Dr. Rockit

Dr.RockIt-Pict

"That's so crazy it might just work"

Dr. Rockit kann man trotz der Erfolge, die ihm seine beiden Debutplatten eingebracht haben,

schwerlich als ein Genie für ein bestimmtes Genre abfeiern. Denn erstens weiß man noch nicht, was ihm als nächstes einfallen wird, und zweitens kennt man nicht einmal all seine schon veröffentlichten Schallplatten, die dem Clear Motto gemäß erst mal aufgestöbert werden müssen...


Die Vielfältigkeit seiner Stilmittel, die Techno, Electro, moderne Elektronik, Triphop & Funk gleichermaßen berücksichtigt, scheint für die Bandbreite des Labels herhalten zu können.
Wer ist nun dieser Mann, dessen Stücke oft genug - wie Gutenachtgeschichten - schneller zuende sind, als sie angefangen haben?
Ein geschmackvoller Lückenfüller für die Momente dazwischen? Ein Alleinunterhalter? Ein elektronisches Schauspiel in 2001 Akten?
Nun, einfacher ist es darzustellen, was er NICHT ist:
ein samplebesessener Freak,
der auf den Acid-Jazz-Wagon aufgesprungen ist und strange Sounds als Selbstbeweihräucherung verwendet. Sein perfider, seriöser und zugleich funktionaler Umgang mit "unseriösen" gimmickartigen Sounds, wie z.B. dem Rauschen einer Klospülung, ist nur eins der vielen Merkmale, die ihn auszeichnen. Wofür Dr. Rockit wirklich steht, ist für die Beseitigung von stereotypen, langweiligen Standards, bei gleichzeitiger Beibehaltung eines Abstraktionsfaktors & einer Funktionalität.
Dr.RockIt-Pict Ich treffe Matthew Herbert aka Dr. Rockit in London inmitten von Schuhgeschäften in Camden Market. Bei seinem Anblick folgt direkt die Assoziation mit einer neuen Generation von Musikern unter ein Meter sechzig. Was ihn aber von allen unterscheidet, ist neben seiner breiten Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen, die ihn schelmisch aussehen läßt, die sehr offene, fast unbritische Art, mit einem Kontinentaleuropäer wie mir umzugehen. Daß er dem Vorschlag, zu "Neils Yard", einem hippen vegetarischen Imbiss, zu gehen, zustimmt, um dann doch letztendlich in den Pub um die Ecke auf zwei Guinness einzufallen, sei ihm verziehen. Er trägt ein braunes Sakko zu einer braunen Cordhose, casual wear, lässig. Oft genug wird man beim ersten Anblick der Menschen, die hinter den eigenen Lieblingsstücken stehen, enttäuscht. Bei Dr. Rockit trifft dies nicht zu, die Verschmitztheit und ein gewisses albernes Etwas stehen ihm im Gesicht geschrieben. Here goes the beer.


Zur Gegenwart: Wie bist du dazu gekommen, einen Remix für Harthouse anzufertigen?
Dr. Rockit: Harthouse macht gerade verschiedene Sachen. Zum Beispiel gibt es jetzt eine Platte von Wax Doctor auf ihrem Label. Der Manager von Harthouse hier in England ist außerdem ein netter Mensch. Ich glaube, es hängt alles mit dem Renommeé von Clear zusammen. Momentan hat das Label einen sehr guten Ruf, und Harthouse wollte einen der Clearacts auf ihrem Label. Ich bin froh, daß ich es gemacht habe. Es hat Spaß gemacht.

Man sagt sich, daß du in der Vergangenheit Platten auf Evolution gemacht hast.
Ich habe einen Remix von Link gemacht, genau bevor die LP "Theory Of Evolution" dann herausgekommen ist. Und dann noch zwei Platten unter dem Namen "Wishmountain". Die letzte Wishmountain ist jetzt seit drei Monaten draußen, aber die Stücke sind schon drei bis vier Jahre alt. Es ist schon komisch, Stücke herauszubringen, die du mit 19 gemacht hast. Das gilt auch für mein Houseprojekt "Herbert" auf Phono. Die 3 Platten unter Herbert sind stark limitiert, 500 für hier, 700 für Europa. Alle drei kommen später als LP raus. Viele Leute mochten meine House-Tracks. DJs wie David Morales, Underground Resistance und Maurizio. Es ist House, aber sehr straight-forward und hat wie immer sehr seltsame Geräusche in sich. Gleichzeitig lässig und ein bischen US-orientiert. Um die Wahrheit zu sagen, House ist die Musik, mit der ich angefangen habe. Ich habe for vier Jahren Platten für diverse britische Techno- und House-Label gemacht, die ich nicht nennen will. Das eine oder andere Label war schräg. Diesen Januar, waren, inclusive der Remixe, acht Platten gleichzeitig draußen. Es wächst mir momentan alles über den Kopf.
Dr.RockIt-Pict

Clear selbst waren sich ja anfänglich nicht ganz sicher, wie deine Musik einzuschätzen ist, warst du dann überrascht von dem Zuspruch, den deine Platten bekommen haben?
Anfangs habe ich versucht so zu klingen wie andere. Erst in der letzten Zeit veröffentliche ich das, was ich persönlich mag, und womit ich glücklich sein kann. Und Fakt ist, die Leute kaufen es und sie haben Spaß dabei, und das macht mich zufrieden. Ich meine, vor drei Jahren hätte ich es nicht gewagt, ein kleines Gutenachtlied auf meine Platte zu machen. Ein Stück für Kinder.

Was hat dich dazu bewogen, diesen Schritt zu machen?
Also, ich habe drei Projekte: Herbert, Dr Rockit und Wishmountain. Ich halte die drei auseinander. Als Dr Rockit mache ich alles, wozu ich Lust habe. Ich habe jetzt ein Jungle Stück gemacht, aber ich mag die Idee nicht, etwas ausschließlich zu machen, das langweilt mich. Ich brauche ein gewisses Maß an Aufregung.

Glaubst du, daß du mit deinem Stil, oder Clear generell, eine neue Art von Musik geschaffen haben, die viele Platten in diesem Stil nach sich ziehen werden?
Es wäre gut, so denken zu können. Es würde Spaß machen. Die Sache mit Clear ist aber so, daß, wenn man eine kauft, die nächste völlig anders klingt. Du weißt also nicht, was kommen wird, und das ist das coole an Clear. Clear kriegt täglich Demo Tapes, die wie Klone klingen.

Das besondere bei deinen Clear Stücken ist doch, daß, obwohl sie silly und oft genug am Rande des tanzbaren sind, sie immer noch eine Form von Funk in sich tragen.
Dessen bin ich mir natürlich bewußt, und Hal auch. Es ist wirklich wichtig, daß die Stücke immer eine lässige Form und einen Rhythmus, der aus der Hüfte kommt, haben. Es läßt dich lachen, macht dich glücklich, was auch immer. Es hat eben diesen Swing. Ein Element von Funk. Ich erinnere mich, es gab ein Interview in Wire- Magazin, die über uns schrieben, daß den Platten diese gewisse Art von Funk völlig fehlen würde und ich habe zu mir gesagt: sh**! Es ärgert mich richtig. Wenn es keine Tanzmusik ist, will ich zumindest, daß du mit dem Fuß dazu tapst.

Wenn man deine Platten hört, könnte man denken, daß du Plattensammler bist.
Ja, das stimmt. Ich benutze es als Referenz für mich selbst, aber nicht als Samplebibliothek. Sampeln ist für mich echt aufregend. Meine Kickdrum in dem Radiostück ist ein Resultat aus dem Aufeinanderschlagen von zwei Holzscheiten. Die eine Seite der Wishmountain ist komplett aus Samples gemacht. Bei 303 und 909 gibt es viele Variationsmöglichkeiten - aber es ist noch immer der selbe Sound. Wenn du aber einen neuen Sound sampelst, dann ist das wie ein neuer Anfang. Für House braucht man natürlich eine gewisse Authentizität & da sind bekannte Sounds wieder gefragt.

Was sind deine persönlichen Einflüsse über die Jahre?
Ich habe mit fünf Jahren Piano und Violine gelernt, spiele klassische Musik seit 18 Jahren. Was Detroit Techno angeht, so kam das viel später. Genaugesagt höre ich es erst seit letztem Jahr. Ich war solcher Musik nie ausgesetzt. Beinflußt worden bin ich viel eher von schlechter Popmusik.
Ich habe mir dann immer gedacht, das kann ich doch viel besser, und habe angefangen, Stücke nachzuspielen. Auch Gitarrenmusik war für mich wichtig, die Struktur eines Stückes etc. Wenn du nicht immer das Bewußtsein im Hinterkopf haben mußt, daß Leute auf deine Musik tanzen sollen, kannst du anders operieren. Ich mag es, einen musikalischen Ausflug zu inszenieren. Ich schreibe auch Musik für Fernsehen und Radio.

Kommt das in die Nähe deiner Wishmountain Stücke?
Ja. Ich mag es, Sachen dramatisch aufzuziehen. Ich hatte angefangen, Drama an der Universität zu studieren, und mochte die Idee der Überraschung, "Oh was ist das?" um danach wieder zum
ursprünglichen Level zurückzukehren.

Was macht du auf deiner Tour in Deutschland live?
Wenn ich live auftrete, spiele ich mit Objekten. Tassen, Löffel, Untertassen - was auch immer. Ich trage einen braunen Anzug und schwarzweiße Schuhe wie Fred Astaire. Als Wishmountain wohlgemerkt. Wenn du die Platte auf Evolution gehört hast, gibt es da eine Stelle mit Radio. Habe ich immer bei Liveauftritten dabei, genau wie ein Mikrophon, eine Bandmaschine und Objekte. Ich versuche, die Geräusche, die vom Band kommen, live zu spielen, um die Verbindung zwischen Sehen und Hören herzustellen. Außerdem tanze ich herum und mache dumme Sachen, das ist meine Live Show! Es ist etwas zum Gucken. Ich spiele viel im Norden, wo die Leute noch enthusiastisch sind und es kommt gut an. Sie schmunzeln und lachen - das passiert heutzutage nicht mehr so oft... Die Stücke sind zum Teil recht hart. Ich finde es ist wichtig, bei Live-Auftritten etwas spektakulärer zu sein.

Deine Wohnung liegt dagegen sehr ruhig...
Ich wohne zwischen London und Brighton auf dem Land. Im Sommer kann man in London in die Parks gehen, aber im Winter ist es hier zu hektisch.

Was gibt es neues von Wishmountain?
Es sollte eine neue Wishmountain auf Universal Language im Mai rauskommen. Eine LP von Dr. Rockit mit einem 20er Jahre Jazz Stück mit Gesang und einem Gitarrenstück wird im September auf Clear kommen. Die 12" mit House-Remixen von Herbert und Techno-Remixen auf der anderen Seite. Ich habe zu Hause Material von drei Jahren liegen. Genug für wenigstens 3 LPs.