sie alle Elemente davon haben.
Grant: White Boy.
TJ: Ja, der Bass ist mein erstes Instrument gewesen.
Ich spiele auch bei meinen Liveauftritten Bassgitarre.
Ich trage den Bass sehr hoch wie Mark King von Level
42, und mein Schwanz hängt unten raus.
Grant: Hast du durch
deinen Toilet Humour
(unübersetzbar) deine Freundin verloren?
TJ: Ja, meine letzte, aber meine neue liebt es. Sie
hat den gleichen Humor. Nie einer Freundin trauen die
nicht auf Toilet Humour steht. Wir lachen uns manchmal.....
(diese Passage wird nicht auf dem Tape sein, weil ich
einen Jedi Mind Trick angewendet habe, um das Band
zu löschen).
TJ: Ja, Bass. Wenn der Bass diese Kraft hat, richtig
erdig und funky zu sein, dann ist er wie kein anderes
Instrument. Nicht mal Drums können so sein. Bass
verbindet die Melodie mit dem Rhythmus. Deshalb kann
man natürlich meine Tracks schon wieder Drum'n'Bass
nennen, irgendwie. Ich hätte sogar schon mal im
Bluenote Bass spielen sollen, dachte mir aber, das
wäre nicht gut. Seltsamerweise bekommen sie ja
selbst mitten in der Jungle Szene manchmal mit, daß
auch noch andere Sachen existieren, und die planen
sogar einen Club, in dem man mit Tracks von mir und
Luke durchkommen würde. Sehr seltsam.
Grant: Die Australier, von denen man ja denken müßte, sie wären sonically disadvantaged, finden genau diese Musik unglaublich gut. Je extremer desto besser. Als ich da aufgelegt habe, dachte ich mir, ich übertreibe, aber als dann ein DJ richtige Technohousetracks auflegte, gingen alle.
TJ: Ja, aber sie wollen alte Tracks, Sachen, die ich
nur gemacht habe, um sie selber ganz für mich
zu hören. Das ist sehr persönlich, ich weiß
nicht, ob ich da das gleiche machen soll wie Richard
und Mike. Es wären nicht mehr meine. Mal sehn.
Ich will kein Rockstar werden und eine Millionen Platten
machen. Ich will keine Riesenmenge an Leuten befriedigen.
Aber es ist schon wundervoll, wenn Leute es mögen.
Es geht sehr, sehr schnell grade, alles hat sich geändert,
das ist scary. Aber egal. Die letzten Liveauftritte
waren ziemlich mental, und vor ein paar Monaten waren
es noch nur ich und ein paar Freunde, die gekommen
wären. Aber was eine Crowd will, ist eh vollkommen
unerklärlich, darüber denkt man am besten
gar nicht nach.
Das Richtige zu tun hat mich immer schon gelangweilt.
Let the wine flow free!
Grant: Füll myne Glas.
TJ: Ich werde dir eine anale Injektion verpassen. Ich
stehe auf Heavy Metal.
TJ: Nein. Aber ich hätte gerne ein 40 Mio Kilowatt
Soundsystem.
TJ: Wenn es jemanden gäbe, wüßte ich
es bestimmt nicht. Aber sie sind da draußen.
Das kann ich fühlen. Dillinja macht einige verdammt
solide Tracks. Die mag ich, weil sie so verdammt gut
gemacht sind. Manche Leute sind allerdings so ätzend
wie Sting, da habe ich eine persönliche Aversion.
Schwer zu erklären.
TJ: Ja, Dub. Das war die erste Musik, die ich gehört
habe. Mein Daddy stand drauf, warum auch immer. Er
hatte irrsinnig viele Dub-LPs. So mit 5 setzte der
mich mitten ins Wohnzimmer und blies mir diese verdammten
Hallräume um die Ohren. Ich liebe das.
TJ: LFO, "LFO". Amazing. Als ich es hörte,
ich war damals ein Hardcore-Livemusiker, und hielt
elektronische Musik für einen Witz, und ich dachte
nur noch eins: Die Möglichkeiten sind unglaublich.
Was habe ich da die ganze Zeit gemacht? Ich werde auch
mein Studium aufgeben. Lieber Timestretchingmyflangetofukingreversenoisegate.
Das wird passieren. Aber erst mehr Equipment kaufen,
weil ich langsam an die Grenzen komme.
Grant: Dann kannst du Hardtrance machen.
TJ: Ja, meine letzte Platte war die letzte
von mir, die ich mochte. Ich werde nur noch Scheiße
machen.
Cylob: Kauf meinen Sampler.
Grant: Cylob hat einen S960.
TJ: Kann man damit Hardtrance machen...