KK Records

Von Industrial lernen

Volltreffer und direkte Hits sind Musik der Vergangenheit. Die Zukunft gehört einer Musik, der man zuhören muß und der man mehr als nur eine Chance gibt. KK Records ist ein belgisches Label, das seit 1992 existiert und dessen Konzept sich schon immer in einem Graubereich bewegt hat. Kaum jemand kennt hier das Label, daß mit Industrial angefangen hat und aufgrund seiner musikalischer Bandbreite immer schwer in den Record-Shops zu kriegen war. Mittlerweile gibt es Anzeichen für eine Aktualisierung ihrer Release-Politik. Die Zeit ist reif für das belgische Experimental-Label KK

"Wir haben uns verändert" sagt KK-Chef Jozef Verbruggen.
Nach 6 Jahren möchte man endlich das Industrial-Image ablegen. Nicht zuletzt dürften die kürzlich erschienenen Plasticman- & Mark- Broom-Remixe von Psychic Warriors Of Gaia (PWOG), wie auch der LFO Remix von "Overflow" bzw. die unter Vertragnahme der holländischen Acid Punks, Unit Moebius, als eine darauf anspielende, symbolhafte Geste verstanden werden. KK Records übernehmen seit Jahren im New-Beat-geschwängerten und vom R&S-Imperium dominierten Belgien eine besondere Stellung, die versucht, daß Manko an experimentellem Post Industrial und Techno auszugleichen. Eine Serviceleistung ohne Dogma sozusagen, wobei sie durch ein weltweites Netz maximal bis zu 30.000 Platten pro Act verkaufen. Davon können Technolabel auch bei uns einiges
lernen. Wie es scheint, ist die Vergangenheit des Labels gleichzeitig auch seine Zukunft.

Ihr habt eine große musikalische Bandbreite, selbst Goa Trance, was auf den ersten Blick gar nicht zum Techno-Image paßt. Warum?

Jozef Verbruggen: Wir haben unseren Goa-Akt Elysium vor anderthalb Jahren unter Vertrag genommen, als Goa noch kein Trend war. Elysium kommt aus Dänemark & ist ein weltweit anerkannter Goa-DJ. Manchmal funktioniert auch Goa-Sound; vielleicht
im Morgengrauen auf einer Autofahrt...

Du bist also kein Purist...?

Ein Label sollte eine offene Identität haben. Ich habe viele Label kommen und gehen sehen, daß ich mir und meinen Promotern sage: "Don't create a hype about KK Records!" Mit der nächsten Platte, bist du bei den Medien vielleicht schon wieder unten durch. So einfach ist das. Besonders die englische Presse ist knallhart. Wenn du etwas machst, was sie nicht verstehen, machen sie dich alle. Andersrum passiert es aber auch, daß
Journalisten gar nicht mehr in die Platten reinhören. Gerade bei uns ist das tödlich..
Ich selbst höre alles mögliche; ich mag Jazz, Disco, Drumsounds und früher habe ich auch viel Gitarrenmusik gehört.
KK ist ein neues elektronisches Dancelabel. Es ist Zeit, die Industrial-Vergangenheit abzuhaken. Am meisten sind wir aus Deutschland kritisiert worden, als wir die Psychic Warriors of Gaia unter Vertrag nahmen. Totales Unverständnis. Deutschland war noch nicht soweit. Im Vergleich dazu war PWOG in England & den Beneluxstaaten sehr erfolg-
reich. Im Boudisc-Plattenladen z.B. war EXIT 23 die drittbestverkaufte Single aller Zeiten: Nach Joy Divisions "Love Will Tear Us Apart" und New Orders "Blue Monday"! PWOG war die
1. Band, wo keiner mehr auf der Bühne stand. Schon 1990 hatten wir große Raves mit 3.000 Leuten. Als das Ganze in Deutschland anfing, war für die Underground-Leute in den Beneluxstaaten die Sache schon gegessen. Ich sehe keinen Unterschied zwischen Mayday und Woodstock. Ok - die Leute haben Spaß. Aber meine Sache ist es nicht...

Was sind die wichtigsten KK-Bands außer PWOG?

Schwer zu sagen. Neu ist der Japaner Riou Tomita, der minimalistischen Techno macht. Dann Zen Paradox, einem Akt aus Australien und natürlich die neu-gesignten Unit Moebius. Dann natürlich Test Department; worauf wir sehr stolz sind. Ihre letzte Platte war Record Of The Month in der englischen Advanced-Musikzeitschrift Wire. Wir werden für fünf Wochen in den Staaten mit ihnen auf Tour gehen. Auch Lassigue Bendthaus; in Deutschland besser bekannt unter seinem anderen Projektnamen Atom Heart, macht Platten für uns. Ich halte ihn für ein ausnahmsloses Genie. Es gab von einem seiner Stücke einen Mark Bell-Remix (LFO) bei uns, der sich sehr gut verkauft hat. Die neue Lassigue Bendthaus wird eine LP
mit Coverversionen in seinem typischen Stil, von Personen wie James Brown, David Bowie, ABC, Robert Palmer. Wir erwarten es alle schon mit Unruhe, denn er arbeitet jetzt schon acht Monate daran. Unsere 12-inches sind im übrigen immer etwas mehr Dancefloor als die LP-Projekte.

Euer Sublabel nennt sich Nova Zembla?

Wir haben damit vor zwei Jahren angefangen, als wir bei KK zuviele Projekte hatten und wir eine Hausnummer für Intelligent Techno eingerichtet haben. Wir lizensieren massenweise australische Labels.

Was wurde aus eurem Ambient-Label Instinct?

Wir haben Instinct Ambient Europe gegründet, auf dem New Yorker Acts wie z.B. Terre Thaemlitz oder z.B. Facil lizensiert wurden. Mit der Zeit haben viele Techno-Acts Instinct New York verlassen, weil diese sich mehr für Acid Jazz interessierten.
Wir hatten Schwierigkeiten, Ambient zu verkaufen. Seit April 1996 haben wir das Label in Radikal Ambient umbenannt und mit Techno-Acts wie Omocron direkt verhandelt, die mehr Club-orientierte Musik machen. Auf Radical Ambient wird im Juni eine New York Techno-Doppel-LP erscheinen; mit Acts wie Abe Duque aka Kirlian, DJ Bonerider, John Selway, Dietrich Schoenemann, Prozac, Jason 'BPMF' Szostek, Savvas Ysatis und Taylor 'EOX' Deupree. Unter dem Namen ARC veröffentlichen Taylor Deupree (Prototype 909) und Savvas Ysastis (Omicron), auch bekannt unter dem Projektnamen Seti, mit 12K ihre erste Platten auf Radikal Ambient.

Wie vertreibt ihr eure Platten?
In deutschen Plattenläden findet man sie eher selten.
Habt ihr euer eigenes Vertriebsystem?

KK Records ist weltweit vertreten; von Australien über Japan bis Brasilien. Nur so können wir 1500 Platten in zwei Wochen verkaufen. Wir arbeiten mit Techno- und Independent-Vertrieben zusammen. In Deutschland sind wir bei Rough Trade. Darüber hinaus arbeiten in Toronto, London, Eindhoven & Paris jeweils Landes-Promoter.

Du fliegst durch die ganze Welt,
um Acts unter Vertrag zu nehmen.
Findest du persönlichen Kontakt wichtig?
Internet ist nichts für Euch?

Wir sind zwar im Internet, doch dort verläuft alles in nutzlosen Informationen: Kein Wissen, keine Kompetenz!! Das wird das Net killen. In den Staaten verreißt irgendjemand unreflektiert deine Platten, hängt das ins Netz und plötzlich wird das völlig unverhältnismäßig wichtig.
Nein, man muß trotzdem noch in den Plattenladen gehen. Glaubst du jedem? Du hörst von einem Masaker in Tasmanien, aber wenn in Antwerpen jemand vor deinen Augen abgeknallt wird, ist das etwas völlig anderes. Es kann dein Leben verändern. Leuten wirklich gegenüberzusitzen ist keine romantische Vorstellung, sondern wichtig. Jedes Medium hat seine eigene Dynamik, die sich verselbständigt. Eine Gefahr, wie sie sich im Internet zeigt: selbsternannte Experten, die keine sind!

Ein neuer japanischer Act bei Euch ist Riou. Minimaltechno mit einer deutlichen Industrial-Note, die manchmal an Panasonic erinnert. Wie kam's zu dem Kontakt?

Ich hatte die Nase voll von althergebrachtem Techno, wie z.B. die neueren WARP Platten. Ein gutes Label, aber ich habe genau auf so etwas wie Riou gewartet, Plötzlich kam ein Tape & ich dachte nur WOW! Seine neue LP >Cone Of Confusion< und seine 12" >Biske< sind schon fertig.

Was ist deine persönliche Vergangenheit? Du hattest mehrere Plattenläden?

Eine lange Geschichte: Ich wollte bessere Plattenläden machen, was auch gut geklappt hat. Dannach habe ich beide Läden verkauft. Auf jeden Fall gibt es für mich generell keine Unterschiede zwischen Industrial und Techno. Für mich ist das beides Elektronische Musik und eine evolutionäre Sache. Ich würde es hassen, ein Tape hören zu müssen, von einem Künstler, der seit Jahren elektronische Musik macht, die noch genauso klingt wie zu Anfang. Dieselben alten Sounds und sie nennen es Avantgarde!! Bei Riou mögen es die gleichen Instrumente wie vor fünf Jahren sein, aber die Herangehensweise ist völlig anders. Rious erste Platte wurde direkt Platte des Monats in der englischen DJ-Magazin. Wir hören Riou zum Essen. Um auf den Anfang zurückzukommen: Wir haben vor sechs Jahren mit Industrial angefangen und es wird unsere Arbeit immer beeinflussen; auch wenn wir gar nichts mehr damit zu tun haben.

Wie kam es zu den Mark-Broom- bzw. Plastikman-Remixen von PWOG? Mark Brooms Mix ist ungewöhnlich straight..

Er kennt unsere Platten, genauso
wie Plasticman, der zugesagt hatte. Mark Broom war im übrigen auch
auf unserer "Natural Born Techno"-Compilation 4.

Was habt ihr an neuen Akts?

Swirl, die schon eine Platte auf dem belgischen Label Reload gemacht haben, veröffentlichen eine 12" mit Remixen von Frank De Wulf auf unserem Label. MDA Analog ist angelehnt an Detroit Techno, mit einem gewissen Retro Spirit. Black Lung kommen aus Australien und sind dort mit dem Aphex Twin getourt, machen harten Industrial-Acid. Wir versuchen sie rüberzubringen. 02 Soul ist ein weiteres japanischen Produkt mit mehr Trance-Einflüssen.

Ihr habt neben Unit Moebius jetzt auch Test Department gesignt?

Test Department sind für mich eine wirklich interessante Band. Sie sind komplett abgetörnt von der Gruftie-Szene und werden momentan komplett mißverstanden, obwohl ihr Album gut geht. Wir werden
das Dancefloor-Potential noch mehr nach vorne treiben. Es wird Remixe geben,
von Unit Moebius und Jungle-Remixe aus Brixton.

Wie sieht es live aus?

Riou kommt im September nach Europa. PWOG sind Ende Juni in Toronto, Montreal und Vancouver bzw. Windsor. Im November machen wir eine Tour mit Lassigue Bendthaus; worauf ich mich sehr freue.

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