SLEEP IS THE
CAUSE OF DEATH
HipHop erlebt gerade eine Revolution, deren Restbeben
auch hier gut hörbar sind. Auf der einen Seite
von der
überragenden Jungle-Produktion bedrängt und
geliebt...
Breaks sind einfach nicht totzukriegen, daran macht
auch die fetteste 909 nichts fetter. Das Tempo ist
verhandelbar, denn es war gerade Winter, wie jedes
Jahr. Die Tage, an denen man das Tageslicht überhaupt
noch gesehen hat, kann man an den Fingern einer Hand
abzählen. Man kommt auf
noch mehr dumme Gedanken, und überlegt sich, ob
sich die Musik, die man hören möchte nicht
dem eigenen
Blutkreislauf (ich bekenne, ich bin eine Eidechse) anpassen
sollte. DJ Vadim kann so etwas. Seine Tracks können
langsamer sein, als der bekiffteste Kiffer nach einer
neuen Importlieferung von Superskunk.
Er selbst ist eher der quirlige Typ eines früh exilierten Russen in London: Mit abstehenden Ohren, immer einen neuen Plan im Kopf, wie man alles anders machen könnte und einer allzu präzisen, vagen Vorstellung wohin er sich
bewegt. Kein Wunder, daß
er von allen Labeln, die an dieser Form von Musik hängen (experimentellem Instrumental- HipHop), bedrängt wird,
zu ihnen zu kommen. Mo Wax hätte ihn gerne, Ninja Tunes haben ihn schon (für 2 LPs), Force Inc hat Tracks lizensiert, und einige Amis sind auch kurz davor.
Ihm selber, der sich lieber als das Undefinierbare zwischen HipHop, Jazz und Experiment sieht, wird schlecht, wenn man ihm sagt, er mache >TripHop.
Er fängt an, munter loszudissen…
Im Hintergrund unqualifizierte Bemerkungen von Coldcuts Jonathan Moore
und Jake von Herbalizer:
FP: Hast du vor Jazz Fudge schon etwas gemacht?
Vadim: Ja, mein Equipment gekauft...
(Jonathan Moore: ...Guter Anfang! Warum nicht: Ich wurde
geboren. Ich ging zur Schule, oder ich hatte schon
besseres Essen als dies hier...) War aber so! Ich habe
in London Partys gemacht. Urban Soul, in Kingston,
wo ich lebe, und wir hatten DJs wie Gilles Peterson,
Jazzy B. Das war ziemlich groß. 1993/94. Das
war immer sehr voll, und ich wir haben mächtig
Geld verdient. Mark B, der die dritte Jazz Fudge gemacht
hat, hatte einen Computer, und das machte mir Spaß
und ich habe mir mein eigenes Equpment besorgt. So
geht das seit 2 Jahren. Bin schon weit gekommen.
Warum legst du als DJ nicht deine eigene Musik auf?
Stimmt nicht ganz, hängt von der Stimmung ab. Bei
einem vollen Club kann ich meine Tracks nicht so gut
spielen, weil sie zu langsam sind. Auch wenn man nicht
wirklich schnelle Tracks spielen muß, damit die
Leute tanzen. Nimm doch einfach mal Reggae: 60 BPM
und der Dancefloor rockt. Ein pures Vorurteil also.
Ich spiele aber auch schon mal gerne Psychedelic oder
Türknarren von Pierre Henri, alberne Geräusche,
oder Musique Concrete, wie auch immer man das nennen
will. Auf meiner neuen LP werden auch viele Geräusche
sein, und eine psychedelische Seite. Ich spiele aber
auch HipHop. Und ich würde meine Tracks auch HipHop
nennen, nicht TripHop. Nichts anderes. Viele Leute
nennen sich HipHop-Producer. DJ Shadow, Luke Vibert.
Es ist nicht fair, einfach Dinge von HipHop zu nehmen
und nichts zurückzugeben. Chemical Brothers, oder
Andy Weatherall. (JM: Hey, nichts gelernt? Keine Namen
nennen.) Was ist da los?? Die jedenfalls nennen sich
TripHop. Aber ich bin von einer anderen school, vielleicht
DJ Krush school. Von meinen ersten Platten dachten
viele, das wäre TripHop, und als dann die dritte
kam, waren sie verunsichert. Mit Raps! Wenn man von
Premiers Tracks den Rap wegnimmt, würde doch jeder
jubeln, der auf TripHop steht. Weil sie einfach verrückt
genug sind. Oder Wu Tang Clan, oder KRS One auf Frontpage.
Der beginnt Tracks mit minutenlangem Offbeat-Scratching.
Mad!! Cypress Hill: Da klingen alle Tracks so, als
wären es Instrumentals.(Kleiner Exkurs von Jake:
Die HipHop-Geschichte hatte schon immer wichtige Instrumentals,
bei Electro angefangen. Erst in den letzten Jahren
hat sich diese Gleichsetzung von Sounds und Raps richtig
durchgesetzt, und jetzt legt die "TripHop"-Szene
die Grundlagen für die Wiederauferstehung der
HipHop-Instrumentals.) Original Concept und Jazzy Jeff,
die ganze orginale Elektroszene wird, so hip sie auch
sein mag, immer vergessen. Vor allem, weil es HipHop
hieß.
In England haben alle versucht; US-HipHop zu kopieren
und das ist fehlgeschlagen. Jungle ist in England so
groß geworden, weil es da angefangen hat. Die
Kids können sich damit indentifizieren. Jeder
kennt jemanden, der eine Platte gemacht hat. So wie
man in New York einen Rapper kennt. Vermutlich sogar
jemanden Berühmtes. Das liegt dann in der Kultur.
Musik in England beschreibt zur Zeit einen riesigen
Kreis. Das hilft vielen Genres.
Was hat langsame Musik für dich,
was schnelle nicht hat?
Schwierig. Um eine schnelle Platte zu machen, braucht
man nicht so viel zu tun. Weil die Beats schneller
wiederkommen. Bei langsamen ist das viel schwerer,
weil ein Takt so lang ist.
Da muß man viel mehr am Sound feilen, damit er
spannend bleibt. Experimentell bleiben ist das wichtigste.
Was bedeutet der Titel
>>>>>>"Non Lateral Hypothesis"?
deiner Ninja-Tunes-EP?
Du bist der erste, der das fragt. Non lateral heißt,
daß es keine horizontale Musik ist. Keine, die
auf einer Ebene liegt. Viele Leute kopieren einfach
andere aus ihrer Szene. Ich will zu
keiner Szene gehören. Ich bin ich. Man nennt gerne
Leftfield, aber ich gehöre in kein Feld, weder
rechts noch links. Non Lateral. Und eine Hypothese,
weil man es erst noch testen muß. Eine Theorie,
wie: Wenn du jemand auf den Kopf haust dann weint er.
Testet man das dann, dann weiß man(JM: ...daß
er härter zurückschlagen kann...)
Ob es funktioniert, weiß ich nicht. Aber ich entwickle
mich. Die erste EP hatte keine richtige Richtung. Bits
& Pieces irgendwie. Die zweite hatte eine Richtung
und eine Bedeutung.
War aber kein Angriff auf die TripHop Szene, wie viele
dachten.
Nein, es ging darum, daß Headz > also Leute,
die auf einen bestimmten Stil fixiert sind < nicht
bereit sein können. Aber ich glaube, ich habe
da noch mein Ziel verfehlt. Das machen viele. Wenn
man sich alte James Brown Platten anhört, dann
gibt es da zwei unglaubliche Tracks und der Rest ist
einfach Mist. Aber um etwas Gutes zu machen, muß
man da durch. Das sieht man nur in der Retrospektive.
Ein bißchen so wie jammen. Manchmal klappt es.
Das ist Jazz. Ich will nicht, daß eine Platte
wie die letzte klingt. Man muß weiterkommen.
Deshalb mag ich auch diese Projekte wie mit Mark B
und Tessa. Das öffnet Horizonte. Die LP wird noch
weiter gehen. Ich will, daß die Leute sagen,
daß es das Beste sei, was ich in meinem Leben
gehört habe. Diese Zwischendinger interessieren
mich nicht. Ich will die Leute fordern. Sie sollen
nicht gelangweilt Vergleiche ziehen...
Auch, wenn man niemanden davon
abhalten kann, Vergleiche zu ziehen...
Leider, aber es gibt ja auch genug Leute, die ständig
die Grenzen niederreißen.
Da müssen dann einfach alle umdenken. Das ist Fortschritt.
Wenn jemand etwas
mal richtig gemacht hat, muß man es nicht nochmal
machen. Auf meiner LP wird es 50 Stücke geben.
Da ist genug Platz. Ich mag gerne kurze Stücke.
Die LP wird wie eine Geschichte sein. Das schwierige
ist, in die Reihenfolge von Tracks einen Sinn zu bekommen.
Vor allem wenn man ständig zwischen der ernsten
Seite und seinem eigenen Humor hin und her muß.
Es werden viele seltsame Geräusche drauf sein.
Mir ist es auch immer wichtig, gute Geräusche
auf der Platte zu haben, weil ich selber gerne Platten
kaufe, die man Scratchen kann. Das gibt den Leuten
mehr als nur Tracks. Selbst mit Stimmen kann man mehr
machen. Hauptsache, man weiß, wohin man mit seiner
Musik will. Alles andere ist Langeweile und Wiederholung.
So wie wenn der Geist eingeschlafen ist... Oder tot
sein.
Was hältst du von Leuten wie Dr. Rockit,
die ihre gesamte Umgebung samplen und dann Tracks draus
machen?
Siehst du da Parallelen zu dir?
Ich habe noch nie eine Platte von ihm gehört. Aber
man hat gestern noch erzählt, daß er Drumbeats
aus dem Aufschlagen eines Buchs macht, das muß
ich hören. Ich benutze ja auch Plattenspieler,
Anrufbeantworter, Mikrophone, Radios und was immer
ich noch so finde.
Was magst du an Ninja Tunes?
Die sind so nett (JM: Yo, so redet man über Menschen:-)
Wirklich. Die sind alle so menschlich.
Man hat das Gefühl, mit wirklichen realen Personen
unterwegs zu sein und zu arbeiten. Das macht einfach
Spaß. Da hängen alle zusammen wie eine große
Familie, die einen gerne aufnimmt. Sollte eigentlich
immer so sein. Das ist die einzige sinnvolle Art und
Weise.